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Peter Clever, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, April 2013

Der Spiegel & Sarrazin

Das gutgläubige Leitmedium

Im „Fall Sarrazin“ scheitert der Spiegel bis heute am eigenen Aufklärungsanspruch: Statt selbst zu recherchieren, verbreiten die Redakteure lediglich, was Prominente ihnen in den Block diktieren.

VONMartin Niggeschmidt

Der Verfasser ist Mitherausgeber des Buches „Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz – Von Galton zu Sarrazin: Die Denkfehler und Denkmuster der Eugenik“

DATUM1. August 2013

KOMMENTARE14

RESSORTFeuilleton, Leitartikel, Meinung

QUELLE Der Artikel ist zuerst erschienen in: Message – internationale Fachzeitschrift für Journalismus (2/2013)

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War Hitler hochbegabt? Macht Schule dumm? Diese und andere Fragen zum Thema Intelligenz versuchte ein Spiegel-Redakteur kürzlich zu klären, indem er den Begabungsforscher Detlef Rost um Auskunft bat. Neun solcher Mythen wurden locker abgearbeitet, bis es zum Ende hin plötzlich ernst wurde: Mythos Nummer zehn lautete nämlich: „Bei Fragen der Intelligenz gibt es keine Tabus.“

Detlef Rost schien sofort zu wissen, worauf das Stichwort „Tabu“ abzielte. „Ob es Unterschiede zwischen Ethnien gibt, ist ein weithin erforschtes Feld“, so Rost. „Aber ich werde hier nicht einmal fremde Ergebnisse wiedergeben, geschweige denn meine Meinung sagen. Sonst müsste ich fürchten, dass ich in der Vorlesung mit Eiern beworfen werde.“ (Der Satz wurde inzwischen aus dem Netz genommen.)

Detlef Rost ist eine der wichtigsten deutschen Quellen von Thilo Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“, und Rost sprang dem ehemaligen Berliner Finanzsenator in der öffentlichen Debatte des Jahres 2010 zur Seite. Die „Sarrazin-Methode“, sich als Opfer von Tugendterror und Zensur darzustellen, beherrscht offenbar auch er. Doch ist die Forschungslage tatsächlich so eindeutig, wie Rost suggeriert?

Nebulöse Andeutungen
Dass es Menschengruppen und Ethnien gibt, die bei IQ-Tests besser abschneiden als andere, bestreitet niemand. Ob es sich dabei wirklich um Intelligenzunterschiede handelt, ist allerdings durchaus umstritten. Selbst prominente Intelligenzforscher wie der Neuseeländer James Flynn vertreten die Ansicht, dass IQ-Tests nicht die Intelligenz messen, sondern eher schwach mit ihr korrelieren. Offenbar hat zudem jede Kultur, jedes Milieu und jede Generation ganz eigene Vorstellungen davon, was Intelligenz ist.

Die im Zuge der Sarrazin-Debatte populär gewordene Idee von der „Erbdummheit“ bestimmter Bevölkerungsgruppen lässt sich mit den Mitteln der Intelligenzforschung schon gar nicht untermauern. Die den Erblichkeitsschätzungen der Intelligenzforschung zugrunde liegende Methode ist nämlich lediglich geeignet, Aussagen zur Erblichkeit individueller Unterschiede innerhalb einer Gruppe zu treffen. Über die Erblichkeit von Unterschieden zwischen Gruppen sagt der Erblichkeitskoeffizient nichts aus.1

Ein schlichter Hinweis auf die begrenzte Aussagekraft der Intelligenzforschung hätte einem Artikel, der den Anspruch erhebt, „Intelligenzmythen“ zu enttarnen, gut angestanden. Doch statt aufzuklären, präsentierte der Spiegel-Redakteur seinen Lesern nebulöse Andeutungen über „Forschungsergebnisse“, die zu brisant sind, um darüber sprechen zu können.

Dabei ist der Streit über „race and intelligence“ schon ziemlich alt – und wird von den Amerikanern in schonungsloser Offenheit und Härte geführt. Im Jahr 1994 erschien in den USA ein Buch, das ähnliche Thesen vertrat wie Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“. Die US-Autoren Charles Murray und Richard J. Herrnstein warnten in ihrem Bestseller „The Bell Curve“ vor einer Verdummung der Gesellschaft durch die überdurchschnittliche Vermehrung von Unterschichten und Afro-Amerikanern. Auch in den USA schlugen die Wellen der Empörung hoch. Doch anders als die deutschen Medien im Fall Sarrazin sahen es die US-Journalisten als ihre Aufgabe an, die Quellen des Buches zu überprüfen.

Charles Lane wies in einem Artikel für die New York Review of Books nach, dass sich die Argumentation des US-Bestsellers zu weiten Teilen auf die Publikationen eines (pseudo-)wissenschaftlichen Netzwerks stützt, das vom Pioneer Fund finanziert wurde, einer 1937 vom Nazi-Anhänger Wickliffe Draper zum Zwecke der „Rassenverbesserung“ gegründeten Stiftung. Die vom Pioneer Fund geförderten Wissenschaftler betreiben fast ausschließlich rassistisch-eugenische Studien, in denen die Überlegenheit des gebildeten weißen Bürgertums nachgewiesen werden soll.

Die Aufdeckung dieser Quellenlage verhinderte, dass sich die Botschaft von „The Bell Curve“ als durch objektive wissenschaftliche Erkenntnisse untermauerter Tabubruch verkaufen ließ. Wer das Buch öffentlich verteidigte, wusste, in welch dubiose Gesellschaft er sich begab.

Muslime statt Afro-Amerikaner
Für „Deutschland schafft sich ab“ tauschte Thilo Sarrazin lediglich die Afro-Amerikaner gegen „muslimische Migranten“ aus – folgte ansonsten aber getreulich der Argumentation von „The Bell Curve“ und zog auch dasselbe Netzwerk rassistischer Pioneer-Fund-Forscher als Quellen heran. Die Verbindung zu „The Bell Curve“ wurde in den Medien des Öfteren erwähnt. Doch eine Recherche zum Hintergrund des Buches und damit auch zu den nachweisbaren Bezügen ins rechtsextreme Milieu fand nicht statt.

Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz

Die fachliche Argumentation des nebenstehenden Artikels wird im 2012 erschienenen Buch „Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz“ weiter ausgeführt. In die- sem Sammelband werden die Denk- muster und -fehler von Sarrazins Nie- dergangsszenarien aus Sicht verschie- dener Wissen- schaftsdisziplinen untersucht.

Unbedingt lesenswert!“, urteilte Spektrum der Wissenschaft. www.von-galton-zu-sarrazin.de

Das Versagen der deutschen Medien im Fall Sarrazin lässt sich exemplarisch am Leitmedium Spiegel zeigen. Das Nachrichtenmagazin druckte (zeitgleich mit der Bild-Zeitung) vorab Auszüge aus „Deutschland schafft sich ab“. Das sei keine leichte Entscheidung gewesen, erläuterte der damalige Spiegel-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron im Interview mit der Taz (27.8.2010). „Wir haben darüber intensiv in der Redaktion debattiert. Auch ich habe lange mit mir gerungen.“ Aber: Die Debatte müsse geführt werden – und der Spiegel werde dazu beitragen.

Verblüffend geringer Rechercheehrgeiz
Tatsächlich wurde ein kenntnisreicher Artikel des Wissenschaftsjournalisten Jörg Blech zur „Mär von der vererbten Dummheit“ nachgeschoben, doch ansonsten zeichnete sich die Spiegel-Berichterstattung über Sarrazins Thesen durch verblüffend geringen Rechercheehrgeiz aus.

Der Spiegel, der für andere Themen ganze Rechercheteams abstellt, brachte weder ausreichend Zeit noch Kompetenz auf, um Sarrazins Quellen nachzuspüren und den ideengeschichtlichen Bezügen seiner Argumentation auf den Grund zu gehen. Die Diskussion darüber, ob Sarrazin tatsächlich rassistisch und eugenisch argumentiert, hätte sich durch die Abklärung der Quellenlage vermutlich schnell erledigt.

Auch historische Recherchen wären aufschlussreich gewesen. Sarrazins zentrales Argument, moderne Gesellschaften würden immer dümmer, weil die Minderintelligenten überdurchschnittlich viele Kinder bekämen, lässt sich mit sozialwissenschaftlichen Methoden überprüfen. Erstmals formuliert wurde sie nämlich bereits im Jahr 1869 von Francis Galton, auf den Sarrazin sich ausdrücklich bezieht. Was ist seither geschehen? In allen westlichen Gesellschaften stieg das Qualifikations- und Bildungsniveau der Bevölkerung stark an. Sarrazin hat also eine historisch überkommene Zukunftsprognose wiederbelebt, die sich längst als unzutreffend erwiesen hat. Wenn man wie Sarrazin der Ansicht ist, dass IQ-Tests die Intelligenz messen, sollte man mit dem alten Verdummungs-Dreisatz erst recht vorsichtig sein: Bei IQ-Tests hat bisher jede Generation besser abgeschnitten als die Generation zuvor („Flynn-Effekt“).

Dass die Journalisten diese historische Dimension ausgeblendet und Sarrazins Dreisatz als neue, provokante These aufgeblasen haben, gehört zu den Absurditäten des Medientheaters um den Bestseller „Deutschland schafft sich ab“.

  1. Siehe dazu beispielsweise Elsbeth Stern: „Warum Haut- und Haarfarbe nichts mit genetisch bedingten Intelligenzunterschieden zu tun haben“ sowie Andreas Heinz: „Intelligenz versus Integration?“. Beide Aufsätze in: Andreas Heinz / Ulrike Kluge: „Einwanderung – Bedrohung oder Zukunft?“ Frankfurt 2012.  []
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14 Kommentare
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  1. Torgey sagt:

    Sehr guter Artikel. Ich habe mich im Zuge der Debatte auch geärgert, dass viele Teile der Wissenschaft zwar unter sich die Nase über Sarrazins pseudo-wissenschaftliche Kurzschlüsse gerümpft haben, sich aber in der Öffentlichkeit zu fein waren, dazu Stellung zu beziehen. Das trifft zwar nicht auf alle zu, aber es waren doch vergleichsweise wenige. So konnte Sarrazin auch noch Wochen nach der Veröffentlichung behaupten, inhaltlich und methodisch habe ihn keiner widerlegen können, obwohl die meisten seiner Thesen, die er nicht vom Institut für Bevölkerung und Entwicklung hatte, völlig hahnebüchen sind.

  2. korbmacher sagt:

    „Doch statt aufzuklären, präsentierte der Spiegel-Redakteur seinen Lesern nebulöse Andeutungen über „Forschungsergebnisse“…..“

    Nun, wo bleiben denn dann hier bei MIGAZIN die „gegenläufigen“ Forschungsergebnisse, unterfüttert mit belastbarem Zahlenmaterial ?
    Wo MIGAZIN sich doch so darüber beklagt ?

    Na los,Butter bei die Fische…..

  3. Josef Özcan sagt:

    Der absurde Kern dieser ganzen debilen „Intelligenzdiskussion“ liegt tatsächlich darin, dass wir noch gar nicht wissen was „Intelligenz“ wirklich ist und das die „Intelligenztests“ , die angeblich Intelligenz messen alles Andere besser messen als „Intelligenz“. Der Hohn des Ganzen liegt nämlich in der Tatsache dass Intelligenz als das definiert wird was der Intelligenztest misst d.h. aber zugleich das keiner weiß was da im Kern gemessen wird, wenn überhaupt etwas von Belang gemessen werden sollte, denn das ist damit ja ebenso unklar. Meine Untersuchungen zum Thema legen nahe, dass der „IT“ den (Un)Wert vor Zeitungsrätseln hat.

    Einmal ganz abgesehen von der Kulturrelativität von kognitiver Welterfassung, denn schon die Frage, ob die kognitive Welterfassung überhaupt zur „Intelligenz“ zu zählen wäre, lässt sich kulturell und subkulturell ganz divergent beantworten.

    Alle Feststellungen von höherer und angeblich mangelnder Intelligenz oder gar von mangelnder Intelligenz bei Menschen anderen ethnischen Herkommens gründen also in Absurditäten die ihresgleichen in der Wissenschaft kaum hat. Eine Schande auch für die Psychologie, die viel Schuld an dieser Sache trägt.

    Der Grund warum die „IT“ Thematik immer noch eine gewisse Anziehung besitzt ist jedoch klar … das Ganze eignet sich wunderbar zu faschistischen faschistoiden pseudowissenschaftlichen „Diagnosen“. Und die Medien springen mit ihrem noch größeren Unverstand auch auf diesen Zug auf, denn damit lässt sich immer noch Auflage machen.

    Josef Özcan (Diplom Psychologe / Amnesty International)

  4. Josef Özcan sagt:

    Ergänzung zu meinen Ausführungen:

    Wer sich fundiert über den Widersinn der „Vermessung des Menschen“ informieren möchte, dem sei dies empfohlen;

    http://de.wikipedia.org/wiki/The_Mismeasure_of_Man

  5. Lionel sagt:

    Intelligenz ist kein körperliches Merkmal wie die Augen- oder Haarfarbe und kann daher nicht vererbt werden.
    Vererbbar ist allenfalls der Grad der Fähigkeit zur Ausbildung von Intelligenz.
    Ob es so ist oder nicht, ist eigentlich völlig unerheblich.
    Unser Bildungssystem muss mit den Menschen umgehen, die da sind – und hier ist die bestmögliche Förderung anzustreben.

  6. LL cooler sagt:

    In Mathe-Olympiade seit Jahren schon….
    schneiden die Türkei besser ab als das deutsche Team…
    so what?

  7. Saadiya sagt:

    Sehr guter Artikel. Freue mich schon auf die Fortsetzung!

  8. Michael sagt:

    Ein Astrophysiker hat sich mal, eher etwas interdisziplinär, zum Thema „Zukunft von Erde und Mensch“ völlig unfreiwillig sehr amüsant geäußert:
    „Nun, wir sind ja jetzt erst grad intelligent. Niemand kann sagen, ob und wie stabil sich das verhält.“

  9. Lionel sagt:

    @LL cooler

    Genau das hat Sarrazin doch gesagt: Deutschland verblödet immer mehr…

  10. Süperhorst sagt:

    Dank, Herr Niggeschmidt, fuer diese klare Kritik und den Beleg über den Ursprung des Gedankengutes bei Sarazzin.

    Allerdings würde ich von Redakteuren des Spiegel, und übrigens auch der Zeit, ARD, ZDF – den sogenannten Leitmedien – erwarten, dass sie rassistische Thesen erkennen, wenn sie ihnen begegnen! Auch ganz ohne Hintergrundwissen! Da gibt es noch viel Schulungsbedarf in den Redaktionen! Und übrigens auch in der Bildredaktion. Ich möchte nur an die unsägliche N-Wort Debatte in der Zeit erinnern… Als ob eine zeithistorische, berühmte Person schon von sich aus vor den rassistischen Stimmungen ihrer Zeit immun gewesen wären. Da will man nur sagen: Kopf und Herz an! Bauch aus!


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