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Was Hänschen nicht lernt…

Im Marie-Schlei-Haus in Berlin-Reinickendorf wohnen, so berichtet eine Berliner Tageszeitung, besonders schutzbedürftige Flüchtlinge, etwa Behinderte, Schwangere und traumatisierte Menschen – einige von jenen wenigen, die trotz des faktisch abgeschafften Asylrechts in Deutschland einen solchen Status zugebilligt bekamen. Und einige dieser Menschen haben, wie sollte es anders sein, auch Kinder.

Besonders diese Kinder nun hält eine Reinickendorfer „Bürgerinitiative“ für besonders gefährlich; Worte von „Seuchengefahr“ (in einer Einrichtung der Arbeiter-Wohlfahrt) machen die Runde, von „sozialem Sprengstoff“ – bei den Ausgestoßenen jener Mehrheitsgesellschaft, welche sie so sehr ablehnt; was da wohl Henne und was Ei ist, soll jeder für sich beantworten.

Zum Schlachtfeld des Streits hat sich inzwischen insbesondere der Spielplatz einer Wohneigentümergemeinschaft gemausert: Schon in der frühen Kindheit, so weiß der ordentliche Deutsche, müssen die Grundlagen für Fremdenangst und -hass gelegt werden, denn Vorurteile, die ein Kind nie lernt, kann man auch einem Erwachsenen nicht mehr beibringen. Weil also der Spielplatz nicht nur der einzige weit und breit und für die Flüchtlingskinder gut erreichbar, sondern auch öffentlich zugänglich ist, spielen die Kinder gern dort: die Fertigstellung des eigenen Spielplatzes hatte sich schließlich bisher „aufgrund unverständlicher Auflagen des Bezirksamts“ verzögert, wie die AWO erklärt.

Also versuchen die Anwohner, durch Einflussnahme auf die AWO und allerlei Beschwerden bis hin zum Land Berlin zu verhindern, dass sich Kinder begegnen, womöglich miteinander spielen, um so ihren Spielplatz gegen eine Überfremdung durch Flüchtlingskinder zu schützen – wer sich hier unwillkürlich an „Blut und Boden“ (vielleicht eher „Blut und Sandkasten“) erinnert fühlt, liegt wohl nicht ganz falsch. Dasselbe gilt aber auch für „So ein Kindergarten!“.

Immerhin sind die Reinickendorfer bisher mit ihren segregationären Anliegen bei den Behörden stets auf taube Ohren gestoßen, zum Beispiel, weil auf einem öffentlich zugänglichen Spielplatz nicht einfach bestimmte Gruppen anlasslos ausgeschlossen werden dürfen, der Spielplatz also erst einmal gegen jede Öffentlichkeit baulich abgegrenzt werden müsste. Das wiederum scheint aber nicht im Sinne der „Bürgerinitiative“ zu sein: Ein Spielplatz, der leer bleibt, nur um Ausländer auszuschließen würde vielleicht auch auf eine zu offensichtlich extremistische Geisteshaltung schließen lassen.

Aber auch in Reinickendorfs übriger Bürgerschaft scheint es langsam zu gären: Die Grüne Claudia Peter erklärte auf Nachfrage der Zeitung, mehrere Nachbarn im Reinickendorfer Ortsteil Wittenau hätten sich bereits direkt an ihre Partei gewandt, weil sie die Stimmungsmache der „Bürgerinitiative“ dort als unerträglich empfinden. Ende des Sommers wolle man an die Öffentlichkeit gehen, um den Ausländerfeinden das Feld nicht mehr vollends zu überlassen.

Dann haben kleine Kinder, die dem Leid ihrer Heimat entflohen sind, bereits einen Sommer voller Anfeindungen erlebt, bloß weil sie gern auf einem Spielplatz spielen möchten, dessen Besitzer „Willkommenskultur“ für den Untergang des Abendlandes halten.

Ob aus diesen Kindern Jugendliche und Erwachsene werden, die sich lieber in „Parallelgesellschaften“ flüchten, in denen sie diesen Anfeindungen nicht mehr ausgesetzt ist, wird allein die Zeit zeigen.