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Kısmet

Kommunikation im Familienurlaub: wen juckt’s?

Familienreisen sind bei uns vielsprechende Unterfangen. Fernab der Haustür ereilen uns immer wieder lustige sowie skurrile Ereignisse, so dass wir mit einem Koffer voller Anekdoten heimkehren. Amüsant, aber auch lehrreich.

VONFlorian Schrodt

 Kommunikation im Familienurlaub: wen juckt’s?
Der Autor studierte Politikwissenschaften und arbeitete als freier Journalist. Seitdem er Teil einer türkischen Familie ist, ist sein Leben geprägt von neuen Erfahrungen. Ob im Alltag oder in den Erzählungen seiner Schwiegereltern, diese persönlichen Erlebnisse sind für ihn der Schlüssel zu einer interkulturellen Schatztruhe. Geschichten, die das Leben schreibt, oder das Schicksal. Alles ist Kismet, wie seine Familie sagen würde.

DATUM17. Juli 2013

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RESSORTAktuell, Meinung

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Bevor es diesmal losging, wurden daher die Koffer gleich doppelt kontrolliert. Man lernt schließlich hinzu. Beim letzten mehrtägigen Familienausflug folgte gleich beim ersten Halt die große Überraschung. Auf meine Frage wo mein Koffer sei, antwortete mein Schwager bloß: „Welcher Koffer?“ Da hatten wir wohl aneinander vorbeigeredet, als es ums Einpacken ging.

Damit nicht genug. Das Lachen aller Mitreisenden hallte noch immer an der nächsten Raststätte. Die tröstende Umarmung meiner Freundin bescherte mir statt Trost heißen Kaffee mitten auf meinem Schoß. So durfte ich mich zwei Tage in der geborgten Kleidung meines Schwagers präsentieren. Die war eine Nummer zu klein. Diesmal sollten Kommunikationsprobleme schon vorab minimiert werden, weshalb die Koffer penibel inspiziert wurden. Um es vorwegzunehmen: Kommunikation spielte auch diesmal eine Rolle. Aber im sehr unterhaltsamen Sinne.

Mitten in der Nacht ging es also los. Das sorgte trotz aller Vorsicht für einige Hetze, so dass sich „haydi, haydi“1 nunmehr in meinem Standardvokabular befindet. Die Ostsee war bislang nicht gerade meine Reiseregion, im Gegensatz zum türkischen Teil meiner Familie, die schon quasi jeden Stein auf deutschem Boden erkundet hat (vielleicht schreibe ich mal einen Deutschlandreiseführer aus Perspektive meiner türkischen Familie).

So machte sich auch bei mir Vorfreude breit. Auf uns wartete eine Woche Sonne, Strand, vermeintlich Ruhe und vermutlich gutes Essen – weil wir als Selbstversorger anreisten. Letzteres sollte sich wenig später bewahrheiten. Schnell war klar: Verhungern würden wir bestimmt nicht. Auf die Frage meiner Freundin, ob denn die anderen auch etwas vorbereitet hätten, erhielten wir zur Antwort „biraz“2. Die Rationen hätten wohl auch für eine Weltreise genügt. Während andere Reisende auf Raststätten belegte Brote zu sich nahmen, genossen mein Schwager, seine Frau, die Tochter, deren Freundin, meine Freundin und ich frischen Börek3, Nudelauflauf, Süßspeisen und einiges mehr. Völlerei auf der Autobahn. Die Leckereien mussten runtergespült werden, weshalb mir mein Schwager das Glas vor die Nase hielt und bat: „Kannst du mir auch Tee schenken.“ „Einschenken heißt das“, merkte seine Tochter sogleich an. Ich erwiderte frech auf die Eingangsfrage mit meinen rudimentären Kenntnissen: „Para var mı?”4. Spaß muss sein. Und das sollte nur der Anfang sein.

Während der Rest der Mitreisenden strapaziöse Großfamilientouren durchaus gewohnt ist – Istanbul lässt grüßen – gingen mir die gut acht Stunden Fahrt merklich an die Substanz. Das war dem Umstand geschuldet, dass der Familienvan von Baba reparaturbedingt nicht mitspielte, weshalb wir mit zwei Autos die Fahrt antreten mussten. Zwei Wagen wie aus zwei verschiedenen Welten. Zumindest im Bezug auf das Innenleben. In einem Wagen ein zerknirschter, sichtlich übermüdeter Fahrer. Nämlich ich. Im anderen ein auf den zweiten Blick nicht minder müder Fahrer, der jedoch mit Tanz und Gesang zu orientalischen Bässen die mitfahrende Meute bespaßte. Das nennt man (Auto)Reiseroutine.

Kurz vor dem Ziel noch einmal Aufregung. Wir hatten Timmendorfer Strand erreicht, nun galt es, nur noch schnell das Haus zu finden. Obwohl Baba nicht dabei war, hielten wir uns an seine Ratschläge. Einer besagt, man solle einfach immer rechts fahren, dann würde man das Ziel schon erreichen. Nachdem wir fünf Mal das Haus verfehlt hatten, hörte ich am anderen Ende des Telefons nur (eine Standleitung zur Koordination war längst eingerichtet): „‘Bok‘5 rechts fahren. Sackgasse.“ Meine Freundin versuchte zu deeskalieren: „Nur noch 500 `Metre`6“. Wenig später war es schon wesentlich entspannter. „Endlich sind wir Evde“7, seufzte es durch die „Leitung“.

Haus in Sicht, gute Laune ebenso. Vor allem sollte diese noch befeuert werden durch den steten parallelen Gebrauch zweier Sprachen und vieler Wechsel zwischen eben diesen. Manchmal fiel es nicht gerade einfach, im Sprachendickicht den Überblick zu behalten. Für alle Beteiligten gleichermaßen. Die Geduld wurde durch jede Menge unfreiwillige Komik entlohnt. Andere türkischer Alltagsnomen taten ihr übriges.

Vor lauter Neugier auf die Unterkunft waren wir doch glatt ganz unbedarft reinmarschiert. Plötzlich kappte ein semihysterischer Aufschrei die Stille. Herauszuhören war die die Aufforderung „ganz schnell die Schuhe auszuziehen.“ „Aber çabuk çabuk!”8 Während die Damen sich mühten, den Fauxpas schnellstmöglich mit Desinfektionsmittel auszumerzen, sollten mein Schwager und ich „für die Strafe für unser Gelächter“ Kleinigkeiten im Supermarkt besorgen. Eine gefühlte 100 Kilogramm Ration für sieben Tage könnte schließlich zu einer akuten Unterernährung führen. „Zur Strafe“, funkte meine Nichte wieder korrigierend dazwischen. Auf dem Weg zum Supermarkt sollte nun das Prinzip „immer rechts fahren“ zum Erfolg führen. Hätten wir uns nur daran gehalten und nicht aus Trotz andere Methoden der Orientierung versucht. Wir hätten uns viele Umwege erspart. Und den Anwohnern einen Kulturschock. Voll guter Laune waren wir durch die Straßen gecruised.

Untermalt von türkischem Pop, den mein Schwager gestikulierend, tanzend und singend begleitete und uns zu einer fahrenden Attraktion machte. Zwischendurch wechselte er zu deutschem Schlager. Diese ungefilterte Lebensfreude ist für mich mittlerweile hochgradig ansteckend. Wir hatten noch „Schön ist es auf der Welt zu sein“, den Ausflugsklassiker, auf den Lippen, als mein Schwager abrupt unseren (Party)Blindflug stoppte und für Irritationen sorgte, um Passanten nach dem Weg zu fragen. Noch ganz in Gedanken begann er mit „Affedersiniz“9, das mit Schweigen und verwunderten Blicken erwidert wurde. Er brauchte einen Moment bis ihm auffiel, was schief gelaufen war. Mit einem riesengroßen Grinsen nahm er einen neuen Anlauf: „Entschuldigen Sie, wo geht’s zum Supermarkt?“ In ähnlicher Weise ging es an der Kasse weiter. Er fragte mich: „Ich muss noch bei der Bank halten. Wie viel `Para`10 hast du noch?“

Später, auf dem Weg zum Strand, erzählte ich meiner Freundin die Erlebnisse. Aus dem Hintergrund rief mein Schwager scherzhaft „heralde kaşınıyorsun“, weil er sich etwas brüskiert fühlte. Ich verstand ihn nicht, weshalb er es auf Deutsch versuchte: „Juckt’s dich etwa?“ Eine 1:1 Übersetzung, unter der so etwas wie „suchst du Streit“ zu verstehen ist. Es folgte ein spaßig gemeinter verbaler Schlagabtausch zwischen Männern. Meine Freundin schüttelte bloß den Kopf. Man konnte noch ihr gemurmeltes „kuş beyinler“ hören. Das hingegen kann man quasi auch mal wortwörtlich übersetzen. Die Bedeutung von „Vogelhirne“ kann sich schließlich jeder recht gut zusammenreimen.

Auch an mir ging die sprachliche „Doppelbelastung“ nicht spurlos vorbei. Die ab und zu penetranten Mücken „bissen“ mich. Aber was soll’s, wir hatten eine tolle Zeit. Und wieder sollte einmal die Küche Brückenbauer der Kulturen sein. Die Familie zauberte zusammen leckere Köstlichkeiten. Die frisch zubereiteten Meze11 am Strand sorgten für etliche Bewunderer rundherum.

Ein besonders hungrig blickender Herr bekam freundlich etwas Bohnen angeboten, die er mit einem „çok güzel“12 lobte. Schmunzelnd fügte er hinzu: jahrelanger Alanya-Urlaub. Mein Schwager wollte höflich sein und ermutigte ihn noch „bir tane13 Löffel“ zu nehmen. Es sei ihm verziehen, man konnte schon mal durcheinander geraten. Insbesondere, wenn analog im Hintergrund der tägliche Routineanruf mit Anne und Baba abgehalten wurde, um Neuigkeiten auszutauschen. Und die Tochter samt Freundin obendrein lautstark Musik mitsingt.

Just in diesem Moment lief bei ihnen „Das alles ist Deutschland“ (von den Prinzen?). Ich schaute meine Familie an und wurde etwas sentimental, denn ich dachte: „so ist es“. Wie viele neue Perspektiven diese wunderbaren Menschen mir doch schon direkt vor der eigenen Haustür beschert haben. Und wieder ein Koffer voller Anekdoten. Nicht nur die Kommunikation, sondern auch die Chemie stimmt. Maşallah!14

  1. Sinngemäße Übers.: mach, mach  []
  2. Übers.: ein wenig  []
  3. Türk. Teiggebäck  []
  4. Übers.: Hast du Geld?  []
  5. Übers.: Scheiße  []
  6. Übers.: Meter  []
  7. Sinngemäße Übers.: angekommen  []
  8. Übers.: schnell, schnell  []
  9. Übers.: Entschuldigung  []
  10. Übers.: Geld  []
  11. Übers.: Vorspeise, Häppchen  []
  12. Übers.: sehr schön  []
  13. Sinngemäße Übers.: noch einen  []
  14. Übers.: Gott behüte  []
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8 Kommentare
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  1. Feriah F. sagt:

    Wunderbare Urlaubsgeschichte kann mir gut vorstellen, dass Sie viel spaß mit ihrer türkischen Familie haben.
    Und schreiben Sie dieses „Deutschlandreiseführer“ eine tolle Idee , ich würde es sofort kaufen …. Ich find es eine Bereicherung, wenn zwei Kulturen aufeinander zugehen und von einander lernen
    Weiter so Herr Schrodt.

  2. Saadiya sagt:

    Herrlich witzig-spritzige Geschichte. Danke! Ich will auch diesen „Deutschlandreiseführer“ haben…….Kann man vorbestellen?????

  3. Songül sagt:

    Lieber Florian,

    Sie hat scheinbar die türkische Lebensart gepackt.
    Sehr witzig und spannend die Darstellung uns allzu bekannter Situationen aus einem anderen Blickwinkel.
    Was diese Form des Reisens angeht, nehmen immer mehr unserer Landsleute Abstand hiervon und bevorzugen die „deutsche“ Art des Reisens.
    Schade eigentlich, das machen Sie mit Ihrer Erzählung noch mal deutlich.
    Genauso, wie Sie uns vor Augen führen, wie sehr wir (Türken) uns ähneln. Es findet sich, glaube ich, fast jeder in ihren Erzählungen wieder. Und doch richtet sich die Mehrheit nach Ideologie und nichtssagenden Betitelungenen. Traurig.

  4. Florian Schrodt sagt:

    @Feriah vielen lieben Dank! Ich teile Ihre Meinung, in der Tat eine wunderbare Chance, neue Perspektiven zu erhalten und ganz andere Menschen kennen- und schätzen zu lernen. Zum Reiseführer gleich unten mehr. 🙂

    @Saadiya ich danke Ihnen für das Feedback, freut mich, dass Sie Gefallen finden. 🙂 Nunja, jetzt gibt es sehr erfreulicherweise wohl quasi schon 2 „Interessensbekundungen“ an einem Reiseführer, das bestärkt mich, den Gedanken mal weiterzuspinnen. Vorbestellungen werde ich mir wohl merken müssen (das schaffe ich!), da ich ja keinen Verlag im Background habe, der dies koordinieren könnte. Wenn ein solches Werk entsteht, werde ich Sie und Feriah nicht vergessen. 😉

    @Songül schön, wieder von Ihnen zu hören (bzw lesen). Es freut mich sehr, dass Sie sich in den Erzählungen wiederfinden. Ich schreibe ja hier, um meine Faszination weiterzugeben und andere vielleicht damit anzustecken und ebenso neue Eindrücke zu vermitteln, aber natürlich auch, um das Lebensgefühl vieler zum Ausdruck zu bringen, was, wie Sie richtig sagen, leider oftmals zu kurz kommt. Ich werfe lieber einen Blick auf die einzelnen Menschen (als auch ihren Umgang mit anderen) und auf auf Ihren Werdegang, das fördert für mich viel Neues, aber auch viele Schnittmengen zu Tage.
    Würde mich freuen, wenn Sie mir Ihren vorletzten Satz näher erläutern würden. Ich bin übrigens guter Dinge. 🙂
    Ps: ohja, die Lebensart hat mich sehr gepackt!
    Pps: Meinen Sie übrigens die Pauschalreisen? Nicht unbedingt meins. 😉
    Viele Grüße,
    Florian

  5. Songül sagt:

    @Florian

    Ach, da sind meine Gedanken wieder einmal mit mir durchgegangen. Nur ist meine Gedankenwelt leider sehr schlecht mit meiner Schreib- bzw. Tippfaulheit kompatibel und am Ende kommt dann so etwas bei raus. Sollte eine Kritik an meine Landsleute sein …
    Nicht weiter Ernst nehmen …

    Ja, z.B. die Pauschalreisen. Aber auch allgemein: einfach die Tasche umhängen und los, gegessen und getrunken wird draußen. Langen Autofahrten wird der Flug vorgezogen etc.

  6. Florian Schrodt sagt:

    @Songül ach das kenne ich, gar kein Problem! ;-)Ehrlich gesagt kämpfe auch ich bei Reisen immer wieder mal gegen die eigene Bequemlichkeit, werde aber zum Glück dann wieder eines besseren belehrt. Ich denke, Sie haben nicht Unrecht, ruhig kritisch sein, aber auch die guten Dinge sollten wir nicht vergessen! 🙂
    Liebe Grüße,
    Florian

  7. Sinem sagt:

    Lieber Florian,

    Wieder eine herrliche Geschichte aus Ihrem Leben zwischen zwei Kuturen. Ihre Geschichten machen Mut und Hoffnung, dass nicht immer alles negativ und konfliktgeladen ist, wenn zwei Kulturen aufeinander treffen. Wie bei allen Dingen im Leben, liegt es wohl an einem selbst, ob man sich den vermeintlich „fremden“ Dingen und Menschen öffnen möchte. Es ist immer wieder ein Vergnügen Ihre Geschichten zu lesen. Vielen Dank für diese wunderbaren Eindrücke!

    LG aus Hamburg,
    Sinem

  8. Florian Schrodt sagt:

    Liebe Sinem,

    vielen Dank für Ihr Feedback, freut mich, dass die Texte Ihnen gefallen. Ich glaube, dass es ungemein wichtig ist, sich eine gewisse Begeisterungsfähigkeit zu bewahren. 🙂
    Viele Grüße aus Frankfurt,
    Florian



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