MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Es gab vor allem in der Anfangsphase der Anwerbung von Türken häufige Klagen der deutschen Arbeitskollegen darüber, dass die Türken … an ihrem Arbeitsplatz wie verrückt arbeiten und dadurch die Akkordsätze verderben.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Am Mainstream vorbei

„Beuge dich nicht, die Auslandstürken sind mit dir!“

Diesen Satz stimmten Zehntausende Türkeistämmige am Sonntag (07.07.2013) bei einer Demonstration in Düsseldorf im Chor. Eine Demonstration, die von den hiesigen Medien kaum beachtet wurde. Mustafa Esmer war vor Ort:

VONMustafa Esmer

 „Beuge dich nicht, die Auslandstürken sind mit dir!“
Der Verfasser, geb. 1976 in Remscheid, ist Sozialwissenschaftler.

DATUM15. Juli 2013

KOMMENTARE32

RESSORTAktuell, Gesellschaft

SCHLAGWÖRTER , , , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Bereits am frühen Nachmittag ist der Rheinpark proppenvoll. Zu Beginn der Demonstration zählt die Polizei 25.000 Teilnehmer. Die Cecilienallee am Rheinufer der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt ist gesperrt. Unter strahlend blauen Himmel und ungetrübtem Sonnenschein verwandelt sich der Rasen vor der Bühne im Rheinpark, in ein rot-weißes Fahnenmeer. Unter dem Motto „Respekt vor der Demokratie“ demonstrierten Zahntausende für den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan und seine Haltung während der Gezi-Park Proteste.

Viele Teilnehmer sind mit Bussen aus dem gesamten Bundesgebiet und aus dem benachbarten Ausland nach Düsseldorf gekommen. Die Menschen halten deutsch, englisch oder türkisch beschriftete Plakate hoch, auf denen steht: „We are Erdoğan“ oder „Dik dur eğilme, Gurbetçiler seninle” – „Bleibe aufrecht, beuge dich nicht, die Auslandstürken sind mit dir!“

Das macht mich wütend
Filiz Işler, stellvertretende Vorsitzende der Union europäisch-türkischer Demokraten (UETD), die zu der Demonstration aufrufen hat, erklärt, man demonstriere auch gegen die einseitige Berichterstattung in den deutschen Medien. Anders als die deutschen Medien dargestellt hätten, sei der Zuspruch für die Haltung der türkischen Regierung enorm und das wolle man zeigen.

Lüg nicht, Spiegel! © Mustafa Esmer

Lüg nicht, Spiegel! © Mustafa Esmer

Der junge Medizinstudent Savaş ist aus Bochum gekommen, wegen dem „Ohnmachtsgefühl, den Lügen der Politik und der Medien seit Jahren hilflos ausgeliefert zu sein“, sagt er. Das mache ihn wütend. „Die verwenden einfach unterschiedliche Worte, um das Gleiche zu kommentieren“, sagt er. So würden gewaltbereite-linke Gruppen in Deutschland als Linksextreme bezeichnet, in der Türkei als Wutbürger. Von „muslimischen Gruppen“ hätten die Medien gesprochen bei den Gezi-Protesten, die man in Deutschland als Islamisten bezeichne und der demokratisch-legitimierte Ministerpräsident sei zum Diktator stilisiert worden. Mit solchen „Wortspielereien“ manipuliere man die öffentliche Meinung.

70 Prozent des türkischen Meinungsspektrums
Es fällt auf, dass sich unter den Demonstranten auch Jugendgruppen anderer konservativer Parteien befinden. „Du darfst das nicht als AKP-Veranstaltung sehen“, erklärt mir mein Begleiter Kerim. „Betrachtet man die Parteifahnen, die hier geschwenkt werden, sind auf diesem Platz gerade über 70 Prozent des türkischen Meinungsspektrums vertreten.“

Auch ältere Teilnehmer propagieren an diesem Tag ihre Sympathie für Erdogan, ihre Kritik an der ausländischen Berichterstattung und speziell die Haltung der Bundesregierung während der Gezi-Park-Proteste. Während die Älteren ihre Kritik an Deutschland aber sehr allgemein formulieren, sind Jugendliche konkreter.

Es interessiert sie nicht
Die deutsche Haltung ist für sie, mit Verweis auf den harten Polizeieinsatz während der Stuttgart21-Proteste, nicht nachvollziehbar. Ein Staat müsse doch die öffentliche Ordnung gewährleisten und die Medienkritik habe bei Stuttgart21 mehr Tiefe gehabt. Auch das belegt ihre Vermutung, in Deutschland nicht gewünscht zu sein. Kommentare über Islamkritik und dem öffentlichen Umgang damit wechseln sich ab.

Kümmert euch um die NSU-Morde © Mustafa Esmer

Kümmert euch um die NSU-Morde © Mustafa Esmer

Konsens herrscht in einem Punkt: Ihre Wut über die Berichterstattung der deutschen Leitmedien, wenn die Türkei oder die Türkeistämmigen thematisiert werden, empfinden sie als unfair. Sie verweisen auf die Abstinenz der deutschen Presse vor Ort. „Es interessiert sie nicht, was wir zu sagen haben. Sonst wären die doch gekommen“ wirft die 15-jährige Serpil ein, Gymnasiastin aus Essen. Es sei zur Unkultur geworden, dass die deutsche Presse lieber die Menschen befrage, die einem die gewünschten Antworten geben.

Selektive Aufnahmen
Besonders im Fokus der Kritik stehen neben ARD, ZDF und WDR auch private Printmedien wie Der Spiegel und Bild, denen vorgeworfen wird, sie würden Lügen verbreiten statt Nachrichten. Die ständige Reproduktion oppositioneller Propaganda, wenn es um die Türkei gehe, habe dazu geführt, dass Türkeistämmige ihr Vertrauen in die deutschen Leitmedien vollständig verloren haben. „Es wächst eine gebildete, selbstbewusste und kritische deutsche Jugend mit türkischem Migrationshintergrund heran und die hat es verdient, gehört zu werden. Bedauerlicherweise haben die deutschen Leitmedien, diese Chance nicht genutzt“, so eine junge Demonstrantin.

Erdoğan ist ein Diktator. Merkel ist attraktiv. Die Erde ist eine Scheibe. Bild Dir Dein Märchen © Mustafa Esmer

Erdoğan ist ein Diktator. Merkel ist attraktiv. Die Erde ist eine Scheibe. Bild Dir Dein Märchen © Mustafa Esmer

„Schauen sie sich das an“, sagt Abiturientin Ebru aus Köln und zeigt auf das einzige deutsche Fernsehteam bei der Kundgebung. „Wie selektiv die Aufnahmen machen. Die Mädels da vorne haben das Gleiche auf ihren Plakaten stehen wie die, die gerade aufgenommen werden. Mit dem Unterschied, dass die keine Kopftücher tragen. Ich beobachte das Team bereits seit 20 Minuten und die sprechen nur diejenigen an, die dem erwünschten Bild entsprechen. Das musst du schreiben.“

Wir haben es satt
„Denen geht es doch nicht um die Wahrheit“, meint auch die Pädagogikstudentin Sibel. „Die anwesende Presse sucht doch nur Bilder, um die eigene Meinung zu belegen und nicht, um zu erfahren, warum die Menschen gekommen sind. Das gelte für die türkischen Medien, wie auch für die Deutschen.

An diesem Tag fällt oft der Begriff „Stiefkinder“. So fühlten sich die diese Jugendlichen in Deutschland. Sie haben das Gefühl, nicht willkommen zu sein und als Problem betrachtet zu werden. Eine junge Demonstrantin aus Duisburg fasst die Stimmung zusammen: „Wir haben es satt, negativ etikettiert und an den gesellschaftlichen Rand gedrängt zu werden.“

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

32 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. One Minute! sagt:

    Nicht nur den Türken fällt die heuchlerische Berichterstattung in Deutschland auf. Wenn man die Kommentarspalten der Presse durchliest, merkt man wie eine allgemeine Ernüchterung gegenüber den „Qualitäts-) Medien eintritt.

    Es ging niemals um den Gezi Park, denn der Park darf weiter bestehen, aber die Proteste gehen immer noch weiter. Die Händler und Verkäufer an der Istiklal Cadde und auch die Taxifahrer um den Taksin Platz werden zunehmend wütender gegenüber den illegalen Besetzungen der öffentlichen Plätze und der Randale.

    Organisationen wie die OTPOR, welche von Soros gesponsort werden sind besonders für die Aufstände in der Türkei verantwortlich. Einige wünschen sich einen Tahrir-Platz 2.0, den wird es aber nicht geben liebe Provokateure.
    Und zu der deutschen Presse: Da war doch mal was mit der NSU und den Geheimdiensten? Kümmert euch mal darum!

  2. Karl Ranseier sagt:

    Was ich ja nicht verstehe ist, das es immer wieder Bürger gibt, die sich bereitwillig in das Bild der Medien einordnen lassen. Wie oben erwähnt, hat das Kamerateam nach Personen mit gewünschten Bild gesucht und gefunden. Warum verweigern nicht alle den Medien Aufnahmen und Interviews.

    Ich mache das grundsätzlich!

  3. Saadiya sagt:

    @ Karl Ranseier

    Weil es immer erstmal ein Ereignis gibt und erst danach Journalisten, die dieses Ereignis im Rahmen einer freien Berichterstattung übertragen. Dabei sind fehler – oder lückenhafte Berichte möglich. Da Einzelberichte immer relativ kurz sind – verglichen mit einem Buch, bieten sie den Journalisten wenig Raum, alles gleichberechtigt mit einzubeziehen. Außerdem sind Journalisten keine herumlaufenden Bibliotheken, sie bedürfen der Recherche, die im Zeitalter der schnellen Kommunikationswege und der hohen Informationsdichte manchmal zu kurz kommt.

  4. Sober sagt:

    Was hier charakteristisch zum Ausdruck kommt, ist nichts anderes als ein emotionales Konglomerat von Verdruß gegen die bösen Deutschen die sich in Institution und Medien mit einer notorischen Türken-Feindlichkeit angeblich ausdrückt. Nicht das Politische in der Türkei ist das Problem, das eigene Politische in Deutschland ist das Problem: Das Gefühl als Türke ja ständig „Mensch zweiter Klasse zu sein“ schärft nun auch die Einschätzung der „deutschen Reflektion“ über die Ereignisse in der Türkei – der angebliche Feldzug gegen die Türken in Deutschland wird nun gg. die Regierung in Ankara verlängert. Opferinszenierung. Der letzte Satz sagt es bestechend genau.

    Ich finds schon witzig, dass sich plötzlich diejenigen „medienkritisch“ aufspielen die sich benebelt von Sabah und Co. ja bekanntlich selbst im Rausch der türkischen Propaganda befinden. Eine kopflose Solidarität mit Erdogan als Antwort auf die deutsche Medienpropaganda zeugt bestechend von einer einseitigen Problemwahrnehmung.

  5. Haluk sagt:

    Am WE haben ca. 500 Personen wieder demonstriert und teilweise Randaliert (einem Geschäft haben Sie die ausgestellte Ware vor dem Laden zerstört und versucht den Laden in Brand zu stecken. Gibt genug Bild- und Videomaterial). Die Deutschen Medien wieder mit Schlagzeilen und wieder ganz vorne mit dabei beim Berichten von der Gewalt der Polizisten gegen die friedlichen(!) Demonstranten. 500 Randalierer sind Schlagzeilen wert. Stockholm brannte wochenlang lichterloh.. kaum einer weiss davon! Überall nur Randnotizen.

  6. Gökhan sagt:

    Man sollte zunächst die heimische Berichterstattung über die Ereignisse im Gezipark und den türkeiweiten Protesten kritisieren. Die fehlende oder manipulative Berichterstattung in diesem Fall kommt natürlich unseren Moralaposteln mehr als zu Gute. Das ist Heuchellei angereichert mit Doppelmoral. An die eigene Nase fassen liebe Erdogan fans!

  7. yirro sagt:

    Same Game as every year

    Warum werden die Gezi Park Proteste von außen organisiert mit dem Ziel die Türkei zu schwächen?

    1. Der neue Bosporus Kanal wird eine neue Einnahmequelle, weil er nicht Bestandteil des Vertrag von Montreux ist.

    Lese: „„Die neue Wasserstraße wird es erlauben, die Verkehrskapazität der Meerenge zu erhöhen. Es ist klar, dass hierfür Gebühren erhoben werden. Gegenwärtig ist die Türkei laut den internationalen Verträgen nicht berechtigt, Gebühren für das Passieren der Meerenge zu erheben.“

    http://german.ruvr.ru/2013_05_01/Der-neue-Bosporus-als-Schlussel-zur-Dominanz-der-USA-im-Schwarzen-Meer/

    2. Neuer Flughafen Istanbul welcher eine große Konkurrenz zu den Flughäfen Englands und Deutschlands sein wird und die neue Bosporus Brücke.

    Nicht umsonst formulierten diese gesteuerten Gezi-Park-Randalierer den Baustop des Flughafens und der Brücke. Aber alle Welt dachte es ging um den Park? Falsch gedacht liebe Welt, besonders Deutschland. Es geht um geostrategische Interessen liebe Freunde.

  8. yirro sagt:

    Die Russen sind gar nicht amused über den Istanbul-Kanal, man höre nur den verzweifelt-aggressiven Ton 😉

    —„Der erbaute Kanal wird kaum unter die Bedingungen des Vertrages fallen. Faktisch wird der Transit von Militärgut und Kriegsschiffen möglich sein. Es wird gewiss völkerrechtlich vieles zu konkretisieren sein. Selbst zu Kriegszeiten werden die Türken (weil das ihr Kanal und keine internationale Meerenge ist) berechtigt sein, irgendwelche Schiffe passieren zu lassen. Das stärkt die Positionen der Türkei und ihre regionale Hegemonie. Natürlich wird damit auch ihre internationale politische Rolle steigen.“

    Nennt man die Dinge beim Namen, so brauchen die Vereinigten Staaten den zweiten Bosporus zur Verstärkung ihres Einflusses in der Region. Verständlicherweise kann das Russland kaum gefallen. Aber auch die Türkei wird kaum etwas durch dieses Kräfteverhältnis gewinnen. Natürlich, taktisch gesehen wächst dadurch ihr regionaler Status. Aber strategisch gesehen wird sie damit in ein zweifelhaftes Abenteuer mit einem unklaren Finale hineingezogen. Ihr Ansehen als unabhängiges Subjekt der Geopolitik wird in Frage gestellt sein. Sind die Türken bereit, wegen taktischer Vorteile Derartiges in Kauf zu nehmen? Diese Frage hat Premierminister Recep Tayyip Erdogan bisher nicht beantwortet.—-

    http://german.ruvr.ru/2013_05_01/Der-neue-Bosporus-als-Schlussel-zur-Dominanz-der-USA-im-Schwarzen-Meer/

  9. Das Türke sagt:

    Erdoğan hat den Zinseszins Mächten den Krieg erklärt. Seit Erdoğan haben genau diese Mächte in der Türkei einen Verlust von 640 Milliarden Dollar eingefahren, die sie sonst alleine durch den Zinssatz verdient hätten . Und genau darum geht es und um nichts anderes. Sie wollen nicht nur dein Geld, nein, sie wollen dein ganzes Land beherrschen. Demokratie und Freiheit sind ihnen auf die Fahnen geschrieben aber sie bringen nur Verderb. Genau darum geht es und nichts anderes. Und die Medien sind, wenn man es sich näher ansieht, nur Vasallen dieser Elite. Der Auftrag dieser Medien ist es nicht zu informieren sondern die Meinungen zu lenken. Wenn nötig zu polarisieren, stilisieren, hetzen und Halbwahrheiten in den Umlauf zu bringen.
    @Sober
    Es geht nicht um Türken oder den unterdrückten Rassismus in vielen deutschen Köpfen. Dieses mal nicht!!!

  10. One Minute! sagt:

    „AKP-Anhänger als regierungskritische Demonstranten ausgegeben
    Gezi-Proteste: CNN gesteht, falsche Meldung verbreitet zu haben“

    http://dtj-online.de/news/detail/2652/gezi_proteste_cnn_gesteht_falsche_meldung_verbreitet_zu_haben.html


Seite 1/41234»

Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...