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Integrationskurse – ein Beitrag zur Integration?

Das Buch ist im Springer Verlag für Sozialwissenschaften erschienen, einem Verlag, der sich mit sozialwissenschaftlichen Themen wie der Soziologie, der Politikwissenschaft, der Pädagogik und der Sozialen Arbeit beschäftigt. Der Verlag war so freundlich, uns das Zitieren aus dem Buch zu gestatten. Gudrun Hentges ist Professorin für Politikwissenschaft an der Hochschule Fulda. Von 1998 bis 2004 hat sie mit dem bekannten Armutsforscher Professor Christoph Butterwegge an der Universität zu Köln gearbeitet. Frau Hentges kommt in ihrem Beitrag zu ähnlichen Ergebnissen wie wir in unserem Beitrag Vom Sinn und Unsinn der „Orientierungskurse“, der am 11.02.2013 bei MIGAZIN erschienen ist.

Ein halbes Jahrhundert nach dem deutsch-italienischen Anwerbeabkommen (1955) wurden im Jahre 2005 erstmalig Sprachkurse für EinwanderInnen eingeführt. Dazu stellt Hentges fest: „2005 nahmen drei Viertel (76,3%) aller Personen freiwillig an den Kursen teil; auch in den Jahren 2006 bis 2009 überwogen die freiwilligen TeilnehmerInnen.“ (S. 345). Dieses erfreuliche Ergebnis widerlegt, wie Hentges richtig feststellt, Vorurteile, dass viele MigrantInnen nicht dazu bereit seien, die deutsche Sprache zu lernen. Solche Vorurteile wurden von bekannten Politikern wie Sigmar Gabriel (SPD) bis hin zu Hans-Peter Friedrich (CSU) immer wieder bemüht.

Das Online-Magazin CICERO stellte hierzu einige sehr gute Fragen: „Insofern, Herr Friedrich, fragen Sie doch mal danach, wie viel Integrationsverweigerer es in den Vorständen der Finanzindustrie gibt, oder ob das Auseinanderdriften sozialer Schichten nicht auch Form und Ausdruck sich herausbildender Parallelgesellschaften am oberen Ende der Gesellschaft ist.“ Oder anders gewendet: „Hat das Integrationsproblem überhaupt einen Migrationshintergrund? Man wird doch mal fragen dürfen.1 Ist Integration also eine Frage der Ethnie, der Kultur, der Hautfarbe?

In der Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ wurde der Begriff der Integration auf die „Kultur“ verengt. Hierzu wurden folgende zwei Fragen gegenübergestellt: „Wir Menschen aus [Herkunftsland] sollten in Deutschland die Kultur unseres Herkunftslandes bewahren.“ Beziehungsweise: „Wir Menschen aus [Herkunftsland] sollten die deutsche Kultur übernehmen.2 Was hier gefordert wird, ist nach Ansicht des Freitag nichts anderes als Assimilation. Äußerst fraglich ist bei der Studie, wie man das Gefühl zur deutschen Kultur messen will, und was überhaupt mit der deutschen Kultur gemeint ist.

Zurück zu Hentges: In ihrem Beitrag über die Orientierungskurse, die ein Teil des Integrationskurses sind, schreibt sie, dass gemäß der Vorgaben des BAMF ein Ziel die „positive Bewertung des deutschen Staates durch die KursteilnehmerInnen“ sei. Konkret gemeint sind etwa die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit, der Gleichberechtigung, der Toleranz und der Religionsfreiheit (S. 346). Die einzelnen Module des Orientierungskurses sind detailliert vorgegeben, es werden Feinlernziele und Lerninhalte genauestens benannt: für das Modul I („Politik in der Demokratie“) 19 Unterrichtseinheiten, für das Modul II („Geschichte und Verantwortung“) 9 Unterrichtseinheiten und für das Modul III („Mensch und Gesellschaft“) 13 Unterrichtseinheiten (S. 349).

Im Modul I werden folgende Themen durchgenommen: Grundrechte im Grundgesetz. Staatsstrukturprinzipien: Bundesstaat, Demokratie, Sozialstaat, Rechtsstaat. Verfassungsorgane: Bundestag, Bundesregierung, Bundesrat, Bundespräsident, Bundesverfassungsgericht. Staatsbürgerliche Rechte und Pfichten. Sozialstaat. Demokratische Wahlprinzipien. Teilhabemöglichkeiten auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene. Und das alles in 19 Unterrichtseinheiten, also in vier Tagen!

Ganz offensichtlich ist es völlig illusorisch, MigrantInnen auf dem Niveau von A2 oder B1 das Zusammenwirken von Föderalismus, Gesetzgebung, Staatsstrukturprinzipien usw. in vier Tagen beibringen zu können. Hentges führt im weiteren Interviews mit KursteilnehmerInnen an, aus denen hervorgeht, dass man zwar einige Schlagworte auswendig gelernt, aber nichts wirklich verstanden hat. Zitat: „Ja! Geschichte ja … die politische sprechen … Zum Beispiel die … mh … was ist Name… äh … die SPD … Die Parteien! die sind in Berlin …“ Oder: „Die deutsche Land zwei … Ost und West … und dann die habe Krieg? und jetzt zusammen“. Erwartet wird lediglich, dass die KursteilnehmerInnen die richtigen Antworten auf die 250 Fragen auswendig lernen.

Gudrun Hentges berichtet weiter, dass die MigrantInnen mit aufenthaltsrechtlichen Konsequenzen zu rechnen haben, wenn sie den Integrationskurs (und damit auch den Orientierungskurs) nicht erfolgreich beenden: der Aufenthalt wird maximal um ein Jahr verlängert (S. 361).

Schließlich wird auf die schlechten Rahmenbedingungen hingewiesen, unter denen die Integrationskurse stattfinden müssen. Hentges schreibt, dass die GEW und die „Aktion Butterbrot“ auf die schlechten Arbeitsbedingungen der freiberuflich tätigen DozentInnen hingewiesen und ein Stundenhonorar von 30 € gefordert hätten (S. 362). An dieser Stelle könnte noch ergänzt werden, dass die wenigsten Lehrkräfte in der GEW organisiert sind und dass 30 € für einen selbstständigen Dozenten immer noch ein Dumpinghonorar darstellen, weshalb diese Forderung der GEW bei den Lehrkräften nicht unumstritten ist. Noch gravierender ist aber der Vorwurf, dass es sich um scheinselbstständige Arbeitsbedingungen handelt. Darauf deuten die engen Vorgaben, die das BAMF gerade bei den Orientierungskursen macht.

Insgesamt liefert Gudrun Hentges einen hervorragenden Einstieg in die Probleme rund um die Orientierungskurse. Man darf gespannt sein, ob sich Sozialwissenschaftler auch mit den arbeitsrechtlichen Konsequenzen der Integrationskurse beschäftigen werden. Was bedeutet es z.B. für die Deutsche Rentenversicherung, dass die Bildungsträger seit 2005 kaum Sozialversicherungsbeiträge für die ca. 17.000 Lehrkräfte eingezahlt haben, weil diese als „freiberuflich“ gelten? Hentges fragt zum Schluss, ob die Integrationskurse ein Beitrag zur Integration sind und bezieht sich dabei auf den Integrationsbegriff Hartmut Essers. Sie schreibt: „Eine Platzierung im Sinne von Esser bedeutet, dass die MigrantInnen in den gesellschaftlichen Bereichen (Arbeitsmarkt, Bildung, Wohnungsmarkt, Rechtssystem) gute soziale Positionen erwerben.“ Für die Lehrkräfte, die von ihrer Arbeit in den Integrationskursen nicht leben können, entfällt demnach das Kriterium der Platzierung. Für sie liefern die Integrationskurse also keinen Beitrag für ihre eigene Integration. Das Integrationsproblem hat also nicht unbedingt einen Migrationshintergrund und Bildung bedeutet keineswegs den Schlüssel zum Erfolg.

  1. zitiert nach www.cicero.de []
  2. zitiert nach www.freitag.de []