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Erst „Dichter und Denker“, dann „Exportweltmeister“!

Dass kulturelle und geistige Errungenschaften immer einhergehen mit technischem Fortschritt ist kein Geheimnis. Das gilt auch für Deutschland: erst „Dichter und Denker“, dann „Exportweltmeister“ – ein Plädoyer für eine umfassende Reform des deutschen Musikerziehungswesens.

VONKemal Cem Yılmaz

 Erst „Dichter und Denker“, dann „Exportweltmeister“!
Der Verfasser ist ein türkodeutscher Pianist und Komponist. Das Klavierspiel erlernte er bei Daniel Vodovoz in Langenhagen. Anschließend studierte er Klavier bei Ralf Kathmayer, Heidi Köhler und Christopher Oakden in Hannover und bei Alfredo Perl in Detmold. Außerdem besuchte er die musiktheoretischen Seminare von Anton Plate. Klavierabende und Kammermusikkonzerte führten ihn bereits durch weite Teile Europas und der Türkei, wo er nach dem Gewinn des Nationalen Türkischen Klavierwettbewerbs 2002 auch immer wieder als Solist mit renommierten Orchestern auftrat. Anlässlich der 700-Jahrs-Feierlichkeiten seines Heimatortes Langenhagen komponierte er 2012 als Auftragskomposition das Orchesterwerk '700', welches in der Elisabethkirche in Langenhagen uraufgeführt wurde. Kemal Cem Yılmaz lebt als freischaffender Pianist, Komponist und Klavierpädagoge in Istanbul.

DATUM12. Juli 2013

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Sehr geehrte Frau Dr. Merkel, sehr geehrte Mitglieder der Bundesregierung,

deutsches Kulturgut hat in der jüngeren Geschichte der Menschheit auf der ganzen Welt so wichtige Spuren hinterlassen und Millionen von Menschen den Geist der Aufklärung und des Humanismus, und das Wissen über logisches Denken und Handeln näher gebracht. Darauf kann man als unmittelbarer Träger und Bewahrer dieses Erbes stolz sein. Nicht umsonst gilt Deutschland weitläufig als das „Land der Dichter und Denker“ und nicht als Land der „Exportweltmeister“.

Dass kulturelle und geistige Errungenschaften immer einhergehen mit technischem Fortschritt ist kein Geheimnis. Was zuerst da sein muss, kulturelle Entwicklung oder technischer Fortschritt, kann man wohl genau wie die Frage, ob „das Ei oder das Huhn“ zuerst da war, nicht eindeutig beantworten. Fest steht allerdings, dass weder das Ei ohne Huhn, noch das Huhn ohne Ei existieren können.

Als große, traditionsreiche Kulturnation gilt es heute mehr denn je, die Zeichen der Zeit zu erkennen und richtig zu deuten. Technische Innovation, deren Ursprung immer auch kreativer Natur ist, und wirtschaftlicher Erfolg mögen die Voraussetzungen für allgemeinen Wohlstand sein – aber nur kulturelle Bildung und Förderung und geistige/seelische Entwicklung können die unerschütterlichen Pfeiler des Friedens und des Zusammenhalts einer Gesellschaft bilden … auch wenn es aufgrund diverser, kaum beeinflussbarer Umstände wirtschaftlich mal nicht so gut laufen sollte.

Folgende Fragen drängen sich aufgrund der Entwicklungen im Bereich der musisch-künstlerischen Erziehung in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten unweigerlich auf: Dürfen wir uns als Deutsche auf unseren pädagogischen Traditionen ausruhen, welche während des 3. Reiches und vor allem durch die anschließende „Amerikanisierung“ so großen Schaden genommen haben, ja teilweise in völlige Vergessenheit geraten sind – paradoxerweise gleichzeitig aber in anderen Ländern und Kulturkreisen am Leben erhalten und weiterentwickelt wurden – und uns weiterhin weigern, solch erfolgreiche, langfristige Erziehungs- und Förderprojekte wie das venezolanische „El Sistema“ als Vorbild für unsere eigene Gesellschaft in Betracht zu ziehen? Eine Ausnahme bildet hier wohl das seit einigen Jahren in NRW laufende Projekt „Jedem Kind ein Instrument“. Können wir es uns angesichts der demografischen Entwicklungen in diesem Lande tatsächlich erlauben, materiellen Wohlstand als ultimativen Faktor für das gesellschaftliche Gefüge zu betrachten und darauf hoffen, dass es uns wirtschaftlich und materiell irgendwie schon immer gut gehen werde?

Möchten wir wirklich verantworten, Generationen von Deutschen mit geistigem Nonsens zubombardiert haben zu lassen, ohne den meisten jungen Menschen das seelische Rückgrat mit auf den Weg gegeben zu haben, das zu einer vernünftigen Einordnung und Verarbeitung dieser medial verbreiteten Sinnlosigkeiten notwendig ist?

Kultur ist eine der tragenden Säulen einer jeden Gesellschaft. Es sind vor allem kulturelle Werte und Errungenschaften, die den Zusammenhalt einer Gesellschaft über Generationen hinweg gewährleisten. Nach wie vor sind hochqualifizierter Instrumentalunterricht und die spezielle Förderung künstlerischer Begabungen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland vor allem eine Frage der gesellschaftlichen Stellung und der finanziellen Möglichkeiten der Eltern. Der Zunahme hier geborener junger Menschen mit nichtdeutschem soziokulturellen oder auch biodeutschen Hintergrund, die diese Gesellschaft und diesen Staat als Ganzes ablehnen und teilweise sogar bekämpfen, sollte mit allen Mitteln entgegengewirkt werden.

„Substanziell hat die Förderung von Kulturellem nicht weniger eine Pflichtaufgabe der öffentlichen Haushalte zu sein als zum Beispiel der Straßenbau, die öffentliche Sicherheit oder die Finanzierung der Gehälter im öffentlichen Dienst. Es ist grotesk, dass wir Ausgaben im kulturellen Bereich zumeist ‚Subventionen‘ nennen, während kein Mensch auf die Idee käme, die Ausgaben für ein Bahnhofsgebäude oder einen Spielplatz als Subventionen zu bezeichnen.“ Richard von Weizsäcker

Daher bitte ich Sie und die Bundesregierung, zur Wahrung und Weiterentwicklung der eigenen Musikkultur und zur Förderung einer friedlichen Gesellschaft, in der möglichst alle Menschen – egal welchen soziokulturellen oder ethnischen Hintergrund sie haben – sich mit diesem Land und dessen Werten und geistigen Errungenschaften identifizieren können, ein bundesweites System zu entwickeln und zu etablieren, dass jedem Kind in Deutschland die Möglichkeit bietet, hochqualifizierten Musikunterricht zu erhalten und im Allgemeinen künstlerisches Potenzial frei entfalten zu können. Die universale deutsche Musiktradition könnte somit zu einem gemeinsamen Wert, zu einem wichtigen identitätsstiftenden Element vieler verschiedener Menschen aus allen gesellschaftlichen Teilen werden.

Eine solch langfristig angelegte musisch-künstlerische Erziehungsmaßnahme, die es ermöglichen würde, musisch-kreative Begabungen auch aus finanziell schwachen bzw. sogenannten „bildungsfernen“ Gesellschaftsschichten schon frühzeitig zu erkennen und zu fördern, würde nicht nur ein besonders sinnvolles Mittel sein, um religiös oder anders motivierten, extremistischen Strömungen die Grundlage zu entziehen und somit kulturell oder ethnisch bedingten Spaltungsbestrebungen in der deutschen Gesellschaft vorzubeugen; sie würde sich auch binnen weniger Jahrzehnte als wirtschaftlich durchaus sinnvoll erweisen, da es erwiesener Maßen dieselben menschlichen Veranlagungen sind, die zu kriminellen Energien als auch zu künstlerisch-kreativen Entfaltungsarten führen können.

Besonders deutlich wird dies durch ein Zitat unterstrichen, dass von einem der renommiertesten Forscher auf dem Gebiet der Musikpädagogik und Begabungsforschung, Hans Günther Bastian, stammt: „Bildungspolitik mit Musik ist die beste Sozialpolitik. Politiker, die heute hier Geld sparen wollen, werden es morgen in der Psychiatrie und für Sozialisierungsmaßnahmen ausgeben müssen.“

Ein weiterer äußerst erfreulicher Effekt eines das venezolanische „El Sistema“ als Vorbild nehmenden Musikerziehungs-Systems für Deutschland wäre, dass die einzigartig vielfältige, kulturell so wertvolle musikalische Landschaft dieses Landes, sowie die Pflege des universalen musikalischen Kulturguts für Jahrzehnte gesichert wären.

Ich bitte Sie und die Bundesregierung im Namen vieler Kulturschaffender in diesem Lande dringend, diese Anliegen ernst zu nehmen und die erforderlichen Schritte einzuleiten, damit Deutschland auch in Zukunft „Land der Dichter und Denker (und Komponisten)“ bleiben kann, denn „Exportweltmeister“ werden sicher auch mal andere sein.

Abschließen möchte ich meinen Appell mit einem Zitat des Bundespräsidenten a.D., Richard von Weizsäcker: „Kultur kostet Geld. Sie kostet Geld vor allem auch deshalb, weil der Zugang zu ihr nicht in erster Linie durch einen privat gefüllten Geldbeutel bestimmt sein darf (…) Substanziell hat die Förderung von Kulturellem nicht weniger eine Pflichtaufgabe der öffentlichen Haushalte zu sein als zum Beispiel der Straßenbau, die öffentliche Sicherheit oder die Finanzierung der Gehälter im öffentlichen Dienst. Es ist grotesk, dass wir Ausgaben im kulturellen Bereich zumeist ‚Subventionen‘ nennen, während kein Mensch auf die Idee käme, die Ausgaben für ein Bahnhofsgebäude oder einen Spielplatz als Subventionen zu bezeichnen. Der Ausdruck lenkt uns in die falsche Richtung. Denn Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert.“

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