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Partiziano

Windbeutel aus der Migrantine

Warum trotz fruchtbaren Halbmondes die Bevölkerung schrumpft und was kleine Italiener und Japaner gemeinsam haben, erklären uns Conny Freoboess, Reiner Klingholz und ein Koreanisch sprechender, afrikanischer Elefantenbulle. Karamba Diaby sagt indes Waaw zu seiner politischen Karriere, während Aiolos auch Papst Franziskus vom Winde verweht.

Von wegen prosperierende Populationen: Die Weltbevölkerung schrumpft – und das sogar in Japan, wo die Menschen doch sowieso schon klein sind. Zugegeben, ich bin mit 1,68m auch nicht gerade ein Hüne, aber als Italiener muss man ja schließlich klein sein, sonst könnte Conny Froboess ja einpacken. Und was wäre das wieder für eine überflüssige Diskussion, wenn man den sowieso schon dämlichen und plakativen Text von Zwei kleine Italiener analysierte?

Am Ende nämlich käme heraus, dass a) die Italiener in Deutschland 1962 alle klein waren, b) immer zu zweit unterwegs waren, c) ausnahmslos aus Napoli kamen, d) immer Freundinnen hatten, die Tina und Marina hießen. Nicht zu vergessen:

Zwei kleine Italiener
am Bahnhof da kennt man sie
sie kommen jeden Abend
zum D-Zug nach Napoli

Ich kann an dieser Stelle weder dementieren noch bestätigen, dass es tatsächlich ein D-Zug war, der jeden Abend nach Napoli fuhr. Sehr wohl stimmt es aber, dass Züge aus Italien kamen und eben solche auch nach Italien fuhren. Und: Darin saßen ganz bestimmt auch Italiener, beispielsweise mein Vater. Es ist gleichermaßen korrekt, dass Italiener auch an den Gleisen standen.

Das führte Anfang der 1960er Jahre am Frankfurter Hauptbahnhof gar soweit, dass deutsche Zeitungen empört darüber berichteten, wie störend sie es empfanden, laut redende und wild diskutierende Italiener sonntags an den Gleisen stehen zu sehen und riesige Umwege laufen zu müssen, um nicht in Berührung mir den Pizza- und Pasta-Männern zu kommen.

Binäre Kontakte und kulinarische Kausalitäten
Kontakt hatte man ja schließlich genug, auch in den Zügen übrigens. Das weiß ich nämlich aus persönlicher Erfahrung. Und die beginnt mit einer schweren Tasche am Gleis 11 von Milano Stazione Centrale. Ein hoffnungslos überfüllter Zug mit guten 50° C Innentemperatur und 24 Stunden Guantanamo Light. War auch angebracht, schließlich wurde man in den Abteilen und Gängen zum Kombattanten, musste man doch um jeden cm² Raum kämpfen.

Man wurde aber auch zum Kenner kulinarischer Kausalitäten. So ließen es sich die Süditaliener niemals nehmen, ein Stück herzhafter Heimat mit in dieselbige zu nehmen: Käse, Mortadella, Salami und Wein wurden immer kurz vor der Ankunft in Salerno, Napoli, Villa San Giovanni oder eben in Messina oder Palermo auf die kleinen Klapptische im Abteil gepackt und unter allen Anwesenden verteilt.

Heimat fand man in den Zügen aber auch in den Momenten, in denen die fliegenden Händler irgendwann hinter Roma Termini zustiegen, kalte Cola und Wasser zu inflationären Konditionen verkauften und dann vor dem nächsten Kontrolleur wieder verschwanden. Heimat war es deswegen, weil ich das mit dem schnellen Auftauchen und plötzlichen Verschwinden gut aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel kannte: Guck ma‘, Kollege, hier ist Hütchen, da ist Ball und Moneta is‘ Zappzerrapp. Ayde Tschüss, Paesà, Polizia Stradale kommt. Vidimose na utro!

Promiskuität – vom Winde verweht
Bis morgen also, wenn es ein solches überhaupt noch gibt. Demographen und andere Kaffeesatzleser machen uns da keine großen Hoffnungen: Japans Babyboomer-Massengeneration steht kurz vor dem Eintritt ins Pensionärsdasein und deutsche Kommunen wehren sich dagegen, dass ihre Einwohnerzahlen nach unten korrigiert werden. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, zufolge, gibt es für die schrumpfende Germanenpopulation nur ein Heilmittel: Die bittere Migranten-Medizin: „Ohne Zuwanderer wird es bald recht einsam hier!“

Die Bevölkerung in Deutschland könnte bis zum Ende des Jahrhunderts auf nur noch 25 Millionen Menschen sinken. Auch der drohenden Überalterung der Gesellschaft könne man nur durch Zuzug und durch Migranten entgegenwirken.

Und da kommt wieder die Promiskuität der Migranten-Popolationen ins Spiel: Eins von drei Neugeborenen in Deutschland hat Eltern mit ausländischen Wurzeln. Die Hoffnung steigt, auch wenn der IWF die Wachstumsprognose für Deutschland halbiert.

Sinken wird auch (und wieder einmal) Italiens Bonität. Die Rating-Agentur S&P senkte Italiens Note auf „BBB“ von zuvor „BBB+“. Damit fallen italienische Schuldverschreibungen auf Ramschniveau. Aber, waren sie das denn nicht schon davor? Externe Anschuldigungen und parteinterne Schuldzuweisungen, alle samt unter der Gürtellinie. Nichts Neues also, liebe S&P.

Ebenso bekannt ist die Tatsache, dass die italienische Mafia ihr schmutziges Geld gerne sauber wäscht. Da aber in Sizilien immer schon Wasserknappheit herrschte, setzt sie jetzt auf Windparks und hält die Hände dabei doppelt auf. Denn neben der Geldwäsche kassiert die Mafia zusätzlich EU-Fördergelder.

Aber der „König des Windes“, Vito Nicastri, wurde nun von der italienischen Anti-Mafia-Behörde dingfest gemacht. Und nun warte ich auf meine Einladung zur Zeugenaussage. Nicht, dass ich Nicastri je kennengelernt hätte. Aber ich habe einen sizilianischen Windpark, einen Parco Eolico, gesehen.

Gebet an Aiolos und Franziskus
Die Eltern meines Schwagers wohnen unweit davon entfernt. Vor gut 6 Jahren war er noch nicht fertig gestellt, als mein Schwager und ich morgens gegen 9 und bei bereits 40° C Hitze dorthin joggten. Am Wegesrand und im Schatten karger Bäume kauerten die Straßenarbeiter und schauten uns verwundert nach, während wir kurz vor dem Hitzschlag die rund 10 Kilometer in Richtung riesiger Rotoren liefen.

Bauen würde den Parco Eolico eine Firma aus Deutschland, sagte mir der Vater meines Schwagers. Eine Firma aus Rostestokke. Schön, dachte ich damals noch, saubere Energie für Sizilien und das noch mit deutscher Entwicklungshilfe. Aber am Ende war der Ruf nach Revolution wieder Schall und Rauch oder besser gesagt, Rauch und Schwefel.

Bleibt noch das Gebet, gerichtet an Aiolos, den griechischen Gott des Windes, den Hobbyforscher (immer noch) auf den Äolischen Inseln nördlich von Sizilien vermuten. Die anderen Gläubigen fahren aber lieber nach Lampedusa, weil sie dort den stellvertretenden Türsteher der himmlischen Pforte sicher antreffen. Papst Franziskus besucht in Sizilien Afrikaner. Einerseits spart ihm das Zeit, weil er nicht extra nach Afrika muss, um Afrikaner zu treffen. Andererseits aber ist Lampedusa ziemlich nah am Afrikanischen Kontinent und sehr weit weg von Italien.

Wer weiß, ob Aiolos seine windigen Finger im Spiel hatte und das Boot des Heiligen Vaters genau an die Mole trieb, an der Stunden zuvor noch 166 Bootsflüchtlinge angelegt hatten. Fest steht, dass das Fischerboot, das für die Messe von Papst Franziskus kurzerhand zum Altar umfunktioniert wurde, nun massenweise Fische fangen wird bzw. muss.

Schließlich ist Franziskus ja eine Art Nachfahre von Petrus. Und Petrus war früher Simon und Fischer am See Genezareth. Zugegeben, das Mittelmeer ist ein anderes Kaliber als der See Genezareth. Aber bei einer derart doppelten himmlischen Unterstützung werden die Fische freiwillig in die Netze springen und dabei singen:

Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt,
Und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt,
Ziehn die Fischer mit ihren Booten aufs Meer hinaus,
Und sie legen in weitem Bogen die Netze aus.

Mund voll durch Halbmond
Natürlich ist Lampedusa nicht gleich Capri, aber den Fischen ist das ziemlich egal. Für sie ist jedes Land gleich, weil es eben kein Wasser ist. Apropos Tiere und Artikulation: In Südkorea lebt ein 20 jähriger Elefant, der Koreanisch spricht. Leider nur 5 Wörter und zudem weiß er scheinbar gar nicht, was er da so plappert.

Aber er kann die Wörter Hallo (annyong), Setz dich (anja), Nein (aniya), Leg dich hin (nuo) und Gut (choah) perfekt imitieren, indem er sich den Rüssel ins Maul steckt. Von einem anderen afrikanischen Exilanten in Rom wird berichtet, dass er als einziger afrikanischer Elefant unter asiatischen Elefanten deren Dialekt annahm. Das legt die Vermutung nahe, dass Sprache sich bestens zum Einschleimen eignet. Und wenn man nichts zu sagen hat, dann wohl deswegen, weil der Mund voll ist

Dass die Kaulade überhaupt was zu tun hat, haben wir dem Halbmond zu verdanken, also dem fruchtbar fruchtbaren Halbmond, auch als Fertile Crescent bekannt (nicht unbedingt mir, aber vielleicht den anderen). Diese Region im Norden der arabischen Halbinsel ist neuesten Forschungsergebnissen zufolge die Wiege des Ackerbaus. Wissenschaftler fanden im iranischen Chogha Golan nicht nur Ackerbau-Werkzeuge aus Kochen und Stein, sondern auch verkohlte Pflanzenüberreste, die eine fast 12.000 Jahre alte Siedlungsgeschichte dokumentieren.

Sonnenblumenkerne oder die Saat des Bösen waren wohl nicht dabei. Dennoch, so die Forscher, würden viele der im Fruchtbaren Halbmond domestizierten Pflanzen die ökonomische Basis und Nahrungsgrundlage der heutigen Weltbevölkerung darstellen. Und: Der Beginn der Landwirtschaft war nicht auf eine kleine Region begrenzt, sondern entwickelte sich an mehreren Orten parallel. Das wird übrigens auch von der Sprache vermutet.

Caramba, Karamba und Salaamaalekum!
Die blieb mir letztens fast weg, als mich meine Lebensgefährtin fragte: „Kennst du Karamba Diaby?“ „Nö“, sagte ich, „aber ich kenne Caramba Carajo, ein Whiskey. Und ich habe das Lied auch mal umgedichtet in Caramba Kanako mit Frisbee.“ „Also weißt du nicht, dass ein SPD-Politiker aus dem Senegal in Halle für die Bundestagswahl kandidiert?“ Sie schaute mich triumphierend an, denn eigentlich bin ich derjenige, der solche Dinge weiß.

Karamba Diaby hat aber eine weitaus interessantere Geschichte: Er stammt aus dem Senegal, studierte dank eines Stipendiums an der Universität Leipzig (und zwar da, als Leipzig noch in der DDR lag) und schickt sich nun an, als erster deutscher Politiker mit afrikanischen Wurzeln ein neues Sprechen ins Geplapper der Parlamentspolitiker zu bringen. Und wenn man ihn fragen wird, ob er glücklich ist, wird er vielleicht Waaw sagen. Das ist Wollof und bedeutet Ja.

Wollof spricht und singt übrigens auch Youssou N’Dour, nicht aber Conny Froboess. Die nahm Zwei kleine Italiener ob des großen Erfolgs auch noch in einer niederländischen (Twee kleine Italianen) und italienischen (Un bacio all’italiana) Fassung auf, was mich selbige verlieren lässt. Gefunden aber habe ich schließlich doch noch etwas: Das Ende! Endlich!