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„Das Paradies ist das hier nicht.“

„In Marokko denken viele, dass in Europa alles ganz einfach ist. Man kann einfach Geld verdienen und Arbeit finden,“ meint Bilal. Er ist in der marokkanischen Stadt Tanger aufgewachsen und vor drei Monaten für das Studium nach Deutschland gekommen.

Dieses rundum positive Bild von Europa entstehe zum einen durch die Touristen, die Tag für Tag mit der Fähre von Spanien nach Marokko übersetzen. Sie könnten es sich leisten zu reisen, wohnen in Hotels und essen in für marokkanische Verhältnisse teuren Restaurants.

Aber auch die marokkanischen Auswanderer, die jeden Sommer zurück in ihr Heimatland kommen, verstärkten diese Vorstellung. Sie tragen neue Kleidung und reisen mit einem eigenen Auto an. „Aber die haben auch das ganze Jahr hart gearbeitet und das Auto ist oft nur geliehen“, erklärt Bilal in fließendem Deutsch. „Sie wollen ein positives Bild zeigen, aber hinter dem Aussehen steckt mehr.“

Er hat festgestellt, dass man als Einwanderer in Deutschland „irgendwo“ arbeiten müsse, egal ob man eine Ausbildung hat oder nicht. Mit „irgendwo“ meint er Jobs, die nicht der eigenen Qualifikation entsprechen.

Bilal erzählt zum Beispiel von einem Verwandten, der in Tanger Geologie studiert hat und unbedingt nach Deutschland wollte. Jetzt sei er hier und arbeite in einer Bäckerei. „Er ist total unglücklich. So hatte er sich das einfach nicht vorgestellt.“

Der indische Ethnologe Arjun Appadurai sieht in der heutigen globalisierten Welt die Fantasie als den Motor für die Gestaltung des sozialen Lebens vieler Menschen. Er meint damit, dass durch die rasche und weite Verbreitung von Massenmedien sowie die scheinbar grenzenlose Mobilität von Menschen, Bildern, Nachrichten und Waren die Bedeutung der Vorstellungskraft enorm zugenommen hat und die Imaginationen sogar das individuelle Handeln stark beeinflussen.

So machen sich zum Beispiel viele Menschen auf den Weg, um das vorgestellte bessere Leben anderswo zu finden – sie migrieren vom Land in die Stadt oder umgekehrt, sie gehen auf Reisen oder versuchen eben nach Europa zu kommen wie Bilals Verwandter.

Auch Bilal selbst träumte schon seit vielen Jahren davon, in Deutschland zu studieren. Direkt nach dem Abitur hat er angefangen, Deutsch zu lernen. Bis zum Niveau B2, dem Vierten von insgesamt sechs Niveaus nach dem Europäischen Referenzrahmen, hat er die Fremdsprache gelernt und die Prüfung bestanden. Auch die Zulassung zum Studium an einer deutschen Universität hatte er bewilligt bekommen. Schließlich hing das Auslandsstudium nur noch vom Visum ab – und es kam ein negativer Bescheid ohne Begründung. Also studierte Bilal in Tanger Jura. Als das Visum nach dem Bachelor wieder abgelehnt wurde, fand er eine Arbeit als Deutschlehrer. Zehn Jahre lang hat er es immer wieder probiert, aber er bekam keine Einreiseerlaubnis nach Deutschland.

Während Europäer innerhalb des Schengenraums absolute Freizügigkeit genießen und sich auch weltweit mit ihrem Pass relativ frei bewegen können, werden die EU-Außengrenzen geschlossen und jungen Menschen aus Ländern wie Marokko die Mobilität erschwert oder sogar verwehrt.

Nach der EU-Visum-Verordnung sind die Länder außerhalb der Europäischen Union in „positive“ und „negative Drittstaaten“ eingeteilt. Wer aus einem sogenannten „negativen Drittstaat“ kommt, kann nicht ohne Visum in die Europäische Union einreisen. Eine Einreiseerlaubnis ist an verschiedene Bedingungen geknüpft und am Ende liegt die Entscheidung im Ermessen der Behörden.

In diesem Frühjahr hat Bilal seinen dreißigsten Geburtstag gefeiert und plötzlich kam der positive Bescheid, dass er für das Studium nach Deutschland einreisen kann. Doch Bilals Blick auf Europa hatte sich verändert. „Ich kenne viele Leute, die erzählen die Realität, deswegen konnte ich mir vorstellen, dass auch Schwierigkeiten auf mich zukommen würden.“

Jetzt lebt er in Kiel, wo er einen Masterstudienplatz bekommen hat. Was ihm dort sofort aufgefallen ist, sind große Unterschiede zwischen Arm und Reich, die er in Europa nicht erwartet hätte. „Man sieht das an den Autos, den Klamotten und den unterschiedlichen Stadtvierteln“, beschreibt Bilal. Verwundert hat er jeden Abend beobachtet wie so viele Menschen mit ihren Fahrrädern und Behältern durch die Stadt fahren, jeder mit einem Licht in der Hand und Pfandflaschen sammeln. Das sei auch ein Gesicht der Armut. „Aber das sehen die Menschen in Marokko nicht und deswegen denken sie Europa sei das Paradies. Aber das Paradies ist das hier nicht.“