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Plädoyer für Türkischunterricht

Die Sprache ist der Schlüssel zur Teilhabe

Baden-Württemberg wagt sich in der Integrationspolitik einen Schritt nach vorne: Türkisch soll Schulfach werden. Doch die sogenannte Mehrheitsgesellschaft fürchtet sich. Weshalb das so ist, beschreibt Marcel Hopp in einem Gastkommentar für das MiGAZIN.

VONMarcel Hopp

 Die Sprache ist der Schlüssel zur Teilhabe
Der Autor (25) studiert Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaften auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Geboren, aufgewachsen und wohnhaft ist er in Berlin-Neukölln. Die Förderung der kulturellen Verständigung und der sozialen Teilhabe gehören in seinem gesellschaftlichen Engagement zu seinen Hauptzielsetzungen.

DATUM3. Juli 2013

KOMMENTARE29

RESSORTAktuell, Meinung

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Die Skepsis und Abneigung ist in weiten Teilen der Bevölkerung enorm. Auf den Internetseiten sämtlicher Zeitungen, die über den Vorstoß aus Stuttgart berichteten, lassen sich zahlreiche Kommentare finden, die gegen die Einführung von Türkisch in Schulen wettern. Kommentare wie die eines Lesers der Stuttgarter Zeitung sind keine Seltenheit: „Wozu brauchen Türken diese Sprache als dritte Fremdsprache? Eigentlich wäre es ja sinnvoll, dass türkische Landsleute erst einmal richtig Deutsch lernen, denn immerhin leben sie ja in Deutschland.“

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Wieder einmal geht die Angst vor dem Untergang des Abendlandes von Stammtisch zu Stammtisch. Und genau an diesen sitzen die eigentlichen „Integrationsverweigerer“, denn das ewige Mantra „Bringt euren Kindern Deutsch bei“ führt in vielen türkischstämmigen Familien eben nicht zu besseren Deutschkenntnissen. Von Eltern zu verlangen, sie sollten die von ihnen erlernte deutsche Fremdsprache ihren Kindern als Muttersprache vermitteln, wäre ebenso unsinnig wie aus integrativer Sicht kontraproduktiv. Die Zahl derjenigen Kinder und Jugendlichen, die sowohl in ihrer Muttersprache (Türkisch) als auch in der Fremdsprache (Deutsch) gravierende Mängel aufweisen, würde dadurch noch weiter steigen.

Zweitsprache: Ja oder Nein?
Für die Zweitspracherwerbsforschung ist die Erkenntnis keine neue, dass diejenigen die ihre Muttersprache kompetent erlernt haben, sich eine Fremdsprache nicht nur sehr viel schneller, sondern eben auch um einiges erfolgreicher aneignen können. Der Grund dafür ist einfach: je besser die Muttersprache gelernt wurde, desto gefestigter ist die kognitive Basis, auf der die Zweitsprache aufbauen kann. Andersrum bedeutet das eben auch, dass Defizite in der Muttersprache durch mangelnde Sprachvermittlung zu gravierenden Problemen beim Erlernen der Fremdsprache nach sich ziehen können. Von türkischstämmigen Eltern, die die deutsche Sprache selbst als Fremdsprache erlernt haben, zu verlangen, sie sollten ihren Kindern „erst einmal richtig Deutsch“ beibringen, würde das Kommunikationsproblem daher nur verschärfen. Folgt man dieser Erkenntnis, so muss diesen Kindern erst richtig Türkisch beigebracht werden – und zwar sowohl der mündliche Gebrauch als auch die Grammatik und Lexik. Und genau an diesem Punkt kann und sollte die Schule die türkeistämmigen Eltern unterstützen.

Aus diesem Grund ist der Vorstoß der SPD ein Schritt in die richtige Richtung, allerdings reicht er bei Weitem nicht aus. Ja, er könnte den Kritikern letztlich sogar in die Hände spielen. Denn wollte man die Sprachkenntnisse türkeistämmiger Schüler entscheidend verbessern, so wäre die Einführung des Türkischunterrichts ab der 8. Klassenstufe viel zu spät. Richtig und wichtig wäre die Einführung des türkischen Fremdsprachenunterrichts so früh wie möglich – also mindestens ab der Grundschule. Je später die Vermittlung der Muttersprache stattfindet, desto weniger wirksam ist sie. Ebenso inkonsequent ist die Beschränkung des Türkischunterrichts auf das Gymnasium. Die Mehrheit der türkeistämmigen Schüler würde nicht von der Einführung profitieren, daher wäre einzig allein die Ausweitung des Türkischunterrichts auf alle Schulformen sinnvoll.

Kein Untergang des Abendlandes
Wenn die sogenannte Mehrheitsgesellschaft tatsächlich ein Interesse daran hat, dass türkeistämmige Kinder die deutsche Sprache kompetent beherrschen, so muss sie lernen, die Lebenswelten dieser Kinder anzuerkennen. Türkisch im Unterricht führt nicht zum Untergang des Abendlandes, sondern zu mehr Teilhabe und einer besseren Verständigung untereinander. Neben den rationalen und wissenschaftlich fundierten Gründen, wäre die Einführung des Türkischunterrichts also auch eine längst überfällige Geste der Anerkennung der türkischstämmigen Community in unserer „Einwanderungsgesellschaft“.

Der Türkischunterricht wäre außerdem nicht nur für türkeistämmige Kinder, sondern eben für alle offen. Auch ethnisch deutsche Kinder können und sollen Türkisch erlernen können – sie würden die „Völkerverständigung“ entscheidend voranbringen. Integration bedeutet nicht, dass sich ausschließlich die Minderheiten an die Mehrheitsgesellschaft „anzupassen“ haben, sondern, dass wir alle lernen aufeinander zuzugehen. Das ist keine Sozialromantik, sondern schlichtweg unumgänglich, wenn wir miteinander wachsen wollen.

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29 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Kigili sagt:

    Toller Beitrag!!! Ich habe auch schnell mal gegoogled wer überhaupt Marcel Hopp ist und eine Seite mit seiner Einstellung gefunden: “Ich setze mich ein für Toleranz, soziale Gerechtigkeit, eine massive Umverteilung von oben nach unten und für ein Land, in dem Nazis und Rassismus keinen Platz haben. Ich bin linksextrem.” Finde ich super! Noch mehr freut es mich und macht mich persönlich stolz, dass er aus Berlin-Neukölln kommt!!!

  2. idil sagt:

    Sehr gut geschrieben..
    In NRW ist dies schon so umgesetzt. Daher bin ich auch von Ba-Wü, wo ich auch Lehramt studiert habe, nach NRW gezogen.
    Vielen Dank für den tollen Beitrag Marcel Hopp!

  3. Josef Özcan sagt:

    Nun, der Beitrag ist ohne Zweifel ein guter Schritt … er muss jedoch in Richtung “Psyche” ergänzt werden …

    Es geht ja bei dem hier zur Debatte stehenden Aspekt des Spracherwerbs nicht einfach nur um einen kognitiven Kompetenzerwerb, der dann auch noch den üblichen Leistungskriterien gut/schlecht unterworfen werden kann.

    Es geht hier psycho-sozial um die Frage inwieweit eine zentrale Identifikation in der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert ist und (Lern-)Raum bekommt … es geht um die Möglichkeit sich mit dieser türkischen Identifikation qua Sprache gleichwertig in die Mehrheitsgesellschaft einbringen zu können … um sich im Gegenzug gleichwertig mit der “Mehrheitssprache” Deutsch identifizieren zu können … dieser eigentliche Kern der Sache widerstrebt strukturalfaschistischer “Mehrwert/Minderwert” Kategorisierungen.

    Emotionale Gebundenheit kann nicht nach “Leistungskriterien” betrachtet werden … und eine Möglichkeit Türkisch in der Schule zu erwerben wäre hervorragend aber bitte nicht im Kontext der Selektion entlang von Noten … Identifikation darf nicht nach gut/schlecht kategorisiert werden … sie braucht freien Entfaltungsraum … im Kontext fähiger transkultureller Begleitung …

    Josef Özcan (Diplom Psychologe / Amnesty International)

  4. Wolfram Obermanns sagt:

    Jenseits übersichtlicher Parteilinien präsentiert sich die Lage in BaWü etwas anders als es der Autor des Artikels scheinbar wahr haben will.
    SPD: Türkisch als 3. Fremdsprache ab Klasse 8,
    CDU: Türkisch in der Grundschule.ab 1,
    Grüne: Türkisch in der Grundschule.ab 1.

    Das bereits bestehende Angebot des Türkischunterrichts in BaWü leidet z. Z. an seinem grottigen Niveau.
    Quelle: FAZ vom 26.6.

  5. Lionel sagt:

    Ob die Solidarisierung mit dem Linksextremismus, der solche Massenmörder wie Stalin, Mao und Pol Pot in seinen Reihen führte, eine gute Sache ist mag man doch bezweifeln.
    Es bleibt zu hoffen, dass die massive Umverteilung von nach oben, die Hr. Hopp befürwortet, nicht mit einem Holodomor (Tötung durch Hunger) einhergeht wie 1932/33 bei der Kollektivierung und Entkulakisierung in der Sowjetunion, wenn er in der Regierungsverantwortung sein sollte.

  6. posteo sagt:

    Bis in die späten 70er bestand das Fernsehenprogramm aus gerade mal 3 Sendern und um 20 Uhr schaute “man” die Tagesschau. Das war eine mediale Gleichschaltung, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann, die aber auch einen großen integrativen Nutzen hatte. Wer fernsehen wollte (und wer wollte das nicht?) musste das auf deutsch tun und am nächsten Morgen hatten alle in etwa den gleichen Informationsstand und ein gemeinsames Thema.
    Die Privatisierung des Frensehens hat die Notwendigkeit beendet, deutsche Sender zu hören und dadurch die deutsche Sprache automatisch mit zu lernen. Umgekehrt ermöglichen türkische Sender und Zeitschriften den türkischstämmigen Kindern, ihre Muttersprache fehlerfrei und auf jedem gewünschten Niveau kennen zu lernen.
    Daher ist muttersprachlicher Unterricht in den Schulen für mich nicht zwingend notwendig, zumal in Deutschland an die 200 Muttersprachen gesprochen werden.

  7. posteo sagt:

    Sorry, ich muss mich korrigieren:
    Es leben in Deutschland zwar Menschen aus annähernd 200 Nationen, da aber nicht jedes Land eine exklusive Landessprache hat, dürfe die Anzahl der verwendeten Sprachen wesentlich geringer sein.

  8. NEIN! Logisch wäre Folgendes und das würde ich als Tribut an die Realität befürworten:

    Bei der grossen Anzahl an türkischen Kindern, die mit fast keinen oder schlechten Deutschkenntnissen eingeschult wären benötigen wir:
    1. Türkische Schulen, an denen Deutsch als verbindliche Fremdsprache angeboten wird.
    2. Oder türkischsprachigen Schulunterricht, also Klassen, die nur aus türkischen Schülern mit schlechten Deutschkenntnissen bestehen von Anfang an mit Deutsch als verbindlicher Fremdsprache.

    Gleichbehandlung von Migranten darf nicht leiden:

    Um die Gleichbehandlung von Migrantenkindern einigermassen herzustellen müsste der Deutsche Staat umgekehrt ursprungssprachlichen Unterricht aller anderen Ethnien unter Nachweis der Kosten erstatten.

  9. Marie sagt:

    “Die Privatisierung des Frensehens hat die Notwendigkeit beendet, deutsche Sender zu hören und dadurch die deutsche Sprache automatisch mit zu lernen. Umgekehrt ermöglichen türkische Sender und Zeitschriften den türkischstämmigen Kindern, ihre Muttersprache fehlerfrei und auf jedem gewünschten Niveau kennen zu lernen.”

    Nu denn, dann benötigen wir ja auch keinen deutschen muttersprachlichen Unterricht, schließlich ermöglichen deutsche Sender und Zeitschriften jeder Art die Muttersprache deutsch “fehlerfrei und auf jedem gewünschten Niveau zu lernen.”

    “Daher ist muttersprachlicher Unterricht in den Schulen für mich nicht zwingend notwendig, zumal in Deutschland an die 200 Muttersprachen gesprochen werden.

    “Zwingend notwendig” ist auch nicht Französisch oder Englisch auf dem Gymnasium. Und hier geht es, wenn ich das richtig verstanden habe, um Türkisch auf dem Gymnasium ab der 8. Klasse. Als dritte Fremdsprache. Ich denke mal, in Deutschland leben weniger Menschen mit Französisch oder Englisch als Muttersprache, als solche, deren Muttersprache türkisch ist. Was also sollte dagegen sprechen, Türkisch als Fremdsprache auf dem Gymnasium einzuführen? Ich persönlich plädiere ausdrücklich dafür, schon an Grundschulen muttersprachlichen Unterricht zu erteilen. Das kann man vielleicht nicht bei jeder Sprache tun, die die Muttersprache einer sehr kleinen Minderheit ist, bei Sprachen, welche die Muttersprache sehr vieler in Deutschland lebender Menschen sind, sollte man es schon tun. Weshalb sollten nur Herkunftsdeutsche muttersprachlichen Unterricht erhalten? Was halten Sie von Gleichberechtigung?

  10. Süperhorst sagt:

    Wir leben im Silicon-Valley und die meisten Deutschen hier sprechen Deutsch mit ihren Kindern und schicken sie entweder in deutsche Schulen oder in welche mit Deutsch als Fremdsprache. Das wird hier als ganz normal empfunden. Und das ist es ja auch! Die Arroganz und Wille zur Bevormundung in der Diskussion in Deutschland sucht international seinesgleichen. In Finland hat jedes Kind das Recht seine Herkunfftssprache in der Schule zu erlernen!


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