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Die Nebenwirkungen einer deusch-türkischen Identität

Auslöser dieser Symptome ist die Protestbewegung in der Türkei, nein eigentlich die Frage, warum ich nicht dieses Interesse verspüre, ebenfalls auf die Straße zu gehen und für „diese Sache“ zu demonstrieren. Etwas bremst mich, hält mich zurück, obwohl ich auch unterstützen und aufbegehren möchte.

So habe ich darüber nachgedacht, woher diese Unentschlossenheit rührt. Für mich gibt es mehrere Gründe: Zum einen bin ich gar nicht sicher, ob diejenigen, die in der Türkei in den Städten Istanbul, Ankara und Izmir auf die Straße gehen, sich mit einer „Almancı“ identifizieren, außer vielleicht diejenigen, die Verwandte in Deutschland oder in einem anderen EU-Land haben. Wir sind nämlich die Almancı, die „Deutschen“, die nach Deutschland gegangen sind. Ich verspüre bei diesem Begriff eher eine Art Arroganz, die ausgeht von dieser Mittelschicht in der Türkei, die niemals nach Deutschland auswandern würde, weil sie es nie nötig hatte und auch nie haben wird.

In der Türkei ist die Differenzierung zwischen weißen Türken und schwarzen Türken geläufig, was die Klassifizierung nochmals verdeutlicht, wobei dies einen anderen Hintergrund hat, vor allem politisch betrachtet: eine Unterscheidung zwischen den Kemalisten/den Urbanen/der elitären Bildungsschicht und den schwarzen Türken aus Anatolien.

Hierzu muss man auch wissen, dass die Türkei zu Zeiten der Republikgründung durch Atatürk und seiner „Reformen von oben“ eine Bevölkerungsstruktur aufwies, die zu 90 % aus AnalphabetInnen bestand und geprägt war von ländlichen Strukturen. Zudem gab und gibt es in der Türkei über 40 ethnische Gruppen. Die Politik und die Besetzung wichtiger Ämter blieben einer bestimmten gebildeten Oberschicht vorbehalten. Auch nach Jahrzehnten hielt und hält sich diese Unterscheidung zwischen Städtern und Landbevölkerung.

Da jedoch zumindest in der ersten Gastarbeiter-Anwerbephase vor allem Türken aus dieser ländlichen Region nach Deutschland kamen, ist auch unter den Türkei-Türken die Meinung schlechthin vertreten, dass die Zuwanderergeneration aus der Türkei ausschließlich aus Anatolien stammt, zuweilen als Bauernvolk beschimpft. So wie die Einheimischen in Deutschland nicht differenzieren, differenzieren auch die türkischen Einheimischen nicht.

Zum anderen kenne ich die eigentliche Ausgangsmotivation Protestierenden in der Türkei nicht. Ich bin mir nicht ganz sicher, wofür die StudentInnen aus dieser sogenannten Bildungsmittelschicht in Izmir, Istanbul und Ankara tatsächlich auf die Straße gehen. Ich lebe nicht in der Türkei und habe auch nie dort gelebt, sodass ich nicht beurteilen kann, welcher Leidensdruck die bürgerliche Mittelschicht in der Türkei dazu veranlasst, derartige Strapazen auf sich zu nehmen.

Vor wenigen Tagen haben wir in Deutschland den 20. Jahrestag der Anschläge in Mölln und Solingen gedacht. Und auch die Berichterstattung über die unzähligen Pannen im Zusammenhang mit den NSU-Morden ebbt in Deutschland nicht ab. Ich frage mich, wo die Stimmen aus der Türkei sind? Ich habe sie nicht gehört. Nicht vor 20 Jahren und auch jetzt nicht.

Ich habe einer Bekannten gegenüber neulich spontan geäußert, ich würde nicht auf die Straße gehen, weil ich es damals vermisst habe, dass die Türkei-Türken für uns auf die Straße gegangen sind. Ja, damals vor 20 Jahren war nach den Anschlägen in Mölln und Solingen eine sehr unangenehme Stimmung im Lande, die auch ich spürte. Ja, ich hatte Angst. Damals Studentin der Rechtswissenschaften war ich für eine vorübergehende Zeit unsicher, ob das Land, in dem ich geboren wurde, wo ich mich zu Hause fühlte – obwohl ich als Kind immer gefragt wurde, wie lange wir denn noch bleiben – dauerhaft mein Land sein würde und ob ich hier willkommen bin.

Aus der Ferne kam keine Unterstützung. Was hatte ich erwartet? Welche Form von Rückendeckung? Ehrlich, ich weiß es nicht. Nur die Gefühle, die man in sich trägt, trügen nicht. Diese sagen, dass man sich von der Türkei, wenn auch nur emotional, eine Stütze erhofft hätte. Es gibt zahlreiche andere Beispiele, die man aufführen könnte, um dieses „Gefühl vom alleingelassen sein“ zu beschreiben.

Es hilft uns wenig, wenn Erdoğan in Deutschland Stadien füllt, um den in Deutschland lebenden Deutsch-Türken zu sagen, dass sie zuerst türkisch lernen sollen. Immer wenn man das Gefühl hat, die Krankheit „Identitätskrise“ sei geheilt, flammt sie wieder auf. Die Frage, wohin die in Deutschland geborenen Generationen hingehören, ist immer noch aktuell, aktueller als je zuvor!