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Migration und Integration in Deutschland

Die Zerteilung der Arbeit in kurze und ständig zu wiederholende, gleichförmige Handgriffe ermöglicht es, Arbeiter ohne Qualifikation und ohne Kenntnis der deutschen Sprache einzusetzen; die Art der Arbeit erfordert es vielleicht sogar.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Porträt

„Der Beweis, dass du dein Geld auch verdienst“

Soziologisch betrachtet gehört Pham, ein 21-jähriger Mathematik-Student mit vietnamesischen Wurzeln, dem sogenannten statusorientierten Milieu an. Anhand der Werteorientierung oder auch ihren ästhetischen Vorlieben unterteilt man so Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in bestimmte Milieus – ein Porträt.

VONIgor Mitchnik

 „Der Beweis, dass du dein Geld auch verdienst“
Der Autor wurde 1991 in St. Petersburg – damals noch Leningrad – geboren und ist danach in Berlin aufgewachsen. Zur Zeit studiert er Sozialwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf und ist nebenbei als freier Journalist für verschiedene Medien tätig.

DATUM2. Juli 2013

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Tuan Anh Pham reißt sein Eis aus der Verpackung und setzt sich auf den Bordstein der Brüsseler Straße in Köln. Teure Autos fahren an uns vorbei, Jazzmusik schallt keine 30 Meter von uns entfernt, gefolgt von dem tosenden Applaus anwesender Anwohner. „Kennst du das Spiel mit dem Smart? Wo man sich in den Arm boxt, wenn einer vorbeifährt?“, fragt mich der 21-jährige Mathematik-Student. „Das haben wir in London mit Porsches gespielt. Hat ganz gut funktioniert.“

Pham ist nicht sein richtiger Name. Aus Sorge um seine Karriere möchte er lieber anonym bleiben, denn für Pham gibt es nur einen Weg: Und der geht steil nach oben. Gerade unterschrieb er seinen Untermietvertrag in Köln, wo er ein Praktikum bei einer namhaften Versicherung machen wird. Noch keine Woche ist es her, dass er von seinem Auslandsjahr in London zurück nach Berlin gekehrt ist. Ob man sich da beschweren kann? Er stöhnt erschöpft auf. „Ich entscheide mich für die Orte, die mir für meine Karriere nützlich erscheinen.“ Zufrieden sieht er damit nicht aus. „Ja, ich mache es nicht gerne. Aber in manchen Fällen ist es kaum vermeidbar, weil mein jetziger Wohnort mir nicht die optimalsten Entfaltungsmöglichkeiten bietet.“

Sein jetziger Wohnort ist auch sein Geburtsort: Berlin. Seine Eltern sind noch vor der Wende, 1988, aus Vietnam nach Berlin gekommen. Hier blieb er bis zu seinem Studium in London. Sowohl Deutschland als auch Vietnam sind ein Teil von ihm, mit dem Spagat ist er aufgewachsen. Doch nicht zuletzt wegen seines Aussehens wird er hin und wieder daran erinnert, wie man ihn wahrnimmt. „Du kannst ja richtig deutsch – und du berlinerst sogar!“, zitiert Pham einen älteren Mann, der ihn in einer Unterhaltung mit einem Freund unterbrach. Dass er sich trotz solcher Vorfälle in Deutschland willkommen fühle, liegt seiner Meinung nach an Berlin: „Die Stadt ist sehr multikulturell. Und die Vietnamesen hier gelten als Vorzeigemigranten.“ In der öffentlichen Wahrnehmung bringe man sie eher nicht mit Problemen in Verbindung, stattdessen „glänzen die Kinder mit schulischen Bestleistungen“, sagt der Berliner stolz.

Soziologisch betrachtet gehört Pham dem sogenannten statusorientierten Milieu an. Anhand der Werteorientierung oder auch ihren ästhetischen Vorlieben unterteilt man so Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in bestimmte Milieus. Zum status- oder auch aufstiegsorientierten Milieu zählen Menschen, die aus sozial schwachen Verhältnissen stammen und für sich Besseres erreichen wollen, um sich und ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. In Deutschland gehören knapp zwölf Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund diesem Milieu an – das entspricht etwa 1,36 Millionen Menschen.

Kennzeichnend für dieses Milieu ist mitunter ihre Vorstellung von Glück: „Ich will meine Ziele erfüllen und mit mir selbst im Reinen sein“, sagt Pham. Dafür brauche er Menschen um ihn rum, für deren Wohl er ebenfalls sorgen können möchte – und meint damit vor allem seine Familie. Eine künftige Ehefrau, Kinder und natürlich seine Eltern.

Der Schlüssel dazu? Wohlstand. „Geld löst zwar nicht alle Probleme, aber es erleichtert das Leben ungemein“, sagt der 21-Jährige. Im Gegensatz zu unserer heutigen Konsumgesellschaft herrschte in der kommunistischen Heimat seiner Eltern Mangel. Diesen will er nicht erleben, die Geschichte seiner Familie hat er oft vor Augen. „Ich gehe zum Beispiel sehr gerne essen. Meine Familie war sehr arm, wir konnten es uns nie leisten, hochwertige Lebensmittel zu kaufen.“ Dass er diese Möglichkeit später haben kann, weiß er sehr zu schätzen. Seine Kinder sollen es nach Möglichkeit später besser haben als er.

Zielstrebigkeit, Erfolg, Karriere, Aufstieg und materieller Wohlstand: Das steht ihm für seine Zukunft nicht zur Diskussion. Und für seine vietnamesischen Eltern auch nicht. In Vietnam gehörten sie beide der Arbeiterschicht an, in Berlin ist ihnen sozialer Aufstieg nicht geglückt. Von klein an wurde ihm beigebracht, wie wichtig Aufstieg durch Bildung ist, „Bildung, starker Ehrgeiz und die Bewahrung der vietnamesischen Kultur waren die wesentlichen Säulen meiner Erziehung“, erinnert sich Pham. „Die Kultur war meinen Eltern wichtig für die bleibende Identifikation mit ihrer Heimat“ – Vietnam.

Wie viele vietnamesische Eltern taten sie alles dafür, um ihn zum „idealen asiatischen Menschen“ zu erziehen. Dieser Mensch – eigentlich: dieser Mann – sollte Pham werden. Immer das Ziel vor Augen haben: größtmögliches Ansehen und Reichtum, durch Bildung und harte Arbeit. Zentral ist dabei vor allem das Ansehen der Familie, der Erfolgsdruck, der dadurch auf den Kindern lastet, ist enorm. Der perfekte asiatische Mann muss sich – ganz die konfuzianische Tradition – nämlich nicht nur um Kind und Frau kümmern, sondern auch um die Eltern. Mit der Rente wird nicht gerechnet. „Dabei ist die harte Arbeit, der Beweis, dass du dein Geld auch wirklich verdienst, sehr wichtig“, erklärt Pham. „Menschen, die wenig tun, aber viel Geld verdienen, gelten automatisch als suspekt oder kriminell. Neid und Missgunst werden bereits im Kindesalter gefördert“, sagt er kritisch.

Familie ist alles. Geld wird verdient, um die Familie zu versorgen, das sei die vietnamesische Pflicht. Arbeit und Familie stehen in einem engen Verhältnis, „beides hängt gewissermaßen miteinander zusammen“, sagt Pham. Wofür er sich in seinem Leben entscheiden würde, wenn man ihn vor die Wahl stellen würde? „Ich würde mich immer für die Familie entscheiden. Von Geld kann ich mir weder Geborgenheit noch Liebe kaufen“, Werte, die ihm auch in einer Partnerschaft neben Vertrauen und Fürsorge zentral sind. „In unserer globalisierten Welt ist man immer viel unterwegs. Da braucht man viel Vertrauen in den Partner.“

Die Musiker spielen immer noch. Pärchen laufen Arm in Arm die Brüsseler Straße lang und wippen im Takt zur Musik. Dieses typisch bürgerliche Leben der neuen kreativen Mittelschicht in Metropolen wie Köln, Hamburg, Düsseldorf und natürlich Berlin kann sich Pham für sich nicht vorstellen. „Meine Eltern würden das auch nicht verstehen. Dieser gutbürgerliche Lebensstil hat etwas Verschwenderisches.“ Das Individuum stehe viel zu stark im Mittelpunkt, diese Form von Selbstverwirklichung gehe auch auf Kosten der familiären Bindung. „Ich hätte Angst davor, mich von meinen Eltern zu entfernen und meine Herkunft zu vergessen“ – sowohl seinen sozialen Ursprung in der Arbeiterschicht als auch den vietnamesischen Teil seiner Identität.

Doch mit dem Freundeskreis, mit dem Umfeld ändern sich auch die Vorstellungen vom Leben. Werte und Lebensvorstellungen können sich mit zunehmender Erfahrung wandeln. „Bis zum Abitur bestand mein näheres Umfeld überwiegend aus vietnamesischen Migrantenkindern der zweiten Generation.“ Seit er studiere, sei sein Bekanntenkreis viel multikultureller geworden. Der Kontakt zu anderen Vietnamesen und Deutschen vietnamesischer Herkunft überwiege trotzdem noch.

Und noch ein Punkt hat sich geändert: „Anfangs wollte ich nur das große Geld, Arbeitszeiten waren mir egal.“ Heute könnte sich Pham das nicht mehr vorstellen, „Work-Life-Balance zählt für mich heute viel mehr. Jetzt möchte ich möglichst viel Geld verdienen bei möglichst wenig Arbeit“ – sodass er mehr Zeit habe für Dinge und Menschen, die ihm wichtig sind. Ob das noch zum konfuzianischen Rollenmodell passt? „Die Welt hat sich verändert, heutzutage sind gewisse individuelle Freiheiten sehr wichtig geworden. Und die schätze ich auch in Deutschland.“

Er beißt das letzte Stück Eis ab, steht von der Straße auf und wirft es in die Mülltonne. Die Musiker spielen nicht mehr, die Menschen haben sich vom Straßenfest in die anliegenden Cafés verzogen. „Menschen ohne den Willen besser zu werden stagnieren irgendwann. Das möchte ich nicht“, sagt Pham. „Solange ich meine Familie ehre und auf meine Eltern aufpassen kann, klappt das alles schon.“

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