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Migration und Integration in Deutschland

Es gab vor allem in der Anfangsphase der Anwerbung von Türken häufige Klagen der deutschen Arbeitskollegen darüber, dass die Türken … an ihrem Arbeitsplatz wie verrückt arbeiten und dadurch die Akkordsätze verderben.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Strukturelle Diskriminierung

Kein Schulplatz für ausländische Kinder

Kinder von neu eingewanderten Ausländern warten nicht selten mehrere Monate auf einen Schulplatz. Notfalls werden sie in die Sonderschule abgeschoben. Eine bildungspolitische Bankrotterklärung im selbsternannten Integrationsland Deutschland.

Nora spricht zwei Sprachen: Bulgarisch und Türkisch. In der Schule lernte sie in kyrillischer Schrift Lesen und Schreiben. Sie war in der dritten Klasse, als ihre Mutter Ceylan Rahimova im November letzten Jahres beschloss, von Bulgarien nach Köln zu ziehen.

Der Vater lebt schon einige Zeit in Deutschland und hat bei einer Kölner Baufirma eine Anstellung gefunden. Anfang Dezember meldet sich die Mutter mit ihren beiden Kindern Nora und der fünfjährigen Neriman offiziell in Köln-Poll an. Als EU-Bürgerin kein Problem. Wenige Tage später gehen Vater und Mutter mit Nora zur nächstgelegenen Grundschule im Stadtteil, um sie anzumelden. Fehlanzeige. Nora wird weggeschickt, weil sie kein Deutsch spricht.

„Am Anfang hat das Schulamt richtig Druck gemacht. Wir sollten ganz schnell zum Gesundheitsamt gehen, um die Schuluntersuchung machen zu lassen, aber dann haben wir nichts mehr gehört“, berichtet die Mutter von ihren ersten Erlebnissen mit dem deutschen Schulsystem. „Wir haben nicht locker gelassen. Wir waren in allen Grundschulen im Stadtteil. Alle haben uns weggeschickt.“ Nora bekommt die Ablehnungen hautnah mit und sie macht sich ihren Reim darauf. „Mein Mädchen war sehr enttäuscht, sie hat viel geheult und gesagt, die wollen mich hier nicht haben, ich will zurück nach Bulgarien zu meinen Freundinnen.“

Strukturelle Diskriminierung – Kein Einzelfall
Nora sei kein trauriger Einzelfall, berichtet Eliza Aleksandrova von der Integrationsagentur des Kölner Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen e. V. „Viele bulgarische Kinder warten bis zu fünf Monaten auf einen Schulplatz“. Was die Mutter von Nora als Absicht der Stadt bezeichnet, sie damit aus Köln loszuwerden, ist für die Psychologin Aleksandrova ein Hinweis für strukturelle Diskriminierung: „Davon sind besonders Kinder aus Romafamilien betroffen. Mit dem Erlangen eines Schulplatzes sei die Diskriminierung jedoch nicht gebannt. Eine andere Familie habe letztes Jahr von Februar bis Oktober auf einen Schulplatz für ihr zehnjähriges Grundschulkind gewartet. „Nach nur einem Monat leitete die Schule das Verfahren zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs ein. Die Eltern sind hinters Licht geführt worden. Sie haben dem Verfahren zugestimmt, ohne zu wissen, was es bedeutet, wenn ihr Kind in eine Sonderschule abgeschoben wird.“

Weder die Bemühungen um einen Schulplatz für Nora noch um einen Kindergartenplatz für die fünfjährige Nerima fruchten. Beide Kinder bleiben ohne die Möglichkeit, andere Kinder kennenzulernen und Deutsch zu lernen, bei der Mutter. Deren Jobsuche wiederum und damit verbunden auch die Wohnungssuche stagnieren. Die Familie lebt beim Arbeitgeber des Mannes in zwei Büroräumen. Das Provisorium, geplant für die ersten Wochen, zieht sich in die Länge. Was die Kinder brauchen, beschreibt Karl-August Schwarthans von der AWO Integrationsstelle in Duisburg bei der Experten-Anhörung im NRW-Integrationsministerium am 19. März: „Insbesondere die Kinder und Jugendlichen, die sich auf der Warteliste für den Schulbesuch befinden, benötigen ein Angebot zur Vorbereitung auf die Schule, ebenso wie die Kinder im Vorschul- und Kindergartenalter. Der rechtliche Anspruch auf einen Kindergartenplatz muss durchgesetzt werden.“

„Internationale“ Klassen sollen vorbereiten
Für die Stadt bedeutet das eine Herausforderung. „Köln ist eine junge, wachsende Stadt. Das ist schön, führt aber in manchen Stadtteilen zu voll ausgelasteten Schulen“, beschreibt Beate Blüggel, Leiterin der Regionalen Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen (RAA) die Situation. „Außerdem hat es in den letzten Jahren eine Veränderung der Schullandschaft gegeben, weil ja viele Hauptschulen geschlossen worden sind. Das war die Schulform, die sich bisher hauptsächlich mit der Beschulung von Seiteneinsteigern beschäftigt hat.“

Petra Fervers ist bei der RAA zuständig für die Beratung der neu zugewanderten Kinder und ihrer Eltern. Auf ihre Empfehlung hin weist das Schulamt die „Neu-KölnerInnen“ so weit wie möglich Schulen mit besonderen Klassen zu, in denen die Kinder intensiv sprachlich gefördert werden, bevor sie in eine Regelschulklasse wechseln. Mittlerweile beteiligten sich neben Haupt- und Realschulen auch Gymnasien und Gesamtschulen an der Beschulung neu eingewanderter Kinder, führt sie aus: „Wir haben 21 Grundschulen mit 24 internationalen Klassen. Die Grundschüler gehen aber auch in die zuständigen Grundschulen vor Ort. Es gibt 13 Hauptschulen mit 20 Klassen, sieben Realschulen mit 13 Klassen sowie vier Gesamtschulen und sechs Gymnasien, die in internationalen Klassen die Schüler auf die Regelschule vorbereiten.“

Schulpflicht gilt für alle
Am 8. März dieses Jahres erhalten die Eltern von Nora einen Brief vom Schulamt der Stadt mit folgendem Inhalt: „Ihr obengenanntes schulpflichtiges Kind ist hier seit dem 10.01.2013 erfasst. Auf Grund der hohen Anzahl von eingereisten schulpflichtigen oder schulberechtigten Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in diesem Schuljahr kann sich die im Falle Ihres Kindes erforderliche Zuweisung in eine Vorbereitungsklasse verzögern. Bitte warten Sie einen weiteren Bescheid ab.“ Und die Schulpflicht? „Eine Befreiung von der Schulpflicht gibt es prinzipiell nicht,“ sagt Beate Blüggel. Die Schulpflicht gilt für alle, die ihren gewöhnlichen Aufenthalt in Nordrhein-Westfalen haben. Nicht einmal der aufenthaltsrechtliche Status spiele eine Rolle, erklärt sie. „Es gibt ein Menschenrecht auf Bildung. Die Kinder haben ein Recht, und unsere Pflicht ist es dafür zu sorgen, dass sie das bekommen“. Auf die Frage, ob es in Köln eine Frist gebe, bis wann neu Zugewanderte einen Schulplatz erhalten müssen, antwortet sie: „Sofort!

Am 10. April erhalten die Eltern von Nora den nächsten Brief des Schulamtes, nicht aber mit der Zusage für den lang ersehnten Schulplatz, sondern mit einer Ordnungsverfügung wegen der „versäumten Anmeldung Ihres Kindes zum Schulbesuch.“ Erst als sich eine Beratungsstelle einschaltet, gewinnt die Beschulung des Kindes etwas an Fahrt, und die „Zwangsmittelandrohung“ wird eingestellt. In der letzten Maiwoche kann Nora nach einem halben Jahr Warten zur Schule. Sie hat „probeweise im Rahmen einer pädagogischen Einzelfallentscheidung mangels freier Kapazitäten in Auffang-/Vorbereitungsklassen“ einen Schulplatz in einer allgemeinen Grundschule ohne Vorbereitungsklasse erhalten. Ob sie hier oder in den Vorbereitungsklassen besser Deutsch lernt, ist eine andere Diskussion, die noch zu führen ist. Den ersten Schritt ins deutsche Bildungssystem hat die Neunjährige jedenfalls geschafft – anders, als die im Juni 2013 beim Kölner Schulamt registrierten 40 Kinder von Neuzuwanderern, die keinen Schulplatz erhalten haben. Dazu kommen noch jene Kinder, die nicht von ihren Eltern gemeldet worden sind, und eine beträchtliche Anzahl von Kindern aus Flüchtlingsfamilien, die in sogenannten Transitunterkünften leben und von denen das Schulamt offiziell keine Kenntnis hat.

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2 Kommentare
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  1. Hans Gothe sagt:

    Das ist kein neues Problem – schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde mit „Gastarbeiterkindern“ genauso verfahren – weil die ja wieder zurückgehen würden! „Man“, d.h. die Politik und die Wirtschaft hätte daraus lernen können – nur will sie das eben nicht. Sie will Arbeitskräfte, aber eben nicht die Menschen. Das betrifft ebenso die Bildung(z.B. Deutsch) der Erwachsenen – die Integrationskurse sind da nicht unbedingt die Lösung und nach rund 40 Jahren nur entstanden, weil zuviel Druck da war – nicht aus Erkenntnis oder Lernen – schon gar nicht, weil das wirklich gewollt war. Das trifft für ALLE Parteien zu.

  2. Derrichter sagt:

    Dieses vorgehn hat system , man will gar nicht das eine durchlässige leistungsbezogene gesellschaft sich entwickelt . Unterschicht ja , sich hocharbeiten nein . Und wenn das nicht schlimm genug wäre macht man den menschen noch vorwürfe .

    Es geht nicht um sonderbehandlungen ( ein vorwurf mit dem diskriminierung gerechtfertigt wird ) sonder gleichbehandlung .



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