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Aufstand der Vernetzten

Die in der gesamten Türkei seit Wochen mit verschiedensten, neuartigen Mitteln geführten und sich durch jede Art von Kreativität auszeichnenden Aufstände gegen das herrschende politisch-gesellschaftliche System sind der Aufschrei einer jungen, weltweit vernetzten Generation von Menschen, die somit ihrem unbedingten Willen nach wirklicher Freiheit und Selbstbestimmung und ihrem Unmut über die sogenannte Mediendiktatur zeitgenössischer kapitalistischer Demokratien Ausdruck verleiht.

Viele dieser jungen Menschen gehören keiner politischen Partei oder ideologischen Richtung an. Sie nehmen als freie Individuen an diesen Protesten Teil und sehen sich selbst auch nicht als „weiße“ oder „schwarze“ Türken oder als Kemalisten, und möchten auch nicht in sonst irgendeine Schublade hineingesteckt werden. Dieser Widerstand organisiert sich und verbreitet seine Inhalte vor allem einmal durch soziale Netzwerke und ist daher ein Aufstand der Vernetzten.

Ist es nicht absurd, dass gesellschaftliche Gruppen, die sich geradezu mit Hass entgegenzustehen scheinen, dieselbe Fahne als Symbol für ihre teilweise völlig kontrastierenden Überzeugungen betrachten? Ist es nicht bedrückend und hoffnungsspendend zugleich, dass in so vielen Familien auch engste Familienmitglieder überhaupt nicht miteinander zu vereinbarende Ansichten vertreten?

Leider gibt es in allen gesellschaftlichen Gruppierungen auch diejenigen, die für Ihre Überzeugungen sogar gegenseitige Vernichtung in Kauf nehmen würden. Von größter Bedeutung ist es daher gerade jetzt, sein zu können und sein lassen zu können. Also wirklich zu leben und Dinge auszuleben und ausleben zu lassen. Lebendig zu sein, statt zu vernichten. Daher ist die Frage berechtigt, ob es denn auch in der Türkei nicht endlich möglich sein sollte, eine Auseinandersetzung zu führen, ohne vernichtet zu werden und ohne selbst zu vernichten? Vernichten kann man übrigens nicht nur physische Existenz. Vernichtet werden kann auch die Würde eines Menschen. Vernichtet werden kann auch die Seele, der Glaube, die Liebe eines Menschen. Vernichtet werden kann sogar ein Geist.

Vor denjenigen, die trotz Beleidigungen, Bedrohungen, Schikanierungen und teilweise sogar vom Staat begangenem Unrecht an ihnen in den vergangenen Jahren, immer noch bemüht um einen respektvollen und ernsthaften Dialog mit regierungstreuen Bürgern sind, habe ich den größten Respekt.

Und auch denjenigen gebührt meine größte Anerkennung, die eine tiefe Bindung zu ihrem Glauben haben und deren Familien mehrheitlich regierungstreu sind, die aber dennoch dem bis hin zu politisch motivierten, willkürlichen Justizskandalen reichendem Unrecht gegenüber nicht ihren Blick versperren und sich als sogenannte „Çapulcu’s“ oder „Töpfeklopfer“, oder auch als „Pinguine“ in der Masse an den Protesten gegen die vorherrschenden Zustände beteiligen und damit nochmals verdeutlichen, dass es sich nicht um eine kemalistische oder gar antiislamische Bewegung, sondern um eine im wahrsten Sinne des Wortes demokratische und fast ausschließlich friedliche Bürgerbewegung handelt.

Schwarze Schafe, ja auch Hammel und Böcke gibt es wie so oft beschworen immer wieder – leider auch bei diesen Protesten. Kein gesunder „Çapulcu“ würde das Attackieren von friedlich und nach rechtsstaatlichen Prinzipien ihren Dienst erfüllenden Polizisten verteidigen oder schönreden. Steinewerfer, Molotowcocktail-Werfer und mutwillige Sachbeschädiger sind genauso zu verurteilen und zu verachten wie die vielen gewalttätigen und aus ideologischen Motiven handelnden, gehirngewaschenen Polizisten, die mit zum Teil völlig überzogener Gewalt gegen tausende unschuldiger, anständiger Bürgerinnen und Bürger vorgegangen sind.

Sowohl die Unverhältnismäßigkeit der polizeilichen Gewalt gegen völlig friedlich demonstrierende Bürgerinnen und Bürger als auch die üblen Nachreden seitens des Ministerpräsidenten und anderer Regierungsmitglieder gegenüber den Demonstrierenden werden inzwischen von vielen (auch ehemals regierungstreuen) Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und sogar von einigen Ministern öffentlich kritisiert.

Erdogan hat die Legitimität für die Macht in der Türkei nicht zuletzt durch seine polarisierenden/spaltenden und aggressiven öffentlichen Reden längst verspielt. Ein Ministerpräsident, der es in einer solch aufrührenden Zeit nicht versteht, Ruhe auszustrahlen und an die Zusammengehörigkeit der Menschen zu appellieren, der stattdessen Ängste schürt und das Mistrauen zwischen verschiedenen Teilen der Gesellschaft verstärkt und sich bestenfalls nur noch als Ministerpräsident der Hälfte der Bevölkerung sieht, kann nicht legitimes Staatsoberhaupt eines Landes sein.

Aber auch die Oppositionsparteien können sich nicht erlauben, einfach nur die Hände zu reiben und so ohne Weiteres die Rolle des Nutznießers einzunehmen. Vor allem die CHP, aber auch die anderen im Parlament vertretenen Parteien, müssen sich endlich offen und ehrlich mit den dunklen Seiten ihrer Vergangenheit auseinandersetzen und Persönlichkeiten aus ihren eigenen Reihen hervorbringen, die von allen politischen Lagern respektiert werden. Persönlichkeiten, deren Kerbholz frei von Hass und Hetze oder gar Verbrechen gegen andere gesellschaftliche Gruppen ist.

Welche strukturellen Erneuerungen aus dieser jetzt schon historischen Bürgerbewegung in Zukunft auch resultieren mögen; eines sollte die gesamte türkische Gesellschaft jetzt vor allem einmal tun: einen offenen, respektvollen und möglichst sachlich und ruhig geführten Dialog über das zukünftige Zusammenleben der Menschen in der Türkei führen.

Es ist an der Zeit, Herzen zurück zu gewinnen, statt Herzen zu brechen.