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Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Türkei

Aufstand der Vernetzten

Viele der Demonstranten am Taksim Platz in Istanbul sind weder „weiße“ oder „schwarze“ Türken noch Kemalisten und möchten auch nicht in sonst irgendeine Schublade hineingesteckt werden. Darauf gilt es zu reagieren, schreibt Kemal Cem Yılmaz und ruft zur Vernunft auf.

VONKemal Cem Yılmaz

 Aufstand der Vernetzten
Der Verfasser ist ein türkodeutscher Pianist und Komponist. Das Klavierspiel erlernte er bei Daniel Vodovoz in Langenhagen. Anschließend studierte er Klavier bei Ralf Kathmayer, Heidi Köhler und Christopher Oakden in Hannover und bei Alfredo Perl in Detmold. Außerdem besuchte er die musiktheoretischen Seminare von Anton Plate. Klavierabende und Kammermusikkonzerte führten ihn bereits durch weite Teile Europas und der Türkei, wo er nach dem Gewinn des Nationalen Türkischen Klavierwettbewerbs 2002 auch immer wieder als Solist mit renommierten Orchestern auftrat. Anlässlich der 700-Jahrs-Feierlichkeiten seines Heimatortes Langenhagen komponierte er 2012 als Auftragskomposition das Orchesterwerk '700', welches in der Elisabethkirche in Langenhagen uraufgeführt wurde. Kemal Cem Yılmaz lebt als freischaffender Pianist, Komponist und Klavierpädagoge in Istanbul.

DATUM1. Juli 2013

KOMMENTARE9

RESSORTAktuell, Meinung

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Die in der gesamten Türkei seit Wochen mit verschiedensten, neuartigen Mitteln geführten und sich durch jede Art von Kreativität auszeichnenden Aufstände gegen das herrschende politisch-gesellschaftliche System sind der Aufschrei einer jungen, weltweit vernetzten Generation von Menschen, die somit ihrem unbedingten Willen nach wirklicher Freiheit und Selbstbestimmung und ihrem Unmut über die sogenannte Mediendiktatur zeitgenössischer kapitalistischer Demokratien Ausdruck verleiht.

Viele dieser jungen Menschen gehören keiner politischen Partei oder ideologischen Richtung an. Sie nehmen als freie Individuen an diesen Protesten Teil und sehen sich selbst auch nicht als „weiße“ oder „schwarze“ Türken oder als Kemalisten, und möchten auch nicht in sonst irgendeine Schublade hineingesteckt werden. Dieser Widerstand organisiert sich und verbreitet seine Inhalte vor allem einmal durch soziale Netzwerke und ist daher ein Aufstand der Vernetzten.

Ist es nicht absurd, dass gesellschaftliche Gruppen, die sich geradezu mit Hass entgegenzustehen scheinen, dieselbe Fahne als Symbol für ihre teilweise völlig kontrastierenden Überzeugungen betrachten? Ist es nicht bedrückend und hoffnungsspendend zugleich, dass in so vielen Familien auch engste Familienmitglieder überhaupt nicht miteinander zu vereinbarende Ansichten vertreten?

Leider gibt es in allen gesellschaftlichen Gruppierungen auch diejenigen, die für Ihre Überzeugungen sogar gegenseitige Vernichtung in Kauf nehmen würden. Von größter Bedeutung ist es daher gerade jetzt, sein zu können und sein lassen zu können. Also wirklich zu leben und Dinge auszuleben und ausleben zu lassen. Lebendig zu sein, statt zu vernichten. Daher ist die Frage berechtigt, ob es denn auch in der Türkei nicht endlich möglich sein sollte, eine Auseinandersetzung zu führen, ohne vernichtet zu werden und ohne selbst zu vernichten? Vernichten kann man übrigens nicht nur physische Existenz. Vernichtet werden kann auch die Würde eines Menschen. Vernichtet werden kann auch die Seele, der Glaube, die Liebe eines Menschen. Vernichtet werden kann sogar ein Geist.

Vor denjenigen, die trotz Beleidigungen, Bedrohungen, Schikanierungen und teilweise sogar vom Staat begangenem Unrecht an ihnen in den vergangenen Jahren, immer noch bemüht um einen respektvollen und ernsthaften Dialog mit regierungstreuen Bürgern sind, habe ich den größten Respekt.

Und auch denjenigen gebührt meine größte Anerkennung, die eine tiefe Bindung zu ihrem Glauben haben und deren Familien mehrheitlich regierungstreu sind, die aber dennoch dem bis hin zu politisch motivierten, willkürlichen Justizskandalen reichendem Unrecht gegenüber nicht ihren Blick versperren und sich als sogenannte „Çapulcu’s“ oder „Töpfeklopfer“, oder auch als „Pinguine“ in der Masse an den Protesten gegen die vorherrschenden Zustände beteiligen und damit nochmals verdeutlichen, dass es sich nicht um eine kemalistische oder gar antiislamische Bewegung, sondern um eine im wahrsten Sinne des Wortes demokratische und fast ausschließlich friedliche Bürgerbewegung handelt.

Schwarze Schafe, ja auch Hammel und Böcke gibt es wie so oft beschworen immer wieder – leider auch bei diesen Protesten. Kein gesunder „Çapulcu“ würde das Attackieren von friedlich und nach rechtsstaatlichen Prinzipien ihren Dienst erfüllenden Polizisten verteidigen oder schönreden. Steinewerfer, Molotowcocktail-Werfer und mutwillige Sachbeschädiger sind genauso zu verurteilen und zu verachten wie die vielen gewalttätigen und aus ideologischen Motiven handelnden, gehirngewaschenen Polizisten, die mit zum Teil völlig überzogener Gewalt gegen tausende unschuldiger, anständiger Bürgerinnen und Bürger vorgegangen sind.

Sowohl die Unverhältnismäßigkeit der polizeilichen Gewalt gegen völlig friedlich demonstrierende Bürgerinnen und Bürger als auch die üblen Nachreden seitens des Ministerpräsidenten und anderer Regierungsmitglieder gegenüber den Demonstrierenden werden inzwischen von vielen (auch ehemals regierungstreuen) Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und sogar von einigen Ministern öffentlich kritisiert.

Erdogan hat die Legitimität für die Macht in der Türkei nicht zuletzt durch seine polarisierenden/spaltenden und aggressiven öffentlichen Reden längst verspielt. Ein Ministerpräsident, der es in einer solch aufrührenden Zeit nicht versteht, Ruhe auszustrahlen und an die Zusammengehörigkeit der Menschen zu appellieren, der stattdessen Ängste schürt und das Mistrauen zwischen verschiedenen Teilen der Gesellschaft verstärkt und sich bestenfalls nur noch als Ministerpräsident der Hälfte der Bevölkerung sieht, kann nicht legitimes Staatsoberhaupt eines Landes sein.

Aber auch die Oppositionsparteien können sich nicht erlauben, einfach nur die Hände zu reiben und so ohne Weiteres die Rolle des Nutznießers einzunehmen. Vor allem die CHP, aber auch die anderen im Parlament vertretenen Parteien, müssen sich endlich offen und ehrlich mit den dunklen Seiten ihrer Vergangenheit auseinandersetzen und Persönlichkeiten aus ihren eigenen Reihen hervorbringen, die von allen politischen Lagern respektiert werden. Persönlichkeiten, deren Kerbholz frei von Hass und Hetze oder gar Verbrechen gegen andere gesellschaftliche Gruppen ist.

Welche strukturellen Erneuerungen aus dieser jetzt schon historischen Bürgerbewegung in Zukunft auch resultieren mögen; eines sollte die gesamte türkische Gesellschaft jetzt vor allem einmal tun: einen offenen, respektvollen und möglichst sachlich und ruhig geführten Dialog über das zukünftige Zusammenleben der Menschen in der Türkei führen.

Es ist an der Zeit, Herzen zurück zu gewinnen, statt Herzen zu brechen.

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9 Kommentare
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  1. Skeptizist sagt:

    Herzlichen Dank für diesen klugen Artikel!
    Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen.
    „Nefret bulasici olabilir ama sevgi de öyle üstelik cok daha güclüdür ve insanin icini isitir. Hate may be contagious but so is love. Besides, it is much more powerful and warming.“ Nejla Osseiran

  2. Josef Özcan sagt:

    Der tiefere Wert der Proteste in der Türkei liegt tatsächlich in ihrem Anliegen eines „neuen Weges“.

    Ein Weg der nicht aus einer Schublade kommt und der zudem versucht anderen Menschen einen Weg aus ihren Schubladen zu zeigen. Es ist ein Weg nicht einmal nur gegen festgefahrene Schubladen, sondern ein Weg aus dem Schubladendenken überhaupt.

    Der Weg der „post-moderne“, die wohl auch in der Türkei anzukommen ist.

    Josef Özcan (Amnesty international)

  3. aloo masala sagt:

    Schöner Artikel, danke.

  4. Mathis sagt:

    Sehr kluge Betrachtung der Verhältnisse.Vielen Dank!

  5. Salih sagt:

    Ich würde ihnen gerne glauben.
    Vorher frage ich mich aber, warum die „Nicht“-Kemalisten stundenlang auf Atatürk starren?
    Mir hätte es gereicht, wenn sich die friedlichen Demonstranten von den Extremisten losgesagt hätten, das haben sie jedoch nicht getan.
    Mir war schon mulmig dabei, die Extremistensymbole im Herzen unserer Stadt sehen zu müssen.
    Im Prinzip ändert es aber nichts daran, dass wir uns finden müssen.
    Ohne Gewalt, Schlagstöcke und auch ohne Steinewerfer.
    Wir, nicht irgendwelche Anderen.

  6. Marie sagt:

    Ich kann die Merkel auch nicht ab – käme aber trotzdem nicht auf die Idee, mit aktiver und/oder passiver Gewalt, Sachbeschädigung und unangemeldeten Demonstrationen/tagelangen Blockaden ihre Ablösung erzwingen zu wollen. Ein Regierungschef, der die gesamte Bevölkerung hinter sich vereint, ist mir persönlich nicht bekannt. La Merkel vereint, im Gegensatz zu Erdogan, nicht einmal die Hälfte der Bürger hinter ihrer Politik, wenn man die Wahlergebnisse unvoreingenommen betrachtet.. Den „vernetzten“ Aufstand hatten wir bereits beim in den westlichen Medien allseits frenetisch bejubelten sogenannten „arabischen Frühling“ – die Freiheits-Ergebnisse überzeugen mich nicht wirklich. Wer sich mit Extremisten und Gewalttätern verbündet, das ist zudem kein „Freiheitskämpfer.“

  7. Josef Özcan sagt:

    Nun, wir dürfen nicht vergessen das neue Formen nie „rein“ auftreten … wir haben es mit Transformationsprozessen zu tun, die immer auch Aspekte der alten Form mittragen … was ganz natürlich ist für einen Übergangsprozess … einige Protagonisten der neuen Protestbewegung z.B. schauen zu Atatürk auf aber nicht weil er alles richtig gemacht hat, sondern weil er am Anfang eines Weges stand der nun besser, gewaltfrei und humanistisch auf der „Höhe der Zeit“ weitergeführt werden muss … Atatürk, wenn er heute noch leben würde d.h. wenn er die Möglichkeit gehabt hätte sich bis Heute weiterzuentwickeln, wäre er zu einem Anhänger der „Postmoderne“ geworden … daran kann es gar keinen Zweifel geben …

    Josef Özcan (Diplom Psychologe / Amnesty International / Kölner Appell gegen Rassismus)

    POSTMODERNE:

    „Die Postmoderne (lat. post „hinter, nach“) ist im allgemeinen Sinn der Zustand der abendländischen Gesellschaft, Kultur und Kunst „nach“ der Moderne. Im besonderen Sinn ist sie eine politisch-wissenschaftlich-künstlerische Richtung, die sich gegen bestimmte Institutionen, Methoden, Begriffe und Grundannahmen der Moderne wendet und diese aufzulösen und zu überwinden versucht. Die Vertreter der Postmoderne kritisieren das Innovationsstreben der Moderne als lediglich habituell und automatisiert. Sie bescheinigen der Moderne ein illegitimes Vorherrschen eines totalitären Prinzips, das auf gesellschaftlicher Ebene Züge von Despotismus in sich trage und das bekämpft werden müsse. Maßgebliche Ansätze der Moderne seien eindimensional und gescheitert. Dem wird die Möglichkeit einer Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander bestehender Perspektiven gegenübergestellt (Relativismus). Mit der Forderung nach einer prinzipiellen Offenheit von Kunst wird auch kritisch auf die Ästhetik der Moderne Bezug genommen.“

  8. kcy sagt:

    herzlichen dank für die aufschlussreichen und interessanten kommentare.

  9. Salih sagt:

    @Josef: Ehrlich gesagt verstehe ich das nicht alles, muss ich aber auch nicht. Hauptsache wir reden drüber und beschimpfen uns nicht. 😉



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