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#OccupyGezi in Österreich

Von Sachlichkeit keine Spur – One-Way-Ticket für Erdoğan Anhänger dominierte die Debatte

Seit Beginn der Proteste in der Türkei wird über dieser nicht nur in Deutschland heftig debattiert. Auch im Nachbarland Österreich haben die Unruhen hohe Welle geschlagen. Zum Höhepunkt kam es, als ein Grünen-Politiker einen One-Way-Flug für alle Erdoğan Anhänger forderte.

VONEmran Feroz

 Von Sachlichkeit keine Spur – One-Way-Ticket für Erdoğan Anhänger dominierte die Debatte
Der Verfasser ist Blogger und freier Journalist mit afghanischen Wurzeln. Er ist in Österreich geboren und aufgewachsen und studiert derzeit in Deutschland. Er schreibt hauptsächlich über die politische Situation im Nahen Osten, Migration und über den Islam in Europa. Emran Feroz hat bis jetzt unter anderem in der "TAZ" und "Die Presse" veröffentlicht.

DATUM28. Juni 2013

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RESSORTAktuell, Meinung

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Vor fast einem Monat begannen die ersten Proteste auf den Taksim-Platz in Istanbul. Die Debatte ist in Deutschland ist immer noch präsent. Man hörte viele Meinungen – ob nun pro oder contra Erdoğan. Die deutsche Medienlandschaft, von links bis rechts, von liberal bis konservativ, war sich über die Proteste einig und vertrat zum größten Teil eine sehr einseitige Sicht der Geschehnisse.

In Österreich war es nicht anders. In einigen Städten wie Innsbruck und Wien fanden Solidaritätsdemonstrationen statt. Im Österreichischen Rundfund (ORF) wurde ebenfalls über die sogenannte Occupy-Bewegung in der Türkei, über Polizeigewalt und über eine „schleichende Islamisierung“ des Landes diskutiert. Die Sendung Im Zentrum, Österreichs bekanntester Polit-Talk, hat in diesem Kontext ihre ohnehin schon schwindende Seriosität ein weiteres Mal in Frage gestellt, als sie Andreas Mölzer, Mitglied der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) und gegenwärtiger Abgeordneter im Europäischen Parlament, als „Türkei-Experten“ einlud.

Dieser gab das übliche Geschwätz – anders kann man es nicht bezeichnen – von sich und wurde seiner Partei gerecht. Die bösen Ausländer, die bösen Türken, die bösen Muslime. Die FPÖ erreichte bei der letzten Nationalratswahl im 2008 einen Stimmenanteil von über siebzehn Prozent. Parteiobmann Heinz-Christian Strache präsentiert sich gerne als „Retter des Abendlands“, seine Kollegen „warnen“ immer wieder vor „Sozialschmarotzern, Asylanten und Islamisten“. Dies wurde im Laufe der letzten Jahre auch auf Wahlplakaten wie „Daham statt Islam“ oder „Heimatliebe statt Marokkaner-Diebe“ deutlich.

Diese Rhetorik war auch an jenem Abend prägend. Allerdings wurde das Echo der Sendung am Tag darauf von einem anderen Ereignis überschattet. Der Wiener-Grünen-Politiker Efgani Dönmez ließ über seinen Facebook-Account verlauten, dass „alle AKP-Anhänger in Österreich am besten ein One-Way-Ticket in die Türkei nehmen sollten“. „Vermissen würde sie niemand“, so der Politiker, der selbst türkische Wurzeln hat. Konkret reagierte Dönmez damit auf eine angekündigte Pro-Erdoğan-Demonstration in Wien.

Daraufhin zeigte sich in sozialen Netzwerken eine Welle der Empörung. Während die FPÖ Dönmez applaudierte, erwiderte der Landessprecher der Wiener Grünen, Georg Prack, seinen Parteikollegen mit folgenden Worten auf Twitter: Fuck you. Einige Tage später entschuldigte sich Dönmez. Die FPÖ nutzte die Situation aus und sprach von „Denkverboten bei den Grünen“. Mit Dönmez‘ Entschuldigung war die Sache jedoch noch lange nicht vergeben.

Auf der angekündigten Demonstration, die vergangene Woche stattfand, war Dönmez das Hauptthema. Zahlreiche AKP-Anhänger entblößten ihre Wut gegenüber den Grünen-Politiker. Sprüche wie „Dönmez ist ein verlogener Rassist“ waren keine Seltenheit. Auch von „Verrat“ war die Rede. An der AKP-Demonstration nahmen rund 8.000 türkischstämmige Menschen teil. Erdoğan betrachteten sie weiterhin als Helden. Die Demonstranten von Taksim wurden von einige als „Hooligans“ und „Unruhestifter“ betrachtet.

Der Höhepunkt der Demonstration war eine Live-Telefonschaltung in die Türkei. Auf der anderen Seite des Hörers war es kein anderer als Erdoğan selbst, der zu seinen Unterstützern sprach. Von der Polizeigewalt am Gezi-Park sprach er nicht, stattdessen ging er auf einzelne Übergriffe gegen Frauen mit Kopftüchern ein und verdammte ein weiteres Mal die Demonstrationen gegen ihn. Die Menge in Wien jubelte.

Der österreichisch-türkische Journalist Rusen Timur Aksak verfolgte die Demonstration vor Ort und schrieb für den österreichischen Standard eine sachliche und nüchterne Reportage. Allerdings bekam auch Aksak innerhalb von kürzester Zeit zahlreiche Hasstiraden gegen ihn zu lesen – von beiden Seiten. Unter anderem wurde er als Verräter, Nestbeschmutzer, Faschist, Kommunist und etwaiges bezeichnet. Bei solch sensiblen Themen kann ein Journalist allerdings – egal wie objektiv er versucht zu berichten – nichts anderes erwarten.

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3 Kommentare
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  1. Joelle h. sagt:

    „stattdessen ging er auf einzelne Übergriffe gegen Frauen mit Kopftüchern ein und verdammte ein weiteres Mal die Demonstrationen gegen ihn.“

    Warum muss ein MP lügen? Ist die Wahrheit dem guten Herrn etwa nicht genehm? Wie manipulativ beeinflussbar muß man denn sein, um diesen schwachsinn zu glauben?

    Es haben Frauen mit Kopftuch gegen Erdogan protestiert! Also haben auch Polizisten Frauen mit Kopftüchern geschlagen. Aber warum sollte jemand mit einem Kopftuch besser behandelt werden als jemand ohne Kopftuch? Erdogans wirds wissen.

  2. aysegül sagt:

    ein weiterer kommentar, der für diese diskussion von interessen sein dürfte… http://derstandard.at/1371170362065/Guter-Muslim-boeser-Muslim-Rassismus-in-Gruen

  3. Sinan A. sagt:

    Der Link von aysegül führt zu einem Kommentator (Farid) aus Österreich, der wiederum weder Türke noch türkischer Herkunft ist. Korrigiert mich, wenn ich was falsches behaupte.

    Ich meine das fällt langsam auf, dass die größte Unterstützung für Erdoğan von Arabern, Somali, Albanern und sonstigen ausgeht. Und ich glaube nicht, dass das die Leute sind, die ernsthaft an einer positiven Zukunft für die Republik Türkei interessiert sind.



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