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Wenn ich mir die Hauptschulen in Ballungszentren anschaue, sehe ich es als zentralen bildungspolitischen Auftrag für diese Schulart, dass sie […] Schülern ein niederschwelliges Bildungsangebot macht […]. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU), taz, 20. Januar 2010

Buchtipp zum Wochenende

Neukölln ist nirgendwo: Nachrichten aus Buschkowskys Bezirk

Neukölln ist nicht überall, wie Heinz Buschkowsky behauptet. Nein. Neukölln ist nirgendwo. „Neukölln ist der aufregendste Ort der Republik“, schreibt Ramon Schack über seinen Bezirk. Das MiGAZIN bringt einen Exklusivauszug aus dem Buch:

DATUM28. Juni 2013

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Weltweit wandern Millionen Menschen vom Land in die Stadt, über Grenzen hinweg. Von ihnen hängt unsere Zukunft ab. Mit diesem Phänomen, mit diesem globalen Marsch, beschäftigt sich der britisch-kanadische Autor Doug Saunders in seinem lesenswerten Buch „Arrival City“.

In seinem Vorwort schreibt Saunders: „Diese Bewegung erfasst eine bisher noch nie dagewesene Zahl von Menschen ‒ zwei oder drei Milliarden, vielleicht ein Drittel der Weltbevölkerung ‒ und wird nahezu alle Menschen auf spürbare Weise betreffen.“

In der Bäckerei Süss in Berlin Neukölln, am Hermannplatz gelegen, ist man von dieser Wanderungsbewegung betroffen, wenn auch nicht in der von Saunders skizzierten globalen Dimension.

Trotzdem scheint das Café permanent übervölkert, die begehrten Sitzplätze, besonders die vor der Tür, sind so hart umkämpft wie die verbliebenen Rohstoffe unseres Planeten. Nicht selten kommt es zu kriegerischen Ausbrüchen, wenn putengesichtige ältere Damen mit jungen Rucksacktouristen oder Großfamilien aus dem orientalischen Raum um Tische und Stühle kämpfen und dabei aufgrund der vorhandenen Sprachbarrieren mit Händen und Füßen gestikulieren.

Die Bäckerei liegt direkt an einer Bushaltestelle, so dass ein ständiges Gedränge herrscht, welches die Bevölkerungsdichte auf dem Bordsteig explosiv ansteigen lässt, wenn gerade ein Bus anhält und sich seiner Fahrgäste entledigt, die dann auf vorbeieilende Passanten stoßen, um diese gegen die vollbesetzten Sitzplätze zu drängen, so dass die Kaffeetassen erzittern wie bei einem Erdstoß der Stärke 5 auf der Richterskala.

„Stadtluft macht frei“ lautet eine bekannte Volksweisheit, basierend auf einem mittelalterlichen Rechtsgrundsatz. Vor der Bäckerei Süss riecht die Luft nach Abgasen und Ausdünstungen, Bierfahnen und Bohnerwachs, nach Parfüm und Pflasterstein.

Trotzdem sitzen die Menschen anscheinend gerne dort, obwohl der Blick auf die vielbefahrene Sonnenallee weist. Die Gäste, wie auch die vorbeieilenden Passanten, verkörpern die explosive demographische Mischung des Bezirks, die nach Auffassung des Bezirksbürgermeisters angeblich überall ist, in Wirklichkeit aber so ‒ in dieser Dichte und Durchmischung ‒ in Deutschland nur in Neukölln anzutreffen ist.

Das Sprachengewirr ist so babylonisch wie die Menschen unterschiedlich, die dort aufeinandertreffen, gelegentlich ein kleines Schwätzchen halten, sich austauschen. Manche Begegnungen sind dabei auch von unfreiwilliger Natur, wie die Begegnungen der beiden Damen, die sich neulich am Eingang der Bäckerei in die Haare kriegten.

Die eine Dame, eine beleibte Mittvierzigerin, war gerade dabei, sich ihren Weg vom Bestelltresen zum Ausgang zu bahnen, wobei sie ein Kuchenblech in der Hand hielt, welches sie über die Köpfe der Gäste hinweg jonglierte, bis sie auf eine andere Dame stieß, eine preußische, fast militärisch wirkende Blondine, die offensichtlich auf den Bus wartete, ihr dabei aber den Weg versperrte.

„Gehen Sie doch mal aus dem Weg“, schnauzte die Dame mit dem Kuchenblech, „stehen Sie hier nicht rum wie ein Bauerntrampel!” Die Angesprochene, eine barsch wirkende Person, drehte sich langsam um, musterte die Provokateurin abschätzig und erwiderte: „Sie nennen mich einen Bauerntrampel, ausgerechnet Sie? Wenn hier jemand ein Bauerntrampel ist, dann doch Sie! Ihnen schaut doch noch das Stroh aus den Stiefeln. Meine Familie ist schon seit drei Generationen in Berlin gemeldet.”

Ja, Neukölln ist zweifelsohne eine „Arrival City“, also eine Ankunftsstadt, wie in dem Buch beschrieben. Schon seit Jahrhunderten wird dieser Bezirk von einer Einwanderungswelle nach der anderen überrollt. Böhmen, Hugenotten, Schlesier und Pommern, Türken und Araber, Schwaben und Zigeuner, um nur einige der größeren Zuwanderungsgruppen zu benennen. Heute herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Umzugswagen donnern die Hauptstraßen entlang, junge Menschen aus allen Teilen der Welt, Lebenskünstler, Studenten und Freaks haben Neukölln für sich entdeckt, ebenso wie Makler und Immobilienhaie. Parallel dazu treffen unentwegt Menschen aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten Südosteuropas und vom Balkan ein, alteingesessene Neuköllner werden verdrängt, meist auf Initiative des Jobcenters, für viele Menschen immer noch der einzige Brötchengeber und Big Brother zugleich.

Neukölln befindet sich aktuell also in einem Schwebezustand aufgrund der sozialen Probleme, flankiert von den neuen geschilderten Rahmenbedingungen. Für die einen fungiert der Bezirk als Endstation, für andere als Zwischenstopp und für manche ist er das Traumziel, wie es eine junge Tschechin neulich ausdrückte, als sie pathetisch vom urbanen Lebensgefühl ihrer Wahlheimat zu schwärmen begann.

Möglicherweise entspricht Neukölln heute ‒ morgen mag es wieder anders aussehen ‒ dem Idealbild der „verdichteten Unterschiedlichkeit”, wie es der französische Soziologe Henri Lefebvre Ende der 1960er Jahre entworfen hatte. Unter diesem Begriff verstand Lefebvre, dass in Einer idealen Stadt viele verschiedene Menschen zusammenkommen. Ob reich oder arm, ob bürgerlich oder alternativ: „Es findet ein konstanter Austausch statt, es werden gesellschaftliche Fragen auf engstem Raum ausgehandelt.“

So äußerte ein ältlicher Herr neulich in der schon erwähnten Bäckerei Süss, Hitler würde sich im Grabe umdrehen, „wenn er ditte heute allet sehen müsste, wa?” Am Nebentisch diskutierten gleichzeitig zwei junge Menschen über die afghanische Literaturszene, während zwei Plätze weiter eine italienische Touristin mit einem türkischen Getränkelieferanten flirtete.

„Dem Lebensraum Stadt ist also ein urdemokratisches Prinzip der Teilhabe und des Austauschs eigen“, äußerte die Schriftstellerin Katja Kullman in einem Interview mit der NZZ. Und es stimmt; selbst wenn diese Teilhabe durch undemokratische oder rassistische Äußerungen daherkommt. Gemessen an der ethnischen Vielfalt, an den schwierigen sozialen Rahmenbedingungen, dem Zusammenprall von Subkultur und Spießern, Kleinbürgern und Kosmopoliten, religiösen Fanatikern und dekadenten Hedonisten, sind die Zustände in Neukölln doch von großer Toleranz geprägt, oder eher von dem Motto: „Leben und leben lassen!“

Wer das nicht erträgt, der zieht weg, wird demographisch aber schnell wieder ersetzt durch andere Neuankömmlinge, überwiegend junge, smarte Menschen, die sich in den Szene-Cafés aufhalten, im Internet die Wohnungsangebote durchforsten, um schnell vor Ort eine Besichtigung zu absolvieren, denn Neukölln muss es unbedingt sein, wo sie jetzt ihre Zelte aufschlagen wollen, zumindest so lange, bis die Karawane wieder weiterzieht.

In der Zwischenzeit bleiben die Straßen von Neukölln geschäftige, faszinierende und improvisierte Orte, bevölkert von Menschen, die noch viel vorhaben.

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4 Kommentare
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  1. Tanja sagt:

    Vielen Dank für diesen interessanten Buchtipp.
    Kommt auf meine Einkaufsliste.

  2. Maria Braig sagt:

    Und gleich noch eins:

    “Menschen verlassen ihre Heimat aus den unterschiedlichsten Gründen, aber nur in den seltensten Fällen freiwillig. Sie fliehen vor Krieg, jetzt bin ich hier_cover V2-2 (2)Folter, Unterdrückung, Fremdbestimmung und Hunger, sie lassen oft alles hinter sich, kämpfen mit Kraft und Mut um das nackte Überleben, um in einer „freien Welt“ anzukommen, die häufig nur aus Vorschriften und Gesetzen besteht und sie als unmündige Kinder behandelt.
    Aber in ihrem Reisegepäck bringen sie viele Fähigkeiten mit. Eine davon ist das Schreiben. In ihren Texten lassen uns die Autorinnen und Autoren dieser Anthologie teilhaben an ihrer Geschichte, ihren Träumen, ihrem Leben.”

    Zum Weltflüchtlingstag am 20.Juni ist unsere Anthologie “Jetzt bin ich hier” mit vielen spannenden und anrührenden Texten, einem Vorwort des Osnabrückers Toscho Todorovic, Bandleader der Blue Company, und Grafiken von Bernard Bieling erschienen.
    Da alle Beteiligten auf Honorate verzichten, erhält der Exil e.V. Osnabrück (www.exilverein.de) 33 % des Verkaufserlöses als Spende.

    http://wp.me/s1QLoO-321

  3. Antonio sagt:

    Das Buch ist leider belanglos, bleibt an der Oberfläche und versucht mit sehr schlichtem Schreibtstil ein Neukölln-Gefühl zu vermitteln, welches der Autor selbst nach nur zwei Jahren kaum deuten kann. […]

  4. Sahra sagt:

    Ein spannendes Buch, eine faszinierende Momentaufnahme.
    Schack überwindet gestrige Klischees,eröffnet dafür einen faszinierenden Blick, auf die Menschen in diesem Bezirk.



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