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Gezi Park in Istanbul

„Wir sind’s bloß: das Volk“

Die Räumung des Gezi Parks am Taksim-Platz in der Türkei hat eine Welle des Protests gegen die Regierung ausgelöst. Um sich selbst ein Bild von den Ereignissen und der politischen Lage zu machen, reiste Belit Onay vom 16.-17. Juni 2013 nach Istanbul. Dies ist sein Bericht.

VONBelit Onay

 „Wir sind’s bloß: das Volk“
Der Verfasser ist Mitglied des niedersächsischen Landtags (Bündnis 90/Die Grünen) und dort Mitglied im Innenausschuss, Rechtsausschuss und Verfassungsschutzausschuss.

DATUM28. Juni 2013

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RESSORTAusland, Leitartikel

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Kurz vor Abflug aus Hamburg zum Sabiha Gökçen Flughafen in Istanbul rattert es über Twitter, Facebook & Co.: Die Polizei fängt erneut an, den Taksim-Platz zu räumen.

In den frühen Morgenstunden in Istanbul angekommen, erlebe ich wie Menschen aus den Fenstern heraus auf Töpfe und Pfannen hauen, um mit reichlich Lärm zu protestieren. Insbesondere junge Menschen versuchen währenddessen zu Fuß über die Bosphorus-Brücke auf die europäische Seite und somit zum Taksim-Platz zu gelangen und werden von der Polizei mit Tränengas daran gehindert.


Istanbul-Bericht 2013 auf einer größeren Karte anzeigen

#1MillionzumKazlıçeşmePlatz vs. #1MillionzumTaksimPlatz
Für Sonntag, den 16. Juni, rufen sowohl die AKP als auch die Gezi-Park-Aktivisten zu Demonstrationen auf. Gleichzeitig laufen über Twitter die Hashtags #1MilyonYarinTaksime und #1MilyonYarinKazlicesmeye, um nicht weniger als „eine Million Menschen“ zu der jeweiligen Kundgebung zu mobilisieren.

Während von verschiedenen zentralen Punkten der Stadt Busse, Bahnen und Schiffsfähren Menschen zur AKP-Demo auf den Kazlıçeşme-Platz bringen, sperrt die Polizei den Taksim-Platz weiträumig ab.

Beißender Gestank in den Strassen von Beyoğlu
Am Morgen ist auf den Titelseiten zahlreicher Zeitungen das Gesicht von Claudia Roth zu sehen, die nach einem Tränengasangriff behandelt wird. Als ich sie später treffe, geht es ihr schon wieder besser.

Wir begeben uns in den Stadtteil Beyoğlu, wo auch der Taksim-Platz liegt. In den Seitenstraßen der Istiklal Caddesi, der Hauptstraße zum Taksim-Platz, treffen wir in ihren dortigen Büros Vertreterinnen und Vertreter der „Taksim Dayanışma Platformu“ (Taksim Solidaritäts Plattform), der „Yeşiller ve Sol Gelecek Partisi“ (die Grüne Partei in der Türkei) und von Menschenrechtsorganisationen. Immer wieder landet man beim Durchqueren des Stadtteils inmitten von Demonstrierenden, die versuchen zum Platz zu gelangen, in einem Katz-und-Maus-Spiel von der Polizei mit Tränengas gejagt werden und durch die kleinen Gassen hin und her hetzen. Auch unsere Augen brennen immer wieder.

Unsere Gesprächspartner erzählen uns von den Demonstrationen im Park, dem Polizeieinsatz, den Entwicklungen der letzten Tage, wie zum Beispiel dem Treffen mit Offiziellen oder dem Ministerpräsidenten Erdoğan.

Das Hauptthema ist die unverhältnismäßige Polizeigewalt und der massive Einsatz von Tränengas und einem Reizstoff im Wasser der Wasserwerfer. Auch hier hören wir wieder das Gerücht von Polizeibeamten in Zivil, die selbst Ausschreitungen provozieren, um der Polizei einen Grund zum Eingreifen zu liefern.

Die Büroräume sind größtenteils zu Lazaretten umfunktioniert und überall sieht man Flaschen mit Behandlungsmitteln gegen Tränengas, viele Wasserflaschen. Während eine Gesprächs hören wir Schreie und Rufe von der Straße, dann stürmt jemand herein: „Schließt die Fenster, die haben schon wieder Tränengas versprüht!“

Wir gehen zu unserem nächsten Termin. Auf dem Weg sieht man selbst bei unbeteiligten Passanten vorsorglich einfache Gasmasken, die um den Hals hängen. Diese kann man zusammen mit Taucherbrillen und Bauhelmen bei fliegenden Händlern an Straßenecken erwerben.

Fliegender Händler mit Bauhelmen, Gasmasken und Taucherbrillen

Fliegender Händler mit Bauhelmen, Gasmasken und Taucherbrillen

„Everyday I’m Çapuling!“
Am Abend gehe ich durch Tausende Demonstrierende, die sich auf dem Taksim-Platz und der Istiklal Caddesi tummeln, am Deutschen Krankenhaus Istanbul vorbei, die Sıraselviler Caddesi hinab, an der Tophane vorbei zum Fährhafen in Karaköy.

Überall stehen Menschen mit Bauhelmen und Gasmasken, teilweise mit Trillerpfeifen, Trommeln oder anderen Instrumenten. Sie machen Krach, Musik, tanzen den Pinguintanz und singen „Hier sind die Pinguine, doch wo ist CNN Türk?“, in Anspielung auf den türkischen Ableger von CNN International, der am ersten Abend der Proteste nicht vom Taksim-Platz berichtete, sondern stattdessen lieber eine Pinguin-Doku ausstrahlte.

Insgesamt sind die Demonstrationen sehr friedlich, lautstark, kreativ und voller Sprachwitz. Hunderte von Graffitis und Spruchbändern vermitteln Botschaften, nehmen die Regierung, die Gesellschaft oder die Demonstration selbst auf die Schippe.

Bei einem Graffiti sieht man das Gesicht von Recep Tayyip Erdoğan auf einer Chilischote, darüber steht in Anspielung an das von der Polizei eingesetzte Pfefferspray der Titel „Red Hot Chili Tayyip“. An anderen Wänden stehen Sprüche wie „Wenn ihr nicht sofort aufhört, dann rufe ich die Polizei“, „Tränengas ist gut für die Haut“ oder „Keine Angst, Mann! Wir sind’s bloß: das Volk!“

Erdoğan selbst hatte dem kreativen Protest Stoff geliefert, indem er die Protestierenden als „çapulcu“ – also als Marodeure – bezeichnet hatte. In Anlehnung an einen englischen Hit der Gruppe „LMFAO“ kreierten die Demonstrierenden daraus den Songtitel „Everyday I’m Çapuling!“

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7 Kommentare
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  1. Sinan A. sagt:

    Schön zusammen gefasst von Belit Onay. Jede Menge Fakten, gut gemacht, lesenswert.

    Nur das Bild ist etwas unglücklich gewählt – i-Punkt fehlt.

  2. Das Türke sagt:

    Immer wieder wird seitens der AKP Gegner behauptet, dass die Regierung ihre Freiheit beschneiden , oder die Demokratie abschaffen würde. Dem kann ich so absolut nicht zustimmen. Wenn sie sagen würden, wir wollen noch mehr Freiheit, oder noch mehr Demokratie könnte ich es ja verstehen. Denn niemals konnte man seine Meinung derart freizügig äussern, niemals war die Presse so breit gefächert, niemals hatten die Minderheiten solche Freiheiten wie es jetzt der Fall ist. Ist die momentane Entwicklung genug? Nein, absolut nicht! Aber niemand kann mir erzählen, dass es vorher besser, freier, demokratischer war als es nunmal ist! Defizite gibt es immer noch en mass und die Türkei wird immer noch mit dem Grundgesetz, der von Militärjunta entworfen wurde, regiert. Die Aufarbeitung eines rundum erneuerten Grundgesetzbuches zieht sich in die Länge, wiel sich die verschiedenen Lager quer stellen. Die Einstellung vieler Protestierenden, dass Erdogan gehen soll, egal wie, löst in der Bevölkerung die Angst vergangener dunkler Tage aus. Und genau das ist das Entscheidende!
    Erdogan, wird als der Befreier gesehen und diese subjektive Sicht teile ich voll und ganz! (auch wenn ich nicht mit allem was die AKP macht einverstanden bin). Und genau diese Ereignisse rund um den Gezi Park, spielen der AKP nur noch mehr Wähler zu. Ihr werdet sehen. Die Hoffnung, die AKP, noch vor den bevorstehenden Wahlen zu putschen, verblassen. Die alte zinsgefütterte Elite hat, entgegen meinen Erwartungen, viele Menschen lenken und mobilisieren können aber das war ihre letzte Gelegenheit. Denn mit den nächsten demokratischen Wahlen wird auch ihre letzte Bastion fallen!

    PS:Zur Mobilisierung des eigenen konservativen Lagers bedient Erdoğan ebenso Stereotype, indem er behauptet, dass Protestierende Saufgelage in einer Moschee abgehalten hätten, was wohl unter anderem vom Imam** der Moschee bestritten wurde.
    **Der benannte Imam hat den Journalisten( Yilmaz Özdil/Hürriyet) ,der dieses angebliche Interview mit dem Imam geführt hat, verklagt! Er hätte so etwas nie gesagt, ganz im Gegenteil, die Moschee wurde verunreinigt, viele waren Besoffen und hätten Bier getrunken (Fotos gibt es auch). Was ein schwerwiegender Straftatbestand gegen eine religiöse Stätte ist.

  3. Soli sagt:

    @Das Türke –„… was ein schwerwiegender Straftatbestand gegen eine religiöse Stätte ist“.
    Dann sollte als erstes dieser „Straftatbestand (das trinken von Alkohol in einer Moschee) abgeschafft werden.
    Es spricht ja nichts dagegen das der Hausherr das verbietet (Hausrecht wäre sein gutes Recht, zivilrechtlicher Anspruch), aber das der Staat sich da einmischt und einen Strafprozess führen könnte – geht gar nicht.

  4. One Minute! sagt:

    Komisch dass Herr Onay keine Linksextremistischen Randalierer gesehen hat, die mit Pflastersteinen und Molotowcocktails die Polizei bewarfen. Nachdem sich der Nebel verzogen hat merkt man die weltweite mediale Kampagne gegen die Türkei um die AKP in die Schranken zu weisen. Wer hier einen Aufstand der Wutbürger sieht hat keine Ahnung. Es gibt keine Zufälle in der Weltpolitik, die Türkei soll zum Ägypten werden. Taksim zu Tahrir. Welche Kreise an der Schwächung der Türkei interessiert sind, sind hinlänglich bekannt.

  5. Soli sagt:

    @Ömer – in dem von Ihnen genannten Beispiel geht es um Verkehr in der Öffentlihckeit und um Sachbeschädigung, das sind Ordnungswidrigkeiten/Straftaten.
    „Bier trinken“ würde ich jetzt mal nicht als Sachbeschädigung bezeichnen, das Beispiel passt insofern nicht.

    Zudem ist das „fangt doch bei Euch an“ sehr schwach und kein Argument.

    Die Türkei schwächt sich zudem selber, von ganz alleine, durch eine auf Kredit finanzierte Wirtschaftspolitik. Irgendwelche „Verschwärungstheorien“ da nun heranzuziehen ist einfach absurd, das hat Erdogan ja auhc schon versucht (Die internationale Zinslobby….)

  6. Marie sagt:

    „@Das Türke –”… was ein schwerwiegender Straftatbestand gegen eine religiöse Stätte ist”.
    Dann sollte als erstes dieser “Straftatbestand (das trinken von Alkohol in einer Moschee) abgeschafft werden.
    Es spricht ja nichts dagegen das der Hausherr das verbietet (Hausrecht wäre sein gutes Recht, zivilrechtlicher Anspruch), aber das der Staat sich da einmischt und einen Strafprozess führen könnte – geht gar nicht.“

    Also bitte – dass der Staat sich in Sachen Alkohol einmischt, geht „gar nicht“? Sonderbar, in Deutschland und anderswo geht das aber sehr wohl, weshalb sollte das also in der Türkei „gar nicht“ gehen?

    In Deutschland haben zahlreiche Städte Alkoholverbote an öffentlichen Plätzen erlassen, außerdem haben zahlreiche Verkehrsunternehmen Alkoholverbote erlassen und wer dagegen verstößt, der wird bestraft, weil sich der Staat da sehr wohl einmischt, da geht es nicht nur um das Hausrecht, sondern um Strafen bei Verstößen. In den USA gilt gar eine Verbot des Alkoholkonsums in der Öffentlichkeit in sehr vielen Staaten und die Türkei soll den Alkoholkonsum nicht einmal in Moscheen verbieten dürfen? Vor diesem Hintergrund, dass das, was in Deutschland und den USA im öffentlichen Raum mit Strafandrohung belegt ist, in der Türkei angeblich nicht einmal in Moscheen „gehen“ soll, kann ich nur zu dem logischen Schluss kommen, dass Sie für die Türkei völlig andere Maßstäbe anlegen – und das, mit Verlaub, betrachte ich als rassistisch. Oder können Sie mir erklären, weshalb das, was in Deutschland auf öffentlichen Plätzen „geht“, in der Türkei in Moscheen „gar nicht“ gehen soll?



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