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Chancenspiegel 2013

Chancengerechtigkeit kommt im Schneckentempo voran

Die soziale Herkunft ist schon in der Grundschule entscheidend für den Bildungserfolg. Und das gilt in besonderer Weise für Schüler mit Migrationshintergrund. Das ist ein Ergebnis des Chancenspiegels 2013.

Mehr Chancengerechtigkeit bleibt die Kernherausforderung der deutschen Schulsysteme – auch wenn es im Vergleich zum Schuljahr 2009/10 positive Tendenzen gibt. Das zeigt der aktuelle Chancenspiegel, den die Bertelsmann Stiftung und die Universitäten Dortmund und Jena am Montag in Berlin vorstellten.

Demnach verlassen weniger junge Menschen die Schule ohne Abschluss, allerdings ist schon in der Grundschule der Bildungserfolg stark von der sozialen Herkunft abhängig. Auch die Durchlässigkeit hat sich nur minimal erhöht, nach wie vor steigen deutlich mehr Schüler eine Schulform ab als auf. „Insgesamt geht es mit der Chancengerechtigkeit eher im Schneckentempo voran“, sagte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Das liege auch daran, dass der Ausbau von Ganztagsschulen nur schleppend vorwärts kommt und die Bedeutung der Förderschulen trotz Bemühungen um mehr Inklusion kaum nachlässt.

Positiv-Trend bei Schulabschlüssen
Der Chancenspiegel hatte im vergangenen Jahr – zehn Jahre nach der ersten Pisa-Studie – erstmals für jedes Bundesland analysiert, wie gerecht und wie leistungsstark das jeweilige Schulsystem ist. Die diesjährige Neuauflage dokumentiert, wie sich seit dem Schuljahr 2009/10 die Chancen von Schülern verändert haben, soziale Nachteile zu überwinden und ihr Leistungspotenzial auszuschöpfen. Das analysiert der Chancenspiegel in vier Dimensionen: Integrationskraft, Durchlässigkeit, Kompetenzförderung und Zertifikatsvergabe.

Den stärksten Positiv-Trend verzeichnet Deutschland bei den Schulabschlüssen. Der Anteil der Schulabbrecher sank um mehr als ein Zehntel von 6,9 auf 6,2 Prozent. Differenziert man die Abgänger nach ihrer Staatsangehörigkeit, lässt sich eine hohe Differenz zwischen den Abschlusskonstellationen erkennen. Laut Chancenspiegel kann zwar in den letzten Jahren ein positiver Trend bezogen auf die erreichten Abschlüsse ausländischer Absolventen beobachtet werden; jedoch zeigt sich keine relevante Annäherung zwischen ausländischen und deutschen Abgängern ohne Abschluss.

Positiver Trend – Lücke trotzdem groß
Während im Jahr 2005 8,1 Prozent der deutschen Jugendlichen die Schule ohne Abschluss verließen, betraf dies 16,2 Prozent der ausländischen Abgänger; im Abschlussjahr 2011 sind es 5,6 Prozent der deutschen bzw. 12,1 Prozent der ausländischen Abgänger. Es ist also nach wie vor eine Überrepräsentation ausländischer Abgänger ohne Hauptschulabschluss zu erkennen. Fazit: Ausländer tragen im Vergleich zu Deutschen ein etwa 2,5-fach höheres Risiko, die Schule ohne Abschluss zu verlassen. „Dieser Wert hat sich im Verlauf der letzten sechs Jahre nicht wesentlich verändert“, so die Autoren der Studie.

Zugleich stieg der Anteil der Schulabgänger mit Hochschulreife auf ein Rekordhoch – mehr als jeder Zweite (51,1 Prozent) erwirbt inzwischen einen Schulabschluss, der zur Aufnahme eines Studiums berechtigt.

Soziale Herkunft entscheidet über Erfolg
Doch auch hier gibt es Probleme: „Die Abiturienten rekrutieren sich wesentlich weniger aus Arbeiterfamilien als aus Familien der (oberen) Dienstklasse. Zwar erwerben zunehmend mehr Kinder aus bildungsferneren Schichten die Hochschulreife, jedoch nimmt nach differenzierter Betrachtung die soziale Ungleichverteilung am Übergang in die Hochschule. So haben etwa Absolventen aus höheren Sozialschichten mit weniger guten Noten ungefähr die gleiche Chance auf einen Universitätsbesuch wie Absolventen aus niedrigeren Sozialschichten mit guten Abiturnoten.

Stagnation herrscht beim Kompetenzerwerb: Das Leseverständnis der Grundschüler bewegt sich auf nahezu demselben Niveau wie vor zehn Jahren, und es ist weiterhin stark abhängig von der sozialen Herkunft; damals wie heute liegen die Kinder aus niedrigen Sozialschichten bei der Lesekompetenz durchschnittlich um ein Jahr zurück.

Keine bedeutenden Verbesserungen
„Obwohl seit nunmehr über zehn Jahren die Leistungen von Schülern in Deutschland sowie die Bedingungen des Kompetenzerwerbs, insbesondere die Einflüsse sozialer sowie migrationsspezifischer Hintergrundmerkmale systematisch erforscht werden, sind für den hier betrachteten Primarbereich noch keine bedeutenden Verbesserungen zu beobachten, die als Schritte hin zu mehr Chancengerechtigkeit gedeutet werden können“, heißt es in der Studie. Und dort, wo kleinere Effekte erkennbar sind, dürften sich die Akteure keineswegs zufrieden zeigen.

Vielmehr gelte es, die bisherigen Bemühungen deutlich zu verstärken und erwiesenermaßen erfolgreiche Schulentwicklungsmaßnahmen und andere Programme auszubauen. „Mit Stipendien sollte die Zahl der Lehrer mit Migrationshintergrund erheblich erhöht werden“, so die Bertelsmann Stiftung in seinem Positionspapier.

Migranten müssen Klasse häufiger Wiederholen
Wenig Veränderung gibt es auch bei der Durchlässigkeit der Schulsysteme. Auf einen Wechsel von einer niedrigeren auf eine höhere Schulart in der Mittelstufe kommen 4,2 Wechsel in umgekehrter Richtung. Zwei Jahre zuvor betrug das Verhältnis zwischen Auf- und Abstieg 1 zu 4,3.

Download: Den Chancenspiegel 2013 kann man sowohl in einer Kurzfassung als auch in der Komplettfassung kostenlos herunterladen.

Etwas deutlicher verringerte sich die Zahl der Klassenwiederholungen: 2010 blieben in der Sekundarstufe noch 2,9 Prozent der Schüler sitzen, zwei Jahre später waren es 2,7 Prozent. Doch auch hier stellt der Chancenspiegel fest: Von einer Nichtversetzung sind „überdurchschnittlich häufig Schüler mit Migrationshintergrund sowie mit niedrigem sozioökonomischem Status betroffen“. Jugendliche mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil weisen einen fast doppelt so hohen Anteil an verzögerten Schullaufbahnen auf wie jene ohne Migrationshintergrund.

Ganztagsschule mit guten Möglichkeiten
„Entscheidend für mehr Chancengerechtigkeit sind die Qualität des Unterrichts und die individuelle Förderung aller Schüler, aber gute Rahmenbedingungen können das natürlich begünstigen“, sagte Professor Wilfried Bos, Direktor des Instituts für Schulentwicklungsforschung an der TU Dortmund. Hoffnungen setzen Bildungsforscher vor allem in die Ganztagsschule – eine Schulform, die nach aktuellen Umfragen zwischen 70 und 80 Prozent der Eltern favorisieren.

Damit verglichen macht der Ausbau von Ganztagsangeboten jedoch nur geringe Fortschritte. Der Anteil der Schüler im Ganztagsbetrieb stieg zwischen den Schuljahren 2009/10 und 2010/11 nur von 26,9 auf 28,1 Prozent; lediglich knapp 13 Prozent aller Schüler besuchen gebundene, also für alle Schüler verpflichtende Ganztagsschulen. „Wenn sich der Ausbau der Ganztagsschulen nicht beschleunigt, dauert es noch mehr als 50 Jahre, bis für alle Kinder genug Plätze vorhanden sind. Dabei bietet gerade die gebundene Ganztagsschule gute Möglichkeiten, den Einfluss der sozialen Herkunft zu verringern“, sagte Dräger.

Der Ländervergleich
Der Ländervergleich im Chancenspiegel zeigt, dass innerhalb von Deutschland die Unterschiede in allen vier untersuchten Dimensionen äußerst stark ausgeprägt sind. Kein Land allerdings ist überall spitze oder überall Schlusslicht.

Professor Wilfried Bos: „Die Bundesländer haben jeweils Stärken und Schwächen, alle haben Nachholbedarf.“ Das Ausmaß der Unterschiede verdeutlichen einige Beispiele: In Mecklenburg-Vorpommern ist der Anteil der Schulabbrecher mit 13,3 Prozent fast dreimal so hoch wie im Saarland (4,8 Prozent). In Sachsen ist der Abstand zwischen Schülern oberer und unterer Sozialschichten nur etwa halb so groß wie in Bayern. Und während in Brandenburg auf einen Aufwärtswechsel lediglich 1,8 Abwärtswechsel kommen, liegt das Verhältnis in Bremen bei 1 zu 9,8. Starke Unterschiede gibt es auch beim Hochschulzugang: In Nordrhein-Westfalen erreichen 59,1 Prozent die Berechtigung zu studieren, in Sachsen-Anhalt nicht einmal 37 Prozent.

Investition in Bildung
Fortschritte bei der Chancengerechtigkeit seien nicht zuletzt eine Frage von Investitionen in Bildung, so Dräger. Für zentrale Reformen wie Ausbau der Kitas und Ganztagsschulen, Lehrerbildung oder Inklusion fehle den Ländern jedoch oftmals das Geld. „Die Länder haben in der Bildung zusätzliche Aufgaben bekommen. Dafür brauchen sie auch zusätzliches Geld“, sagte Dräger. Statt einer großen Föderalismusreform über eine Grundgesetzänderung plädierte er für eine pragmatische Variante: „Der Bund kann den Ländern über Artikel 106 für die neuen Aufgaben pauschal mehr Geld zur Verfügung stellen. Im Gegenzug sollten die Länder mehr Transparenz über die Bildungsergebnisse gewähren, damit die sinnvolle Verwendung der Mittel gesichert ist.“ Dafür könne ein Nationaler Bildungsrat sorgen, der neben der konzeptionellen Unterstützung von Reformen auch regelmäßige Leistungsvergleiche zwischen den Bundesländern verantworten solle.

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