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Migration und Integration in Deutschland

[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Buchtipp zum Wochenende

Mensch du, ich mach´ mir Sorgen um dich!

Unsere Gesellschaft kränkelt. Denn sie investiert nicht in das wichtigste Kapital, das ihr zur Verfügung steht: unsere Kinder. In ihrem neu erschienenen Buch „Deutschlands vergeudete Kinder“ schaut die gebürtige Iranerin Navid Dastkhosh-Issa hinter die Fassade unserer Gesellschaft. Im MiGAZIN schreibt sie über (verlorene) Werte.

VONNavid Dastkhosh-Issa

Die Verfasserin, gebürtige Iranerin, hat Islamwissenschaften und Kriminologie / Strafrecht studiert. Neben Arbeitserfahrungen im Bereich der Erwachsenenbildung ist sie seit Anfang 2010 in verschiedenen Schularten in der Sek. I als Lehrerin tätig gewesen und zurzeit in der Primarstufe tätig. Sie bietet zudem als Beraterin im Bildungsbereich Seminare an, die sich mit der Vermittlung von Interkultureller Kompetenz speziell für Lehrkräfte und andere Pädagogen befassen.

DATUM14. Juni 2013

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Unsere Zukunft schwindet dahin. Und wir alle sehen dabei zu. Bei solchen und ähnlichen Sätzen denken viele an unser verantwortungsloses Umgehen mit der Umwelt, an Wasser-, Luft- und Bodenverunreinigungen, die gigantische Ausmaße angenommen haben und dennoch weiter stattfinden. Dieses Dahinschwinden ist hier aber gar nicht gemeint. Unsere Zukunft entgleitet uns auch auf einer anderen Weise. Es sind viele unserer Kinder und Jugendliche hier in Deutschland, die wir mehr und mehr emotional und geistig „verlieren“. Diese jungen Menschen – unerhebliche ihrer Nationalität – sind unsere Zukunft bzw. werden die Zukunft mitgestalten. Sollten wir also – als Eltern und generell als BürgerInnen dieses Landes nicht wenigstens ansatzweise daran interessiert sein, mit welchem Welt- und Menschenbild diese jungen Menschen tagtägliche konfrontiert werden und was ihnen hierdurch „anerzogen“ wird?

Hierfür müsste man sich erst Gedanken darüber machen, wo heutzutage die „Wertevermittlung“ überhaupt stattfindet! Dass es die Familie ist, in der das Kind richtungsweisend Werte wie Respekt, Nächstenliebe, Mitleid etc. vermittelt bekommen kann; hat ja auch heute noch dort Gültigkeit, wo die Erziehung des Kindes als Aufgabe von den Eltern bzw. dem Elternteil wahr- und ernstgenommen wird. Das allerdings scheint immer seltener der Fall zu sein – Eltern also, die die Pflicht, ihren Kindern konstruktive Werte mit auf den Weg zu geben und sie in die Grundregeln des sozialen Miteinanders zu unterweisen, sind bei weitem nicht mehr so oft anzutreffen, wie dies z. B. bis vor Jahren noch der Fall gewesen ist.

Wertevermittlung allerding ist ein Prozess, in der sich Menschen Zeit ihres Lebens befinden. Durch unser Tun und Unterlassen, durch unsere Absichten und unsere Worte vermitteln wir andauernd irgendwelche Werte, wir „leben“ ununterbrochen Werte, bewusst oder unbewusst. Wenn Kinder und Jugendliche also heute insgesamt gesehen weniger konstruktive Werte innerhalb der Familie, d.h. durch die Eltern vermittelt bekommen, dann heißt das noch lange nicht, dass sie werte-los sind! Das, was Kinder und Jugendliche tagtäglich sehen und erleben, prägt sie, sei es auch im negativen Sinne, so z.B. eine permanente Gleichgültigkeit allem und jedem gegenüber, wie wir sie bei vielen Kindern und Jugendlichen heutzutage beobachten können. Viel zu viele Eltern – seien es solche mit oder ohne Migrationshintergrund – vermitteln heutzutage also eher durch ihre emotionale und / oder geistige Passivität und ihre Unlust Werte an ihre Kindern. Die aktive Wertevermittlung indes hat sich heute verlagert: heute werden im großem Stil Werte durch die Unterhaltungsmedien vermittelt.

Somit sollte es uns überhaupt nicht wundern, dass viele heutige junge Menschen so sind, wie sie sind! Dennoch trifft man überall auf Verzweiflung und Erstaunen, warum viele heutige Kinder und Jugendliche sich brutal verhalten? Warum kognitive Probleme und psychische Auffälligkeiten sich derart rasant innerhalb unserer Gesellschaft und hier speziell unter Kindern und Jugendlichen vermehren? Warum Kinder und Jugendliche immer unbarmherziger in ihren Worten und Taten werden? Na, können wir denn überhaupt etwas anderes erwarten? Viel zu viele Kinder und Jugendliche in unserer Gesellschaft wachsen doch in einer „zweidimensionalen“ Welt auf, in der sie spätestens im Grundschulalter lernen, wie man virtuell eine Waffe bedient, wie es sich anfühlt, virtuell über Macht zu verfügen und diese Macht unbarmherzig auszuleben! In ihrer zweidimensionalen Welt, in der sich Wirklichkeit und Fiktion für viele Kinder und Jugendliche nicht immer so richtig unterscheiden lässt, wird ihnen täglich auf subtile Weise vorgeschrieben, wie sie sich zu verhalten haben: kaltblütig, egozentrisch und verantwortungslos.

Wie, frage ich Sie, sollen daraus mündige Erwachsene werden, die den Wert eines demokratischen, freiheitlichen Rechtsstaates kennen und ihn lieben? Wie Erwachsene, die die Rechte anderer Menschen achten und ihre eigenen Pflichten wahrnehmen? Um diese Werte zu kennen und zu verstehen, müssten Kinder und Jugendliche Vorbilder haben, die ihnen konstruktive Werte vorleben. Diese Vorbilder bzw. überhaupt Vorbilder gibt es in immer weniger Familien, so dass Kinder und Jugendliche heute zu einem nicht unerheblichen Teil den Unterhaltungsmedien als ihre primären Erzieher i.S.v. Vorbilder ausgeliefert sind.

Bedenkt man, dass Kinder und Jugendliche einen großen, manchmal sogar den größten Teil ihres Tages in der Schule verbringen, so kann man sich nur wundern, warum die Schulpolitik diese enorme Möglichkeit, Kinder und Jugendlichen zum einen konstruktive, emotional-soziale Werkzeuge mit auf den Weg zu geben und zum anderen ihnen die Idee der freiheitlich-rechtsstaatlichen Gesellschaft nahe zu bringen und sie für den Erhalt dieser Gesellschaftsform zu animieren, so aus den Fingern entrinnen lässt! Wo sonst kommen Kinder und Jugendliche jeglicher Nation und jeglichen Glaubens tagtäglich über Monate und Jahre zusammen als in der Schule? Und wo sonst haben sie – abgesehen von der Familie – Personenbezug, der sich über Monate und Jahre verfestigen kann als in der Schule und zwar mit den Lehr- und Erziehungskräften?

PädagogInnen innerhalb der Schulen sind es, die mit Wissenserweiterung und einer bewussten und adäquaten Anpassung ihrer Sicht- und Verhaltensweise Kindern und Jugendlichen gegenüber, was z.B. ihren kulturell-religiösen Hintergrund anbelangt u.a., sowohl ihren eigenen stressigen und anspruchsvollen Berufsalltag auf Dauer etwas entlasten als auch dem emotionalen „Leerzustand“ vieler heutiger Kinder und Jugendlichen entgegenarbeiten können und so einen direkten Einfluss auf die Genesung unserer Gesellschaft nehmen können. Das ist allemal mehr zu empfehlen, als wartend sich der Illusion hinzugeben, der Bildung würde irgendwann mal auf schulpolitischer Ebene der nötige Wert zugestanden werden und dadurch bedingt sich die katastrophale Lage vieler Schulen, was z.B. die Anzahle der Lehrkräfte, die Größe der Klassen etc. anbelangt, verbessern.

Es sind Werte wie Nächstenliebe, Nachsichtigkeit – vor allem mit jungen Menschen, die ihre Identität noch finden müssen – Respekt und Achtung, aber auch der Wille, das Gute in jedem Menschen zu suchen und zu erkennen und nicht sofort Vorurteilen und Antipathien freien Lauf zu lassen, es sind diese Werte, die belebt werden müssen. Diese geistigen Güter sind es, die nationalitäts- und religionsübergreifend das Menschsein ausmachen und deshalb allen Menschen gut tun, ja essentiell sind für ein für uns Menschen notwendiges „Miteinander“ – anderenfalls wird bei ihrem Fehlen nur ein „Gegeneinander“ genährt werden. Die Ausübung dieser Werte bedarf keiner Formalitäten, sie braucht nur einen Willen dazu, den jeder Mensch für sich selbst befürworten kann. Es ist möglich, Kindern und Jugendlichen das Gute im Menschen nahe zu bringen und sie an dieses Gute, an das Aufbauende in ihnen selbst aufmerksam zu machen; es ist nicht nur möglich, es ist längst überfällig und existentiell notwendig, dies zu tun. Das liegt in unserer Verantwortung als Erwachsene, als Eltern, als PolitikerInnen und nicht zuletzt als PädagogInnen. Lehrerinnen und Lehrer haben durch ihren Bezug zu den Kindern und Jugendlichen – gerade auch zu den SchülerInnen, die sonst wenig Konstruktives vorgelebt bekommen – einen großen Einfluss auf diese und sollten sich dessen bewusst sein, denn ihre Worte und ihr Verhalten innerhalb der Schule beeinflussen die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in einem nicht unerheblichen Maße. Umso notwendiger ist es, konstruktive Werte auch und insbesondere innerhalb der Schule ganz bewusst „vorzuleben“ und den SchülerInnen ganz nebenbei auch zu zeigen, wie Grundrechte praktisch funktionieren: Nur durch unser eigenes Vorleben dieser konstruktiven Werte werden wir aus den heutigen Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden mündige und verantwortungsbewusste BürgerInnen Deutschlands und BürgerInnen dieser Erde machen, die sich zuallererst als Menschen wahrnehmen und die die Ausübung von Menschlichkeit als eine Selbstverständlichkeit anerkennen.

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