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OECD Studie

Deutschland kann viele Einwanderer nicht länger als ein Jahr halten

OECD-Studie zeigt: Aus den europäischen Krisenländern kommen viele Einwanderer nach Deutschland – aus Spanien, Griechenland oder Portugal. Trotz der guten Arbeitsmarktlage verlassen die meisten Deutschland wieder schon nach wenigen Monaten.

„Gerade die verstärkte Zuwanderung aus der EU ist Herausforderung und große Chance für unser Land“, hatte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, noch vor wenigen Wochen anlässlich des 6. Integrationsgipfels gesagt. Glaubt man den Zahlen einer aktuellen Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), meistert Deutschland aber weder die Herausforderung noch nutzt sie die Chance.

Auf den ersten Blick stimmen die Studienzahlen optimistisch: Die Einwanderung nach Deutschland ist von 2010 bis 2011 so stark gestiegen wie in kaum einem anderen Industrieland. Allein 2011 ließen sich rund 300.000 Menschen in Deutschland nieder (ein Plus von 68.000 im Vergleich zum Vorjahr). Die Meisten kamen aus den europäischen Krisenländern, darunter Griechenland, Spanien und Portugal.

Deutschland kann Einwanderer nicht halten
Wie aus der Studie allerdings weiter hervorgeht, gelingt es Deutschland nicht, die Einwanderer in Deutschland zu halten. Viele Einwanderer bleiben nur für kurze Zeit in Deutschland. So kehren etwa die Hälfte der Griechen schon innerhalb des ersten Jahres wieder in die Heimat zurück. Bei den Spaniern waren es sogar zwei Drittel. Dabei sind die Berufsaussichten alles andere als schlecht. Die Beschäftigungsquote von Migranten stieg in Deutschland von 2008 bis 2012 um fünf Prozentpunkte; bei Nichtzuwanderern betrug der Zuwachs im selben Zeitraum vergleichsweise nur 1,5 Prozent.

Schätzungen der Autoren machen deutlich, wie wichtig Integration für die Volkswirtschaft sein kann. So könnten die hiesigen Staatseinnahmen um etwa 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wachsen, wenn Menschen mit und ohne ausländische Wurzeln auf dem Arbeitsmarkt gleichermaßen vertreten wären. Mehr als 3,5 Milliarden Euro könnten die Mehreinnahmen schon bei hochqualifizierten Migranten liegen.

Einwanderung mit positiver Bilanz
Ein weiterer Befund der Studie: Familien, deren Oberhaupt im Ausland geboren wurde, zahlen in den OECD-Staaten im Schnitt weniger Steuern und Sozialabgaben als inländische Familien. Sie beziehen aber auch seltener Sozialleistungen, wenn man die Rentenbeiträge und -zahlungen außer Acht lässt. Eine Positive Bilanz also, die auch für Deutschland gilt. Bei Familienzulagen und beim Arbeitslosengeld sei das besonders deutlich. Nur Wohngeld und Sozialhilfe beziehen Einwanderer der Studie zufolge geringfügig häufiger als Einheimische.

Info: Die OECD-Studie „International Migration Outlook 2013“ kann hier kapitelweise und nur in englischer Sprache eingesehen werden.

Insgesamt profitieren Schweiz und Luxemburg am meisten von ihren Einwanderern. In der Schweiz etwa steigerten Einwanderer die Steuereinnahmen um stolze 6,5 Milliarden Franken bzw. das BIP um 1,9 Prozent. In Luxemburg beträgt der BIP-Anteil sogar zwei Prozent. Hintergrund: Prozentual wiesen beide Länder 2011 die höchste Zahl an Zuwanderern aus.

Diskriminierung von Einwanderern
Die Autoren der Studie haben sich auch mit der Diskriminierung von Einwanderern und ihren Kindern auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft beschäftigt. Sie kommen zu dem Schluss, dass Diskriminierung den sozialen Zusammenhalt beeinträchtigen und die Anreize für Investitionen in Bildung mindern kann. Darüber hinaus kann sie einen wirtschaftlichen Verlust für das Aufnahmeland darstellen. „Diskriminierung zu messen ist schwierig, Studien deuten jedoch darauf hin, dass es nicht unüblich ist, dass Zuwanderer und ihre Kinder über doppelt so viele Bewerbungen abschicken müssen, um eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch zu erhalten, wie Personen ohne Migrationshintergrund, deren Lebenslauf ansonsten vergleichbar ist. Tatsächlich scheint der Effekt der Diskriminierung am deutlichsten im Einstellungsverfahren zu Tage zu treten, auch wenn der spätere berufliche Aufstieg und die Verdienste ebenfalls beeinträchtigt werden können“, so die OECD.

Die meisten Länder hätten Maßnahmen zur Bekämpfung der Diskriminierung ergriffen. Allerdings variierten diese in Umfang und Reichweite stark. Am üblichsten sei die Schaffung von Klagemöglichkeiten. „Eine Reihe von OECD‑Ländern setzt darüber hinaus Maßnahmen der positiven Diskriminierung auf der Grundlage von Zielvorgaben und Quoten sowie bestimmte Instrumente wie anonyme Lebensläufe ein. Die Befunde deuten darauf hin, dass Diskriminierung mit solchen Maßnahmen wirkungsvoll bekämpft werden kann, wenn sie umsichtig konzipiert werden“, heißt es weiter. (bk)