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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Studie

Unternehmen von Migranten sind familienfreundlich – müssen aber noch mehr tun

Familie und Beruf sind nur schwer zu vereinbaren – außer der Arbeitgeber spielt mit und bietet gezielte Angebote an. Wie es in Unternehmen von Migranten aussieht, hat eine aktuelle Umfrage zutage gebracht: gut aber ausbaufähig.

Fast jeder Arbeitnehmer kennt das Problem, Familie und Beruf in Einklang bringen zu müssen – ob es der eigene Nachwuchs ist oder pflegebedürftige Familienmitglieder. Stress ist in den meisten Fällen vorprogrammiert. Glücklich kann sich da schätzen, wer einen Arbeitgeber hat, der gezielte Angebote anbietet oder zumindest flexible Arbeitszeiten ermöglicht.

Eine aktuelle Studie hat nun ermittelt, wie es in den Unternehmen aussieht – und zwar in solchen, wo der Arbeitgeber einen Migrationshintergrund hat. Im Auftrag des Bundesfamilienministeriums wurden über 1.000 Migrantenunternehmen befragt. Denn kaum ein anderes Unternehmenssegment weist derzeit eine vergleichbare Dynamik auf wie das der Unternehmen von Migranten. Ihre Zahl wächst kontinuierlich und damit auch die Zahl der Beschäftigten, die einen Arbeitgeber mit Migrationshintergrund haben.

Unternehmen von Migranten gefordert
Die Zahl an Selbstständigen mit Migrationshintergrund ist in den letzten zehn Jahren um 77 Prozent und damit fast fünfmal so stark gestiegen wie die der einheimischen Unternehmer. Zwischenzeitlich wird in etwa jedes sechste bis siebte Unternehmen in Deutschland von einem Migranten geführt. Nach Schätzungen des Instituts für Mittelstandsforschung in Mannheim, die die Studie durchgeführt hat, haben zwischenzeitlich rund zwei Millionen Beschäftigte in Deutschland einen Arbeitgeber mit Migrationshintergrund.

Von ihnen haben laut Erhebung durchschnittlich ein Viertel der Beschäftigten (27 Prozent) Kinder, die während der Arbeitszeit betreut werden müssen. Durchschnittlich ein Drittel aller Beschäftigten mit Kindern haben in den letzten drei Jahren die Arbeitszeit reduziert, um sich Betreuungsaufgaben widmen zu können. Zum Zweck der Pflege von Familienangehörigen haben dies im Schnitt 28 Prozent der betroffenen Beschäftigten getan. Diese Zahlen zeigen: Unternehmen von Migranten sind in hohem Maße gefordert, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für ihre Beschäftigten zu unterstützen.

Angebot ausbaufähig
Und die Umfrageergebnisse sind gar nicht einmal schlecht: Fast 98 Prozent bieten ihren Beschäftigten mindestens ein Angebot zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf an. Darunter flexible Arbeitsgestaltung (91 Prozent), Angebote für Beschäftigte mit Kindern (88 Prozent), Maßnahmen an zur Kinderbetreuung (82 Prozent). Ebenso gibt es laut Studie in 80 Prozent der Betriebe Maßnahmen im Hinblick auf pflegebedürftige Angehörige. Und rund jedes 4. Unternehmen bietet haushaltsnahe Dienstleistungen oder Freizeitangebote an.

Soweit so positiv. Die Gesamtbetrachtung fällt dennoch ernüchternd aus. Laut Studie besteht in Migrantenunternehmen Bedarf, was die Breite und die Vielfalt familienfreundlicher Maßnahmen angeht: Nur die Hälfte (49 Prozent) aller Migrantenunternehmen ist in der Lage, mindestens drei Handlungsfelder abzudecken und lediglich jedes zehnte Unternehmen (11 Prozent) kann diesen Anspruch in mindestens vier Handlungsfeldern anbieten.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird wichtiger
Die Motive für die Einführung von familienfreundlichen Maßnahmen spiegeln wider, dass sich die Unternehmen der Bedeutung ihrer Beschäftigten für den Unternehmenserfolg sehr bewusst sind: 82 Prozent nennen als wichtigsten Grund das „Halten und Gewinnen von Mitarbeitern“ und 81 Prozent die „stärkere Identifikation der Beschäftigten mit dem Unternehmen“.

Download: Die Studie „Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Migrantenunternehmen in Deutschland – Ergebnisse einer repräsentativen Befragung“ kann als PDF-Datei hier heruntergeladen werden.

Vor allem Unternehmen, die bereits eine Vielzahl von familienfreundlichen Maßnahmen anbieten, glauben, dass Angebote für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zukünftig an Bedeutung gewinnen werden: Rund die Hälfte gehen davon aus, dass diese in Zukunft „wichtiger“ für ihre Personalpolitik werden. Über alle Maßnahmenbereiche hinweg liegt der Anteil derjenigen, die bekunden, dass eine familienfreundliche Personalpolitik für ihr Unternehmen zukünftig „wichtiger“ werde, bei gut über 30 Prozent.

Kein Zusammenhang zwischen Herkunft und Familienfreundlichkeit
Ein weiteres Ergebnis der Erhebung: Einen Zusammenhang zwischen Herkunft und der „Familienfreundlichkeit“ gibt es nicht bzw. die Herkunft spielt keine Rolle. Vielmehr nehmen betriebliche Strukturen Einfluss auf die Familienfreundlichkeit. Dazu zählen die Unternehmensgröße, das wirtschaftliche Betätigungsfeld, die Beschäftigtenstruktur und der Wissenspool eines Unternehmens.

Familienministern Kristina Schröder stellt fest: „Die Umfrage zeigt ganz klar: Unternehmen von Migranten brauchen gezielte Unterstützung, um ihren Beschäftigten eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen. Damit das gelingt, bedarf es einer engeren Vernetzung von Migrantenunternehmen mit familienpolitischen Akteuren und Initiativen.“ (etb)

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Ein Kommentar
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  1. zeynel sagt:

    naja, mich würde ein vergleich zwischen deutschen und ausländischen firmen ähnlicher grösse interessieren. und dann kann man sehen, wo was verbessert werden muss.



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