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Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Kniefall!

Wenn schon Symbolpolitik, dann bitte richtig

Der Mai braucht weder den Integrationsgipfel noch die Deutsche Islamkonferenz in Luxushotels in Berlin. Nein, der Mai braucht einen Kniefall vor den Überresten eines Wohnhauses in Solingen.

VONMehdi Chahrour

 Wenn schon Symbolpolitik, dann bitte richtig
Der Autor (23) studiert Rechtswissenschaften an der FU-Berlin. Sein Schwerpunkt ist internationales Recht. Er ist Mitgründer des Vereins "Muslime aller Herkünfte deutscher Identität (M.A.H.D.I.-e.V.)", Mitglied der Jungen Islam Konferenz und in vielen Projekten ehrenamtlich engagiert, wie zum Beispiel im Arbeitskreis Zukunft des Sozialen des Bildungswerks der Heinrich-Böll-Stiftung.

DATUM31. Mai 2013

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RESSORTAktuell, Meinung

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Der Blick in den integrationspolitischen Kalender suggeriert, dass sich unsere staatlichen Institutionen ernsthaft und bemüht um eine faire Gestaltung des Zusammenlebens bemühen. Große Tagungen und Konferenzen, die im Titel die Wörter „Islam“ und „Integration“ tragen, finden statt. Auch einige Gastgeber können sich von Rang und Titel her sehen lassen: Innenminister Hans Peter Friedrich und unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Letztere veranstaltete am 28. Mai zum sechsten Mal in Folge den Integrationsgipfel. Ein großer Titel, der dementsprechend große Erwartungen weckt. Eine Zwischenbemerkung kann ich mir an dieser Stelle einfach nicht verkneifen. Den Lesern, die wie ich die Debatte seit fast einem Jahrzehnt verfolgen, empfehle ich: Erwarten Sie lieber nichts, denn nur der, der Erwartungen hat, kann auch enttäuscht werden.

Mit diesem Rat schaffe ich den fast nahtlosen Übergang von der Politik der Bundeskanzlerin zur Politik und Arbeitsweise von Herrn Friedrich, der dieses Jahr erneut zur Plenarsitzung der Deutschen Islam Konferenz (DIK) einlud. Vorsicht ist geboten: Auch dieser Titel weckt Erwartungen, die der Ausrichter selbst nicht wecken will.

Daher machte er in seiner Antrittsrede deutlich: nur die Konferenz ist deutsch. Der Islam aber gehöre nicht zu Deutschland, denn die islamische Religion sei nicht Teil der Historie der Bundesrepublik. Die friedrich’sche Logik ist klar: Was in der Vergangenheit nicht war, kann nicht ein Teil der Gegenwart oder der Zukunft sein.

Mit Verlaub Herr Friedrich, wo waren Sie, als muslimische (Gast-)Arbeiter in der Vergangenheit nach Deutschland kamen, um die Zukunft Deutschlands aufzubauen? Taten sie das, um in der Gegenwart von Ihnen samt ihrer Religion abgelehnt zu werden?

Ansichten wie diese sind Selbsterklärer; sie verdeutlichen, weshalb die Gipfel und Konferenzen den Ansprüchen der Menschen in diesem Land nicht gerecht werden können. Derartige Statements der Gastgeber schlagen sich zwangsläufig auch auf die Inhalte solcher Veranstaltungen nieder: Sie sind vorgeschrieben und realitätsfern und umfassen schlichtweg die falschen Themen zur falschen Zeit.

Schauen Sie auf den Monat Mai, der die beiden genannten Veranstaltungen beherbergte. Der Mai, der nicht nur aufgrund der klimatischen Zumutungen in die Geschichte eingehen wird, ist der Mai des Auftaktes des NSU-Prozesses, es ist der Mai, der Solingen einen Tag gab.

Das Thema im Mai sollte Fremdenfeindlichkeit lauten. Im Mai sollte es darum gehen, wie das Vertrauen der Menschen mit Migrationsgeschichte gegenüber staatlichen Institutionen wieder hergestellt werden kann. Im Mai, der auf einen April folgte, in dem die Bundesrepublik für den Umgang mit Sarrazins Rassentheorien gerügt werde, sollte es um Toleranz und Vielfalt gehen.

Manch einer würde erwidern, die Signale dieser Veranstaltungen sind doch ausreichend. Die Politiker nehmen sich Zeit für MigrantInnen, die Bilder gehen um die Republik. Es gehe ja schließlich um die Symbolik der Treffen.

Und ich sage: ja, Symbolik ist ganz wichtig. Aber Symbolik muss dem Geschehen der Zeit gerecht werden. Wenn schon Symbolpolitik, dann bitte richtig. Der Mai 2013 bedarf einer Symbolhandlung der besonderen Art. Eine Handlung, die Mölln, München, Dortmund, Rostock und alle Orte der rechten Gewalt erreicht. Der Mai braucht keine Treffen in Hotels in Berlin. Nein, der Mai braucht einen Kniefall vor den Überresten eines Wohnhauses in Solingen.

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5 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Kigili sagt:

    Über die Webpräsenz der ARD unter der Rubrik Zeitgeschichte ist es möglich sich, sich alte Tagesschauaufnahmen von vor 20 Jahren anzuschauen. In der Tagesschau vom 29.05.1993 wurden auch Solinger Bürger nichtdeutscher Herkunft nach dem Mordanschlag befragt. Einer betonte schon damals, dass er mit 17 nach Deutschland kam, über 30 Jahre in Deutschland lebt und dass Deutschland seine Heimat ist. Dies sagte er vor 20 Jahren! Heute nach 20 Jahren laufen die Diskussionen immer noch auf derselben Ebene ab. „Du hast dich zu integrieren!“, „“Du hast loyal zu Deutschland zu sein“, „Du hast dich zu entscheiden, ob du hier leben möchtest, ob du dich ein Teil unserer Gesellschaft siehst.“ „Integration ist deine Bringschuld, nicht unsere!“. Du hast dies du hast das zu machen. Es ist doch offensichtlich, dass hier die ignorante deutsche Mehrheitsgesellschaft und der deutsche Staat nicht fähig und willig sind, überhaupt Integration zuzulassen. Die Symbolpolitik des deutschen Staates ist ausgrenzend und rassistisch. Bei den Ossis nach dem Mauerfall hat man interessanterweise diese Form der Symbolpolitik nicht praktiziert. Ossis waren per se integriert, weil sie ja deutschen Blutes sind. Hier stellte sich die Frage der Integration nie bzw. man hat sie nie gestellt. Im Gegenteil man hat sogar auf unsere Kosten noch 100 DM Begrüßungsgeld jedem Ossi ausgezahlt, damit er die schöne westdeutsche Welt des Konsums erleben darf. Ich kann mich noch sehr gut an die schier nicht enden wollenden Schlangen der Ossis vor den Bankfilialen erinnern, die um ganze Wohnblocks gingen und mit welcher Selbstverständlichkeit sie das Begrüßungsgeld forderten. Davon spricht heute keiner mehr. Ebenso die Politik Jobs zuerst an Ossis zu vergeben, die bevorzugte Einstellung von Ossis in Betrieben oder der Aufbau Ost durch Einführung des damals noch als zeitlich befristetet angekündigten Solidaritätsbeitrags. Die Solidarität der Ossis erleben wir seitdem tagtäglich in Form von Beschimpfungen, Jagd auf Asylanten, Menschen anderer Hautfarbe, Ermordungen, etc.. Das ist alles deutsche Symbolpolitik. Nur weil es nicht in den Medien richtig aufgearbeitet und thematisiert wird, in den Geschichtsbüchern unseren Kindern nicht richtig vermittelt wird, heißt es nicht, dass wir uns nicht daran erinnern. Es heißt auch nicht, dass wir diese ungerechte Behandlung gegenüber uns vergessen haben. Nichts ist vergessen.

  2. RockOn sagt:

    Kigill bist du eigentlich noch bei Sinnen? „Ossis“ konnten sich nach der sozialistischen Aussperrung nicht aussuchen mal in die reiche BRD zu kommen um dort Arbeit zu finden…

    Schau dir mal an wieviel „Ossis“ im Osten von Nazis totgeschlagen wurden…

    Ich könnte echt das kotzen kriegen […]…

    […]

  3. trauma sagt:

    @Kigili
    also das ist also ihr Feindbild der „Ossi“ der is sogar schuld an Solingen,Möln
    Abgesehen davon das „Ossis“ ihr Eigenes Land mitgebracht haben und sich nicht in gegebene Struckturen Integrieren musten ist ihr vergleich Migranten Ossis einfach nur zum Lachen.

  4. Lionel sagt:

    Vermutlich hat irgendwann ein böser Ostdeutscher irgendjemandem einen schönen Job weggeschnappt.
    Fr. Merkel oder Hr. Gauck werden es aber wohl nicht gewesen sein. 🙂

  5. posteo sagt:

    Sehr geehrter Herr Charour,
    ob es am 29.05. in Solingen auch zu einem Kniefall kam. weiß ich nicht.
    Aber es fand in Solingen eine ganztätgige Gedenkveranstaltung statt, mit Poltikern aus Deutschland und der Türkei. Weitere Gedenkfeiern wurden in Bonn und Frankfurt abgehalten. Auch in den Nachrichten, Zeitungen und Rundfunkkommentaren fand der Jahrestag des Brandanschlags eine breite Erwähnung.
    Über den Nutzen von Islamkonferenz und Integrationsgipfel zu diskutieren, steht auf einem anderen Blatt.



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