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Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Arbeitsmarkt

Höhere Bildung verschlechtert Job-Chancen von Migranten

Erstmals berichtet die Bundesagentur für Arbeit über die Entwicklungen am Arbeitsmarkt nach Migrationshintergrund. Die ersten Zahl zeigen: Migranten mit akademischer Ausbildung sind deutlich häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen als Migranten mit betrieblicher Ausbildung.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) berichtet erstmals über die Entwicklungen am Arbeitsmarkt nach Migrationshintergrund. Möglich macht dies eine freiwillige Vollerhebung unter Arbeitsuchenden, Arbeitslosen und erwerbsfähigen Leistungsberechtigten. Für 70 Prozent der Befragten konnten entsprechende Angaben zum Migrationshintergrund erhoben werden. Erste Ergebnisse wurden nun in einem Bericht vorgelegt.

Danach haben 35 Prozent der Arbeitslosen in Deutschland einen Migrationshintergrund. Der Vergleich zu ihrem Anteil (19,5 Prozent) an der Gesamtbevölkerung Deutschlands zeigt, dass Migranten am Arbeitsmarkt häufiger Probleme haben als Menschen ohne Migrationshintergrund. „In Bezug auf die in den letzten Jahrzehnten erfolgte Zuwanderung und gemessen am Bevölkerungsanteil der Migrantinnen und Migranten in Deutschland zeigt sich, dass Menschen mit Migrationshintergrund häufig nicht hinreichend erfolgreich am Erwerbsleben teilhaben können. Es bleibt weiterhin Herausforderung, gleiche Chancen für alle zu ermöglichen“, so die Bundesagentur für Arbeit (BA).

Bildung entscheidet, höhere Bildung auch
Wie aus der Auswertung weiter hervorgeht, spielen Bildungsmerkmale für Chancen am Arbeitsmarkt eine entscheidende Rolle. Der Anteil arbeitsloser Migranten ohne Hauptschulabschluss liegt mit 54 Prozent leicht über dem Anteil derjenigen ohne Migrationshintergrund (46 Prozent). Der Anteil arbeitsloser Migranten mit Hauptschulabschluss hingegen liegt mit 32 Prozent schon deutlich unter dem Anteil derjenigen ohne Migrationshintergrund (68 Prozent). Und unter denen, die eine mittlere Reife vorweisen können, machen Migranten nur noch knapp 23 Prozent der Arbeitslosen aus.

Überraschend ist allerdings, dass Migranten mit (Fach-) Hochschulreife wiederum stärker von Arbeitslosigkeit betroffen sind, als jene, die einen niedrigeren Schulabschluss haben. Hier liegt der Anteil arbeitsloser Migranten bei 38 Prozent und damit sogar über denen, die einen Hauptschulabschluss (32 Prozent) vorweisen können. Ein ähnliches Phänomen ist auch im Hinblick auf die abgeschlossene Berufsausbildung zu beobachten. So liegt der Anteil arbeitsloser Migranten mit einer betrieblichen Ausbildung bei niedrigen 18 Prozent (82 Prozent bei Menschen ohne Migrationshintergrund); der Anteil von arbeitslosen Migranten mit einer akademischen Ausbildung hingegen liegt bei 34 Prozent.

Ein Migrationshintergrund liegt vor, wenn die Person nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder der Geburtsort der Person im Ausland liegt und eine Zuwanderung nach 1949 erfolgte oder der Geburtsort mindestens eines Elternteiles der Person im Ausland liegt sowie eine Zuwanderung dieses Elternteiles nach 1949 erfolgte. Eine Teilgruppe der Personen mit Migrationshintergrund sind Aussiedler oder Spätaussiedler, sofern sie als Aussiedler oder Spätaussiedler, als dessen Ehegatte oder als dessen Abkömmling die deutsche Staatsangehörigkeit erworben haben und eine Zuwanderung nach 1949 erfolgte.

Regional große Unterschiede
Die höchste Arbeitslosenquote weisen Migranten in Baden-Württemberg. Dort hat mehr als jeder zweite Arbeitslose einen Migrationshintergrund (51 Prozent); es folgen Hessen und Hamburg mit je 49 Prozent sowie Bremen und Nordrhein-Westfalen mit je 46 Prozent. Im Vergleich dazu machen Migranten in Sachsen-Anhalt nur 7,7 Prozent der Arbeitslosen aus.

Der Anteil der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten in der Grundsicherung („Hartz IV“) mit Migrationshintergrund liegt bei rund 42 Prozent. Dabei liegt die Spreizung zwischen 10 Prozent in Sachsen-Anhalt und 60 Prozent in Hessen.

BA: Zahlen nicht verallgemeinern!
Wie die BA mitteilt, beziehen sich diese Zahlen auf den Stand Dezember 2012. Künftig werde der Bericht jedoch quartalsweise veröffentlicht und fortlaufend weiterentwickelt, um den Informationsbedarf gerecht zu werden. Bei der Interpretation sei allerdings zu beachten, „dass es immer um die Verteilung von Chancen geht. Es sind nie Aussagen, die sich auf den Einzelnen verallgemeinern lassen. Oder anders ausgedrückt: Für den Einzelnen ist die Tatsache seines Migrationshintergrundes nicht Ausdruck eines Problems. Ganz im Gegenteil: Für ihn mag sich daraus durchaus eine Stärke und besondere Befähigung ergeben.“ (etb)

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16 Kommentare
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  1. Kigili sagt:

    Wen wundert’s.

  2. Miss sagt:

    Der Link zur Studie von der BA wäre sehr hilfreich! Grüße

  3. posteo sagt:

    Was ein undurchsichtiges Geschreibsel. Wenn die Verteilung der Bildungsabschlüsse bei den Vergleichsgruppen Migranten/Nichtmigranten nicht bekannt ist, kann über die Ursache der Arbeitslosenzahlen in der jeweiligen Gruppe nur spekuliert werden.
    Angenommen der Akademikeranteil bei den Migranten ist höher, als bei den N.M., ist (gleiche Qualifikation vorausgesetzt) ihr Anteil unter den arbeitlosen Akademikern auch relativ höher.
    So erklärt sich auch der höhe Anteil arbeitloser Migranten in den erstgenannten Bundesländern gegenüber Sachsen-Anhalt. Die erstgenannten 5 Bundesländer haben einen hohen Migrantenanteil, in Sachsen-Anhalt ist der Anteil hingegen gering.

  4. Markus Soder sagt:

    Das ist nicht verwunderlich!!!

  5. Mina sagt:

    Sind jetzt die Migranten (obwohl, meines Erachtens, ein zu weiter und undeutlicher Begriff) für ihre schlechte Stellung überqualifiziert?
    Wenn Frauen mit Kopftuch gerade für ein unbezahltes Praktikum gut sind, aber bei bezahlter Arbeit wieder entlassen werden, dann wundert’s nicht, und hier kan man eine besorgniserregende Armut beobachten.
    Posteo, hier geht es um den Vergleich zwischen Migranten untereinander, nicht unbedingt mit Nicht-Migranten

  6. Chris Pyak sagt:

    Eine plausible Erklärung für den hohen Anteil arbeitsloser Akademiker wäre z.B. dass deren Studium im Ausland erfolgt ist – und hier nicht anerkannt wird. Ein Missstand der erst jetzt langsam behoben wird.

    Leider gibt der Artikel (und wahrscheinlich die Studie) darüber keinen Aufschluss. Interessant: Wie ist die Arbeitslosenquote der Akademiker die Ihr Studium in Deutschland absolviert haben?

  7. posteo sagt:

    Liebe Mina,
    das stimmt zwar, aber die Datenlage ist trotzdem zu dünn, um Schlüsse zu ziehen. Betriebliche Ausbildungen wie in Dt.land sind in vielen Ländrn unbekannt, so dass davon ausgegangen werden kann, dass diese Migrantengruppe hren Abschluss hier erworben hat, was keine Anerkennungshürden und keine wesentl. Sprachhürden impliziert.
    Beruflich habe ich mit russischen Akademikerinnen zu tun, die hier wg. der Sprach- und Anerkennungshürden in Anlernberufen arbeiten. Ebenso dürften die Menschen ohne Schulabschluss inzwischen kurz vor oder im Rentnealtr stehen, die jüngeren Semester sowohl hier als auch im Ausland übrwiegend Schulabschlüsse erwerben.
    Das meine ich, wenn ich schreibe, ohne Angaben der jeweiligen Anteile an Schulabschlüssen sind nur Spekulationen möglich.

  8. Gabriele Boos-Niazy sagt:

    Der Befund, dass die Relation: „Je höher die Bildung, desto niedriger die Gefahr der Arbeitslosigkeit“ für Migranten nicht stimmt, belegt auch die Studie „Muslimisches Leben in NRW“.
    http://www.mais.nrw.de/08_PDF/003_Integration/110115_studie_muslimisches_leben_nrw.pdf

    Darin heißt es:
    „Vor allem die mittlere Bildung und die Berufsausbildung (Seibert 2008:4) haben positive Effekte auf die Erwerbsbeteiligung.“ (S. 112).

    „In verschiedenen Studien in Deutschland hat sich gezeigt, dass bei Deutschen und Zuwanderern die Stellung im Beruf durch das Qualifikationsniveau erklärt werden kann. Dies gilt jedoch nicht für türkeistämmige Zuwanderer, die bei gleichem Bildungsniveau keine höhere Stellung im Beruf erreichen. (Haug 2002b; Granato/Kalter 2001; Kalter 2006; Kalter 2007). Insofern trifft die Annahme der Humankapitaltheorie, dass bei gegebener Schul- und Berufsausbildung (Humankapital) auf dem Arbeitsmarkt unabhängig von der ethnischen Herkunft gleiche Positionen erreichbar sind, im Falle der Türkeistämmigen nicht zu. Dies spricht für einige Autoren für einen „ethnisierten“ Signalwert eines Ausbildungsabschlusses (Seibert/Solga 2005). Bei Befragungen von Arbeitgebern zeigt sich auch, dass für sie bei der Rekrutierung von Arbeitskräften neben der Qualifikation andere Aspekte eine Rolle spielen. Wichtig ist auch das Ziel, Komplikationen mit Mitarbeitern oder Kunden zu vermeiden, und der Verzicht auf ausländische Auszubildende wäre demnach eine vorwegnehmende Konflikt- und Problemvermeidung (Imdorf 2008, 2009).“ (S. 113)

    „Allgemein hängen die Einkommensquellen mit der Schulbildung zusammen. Betrachtet man unter den Befragten mit Migrationshintergrund aus einem muslimisch geprägten Herkunftsland nur diejenigen, die in Deutschland die Schule besucht haben, so ist der Anteil der Einkommen aus Lohnzahlungen oder Selbständigkeit mit einem Wert von 84,0 Prozent höher als bei der gesamten Untersuchungsgruppe (78,4 Prozent). Dies ist u.a. auch durch die Altersstruktur und den geringeren Rentneranteil bedingt ist. Insgesamt ist die ausschließliche Abhängigkeit von Transferleistungen vor allem bei sehr niedriger und sehr hoher Schulbildung gegeben, Bildungsinländer mit mittlerer Reife sind am seltensten auf Transfereinkommen angewiesen (Tabelle 5-8).“ (S. 115)

    „Es wird deutlich, dass die Mehrheit der untersuchten Personen aus muslimisch geprägten Herkunftsländern über ein eigenes Erwerbseinkommen verfügt. Gleichzeitig ist ein relativ hoher Anteil abhängig von Transferleistungen, wobei eine hohe Schulbildung kein sicheres eigenes Einkommen impliziert.“ (S. 116)

  9. posteo sagt:

    G. Boos-Niazy schreibt: „Insgesamt ist die ausschließliche Abhängigkeit von Transferleistungen vor allem bei sehr niedrigerUND sehr hoher Schulbildung gegeben.“

    Letzteres finde ich insofern verwunderlich,als mit den HARTZIV-Gesetzen die Zumutbarkeit einer Erwarbsarbeit stark ausgeweitet wurde. Das habe ich auch selbst erlebt, als ich nach meinem Studium zeitweise in Anlerntätigkeiten gearbeitet habe.
    Dies bringt nicht nur mehr Geld als HartzIV, sondern macht bei vernünftigen Wunsch-Arbeitgebern auch keinen negativen Eindruck, wenn man flexibel und aktiv war.

  10. Tadesse sagt:

    „Überraschend ist allerdings, dass Migranten mit (Fach-) Hochschulreife wiederum stärker von Arbeitslosigkeit betroffen sind, als jene, die einen niedrigeren Schulabschluss haben.“

    Wer genau ist da überrascht?
    Wenn Deutschland im Jahre 2013 aus Babynot sich dazu herablässt über Migration nachzudenken, was war dann in den 60ern, 70ern, 80ern usw…

    (Nein ich habe die Zuwanderung der ausländischen Soldaten aus den beiden großen Kriegen nicht vergessen aber wo genau fang ich dann an? )

    Wurden Migranten schon länger künstlich aussen vor gehaltem oder haben wir erst jetzt eine erste Generation an schulfähigen Kindern hervorgebracht? Lange Lange nachdem wir aus alle diesem rückständigen Migratien gekommen sind. Sind Heime,Hauptschulen und Gefängnisse deswegen so beliebt weil die Gesellschaft den Migranten eine Chance geben will? Oder sind da nur die die es sich verdient haben?

    Sind unsere Foren voller schlauer Kommentare während die Tagespolitik ohne uns stattfindet weil nicht genug da sind die das könnten oder verstehen?
    Bei wirklich allem Respekt. Ich rede nicht vom Fussvolk in den kleinen örtlichen Parteien.

    Und wer den Zusammenhang bzw. die Einstellung zu Bildung und Migration verstehen will kann sich mit ausländischen Studenten unterhalten die schon, seit Jahrzehnten, nach dem Studium um Aufenthalt betteln ( http://www.aufenthaltstitel.de/stichwort/studium.html )

    In einem Land das Millionen in eine Hochschulausbildung steckt und die Leute dann wegschickt ist das für mich alles keine Überraschung.

    Es scheint so das sich das „Recht des Blutes“ seinen Weg aus der „Staatsbürgerschaft“ in die Bildungspoliik erschlichen hat. Aber auch das wundert mich nicht.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Abstammungsprinzip


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