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Fachmagazin für Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Medienkritik

Bild, kümmern Sie sich lieber um die Bildung Ihrer Leser!

„Viele Migranten-Kinder nicht fit für die Schule“, titelte das Boulevardblatt Bild. Grund: Eltern würden zu Hause kaum oder gar nicht Deutsch sprechen. Ein klischeebeladenes Foto soll die subtile Botschaft deutlicher zur Geltung bringen: Migranteneltern – vor allem Mütter mit Kopftuch – legen kein Wert auf die Bildung ihrer Kinder.

„Willkommens- und Anerkennungskultur – Zusammenleben in Deutschland“: Unter diesem Motto stand die diesjährige Bundeskonferenz der Integrationsbeauftragten von Bund, Ländern und Kommunen am 13. und 14. Mai in Saarbrücken. In fünf Foren wurden unter anderem über die Integration von EU-Fachkräften, Willkommenskultur oder Fremdenfeindlichkeit diskutiert.

Überschattet wurden diese Themen aber von zahlreichen Medienberichten, wonach viele Migranten-Kinder nicht fit für die Schule seien aufgrund von unzureichenden Deutschkenntnissen. Welt Online etwa titelte, trotz sachlichem Beitrag, irreführend „Warum Migrantenkinder kein Deutsch mehr lernen“ und verwies auf einen Bild-Artikel. Darin wird die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), zitiert: „In einzelnen Ländern braucht fast jedes zweite Kind gezielte Sprachförderung. Das ist eine gewaltige Aufgabe. Sie muss überall oberste Priorität haben.“

Eklusiv? Na klar!
Im Folgenden fasst Bild längst bekannte Auswertungen aus fünf Bundesländern zusammen, die ihr „exklusiv“ vorlägen. Zusammenfassend stellt das Boulevardblatt fest: „In vielen Zuwandererfamilien wird zu Hause kaum oder sogar kein Deutsch gesprochen. Folge: Die Sprachkenntnisse der Migranten-Kinder reichen nicht aus, um dem Schulunterricht folgen zu können.“ Auf Hintergründe und die Nennung von möglichen Ursachen verzichtet das Blatt.

Außen vor gelassen wird auch, dass mangelnde Deutschkenntnisse in einer Einwanderungsgesellschaft nicht nur nichts Ungewöhnliches sind, sondern allzu natürlich – auch und vor allem bei Kindern. Erst jüngst teilte das Statistische Bundesamt mit, das im Jahr 2012 so viele Menschen nach Deutschland eingewandert sind, wie seit 1995 nicht mehr.

Logischer geht’s kaum noch
Hintergrund dieses Anstiegs ist zum einen der Fachkräftemangel in Deutschland und die Finanzkrise in vielen europäischen Ländern. Diese Menschen sind „Willkommen“, teilt die Bundesregierung in immer kürzeren Abständen mit. Entsprechend wurden Gesetze gelockert, damit Deutschland noch attraktiver wird und noch mehr Menschen kommen.

Vergessen wird hierbei, dass Fachkräfte nicht allein kommen, sondern auch Frau und Kinder mitbringen. Dass diese Kinder keine perfekten Deutschkenntnisse im Gepäck haben, dürfte einleuchtend sein – sogar auf Anhieb. Dennoch zeigt man sich hierzulande „überrascht“, wenn die Zahl der Kinder mit Migrationshintergrund in den Grundschulen mit unzureichenden Deutschkenntnissen steigt.

Was alles überrascht
Dabei ist es überraschend, wenn bemängelt wird, dass in vielen Familien zu Hause kaum Deutsch gesprochen wird. Dafür gibt es in den allermeisten Fällen zwei gute Gründe: Entweder sprechen die Eltern selbst kein oder nur mangelhaft Deutsch oder sie entscheiden sich bewusst für die Muttersprache.

Erstere tun gut daran, die Herkunftssprache zu präferieren. So bringen sie ihren Kindern kein falsches Deutsch bei. Denn das Ablegen einer falsch erlernten Sprache ist viel schwieriger, als der Spracherwerb ohne jegliche Vorkenntnisse. Das ist unter Sprachwissenschaftlern breiter Konsens. Im zweiten Fall handelt es sich um besonders bildungsaffine Eltern, deren Kinder meist im Kindergarten oder per Privatunterricht Deutsch lernen. Sie legen außerdem Wert auf die Muttersprache, damit ihr Kind bilingual aufwächst, was bekanntlich nur Vorteilhaft ist. Jedenfalls ist es in keinem Fall erlaubt, von der zu Hause gesprochenen Sprache vorschnelle Schlussfolgerungen ziehen, die Stereotype bedienen könnten.

Bild ist nicht Bildung, sondern Foto
Maria Böhmer selbst weist in Welt Online – erschienen ein Tag vor dem Bild-Artikel – explizit darauf hin, dass beim Spracherwerb der Fokus nicht mehr auf den klassischen Gruppen liegt, sondern auf Zuwanderern aus Süd- und Südosteuropa, wo die meisten der Neueinwanderer herkommen. Im Gegensatz zu Nicht-EU-Ausländern sind sie nicht verpflichtet, Deutsch zu lernen. „Das hat zur Folge, dass ihre bereits schulpflichtigen Kinder vollkommen überfordert sind“, führt Welt Online weiter aus. Ein 1+1=2-Prozess also, das allenfalls einen Vorwurf in Richtung Bundesregierung rechtfertigt, weil es sich nicht ausreichend auf die gewünschte Einwanderung vorbereitet hat.

Schade nur, dass diese Faktoren das Boulevardblatt Bild nicht davon abbringt, auf ein Foto zurückzugreifen, das geeignet ist, bekannte Klischees zu bedienen. Die subtile Botschaft ist klar: Eltern – vor allem Mütter mit Kopftuch – legen keinen Wert auf die Bildung ihrer Kinder. Dabei ist es die Bild selbst, die ihre Leser sträflich vernachlässigt, was Bildung angeht.

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9 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Supatyp sagt:

    „Wir bilden dir unsere Meinung“, oder wie hieß der Slogan der BILD noch kürzlich?!

    Meine Meinung über die WELT wird hier optimal wiedergegeben:
    http://www.der-postillon.com/2012/09/welt-online-in-wahrheit-trick-um-rechte.html

    Zum Inhalt dieses Artikels:
    Bin selber ein deutsch-türken Hybrid, also äußerlich türkisch und menthal eine Mischung aus beidem. Bin hier aufgewachsen und meine Eltern haben auch nie (bis heute) deutsch zu hause gesprochen, weil sie es einfach nicht konnten (oder weil es einfacher ist, etwas in der „eigenen“ Sprache zu sagen, so wie ich automatisch auf deutsch ausweiche, wenn es geht, weil ich türkisch einfach nicht so gut beherrsche wie deutsch). Aber siehe da, welch Wunder, ich spreche (und schreibe sogar ! ) in akzentfreiem und perfekten Deutsch. Oh Wunder der Natur, wie war das nur möglich? Sarrazin würde vielleicht sagen, eine Genmutation (wie es häufig in der Natur vorkommt) sei verantwortlich. Ich sage, das lag an meinen vielen deutschen Freunden in meiner Kindheit.

  2. […] Nur, wo ist der Reichtum hin, dem die Migrantenströme folgen können? In Rom? Nein, da herrscht ja seit neuester Zeit ein alter DiLETTAntismus und ob dieser dazu beitragen kann, den Wohlstand der ewigen Wonneproppen wiederherzustellen, ist fraglich. Also ziehen die Migranten weiter, beispielsweise in Richtung Deutschland. Hier überschlagen sich dann die Statistiken und fordern eine qualifizierte und geordnete Einreise nach Deutschland. Gerne nämlich zollt man den Zahlen Ehre und verschanzt sich auf dem Integrationsgipfel: Die höchste Nettozuwanderung seit 1995, Armutsflüchtlinge aus Südostaeuropa, Müllberge in Mül(l)heim und überall dort, wo Sinti und Roma hausen, unzureichende Deutschkenntnisse von Schülern mit Migrationshintergrund (sagt Maria Böhmer dem Presseorgan der Bundesregierung, der “Bild”-Zeitung). […]

  3. Tran sagt:

    Und wieder wird unter dem Stichwort „Migranten“ über die Versäumnisse und Integrationsverweigerung eines bestimmten Klientels berichtet.

    Ich, als Vietnamese, hab es ehrlich gesagt satt mit dieser Klientel…in einen Topf geworfen zu werden.
    Bin mal gespannt, wann meine Landsleute sich endlich offensiv dagegen wehren. Und sich noch mehr von dieser Versager-Klientel abgrenzen

  4. gedanke sagt:

    @Tran

    Meinen sie als Vietnamese sind sie ein besserer Ausländer ?
    Meinen sie ,besser wegzukommen wenn sie sich als Zigarettenschmuggler klientel von den angeblich Versager-Klientel abzusetzen ?
    Als Vietnamese haben sie Rostock -Lichterhagen sicherlich bei ihrer Deutschtümmelei, wohl versehentlich übersehen.

    Sie als Vollends intregierter Deutscher werden immer ihre Mandelaugen zum Stolperstein werden.

  5. Gero sagt:

    @gedanke:Sie als Vollends intregierter Deutscher werden immer ihre Mandelaugen zum Stolperstein werden.
    _________

    Das glaub‘ ich nicht. Sie, lieber „gedanke“ versuchen, erfolgreiche Migranten ins Boot derer zu holen, die zwar keinen so großen Erfolg haben, aber dafür lauter protestieren…

    Seine „Mandelaugen“ sind für die Mehrheitsgesellschaft vollkommen uninteressant, lieber gedanke; es kommt drauf an, ob er hier (in der Gesellschaft) seinen Mann (oder, falls weiblich – seine Frau) steht.

    Und das tut er ja ganz offensichtlich. Deshalb will er auch von Ihrem Boot (in das Sie ihn gerne locken möchten) nix wissen:

    „Ich, als Vietnamese, hab es ehrlich gesagt satt mit dieser Klientel…in einen Topf geworfen zu werden.“

  6. Lionel sagt:

    Die Krawalle in Rostock-Lichtenhagen richteten sich ursprünglich gegen die Unterbringung von rumänischen Asylbewerbern, nicht gegen die vietnamesischen Vertragsabeiter, die dort schon seit Jahren lebten.
    Glücklicherweise hat Philipp Röslers Phänotyp ihn nicht daran gehindert, bis hin zum Vizekanzler und Wirtschaftsminister zu stolpern.

    Migranten – diese Selbstbezeichnung findet sich bei Leuten, die aus Russland, Polen Italien, Griechenland oder Spanien stammen nur ganz selten oder gar nicht.
    Kein Wunder, denn Migrant ist abgeleitet von lateinisch migrare – und das bedeutet wandern.

  7. TaiFei sagt:

    Lionel sagt: 21. Mai 2013 um 18:56
    „Die Krawalle in Rostock-Lichtenhagen richteten sich ursprünglich gegen die Unterbringung von rumänischen Asylbewerbern, nicht gegen die vietnamesischen Vertragsabeiter, die dort schon seit Jahren lebten.“
    Die ursprüngliche Intension können Sie wohl nur beurteilen, wenn Sie Teil der Menge waren, welche die Angriffe durchführte. Fakt ist, das Wohnheim der Vietnamesen wurde in Brand gesteckt. Übrigens gab es zur selben Zeit auch einen, medial kaum beachteten Anschlag, auf ein Wohnheim für Vietnamesen in Leipzig Grünau. Wie wollen Sie das relativieren?

    Tran sagt: 19. Mai 2013 um 20:56
    „Ich, als Vietnamese, hab es ehrlich gesagt satt mit dieser Klientel…in einen Topf geworfen zu werden.
    Bin mal gespannt, wann meine Landsleute sich endlich offensiv dagegen wehren. Und sich noch mehr von dieser Versager-Klientel abgrenzen“
    Seinen sie froh, dass ihre „Klientel“ klein genug ist um nicht weiter aufzufallen. Man könnte nämlich bei den Vietnamesen ebenfalls ganz schnell Parallelgesellschaften diagnostizieren. In den östlichen Bundesländern ist das schon Gang und Gäbe, auch wenn dass medial noch nicht so aufbereitet ist.

    Gero sagt: 21. Mai 2013 um 18:39
    „Seine “Mandelaugen” sind für die Mehrheitsgesellschaft vollkommen uninteressant,“
    Sagen die das mal meiner Frau und meinen Kindern. Sie haben keine Ahnung. Einige hier glauben, nur weil sie selber noch nicht Opfer von Diskriminierung geworden sind, dass es diese in DE nicht gibt.

  8. aloo masala sagt:

    Tran ist eher Troll als Vietnamese. Aber das spielt keine Rolle. Jeder Vietnamese in Deutschland weiß, wie es um die gesellschaftliche Akzeptanz des „asiatisch aussehenden Vizekanzlers“ der FDP bestellt ist. Laut FDP seien rassistische Sprüche gegen Philipp Rösler Alltag.

    Jeder Ausländer/Migrant oder der so aussieht wie ein solcher, hat selbst Rassismus erfahren müssen oder kennt zumindest aus seinem direkten Umfeld jemanden, der rassistisch diskriminiert wurde. Auch Vietnamesen.Also auch Tran, wenn er denn Vietnamese ist. Deswegen ist der Beitrag von Tran wohl nicht weiter ernst zu nehmen.

  9. […] ausländische Fachkräfte einladen, um dem demografischen Wandel entgegenzusteuern. Dazu schrieb Birol Kocaman im MiGAZIN am 15.05.2013: „Vergessen wird hierbei, dass Fachkräfte nicht allein kommen, sondern auch Frau und Kinder […]



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