MiGAZIN

Leben in der Halfpipe

„Liga der Verdammten“ im Berliner Ballhaus Naunynstraße

Man schiebt keine leichte Kugel, wenn man Türkiyemspor in Kreuzberg auf eine Bühne bringt. Der Verein gehört zur Abteilung Heiliger Gral der Migration – und Kreuzberg ist sein Territorium.

Nun haben Nora Haakh (Dramaturgie) Imran Ayata (Text) und Neco Çelik (Regie) diese Kugel mit „Liga der Verdammten“ auf die zur Halfpipe erhöhte Bühne im Ballhaus Naunynstraße gleichermaßen als kulturelles Ei des Kolumbus und als Atlas-Last in das Spiel schwankender Verhältnisse geschoben – und Kreuzberg bebte.

Ein Bezirk erkannte sich wieder: in den Metamorphosen des Theaters. Das darf man ein Theaterwunder nennen. Hartgesottene vom FC Dicke Hose applaudierten im Ballhaus so randalös: als würden Feinde ethnischer Vielfalt aus dem Verkehr der Waldemarstraße gezogen.

Die „Liga der Verdammten“ beginnt mit einem Spielleiter-Erguss. Paul Wollin bringt als Schiedsrichter Licht seine Sicht der Dinge auf den heiklen Punkt: „Ich scheiß auf Multikulti.“ Licht träumt mit viel Energie von Brasilien, zu Einlagen zwischen Ballett und Beckett. Auch an „Rollerball“ erinnert manches in dieser Inszenierung.

Jemand gestaltet in der Gestalt von Friederike Harmsen betont ehrenamtlich den Vereinsauftritt im Internet, neigt zu Einlassungen, die von Vereinsveteranen als Zumutungen empfunden werden – und hält sich und ihre in der Mädchenabteilung aktive Tochter sonst gern fern von allem Vereinsfamiliären: „Ist doch nichts dagegen zu sagen, dass Kinder mit Migrationshintergrund Ausländerkinder bleiben.“

Hasan Tasgın ist der Goldjunge im Spiel, das Talent, angelegt zwischen Süleyman Koç und Toprak Ömer. Sein Charisma kollidiert mit dem Fatalismus der Kumpel, sie hängen an ihm – und manchmal auch auf ihm, so wie Sami Nasser als italienischer Ehrenbanause Giuseppe: „Ich sammel Strafzettel. Andere sammeln Briefmarken. Ich sammel Strafzettel. Was ist dabei?“

Tickets: Liga der Verdammten, Eine Stückentwicklung von İmran Ayata und Neco Çelik, Uraufführung 10. Mai 2013, 20 Uhr; Vorstellungen 12.–15., 17.–19., 23. und 24. Mai 2013, 20 Uhr. Weitere Infos gibt es hier.

Giuseppe kommentiert das alltägliche Verderben aus Gier, Neid, miesem Management und anderer Kleingeisterei. Den potentesten Kleingeist spielt Celal Sert im Bademantel als durchstechenden Kleinunternehmer, der im Verein einen Großkunden sieht, den er an der Gurgel bei der Stange hält.

„Liga“-Autor Imran Ayata hat bestimmt auch aus enttäuschter Fußball-Liebe ein Stück geschrieben, in dem das Scheitern vor dem Tormann des Lebens zentral geworden ist. Seine und Neco Çeliks Verwandlungen der Kreuzberger Realität und ihrer Folklore lassen eine Kreuzung zwischen absurdem und surrealem Theater entstehen. Dies in unmittelbarer Nachbarschaft einer Ausstellung von Türkiyemspor – Devotionalien – und entsprechenden Erwartungen. Das ist auf jeden Fall so mutig wie richtig. Nur so kommt der Stier der Zukunft zur Tränke – oder um es mit Yasemin (Mayla Arslan) zu sagen: „Seht ihr denn nicht, dass die Dinge aus dem Ruder laufen? Wer sich nicht einmischt, kann sich hinlegen und braucht nicht mehr aufstehen.“