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Migration und Integration in Deutschland

Es gab vor allem in der Anfangsphase der Anwerbung von Türken häufige Klagen der deutschen Arbeitskollegen darüber, dass die Türken … an ihrem Arbeitsplatz wie verrückt arbeiten und dadurch die Akkordsätze verderben.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Leben in der Halfpipe

„Liga der Verdammten“ im Berliner Ballhaus Naunynstraße

Man schiebt keine leichte Kugel, wenn man Türkiyemspor in Kreuzberg auf eine Bühne bringt. Der Verein gehört zur Abteilung Heiliger Gral der Migration – und Kreuzberg ist sein Territorium.

VONJamal Tuschick

 „Liga der Verdammten“ im Berliner Ballhaus Naunynstraße
Der Verfasser, geboren 1961, arbeitet seit 1987 als Autor und Journalist vor allem für die Frankfurter Rundschau und die junge welt. Herausgeber der 2000 im S. Fischer Verlag erschienenen Anthologie "Morgenland", die Einfluss gewann auf die Kulturdebatte innerhalb des Migrationsgeschehens. Stichwort: Das Ende der Gastarbeiter-Literatur Tuschick trug zu einem neuen Verständnis der Literatur von Autoren mit einer ethnischen Differenz zur Mehrheitsgesellschaft bei. Er veröffentlichte im Suhrkamp Verlag Keine Große Geschichte, Kattenbeat, Bis zum Ende der B-Seite Zuletzt erschien von ihm im Martin Schmitz Verlag Grobzeug im Rindermix

DATUM13. Mai 2013

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RESSORTAktuell, Rezension

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Nun haben Nora Haakh (Dramaturgie) Imran Ayata (Text) und Neco Çelik (Regie) diese Kugel mit „Liga der Verdammten“ auf die zur Halfpipe erhöhte Bühne im Ballhaus Naunynstraße gleichermaßen als kulturelles Ei des Kolumbus und als Atlas-Last in das Spiel schwankender Verhältnisse geschoben – und Kreuzberg bebte.

Ein Bezirk erkannte sich wieder: in den Metamorphosen des Theaters. Das darf man ein Theaterwunder nennen. Hartgesottene vom FC Dicke Hose applaudierten im Ballhaus so randalös: als würden Feinde ethnischer Vielfalt aus dem Verkehr der Waldemarstraße gezogen.

Die „Liga der Verdammten“ beginnt mit einem Spielleiter-Erguss. Paul Wollin bringt als Schiedsrichter Licht seine Sicht der Dinge auf den heiklen Punkt: „Ich scheiß auf Multikulti.“ Licht träumt mit viel Energie von Brasilien, zu Einlagen zwischen Ballett und Beckett. Auch an „Rollerball“ erinnert manches in dieser Inszenierung.

Jemand gestaltet in der Gestalt von Friederike Harmsen betont ehrenamtlich den Vereinsauftritt im Internet, neigt zu Einlassungen, die von Vereinsveteranen als Zumutungen empfunden werden – und hält sich und ihre in der Mädchenabteilung aktive Tochter sonst gern fern von allem Vereinsfamiliären: „Ist doch nichts dagegen zu sagen, dass Kinder mit Migrationshintergrund Ausländerkinder bleiben.“

Hasan Tasgın ist der Goldjunge im Spiel, das Talent, angelegt zwischen Süleyman Koç und Toprak Ömer. Sein Charisma kollidiert mit dem Fatalismus der Kumpel, sie hängen an ihm – und manchmal auch auf ihm, so wie Sami Nasser als italienischer Ehrenbanause Giuseppe: „Ich sammel Strafzettel. Andere sammeln Briefmarken. Ich sammel Strafzettel. Was ist dabei?“

Tickets: Liga der Verdammten, Eine Stückentwicklung von İmran Ayata und Neco Çelik, Uraufführung 10. Mai 2013, 20 Uhr; Vorstellungen 12.–15., 17.–19., 23. und 24. Mai 2013, 20 Uhr. Weitere Infos gibt es hier.

Giuseppe kommentiert das alltägliche Verderben aus Gier, Neid, miesem Management und anderer Kleingeisterei. Den potentesten Kleingeist spielt Celal Sert im Bademantel als durchstechenden Kleinunternehmer, der im Verein einen Großkunden sieht, den er an der Gurgel bei der Stange hält.

„Liga“-Autor Imran Ayata hat bestimmt auch aus enttäuschter Fußball-Liebe ein Stück geschrieben, in dem das Scheitern vor dem Tormann des Lebens zentral geworden ist. Seine und Neco Çeliks Verwandlungen der Kreuzberger Realität und ihrer Folklore lassen eine Kreuzung zwischen absurdem und surrealem Theater entstehen. Dies in unmittelbarer Nachbarschaft einer Ausstellung von Türkiyemspor – Devotionalien – und entsprechenden Erwartungen. Das ist auf jeden Fall so mutig wie richtig. Nur so kommt der Stier der Zukunft zur Tränke – oder um es mit Yasemin (Mayla Arslan) zu sagen: „Seht ihr denn nicht, dass die Dinge aus dem Ruder laufen? Wer sich nicht einmischt, kann sich hinlegen und braucht nicht mehr aufstehen.“

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