MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Die Zerteilung der Arbeit in kurze und ständig zu wiederholende, gleichförmige Handgriffe ermöglicht es, Arbeiter ohne Qualifikation und ohne Kenntnis der deutschen Sprache einzusetzen; die Art der Arbeit erfordert es vielleicht sogar.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Im Namen der Freiheit?

Macht „Die Achse des Guten“ Hass gegen Migranten salonfähig?

Die Internetseit „Achse des Guten“ des Publizisten Henryk M. Broder hat sich nach eigenen Angaben die Freiheit auf die Fahnen geschrieben. Doch, was ursprünglich als liberale Idee begonnen haben mag, ist mittlerweile auf merkwürdige Abwege geraten.

VONPhilipp v. Brandenstein

 Macht „Die Achse des Guten“ Hass gegen Migranten salonfähig?
Philipp Freiherr von Brandenstein (37) diente über zwei Jahre als Chief-of-Staff von Karl-Theodor zu Guttenberg in Berlin. Diesem folgte er Ende 2008 als Leiter der „Strategie und Kommunikation“ in die Landeslei-tung der CSU nach. In dieser Funktion – verantwortlich für die Kampagnenführung der CSU - erstellte er ein vertrauliches Strategiepapier, in welchem er gegen eine „Anti-Türkei-Kampagne“ der CSU bei den Europawahlen 2009 Stellung nahm. Der Autor ist heute Vorsitzender des Landesfachausschusses Integration der FDP NRW, der die Landespartei in Fragen von Migration und Vielfalt berät. Der Autor lebt und arbeitet in Zürich und Düsseldorf.

DATUM7. Mai 2013

KOMMENTARE70

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Blogger und Echtzeitpublizisten leisten mittlerweile einen bemerkenswerten Beitrag zur Medienvielfalt in Deutschland. Portale wie die „Ruhrbarone“ und „Der Postillon“ genießen regionale mitunter sogar landesweite Aufmerksamkeit.

Besondere Bedeutung haben echtzeitpublizistische Netzwerke jedoch in der migrantischen community erreicht: Lange Jahre vermochten die Vertreter der Einwanderungsgesellschaft keine ausreichende Repräsentation in den großen Medien des Landes zu finden und auch die Themen der diversitären Gesellschaft wurden kaum in den großen Blättern und TV-Sendern abgebildet- zumindest nicht, wenn sie nicht gängige Klischees über Ausländer bedienen wollten und aus Sicht der Betroffenen erzählt wurden.

Die „Blogosphäre“ hat diesen unbefriedigenden Zustand wesentlich verbessert und der multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft Wort und Stimme gegeben. Hiervon zeugen nicht nur das DeutschTürkische Journal, sondern auch Formate wie Integrationsblogger. Diese Entwicklung ist hocherfreulich und hat große Bedeutung für das Informationsangebot einer immer komplexeren Gesamtgesellschaft, die ihre Fähigkeiten zur Diversität in vielen Punkten noch optimieren muss.

Doch das Internet wäre nicht das Internet, wenn sich unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit nicht auch eine Gegenbewegung zu offenen Gesellschaft etablieren könnte. Tatsächlich sind nicht nur die sozialen Netzwerke voller Hasstriaden gegen den Islam, gegen Türken, „Kopftuchmädchen“ und Ausländer. Vielmehr haben sich auch mehr oder minder professionell geführte Portale formiert, die mit teils pseudowissenschaftlichem Eifer die Gefahren zu belegen versuchen, die dem christlichen Abendland von einer vermeintlichen „Überfremdung“ und „Islamisierung“ drohen. Was auf Webseiten wie „PI News“ verbreitet wird, ist kaum weniger als Anstachelung zum Rassenhass. Das inhaltliche und stilistische Niveau dieser Publikationen ist in aller Regel so beschämend, dass deren Strahlkraft kaum über die notorischen Zirkel rechtspopulistischer Verschwörungstheoretiker hinausreicht.

Etwas anders verhält es sich mit dem Portal „Achse des Guten“ des Publizisten Henryk M. Broder. Das Autorenkollektiv hat sich nach eigenen Angaben die Freiheit auf die Fahnen geschrieben und sucht den Anschluss an liberalkonservative Kreise, denen braunes Gedankengut fern liegt. Doch, was ursprünglich als liberale Idee begonnen haben mag, ist mittlerweile auf merkwürdige Abwege geraten.

Immer häufiger kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Freiheit die Broder meint, nicht die Freiheit der anderen und damit die Freiheit aller (!) Menschen ist, sondern vielmehr ein Freiheitsbegriff, der sich auf Intoleranz und Abgrenzung stützt. Broder und die seinen argumentieren mittlerweile konsistent im Stile jener islamophoben „Panikmacher“ (unter Bezugnahme auf das gleichnamige Buch des FAZ-ehemaligen Feuilletonchefs Patrick Bahners), die hinter jedem Moscheebau die Errichtung eines „europäisches Kalifat“ wittern. Mit manchmal abenteuerlichen, aber fast immer irrationalen Thesen wird insinuiert, der Islam sei im Kern eine totalitäre Ideologie und somit eine Gefahr.

Mit dieser Ausrichtung ist die „Achse des Guten“ nolens volens zum Stichwortgeber der rassistischen Rechten avanciert. Das ist schlimm. Schlimmer jedoch erscheint, dass die verantwortlichen Redakteure um diese zweifelhafte Rolle wissen, sich aber nahezu kein Abgrenzungsbedürfnis zu einer Szene erkennen lässt, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft wird.

Der apologetische Tenor des „Ach-Gut“-Autorenkollektiv lautet, man könne ja nichts dafür, von wem man Beifall bekomme (auch diese Logik scheint man sich bei Thilo Sarrazin abgeschaut zu haben). Man wäscht die Hände in Unschuld und übt sich in Relativierungen.

Doch so einfach kann man es sich machen: Der Jubel der falschen Leute hat sich bisher (leider) als sehr zuverlässiger Seismograph erwiesen und spätestens, wenn der Jubel dieser rechten islamophoben Szene zur eigentlichen Geschäftsgrundlage wird (wiederum lässt Sarrazin grüßen), bewegt man sich jenseits der Grenzen demokratischer Verantwortung.

Die pseudoseriös fundierten Angriffe auf muslimische Minderheiten und der dadurch ausgelöste Beifall rechter Wutbürger ist zum Treibstoff für die Publizität der „Die Achse des Guten“ geworden und als solcher unentbehrlich. Darum tun Broder und die seinen mittlerweile nichts, aber auch gar nichts mehr, um sich und ihr Portal gegenüber rechten Kreisen abzugrenzen. Ganz im Gegenteil übt man sich sogar in peinlichen Apologien: So entblödete sich Broder nicht, den PI NEWS zu bescheinigen, sie seien im Vergleich zu so mancher Wortmeldung aus der islamischen community doch fast „brave Sängerknaben“. Das ist nicht einmal mehr Verharmlosung, das ist Anbiederei.

Doch den Beifall der Islamhasserszene kann man sich nur erhalten, wenn man die Eskalationsspirale jeden Tag jeden Tag aufs Neue ein Stück weiter dreht. Von einer absoluten Verrohung zeugen beispielsweise die jüngsten Entgleisungen von Akif Pirinçci, der von Broder offenbar ermuntert wird, als vermeintlicher „Kronzeuge“ der Islamkritik zu agieren. Mit seinem Text „Das Schlachten hat begonnen“ versucht Pirinçci ernsthaft, die These zu streuen, in Deutschland ereigne sich ein von Migranten organisierter Massenmord an der deutschen Bevölkerung. Auch seien die meisten Vergewaltiger in Europa Muslime.

Nennen wir es beim Namen: Die menschenverachtenden Inkriminierungen des Autors bieten eine ideale Argumentationshilfe für jeden Neonazi, der präventive Lynchjustiz an Muslimen schlicht und einfach als „Notwehr“ auffassen möchte.

Noch dümmer und bösartiger kann man nicht mehr argumentieren, tiefer nicht mehr fallen. Auch einige noch verbliebene Liberale sahen sich zu Protest genötigt. Dieser Protest wurde übergangen. Pirinçci hat inzwischen weitere Artikel in diesem Stile nachgelegt.

Die „Achse des Guten“ hat sich nach rechts außen verschoben und ist längst kein liberales Portal mehr. Pragmatiker der Mitte, die auf der Suche nach Lösungen sind, ziehen sich angesichts der immer schauderlicheren Entgleisungen zurück. Liberal sein ist auch immer eine Frage des Stils. Und hier offenbaren sich bei der „Achse des Guten“ eklatante Defizite. Mittlerweile geht es vielen Autoren nur noch darum, sich in jeder Hinsicht zu enthemmen und die dünne Firnis von Zivilisation und Aufklärung vollends abzustreifen. Toleranz, Pluralismus und die Idee der offenen Gesellschaft, allesamt konstitutiv für den Liberalismus, haben keine Heimstatt mehr auf diesem Portal. Liberale sind gut beraten sich gegen dieses Portal abzugrenzen, das seinerseits jede Abgrenzung nach rechts meidet und stattdessen nach dem Beifall der Islamhasserszene heischt.

Soll unsere Gesellschaft eine freie und offene bleiben, soll unsere politische Kultur nicht einer allgemeinen Verrohung anheimfallen, dann darf Hass nicht salonfähig werden. Doch genau das passiert, wenn angesehene Publizisten hinnehmen, dass geistige Brandstiftung über ihr Medium in die Mitte der Gesellschaft eindringt.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

70 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Reinhard sagt:

    @Lynx
    Einen Gott gibt es nicht. Die menschliche Intelligenz hat erkannt, dass es ihn nicht geben kann.
    Selbstverständlich kann jeder an einen Gott glauben, aber aus seiner angeblichen Existenz Rechte abzuleiten, kann nicht jeder. Oder besser darf man nicht. Das Maß aller Dinge ist der Mensch.
    Daran ändert auch nichts, dass es unter Religiösen auch hervorragende Menschen gibt, deren Streben einem tiefen Humanismus entspringt. Selbstverständlich haben Religionen innerhalb ihrer Gesellschaft Empathie und Gemeinsinn gefordert. Sonst hätten sie nicht die Jahrhunderte überlebt. Aber sie sind eingeengt auf ihren Gott, bzw. ihre Sicht auf Gott.
    Das wäre ja auch kein Problem. Ein Problem ergibt sich erst, wenn jemand die Missionierung oder die Alleinstellung seiner religiösen Sicht fordert.
    Ein wesentliches Merkmal der Religiösen ist außerdem, dass sie niemals bereit wären einen Fehler zuzugeben. Die Gleichstellung der Frau hat in christlichen Kreisen fast zwei Jahrhunderte gebraucht…
    Aber das geht ja am eigentlichen Thema vorbei, obwohl, wenn ich so an meine Gefühle denke, wenn ich in Berlin Kreuzberg bei 28°C verschleierte Frauen sehe…dann ist es wohl doch das Thema.

  2. TaiFei sagt:

    Detlef Guertler sagt: 7. Mai 2013 um 11:53
    „Dieser Entschuldigungsversuch muss einem zwar nicht gefallen. Aber gegeben hat es ihn.“
    Allerdings wurde er durch andere Kommentare auch gleich wieder relativiert. Bedenklicher finde ich, dass seine Ergüsse ja inzwischen nicht nur auf Blogs sondern auch im Mainstream, wie dem Focus angekommen sind. Schön journalistische Qualität konnte man diesem Magazin bisher selten unterstellen, aber zumindest erhebt es ja Anspruch darauf.
    Interessanter fände ich jedoch die Frage, welche Motivation den Autor dieses Artikels hier bewegt. Immerhin enstammt er ja dem politischen Spektrum, welches Broder und Co ja geradezu hofiert hat.

  3. Paul Leider sagt:

    „Liberale(!) sind gut beraten sich gegen dieses Portal abzugrenzen(!)“

    Merken Sie was?

  4. Der Floh im Ohr sagt:

    Die Achse des Guten ist vor allem eins, gute Unterhaltung. Und die lass ich mir nicht nehmen, egal wo die Autoren politisch stehen.

  5. Holkan sagt:

    „Auch seien die meisten Vergewaltiger in Europa Muslime.“ Warum wird diese Behauptung nicht einfach mit Statistiken und Quellenrecherche widerlegt anstatt mit dem Konjunktiv zu jonglieren? Hat der Autor Angst vor der Wahrheit oder war er einfach zu faul?

  6. Schmitt sagt:

    “ Pragmatiker der Mitte, die auf der Suche nach Lösungen sind, ziehen sich angesichts der immer schauderlicheren Entgleisungen zurück.“

    @Autor
    Können Sie diese Aussage mit Beispüielen belegen?

  7. Kathrin Frankfurt sagt:

    Huch, meinen Sie tatsächlich die gleiche Seit in die ich auch gelegentlich rein schaue. Auch wenn Broder (m. Migrationshintergrund) gerne polarisiert und provoziert, bewegt sich das doch alles im demokratischen Spektrum – man muss ja nicht seiner Meinung sein.
    Seit wann sind den Cora Stephan, Gideon Boess, Miersch, Marxeiner, Röhl, usw rechtsa außen??
    Und darf nicht Pirinnci (mit Migrationshintergrund) (dessen manchmal etwas rüde Ausdrucksweise meine Sache auch nicht so ist) auch mal Dinge sehr deutlich sagen.
    Niemand regt sich auf wenn Banker als Schweine, Geier, Heuschrecken bezeichnet werden, Politiker müssen sich sowieso als alles Mögliche titulieren lassen, da es zur Feindbildpflege gehört .
    Toleranz als Einbahnstraße ist schon ein seltsame Angelegenheit. Ich bewege mich seit Jahrzehnten in links-grünen Kreisen und erlebe dort immer wieder, dass Toleranz heißt, alles zu tolerieren, was einem selber nahe ist, aber wehe es ist ein bisschen anders…..der gilt gleich als Nestbeschmutzer. Wer aber in die Kategorie Feindbild fällt, da gibt wenig Abwägen eher viel Betreibsblindheit. Dies schimmert auch allzu deutlich in dem Artikel durch.
    Diese Art von ‚Toleranz‘ und auch Realitätsblindheit sollte jedenfalls nicht das Ziel sein.

  8. Herrmann Friedrich sagt:

    Was ich jetzt verwirrend finde, dass es außer dem Verweis auf Pirinçci keinen einzigen Textbeleg für die These Brandensteins gibt. Hoffentlich werden die Belege bald nachgereicht. Die liberalen Blogs haben zig Autoren. Da muss sich doch was finden lassen.

  9. Philipp sagt:

    Sehr dünnes Stammtischgerede, was ich hier lese. Liberal zu sein, bedeutet nunmal nicht, nur gleichgültiges, blasses Gefasel von sich zu geben, sondern seine Meinung zu vertreten. Eben auch, wenn es Gegenwind gibt. Mit einer Pseudomoralkeule à la „wenn du das jetzt sagst, bist Du rechts“ zu wedeln und dadurch den Versuch zu unternehmen, die Gegenseite mundtot zu machen, ist erbärmlich und bedenklicher, als jeder Rechtsruck, den Sie bei Herrn Broder erspäht haben wollen.
    Integrierte Grüße

  10. N. Witte sagt:

    Hauptsächlich frage ich mich, warum die FDP sich plötzlich als Vorreiter einer liberalen Integrationspolitik gebiert. Hat nicht kürzlich die FDP noch jeden Vorstoß der Opposition zur Reformierung des Staatsangehörigkeitsrechts abgelehnt? Und nun gibt sie sich ein auch in Integrationsfragen liberales Programm und lässt sich von ihrem Berater, dem ehemaligen Corps-Studenten Brandenstein (adelige haben immer eine höhere Moral), auf MIGAZIN darüber belehren, dass Menschen wie Sarrazin, Broder und Pirincci wahrscheinlich den Diskurs vergiften und von liberalen abgelehnt werden sollten? Großartige Einsicht aber Glaubwürdigkeit sieht immernoch anders aus.


Seite 2/7«12345»...Letzte Seite

Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...