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Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert

Wie artikuliert sich im 21. Jahrhundert judenfeindliches Gedankengut? Mit dieser Frage beschäftigen sich die Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel und der Historiker Jehuda Reinharz anhand einer datenreichen Untersuchung des aktuellen judenfeindlichen Sprachgebrauchs.

VONJamal Tuschick

 Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert
Der Verfasser, geboren 1961 in Kassel, hat seinen libyschen Vater nicht kennengelernt, die Mutter ist Deutsche. Arbeitet seit 1987 als Autor und Journalist vor allem für die Frankfurter Rundschau und die junge welt. Herausgeber der 2000 im S. Fischer Verlag erschienenen Anthologie "Morgenland", die Einfluss gewann auf die Kulturdebatte innerhalb des Migrationsgeschehens. Stichwort: Das Ende der Gastarbeiter-Literatur Tuschick trug zu einem neuen Verständnis der Literatur von Autoren mit einer ethnischen Differenz zur Mehrheitsgesellschaft bei. Er veröffentlichte im Suhrkamp Verlag Keine Große Geschichte, Kattenbeat, Bis zum Ende der B-Seite Zuletzt erschien von ihm im Martin Schmitz Verlag Grobzeug im Rindermix

DATUM30. April 2013

KOMMENTARE9

RESSORTRezension

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Vierzehntausend Briefe aus dem ultimativen Jetzt gingen in die Auswertung. Halbe Romane waren dabei und jede Menge moralisch grundierte Selbstdarstellungen. Das löst den Würgereiz aus: die gefälligen Spiegelungen des zeitgenössischen Antisemiten, der eben das aus lauterem Herzen bestreitet: Antisemit zu sein. „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ weist nach, wie sich verbaler Antisemitismus maskiert. Die Autoren Monika Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz haben zu diesem Zweck jene Post gelesen, die den Zentralrat der Juden in Deutschland und die Israelische Botschaft in Berlin ständig erreicht. Sie stellten fest: es schreiben wenig Frauen und 65% der Schreiber kommen aus der gesellschaftlichen Mitte. Sie melden sich mit Namen und Titel und bitten um Stellungnahme.

„Diese Leute sind nicht gestört“, erklärte Professor Schwarz-Friesel von der TU Berlin anlässlich der Präsentation ihrer Dokumentation im Berliner Centrum Judaicum. – „Und, ja, Jakob Augstein ist Antisemit.“

Wie artikuliert sich Judenfeindlichkeit? Schwarz-Friesels Analyse zeigt Strategien des direkten und indirekten Verbal-Antisemitismus, auch da, wo er nicht intensional ist – und aus unbemerkt verinnerlichten judeophoben Stereotypen kommt: aus Ressentiments und Verschwörungstheorien, die seit Jahrhunderten tradiert werden. Aus dem Prospekt vom „Juden als ewigem Fremden, dem Landräuber und Bedroher des Weltfriedens“ mutiert der das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Impetus: „Israel bedroht den Weltfrieden“.
Da wird Grass zum Epigonen. Seinem Was-gesagt-werden-muss gingen zweitausend Autoren mit dieser Formulierung voran. Im indirekten Sprechakt liest sich das so: „Entspricht womöglich die exzessive Gewalt in Israel, die auch den Mord an Kindern einschließt, der langen Traditionslinie ihres Volkes?“

Man unterstellt Juden unwandelbare Eigenschaften. In den Briefen ploppen Krankheitsmetaphern, Zersetzungsbegriffe, Fremdheitszuschreibungen, beiläufige und explizite Entwertungen auf – und gern auch die Marginalisierung des Zivilisationsbruchs Holocaust.

Noch nach fünfundvierzig waren manche Deutsche in der Rede eines Bischofs „Volksgenossen fremden Stammes“. Wolfgang Borchert fand die Lage „der deutschen“ Kriegsverlierer nicht weniger tragisch als den Holocaust. Schwarz-Friesel sprach im Centrum Judaicum von Empathie-Verweigerung auf der ganzen Linie: als einem Merkmal auch des nicht intensionalen Verbal-Antisemitismus (mit Relativierungseifer).

Beschworen wird das angebliche „Tabu, etwas gegen Juden sagen zu dürfen“. In einer Welt voller antisemitischer Bemerkungen entlarvt es sich nicht einfach als das, was es ist – nämlich als eine Fiktion. – Ein Phantasma aus dem Fundus der Obsessionen und Projektionen. Von der Realität wird dieses „Tabu“ verfehlt, die Verfehlung bleibt aber unbeachtet. Statt dessen „emanzipiert“ sich der Antisemit „von einer Meinungsdikatur“. Die Presse erklärt er für „gleichgeschaltet“. (Eine Variation: Die Israelis stehen der SS in nichts nach.) „Derealisierung“ nannte das Phänomen Schwarz-Friesel an Ort und Stelle. Es wird ein phantastisches Bild der Wirklichkeit entworfen, das führt zu kollidierenden Aussagen. Die Widersprüche verbergen sich im Meinungsfuror. Sogar im bekennenden Antisemitismus stellt sich die Legitimationsfrage: „Ich bin ein Menschenfreund, die Juden hasse ich abgrundtief. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“. Gezeichnet Prof. Dr. Unrat.

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9 Kommentare
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  1. Andrea Liersig sagt:

    Zionismus erzeugt Antisemitimus, quasi als Abwehrmechanismus, so ist das eben!

  2. Alina sagt:

    Und genau das Verhalten, was Sie durch Ihrem Kommentar zeigen, meint der Artikel, Frau Liersig. So ist das eben.

  3. aloo masala sagt:

    Die Argumentation von Professor Schwarz-Friesel ist unschlüssig.

    Richtig ist, dass der Antisemit gerne mal sagen möchte, „Israel bedroht den Weltfrieden“ und zwar ganz unabhängig davon, ob er nun damit richtig liegt oder nicht. Denn die Motivation des Antisemiten ist nicht die Bewahrung des Friedens, sondern seinem Hass und seine Ablehnung gegenüber Juden Ausdruck zu verleihen.

    Die Umkehrung gilt allerdings nicht. Wer wie Augstein die Politik Israels scharf kritisiert, ist nicht automatisch ein Antisemit. Er kann einer sein, muss es aber nicht. Dazu wissen wir zu wenig.

    Wer humanistische Prinzipien hat, der wird die Politik Israels scharf kritisieren müssen. Wer humanistische Prinzipien hat, wird dabei nicht wie ein Antisemit den Staat Israel mit den Juden gleichsetzen. Diese als antisemitisch verschrieene Gleichsetzung erlauben sich allerdings Antisemitismus-Experten wie Schwarz-Friesel, wenn sie Kritiker der Politik Israels wie Augstein denunzieren wollen.

    Es sind auch Typen wie Schwarz-Friesel oder das Wiesenthal-Zentrum, die mit ihren Antisemitismus-Vorwürfen mich lehren, dass ich in Deutschland Israels Politik nicht so frei und offen kritisieren kann wie in Indien oder wie der Westen die Politik des Irans kritisiert.

    Den Beleg dafür liefert das Wiesenthal-Zentrum selbst. Antisemitisch ist, was nicht dem 3D-Test von Sharansky genügt (Details siehe Wikipedia). Der 3D Test ist ein plakatives Instrument, um Israelkritik als antisemitisch erklären zu können. Schwarz-Friesel oder das SWZ dämonisieren im Namen der Menschlichkeit scharfe Kritiker Israels, um pro-palästinensische Standpunkte zu delegitimieren. Solche Typen sind die wahren Menschenfeinde.

  4. Umbecco sagt:

    Der Artikel ist zum Teil einfach nur ein Maulkorb für Israel-Kritiker.

  5. Gitplay sagt:

    In jeder Therapie lernt Mensch sich zu fragen was das mit einem Selbst zu tun hat. Ich wünsche diese Tugend auch dem Staate Israel.

  6. Soli sagt:

    Ersetzen sie doch „Israel“ und „Zionismus“ mal mit „Türkei“ und „Islamismus“ und schon nimmt der Artikel eine andere Richtung.
    Denn slche Kritik wird hier schnell als „Islamophobie“ verschrieen.

    Kritik an den Verhaltensweisen anderer Staaten, sei es Istrael oder die Türkei, und an religionen, sei es das Judentum oder der Islam, sind immer der freien Meinung unterstellt.
    Allerdings hört das da auf wo man allen Juden oder dem Staat Israel die Existenz aberkennt, oder den Islam an sich verbieten will.

  7. Rudolf Stein sagt:

    @aloo masalla
    „Wer humanistische Prinzipien hat, der wird die Politik Israels scharf kritisieren müssen.“

    Das heißt Ihrer Meinung nach, dass die Politik Israels inhuman (oder schlimmer) ist. Nun wird die Politik Israels von der israelischen Regierung ausgeführt. Und diese Regierung wurde in legalen Wahlen von der Mehrheit der jüdischen Bürger Israels (und von manchem Araber israelischer Staatsangehörigkeit ebenfalls!) an die Macht gebracht. Diese Regierung handelt also im Auftrag ihrer jüdischen Wähler, die sie gewählt haben, weil sie mit den Progammen der regierenden Parteien einverstanden waren.Wer also die israelische Politik als inhuman (und schlimmer) brandmarkt, reicht diese Kritik an den Wähler der israelischen Regierung weiter – an die Mehrheit der Juden in Israel. Jede Infamie, die der israelischen Regierung unterstellt wird, wird auch der Mehrheit ihrer jüdischen Wähler unterstellt. Wenn Sie der Meinung sind, Israels Politik sei inhuman (oder schlimmer), ist das nur der Versuch, sich politisch-korrekt um die Aussage zu drücken, die Mehrheit der jüdischen Bürger Israels sei inhuman (oder schlimmer).

  8. aloo masala sagt:

    @Rudolf Stein

    Inhuman ist jeder, der wider besseren Wissens Verbrechen unterstützt.

    Nun stellt sich die Politik nicht hin und sagt, wie führen einen verbrecherischen Krieg, um unsere vitalen Interessen zu wahren. Für solche inhumanen Vorhaben wird kaum eine Regierung den nötigen Rückhalt in der Bevölkerung erhalten.

    Die Politik muss gerade in Demokratien mit guten PR Aktionen als notwendigen und unausweichlichen Verteidigungskrieg verkaufen, um den Rückhalt in der Bevölkerung zu erhalten. Dementsprechend sind Aggressoren fortwährend mit ihrer Selbstverteidigung beschäftigt. Das war bei Hitler so und das ist heute immer noch so.

    Ob Jude oder Nicht-Jude, wer dieses Spiel durchschaut und dennoch seine verbrecherische Regierung unterstützt , der handelt verbrecherisch. Da brauche ich nicht um den heiße Brei herum zu reden, wie Sie das hier zu konstruieren versuchen, sondern kann das jedem Menschen ziemlich direkt ins Gesicht sagen.

    Ich kann allerdings nicht beurteilen, inwieweit die jüdischen Wähler in Israel davon überzeugt sind, dass Ihre Regierungen reihenweise Verbrechen begehen. In den USA glaubt die Mehrheit der Menschen, die Angriffskriege ihrer Regierungen dienen hehren Zwecken. Das nenne ich eine gelungene PR Aktion. In Israel läuft das ganz ähnlich. In der Türkei, Deutschland, UK usw natürlich auch.

  9. Mathis sagt:

    Wer Humanist ist? Wer oder was ist ein Humanist, dass er den Weltfrieden immer und zu allererst durch Israel gefährdet sieht?
    Ein solcher Humanist muss auf jeden Fall taub und blind sein.Und nur das wäre dann auch schon die einzige Entschuldigung für solch selektive Wahrnehmung.



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