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Migration und Integration in Deutschland

Die Qualität einer freiheitlichen Gesellschaft bewährt sich nicht zuletzt darin, wie mit Minderheiten umgegangen wird und wie sich Minderheiten in einer Gesellschaft fühlen.

Wolfgang Schäuble, Rede zur Amtseinführung des Beuauftragten für Auslandsdeutsche, Februar 2006

Integration im 16:9 Format

50 Jahre Koreaner in Deutschland – Stille und Unsichtbarkeit überwinden

Im Oktober 2011 wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen gefeiert – auf höchster Ebene. Medien schrieben und berichteten ausführlich – schon Monate im Voraus. Im November 2013 steht das 50-jährige Jubiläum der koreanischen „Gastarbeiter“ an – und es tut sich nichts.

VONMartin Hyun

 50 Jahre Koreaner in Deutschland – Stille und Unsichtbarkeit überwinden
Martin Hyun, 1979 in Krefeld geboren, Sohn koreanischer Gastarbeiter, studierte Politik, International Business und Relations in den USA und Belgien, war der erste koreanischstämmige Bundesligaspieler in der DEL und Junioren Nationalspieler Deutschlands. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialog 2008 engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehörte dem Leadership-Programm der Bertelsmann-Stiftung an und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland an der Jahreskonferenz 2008 Forum Demographischer Wandel teil, die vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2008 promoviert er zum Thema Arbeitsmigration. Sein aktuelles Buch:

DATUM22. April 2013

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RESSORTLeitartikel, Meinung

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Als sich im Oktober 2011 das deutsch-türkische Anwerbeabkommen zum 50. Male jährte, waren die Bundesregierung und die Medienanstalten sehr bemüht, diesem Anlass einen würdigen Rahmen zu verleihen. Schon Monate vor dem Jubiläum berichteten die Medien fast täglich über das bevorstehende Ereignis. Dokumentarfilme über die Ankunft und das Leben der Türken in Deutschland wurden in regelmäßigen Abständen gezeigt. Große Zeitungen brachten Geschichten über die türkischen Gastarbeiter auf den Titelseiten. Landesweit wurden Festakte gehalten und große Reden geschwungen. Stiftungen hielten Podiumsdiskussionen. Museen organisierten Ausstellungen. Die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer besuchte die Türkei und fuhr sogar eine kurze Strecke des in Istanbul gestarteten Sonderzugs mit einer deutsch-türkischen Delegation bis zur Endhaltestelle München mit. Natürlich durften Worte der Dankbarkeit des Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin nicht fehlen. Spätestens dann wusste jeder in dieser Republik über diesen feierlichen Anlass Bescheid.

50 Jahre Koreaner in Deutschland
Im November 2013 feiern die ehemaligen koreanischen Gastarbeiter ihr 50-jähriges Jubiläum in Deutschland. Am 16. November 1963 trat das Anwerbeabkommen, eine „Vereinbarung über ein Programm zur vorübergehenden Beschäftigung koreanischer Bergarbeiter im deutschen Steinkohlenbergbau“ zwischen beiden Ländern in Kraft. Die erste Gruppe von 263 koreanischen Bergarbeitern traf im Zeitraum zwischen dem 21. und 27. Dezember 1963 in Deutschland ein. Rund 120 koreanische Bergarbeiter fanden bei Grubenunglücken den Tod. Auch die Koreaner haben maßgeblich zum Beitrag des Wirtschaftswunders in Deutschland beigetragen. Von 1963 bis zum Anwerbestopp 1977 kamen rund 8.000 koreanische Bergarbeiter nach Deutschland. Weitere 10.000 Krankenschwestern folgten ihnen. Vom allgemeinen Anwerbestopp ausländischer Arbeitnehmer, bedingt durch die Ölkrise im Jahr 1973, waren die Koreaner zunächst verschont geblieben. Die Anwerbung weiterer koreanischer Gastarbeiter wurde damit begründet, dass Deutschland dadurch „technische Entwicklungshilfe“ leistet. Im Jahr 2004 geht der letzte koreanische Bergarbeiter in Rente. Als die Bundeskanzlerin rund 150 ehemalige Gastarbeiter zu ihrer Veranstaltung „Deutschland sagt Danke“ ins Bundeskanzleramt einlädt, sind die ehemaligen koreanischen Bergarbeiter nicht vertreten.

Warum ich damit anfing
Als ich vor zwei Jahren anfing auf das 50-jährige Jubiläum der Koreaner in Deutschland hinzuarbeiten, hörte ich von vielen u.a. auch hochrangige Politiker, dass dies vergebene Mühe ist. Doch zu meiner deutsch-koreanischen Eigenschaft gehört die Hartnäckigkeit dazu. Denn, wenn nicht ich bzw. wir, wer sonst wird sich für die Generation meiner Eltern einsetzen. Die Mehrheit der einheimischen Gesellschaft ist unwissend über diesen Teil der doch bedeutsamen „deutschen“ Geschichte. Es wurde zu meiner Lebensaufgabe, die Taten der ersten Generation koreanischer Gastarbeiter in Erinnerung zu halten. Denn sie waren der Anfang unseres Lebens in Deutschland. Ohne ihre Aufopferung und Glauben an einer besseren Zukunft wäre der Wechsel vom Arbeiter zum Akademiker innerhalb einer Generation nicht gelungen.

Auflösen wie eine Aspirin-Tablette
Mein Freund der Rabbiner Yitzchak Mendel aus Krefeld sagte mir einmal, dass Integration nicht bedeuten darf, sich wie ein Aspirin in Wasser aufzulösen. Die Koreaner in Deutschland haben sich gut, vielleicht zu gut, integriert, wie ein Aspirin, das sich in Wasser aufgelöst hat. Doch mit der aussterbenden ersten Generation Koreaner in Deutschland wird spätestens nach der vierten Generation keine koreanische Kultur in Deutschland geben, wenn wir es weiter zulassen uns so zu formen, wie die Mehrheitsgesellschaft es will. Mit lakaienhaften, lautlosen und schwachen Asiaten kann man das schließlich machen.

Integrationspolitik – Nur eine Show?
Das 50-jährige Jubiläum des deutsch-koreanischen Anwerbeabkommens gibt Anlass über unsere Integrationspolitik nachzudenken und sich die Frage zu stellen, warum die Bundesregierung und die Medien stumm bleiben. Warum werden hier keine Reden geschwungen, keine Festakte zelebriert, Podiumsdiskussionen veranstaltet und Ausstellungen organisiert? Warum bereist die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer nicht Korea, wie sie es im Jubiläumsjahr des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens getan hatte? Bedeutet die Integrationspolitik in Wirklichkeit nur die Einbindung der Türken in Deutschland? Gehören nur der Islam zu Deutschland und ihre Muslime? Was ist mit den anderen Minderheiten in Deutschland? Sind sie überflüssig bzw. politisch irrelevant, weil sie nicht die Stärke der Anzahl der rund drei Millionen Türken verfügt?

Mit den Koreanern haben wir kein Problem bei der Integration. Sie sind schließlich gut integriert, so heißt es. Doch wenn laut- und teilnahmslos, sowie in einer parallelen koreanischen Infrastruktur zu leben Integration bedeutet, dann sollten wir diesen Begriff neu anfangen zu definieren. Zudem sollten wir uns die Frage stellen, wenn die Koreaner in Deutschland so eine hohe Bildungsquote vorweisen, wo spiegelt sie sich in den deutschen Unternehmen wieder? Dort sehe ich kaum asiatische Gesichter.

50 Jahre der Stille und Lautlosigkeit sind genug. Jetzt ist die Zeit gekommen, die Stille und Lautlosigkeit in ohrenbetäubendem Lärm und Partizipation umzuwandeln.

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11 Kommentare
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  1. Markus Liesegang sagt:

    Ein toller Artikel. Anhand der Koreaner wird sich sehen, ob die Bundesregierung es mit der Integration ernst nimmt oder es als reine Showveranstaltung sieht. Man darf gespannt sein!!!!!

  2. Hans Peter Müller sagt:

    Die Integrationspolitik Deutschlands bezieht sich nur auf Türken und Arabern, da die Anzahl der türkischen, arabischen oder türkisch und arabischstämmigen Bewohner in Deutschland sehr hoch ist.

    Gastarbeiter der anderen Nationen werden oft ins vergessen geraten, da sie in Deutschland politisch nicht stark representiert werden bzw. eine schwache oder keine Lobby haben.

    Schade eigentlich.

  3. Peter sagt:

    Ich gebe Hans Peter Müller recht. Leider wird den anderen Gruppen kaum Beachtung geschenkt……

  4. Hmm... sagt:

    Zitat: „Mit lakaienhaften, lautlosen und schwachen Asiaten kann man das schließlich machen. “

    Also gut gebildet, überwiegend wohlhabend und voll akzeptiert sind für Sie kein Kriterium,solange man nicht mindestens einen „Zentralrat“ hat, der wöchentlich lautstark Forderungen an die Mehrheitsgesellschaft stellt.

    Man hat den Eindruck, Sie würden sich gerne noch ein paar mehr Probleme wünschen, für die Sie dann – moralisch erhaben – „die Deutschen“ verantwortlich machen können.

    Also: Ein negatives Bild von einer Bevölkerungsgruppe ist natürlich nicht gut. Ein positives Bild von einer Bevölkerungsgruppe ist aber offenbar auch nicht gewollt.

    Übrigens scheinen Sie ja innerhalb Ihrer Community ein Rufer in der Wüste zu sein. […]

  5. […] Martin Hyun, einer dieser Nachkommen, erinnert uns daran (im MiGAZIN): […]

  6. Thomas Ambros sagt:

    Hallo Herr Hmmm,
    trauen Sie sich nicht ihre Identität zu offenbaren?
    „Also gut gebildet, überwiegend wohlhabend und voll akzeptiert […]“ – Bei dem „gut gebildet“ sein haben Sie Recht „überwiegend wohlhabend“, bedingt aber „voll akzeptiert“ sind die Asiaten bzw. Koreaner, Vietnamesen alle Male nicht. Das ist grober Schwachsinn und reiht sie unter den „Einheimischen“ ein, die vermuten bzw. weil sie von dem Klischee der Fleißigen Asiaten ausgehen. Eine wirkliche und ehrlich gemeinste Auseinandersetzung wollen sie doch gar nicht. Solange die Asiaten ihre Rechte nicht einfordern und ihren Mund halten, sind sie „voll akzeptiert“. Der Autor hat Recht, wenn er behauptet, dass die Asiaten in Führungspositionen kaum sichtbar sind. Wo sind sie in den deutschen Unternehmen, wenn sie doch so „voll akzeptiert“ sind, so „gut gebildet“ sind? Und sagen sie jetzt nicht „Phillip Rösler“ ist doch in der Politik….

    Ihre Bemerkung „Rufer in der Wüste“ ist einfach lächerlich. Sie verweigern die Realität, dass bei der Integrationspolitik, die sich vorwiegend mit den Türken befasst, eine reine „Showveranstaltung“ ist, so wie der Autor hervorhebt. Es steckt keine wirkliche Intention der Politik dahinter, die Türken zu integrieren sondern nur reines Geschwätz. Wenn es der Politik wirklich um Integration geht, dann würden sie auch die kleinen Gruppen einbinden. Aber genau, diese kleinen Gruppen sind der Politik egal.

  7. malenki lizard sagt:

    @Thomas Ambros

    „Der Autor hat Recht, wenn er behauptet, dass die Asiaten in Führungspositionen kaum sichtbar sind“

    Wieviele Ost-Asiaten gibt es, die gut ausgebildet, hier voll integriert und der deutschen Sprache in Wort und Schritf zu 100% mächtig sind? Stellen Sie bitte diesen Wert den Angehörigen der deutschen Mehrheitsgesellschaft gegenüber, die diesen Kriterien ebenfalls entsprechen. Was wird da für ein Verhältnis rauskommen? Ein sehr, sehr geringes, vermute ich mal. Weil es, ganz einfach, hier nicht soviele Ostasiaten gibt. Deshalb findet man kaum Asiaten in Führungspositionen. Im technischen Bereich, lieber Thomas, sieht das ganz anders aus. Gerade in der IT, meinem Gebiet, gibt es überdurchschnittlich viele Ostasiaten. Ja, woher kommt das denn plötzlich?

    Es hat nicht ALLES mit Diskriminierung und Rassismus zu tun.

    „Wenn es der Politik wirklich um Integration geht, dann würden sie auch die kleinen Gruppen einbinden.“
    Was genau sollen wir jetzt mit den Ostasiaten machen? Wie sollen wir die weiter einbinden? Wollen die das überhaupt? Ostasiaten fordern in der Regel keine Gebetsräume, eigene Schwimmzeiten, keine Tempel und dergleichen etc pp. Da GIBT es nichts zu integrieren.

  8. Hmm... sagt:

    Zitat: „Solange die Asiaten ihre Rechte nicht einfordern und ihren Mund halten, sind sie “voll akzeptiert”. “

    Na dann mal los, welche Rechte werden Ihnen denn vorenthalten?

    Welche Rechte wurden denn beispielsweise Herrn Huyn vorenthalten, als Jugendnationalspieler, Akademiker, „High Potential“ etc. etc.

    Na, sagen Sie, welche Rechte werden unseren asiatischstämmigen Mitbürgern vorenthalten. Ich bin gespannt.

  9. caminclaudel sagt:

    @ Herrn Hyun

    Speziell für Sie, da Sie sich offensichtlich, wenn man Ihre Beiträge verfolgt, immer irgendwie benachteiligt fühlen, in Deutschland:

    http://dtj-online.de/news/detail/2122/privilegierte_akademikerkinder_studie_entlarvt_mythos.html

  10. Steinein sagt:

    Ja, es kommt drauf an, wie man in der Gesellschaft lebt.
    Jede Mensch hat Bedürfnis, anerkannt, geliebt zu werden.
    Es gibt sicher Vorurteile wegen Nationalitätenund und den entsprechenden Klischen, aber trotzdem gibt es Menschen, die all dies überwinden.
    Ich bin auch ein Ausländer in Deutschland, der die gewiße Blockade der deutschen Gesellschaft spürt und so ist auch in meinem Heimatland und sogar noch schlimmer gegen Ausländer.
    Man ehrliches Bild in meinem Unterbewußtsein gegenüber andere Asiaten sieht so aus, „Da kommt ein Ausländer aus Asien“ und vergesse ich selber, dass ich auch ein Asiate bin.
    Ich schäme mich dann, dass ich so selber als Ausländer gegen andere Ausländer ein gewiße Blockade habe.
    Es ist verständlich, als ein Einheimische gegen ein Fremde sich so fremd zu fühlen.
    Ich denke, es ist Lebenseinstellungssache, wie man denkt, was noch größer ist.
    Ich fühle mich so glücklich und integriert in Deutschland, wenn ich in der Funktion mich verwirklichen kann, den Deutschen zu helfen, in der Konfliktsituation unter deutschen Kollegen die Friede stiften zu können, das Vertrauen von Freunde zu haben.
    So zu leben ist nicht leicht, aber es kann ruhig beginnen so wie die Ruhigkeit bei Asien, wenn man trotz alldem dankbar sein kann für was man überhabt haben zu dürfen.
    Vielleicht das Rechtfertigen und laut Appelieren kann man verschieben, da meine Taten ohne Worten viel mehr überzeugender ist.
    Die Stille kann viel mehr bewirken und das Lachen gibt Menschen Kraft.
    Liebe Grüße
    Steinein


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