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Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Người Việt Nam

Integrationserfolg?

Gute Noten, Kopftücher und exzellente Leistungen – immer wieder wird in unserer pluralistischen Gesellschaft über Migranten diskutiert. Eine Gruppe sticht heraus, doch was wissen wir über diese?

VONQuy-Don Mac

 Integrationserfolg?
Der Verfasser ist Lehramtsstudent an der Universität Siegen. Seine Eltern waren Gastarbeiter in der Tschechoslowakei und leben seit 1991 in Deutschland.

DATUM18. April 2013

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RESSORTAktuell, Meinung

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Sie sind still, fast unsichtbar und unhörbar, treten selten in Erscheinung und wenn doch, dann meist positiv. Es geht zumeist um eine „gut“ integrierte Gruppe von Migranten, eine Gruppe von begabten und sehr guten Schülern. Doch wer sind sie?

Kaum Klagen über diese Migrantengruppe, aber warum? Was hält die Gesellschaft von dieser Gruppe? Warum genießen Sie diese Nichtbeachtung durch Politik und negativ behafteten Aussagen? Wo ist die Fairness, wenn alle negativ konnotierten Begriffe genannt werden, doch diese Gruppe im gleichen Atemzug ausgenommen wird und für ihre Integrationserfolge gelobt und als Beispiel aufgezeigt werden? Es ist eine Gruppe von über 100.000 Menschen, die hier Wurzeln geschlagen haben, sich ein Leben aufgebaut haben und dennoch einen sehr guten Kontakt zur Heimat haben, doch wissen wir, wer diese Menschen sind? Vielleicht kennen wir einen oder mehrere Vietnamesen durch den Kontakt zum Buddhismus, zur Kirche, durch die Schule oder die Frau im Imbiss und im Asia Shop.

Der Weg in die BRD
Die vietnamesische Gemeinschaft ist in sich so tief gespalten wie zu Zeiten der Zweiteilung in Nord und Süd in deren Heimatland. Dies hat zur Folge, dass der Zusammenhalt dieser Gruppe nicht dazu genutzt wird, sich politisch oder gesellschaftlich sichtbar zu engagieren, wie es beispielsweise die türkische Gemeinschaft tut.

In den siebziger Jahren kamen Vietnamesen als Boatpeople und Kontingentflüchtlinge in die BRD, die meisten von ihnen kamen aus dem demokratischen Süden des Landes. Die Besonderheit, die diese Gruppe auszeichnet, ist ihr hoher Bildungstand, sie stellten die intellektuelle Oberschicht des Landes dar. Ihre erfolgreiche Integration in die Bundesrepublik Deutschland wurde durch die damaligen Integrationsunterstützungen des Bundes, aber auch durch die Bevölkerung und einem offenherzigem Empfang begünstigt.

Seit den achtziger Jahren warb die DDR aus dem sozialistischen Vietnam Vertragsarbeiter an. Der vietnamesische Staat erhielt einen Teil vom Lohn ihrer Bürger. Die Arbeiter lebten in Wohnheimen, durften keine Kinder bekommen und sollten nach dem Zusammenbruch der DDR wieder in die Heimat geschickt werden. Rund 34.000 von ihnen kehrten freiwillig mit einer Abfindung zurück, die anderen versuchten, hier zu bleiben. Viele kleine Unternehmen wie Imbisse und Geschäfte wurden auf selbstständiger Basis eröffnet.

Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks in den Neunzigern kamen zudem viele Gastarbeiter aus anderen Ländern nach Deutschland, einige nutzten dies als Transitland, um in andere Staaten innerhalb Europas weiterzureisen, einige als zukünftigen Lebensmittelpunkt. Sie stellten zumeist aussichtslose Asylanträge, da hierfür keine Gründe vorlagen, konnten aufgrund eines fehlenden Rücknahmeabkommens mit der sozialistischen Republik Vietnam nicht abgeschoben werden. Viele von ihnen durften durch Altfallregelungen bleiben.

Vietnamesen gelten als sehr fleißig und zielorientiert, doch wie andere Migrantengruppen hinken auch sie in der Integration teilweise nach, beziehen Sozialhilfeleistungen oder werden zu Straftätern – so wie es in allen Bevölkerungsgruppen vorkommt.

Aber warum genießt diese Gruppe dieses Bild vom Mustermigranten?
In den Medien werden die Vietnamesen als fleißige und ruhige Menschen dargestellt, ihre Kinder gehören zu den Besten, sie schließen die Schule meist mit der allgemeinen Hochschulreife ab und studieren. Viele andere Phänomene werden jedoch nicht genannt.

Doch sollte man sich hier im Allgemeinen die Frage stellen, ob es überhaupt gerechtfertigt ist, den Integrationsstatus eines Menschen anhand katalogisierter Merkmale zu bestimmen. Ist jemand integriert wenn er die deutsche Sprache beherrscht und einer Erwerbstätigkeit nachgeht?

Ist es allein die Bildung der Kinder, die entscheidet, wie gut sich eine Migrantengruppe in diese Einwanderungsgesellschaft integriert? Man kann anhand vietnamesischer Kinder sehen, dass diese als „sehr integriert“ gelten, doch sollte man auch die Kehrseite der Medaille sehen – viele Kinder lernen unter Druck, sie lernen für ihre Eltern. Doch wird zumeist das kritische Denken eher abgeschwächt, die Entwicklung zu einem mündigen Bürger stockt.

Bildung ist wichtig, doch das öffentliche Zusammenleben mit der Gesellschaft, die Welt außerhalb der Nische wird eher gemieden. Andere hier lebende Migrantengruppen diskutieren öffentlich, ihre Probleme und ihre Wünsche sind der Bevölkerung bekannt, Vietnamesen hingegen schweigen. Es ist angenehmer, zu Schweigen, wieso sollte man sich über etwas innerhalb der eigenen Community oder gar „den anderen“ äußern oder ärgern, wenn man auch so mit den Problemen leben kann?

Politik als Wegweiser
Es ist nicht fair, die Migrantengruppen untereinander zu vergleichen, man kann nicht anhand der Bildung oder der Sprachkenntnisse den Integrationsstatus eines Menschen sehen oder bewerten. Vor allem sollten aber auch das gesellschaftliche Zusammenleben, die öffentliche Arbeit und das Fördern des gemeinschaftlichen Lebens gewertet werden. Um einen solchen Vergleich anstellen zu können, sollte man wissenschaftlich vorgehen, verschiedene Faktoren beachten, um eine möglichst gleiche Vergleichsbasis zu haben.

Deutschland als Einwanderungsland sollte einiges ändern, die Politik sollte einiges ändern, Kinder von klein auf zusammen lernen und spielen lassen, sie an „fremde“ Kulturen angewöhnen, ihnen zeigen, dass es auch andere Feiertage und Religionen gibt. Ein gemeinschaftliches öffentliches Zusammenleben und Zusammenarbeiten sollte stattfinden, aus einer Integrationsgesellschaft sollte eine Teilhabegesellschaft entstehen. Eine Gesellschaft, in der es Gang und Gebe ist, die Feiertage anderer Religionen und Kulturen zu beachten und diese zu verstehen.

Die Politik sollte neue Ansätze schaffen, mit ansteigender Zahl ausländischer Fachkräfte, steigt auch die Nachfrage an kultureller Teilhabe. Die Bildung kann bei den „neuen“ Fachkräften vernachlässigt werden, aber das soziale und das öffentliche Leben und Vermitteln von Werten, Normen und kulturelle Bereiche unseres Landes sollten mit den neuen Fachkräften bestmöglich als Teilhabende, geteilt werden.

Den Akt des Kulturrassimus und die Vorteile einer Teilhabegesellschaft hat Herr Prof. Dr. Klaus J. Bade meiner Meinung nach in seinem kürzlich erschienenen Buch „Kritik und Gewalt“ (Wochenschau-Verlag im April 2013) sehr gut beschrieben. Das Bundesamt für Migration, die Städte, Gemeinden und auch die Schulen sollten sich diese Inklusion anschauen und aktiv werden, anstatt die Leistungen verschiedener Gruppen zu vergleichen. Die Kraft, die dafür aufgebracht wird, sollte lieber der Verbesserung unseres gemeinschaftlichen Lebens zu Teil werden.

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11 Kommentare
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  1. Mathis sagt:

    @ Felix , Ja! Das genau meinte ich.Politik und Gesellschaft nehmen die Anstrengungen, die auch in anderen Gruppierungen mit „Integration“ verbunden sind nicht wahr, da sie nicht artikuliert werden.Vielleicht sollten diese Anstrengungen aber wenigstens einmal gewürdigt und damit zur Kenntnis genommen werden.


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