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Das Beitragsaufkommen [in den Rentenversicherungen beträgt] auf Grund der Beschäftigung der ausländischen Arbeitnehmer jährlich rd. 1,2 Milliarden DM, während sich die Rentenzahlungen an ausländische Arbeitnehmer jährlich auf rd. 127 Millionen DM, also etwa ein Zehntel, belaufen.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände

Interview mit Hamid Ziarati

Ein Iraner in Italien: „Ich sehe die Welt aus zwei Blickwinkeln“

Hamid Ziarati, geboren 1966, kam als Jugendlicher aus dem Iran nach Italien. Er lebte dort bei seinen älteren Geschwistern, beendete die Schule und studierte später Ingenieurswissenschaften. 2006 erschien sein erstes Buch. Sein neuester Roman „Fast zwei“ wird nun auch in Deutschland veröffentlich. Das MiGAZIN sprach mit Hamid über Migration und Literatur.

VONAdriana Enslin

 Ein Iraner in Italien: „Ich sehe die Welt aus zwei Blickwinkeln“
Adriana Enslin, Jahrgang 1983, Studium der Italianistik und Kunstgeschichte in Hamburg und Pavia, nach verschiedenen Arbeitserfahrungen in Deutschland und Italien nun seit mehreren Jahren als Übersetzerin und freie Lektorin tätig.

DATUM18. April 2013

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MiGAZIN: Hamid, Sie sind als Jugendlicher aus dem Iran nach Turin gekommen. Wie haben Sie diese Umstellung empfunden?

Hamid Ziarati: Ich kam im Dezember ’81 aus gesundheitlichen Gründen nach Italien und war überzeugt, schon sehr bald in meine Heimat zurückkehren zu können, sofort nach meiner Operation am Bein. Es war die Zeit der Revolution und der irakischen Invasion und ich war bis beflügelt und berauscht von großartigen revolutionären Idealen, welche die Geschichte und die Propaganda dieser Jahre unvermeidlich in meinem Geist festgesetzt hatten. Als die Ärzte mir sagten, dass ich ein paar Jahre später einen weiteren Eingriff über mich ergehen lassen müsste, fand ich mich damit ab, dass ich eben warten musste, dass aber der Moment der Rückkehr auf jeden Fall kommen würde. Also beschloss ich, die Zeit in Italien zu genießen und etwas zu lernen, was meinem Land nach meiner Heimkehr nützlich sein könnte. Um glücklich und ausgelassen zu sein, musste ich mich in dem Alter nicht sehr anstrengen. Es reichte, die Sprache zu lernen, damit ich nicht ausgelacht wurde, wenn ich etwas sagte, und mich ansonsten von meinen gleichaltrigen italienischen Freunden in die Unbeschwertheit der Jugend mitreißen zu lassen.

MiG: Sie verfassen Ihre Romane auf Italienisch, während Sie inhaltlich von der Zeit Ihrer Kindheit im Iran erzählen. Welche Bedeutung haben Ihre beiden Sprachen, Ihre beiden Welten für Ihre Kunst und für Ihr Leben?

Ziarati: Die beiden Sprachen, die beiden Kulturen sind inzwischen feste Bestandteile meiner Existenz, weshalb ich denke, dass ich sehr großes Glück hatte, viel mehr als manche anderen Leute, die ich kenne. Ich kann die Welt aus zwei Blickwinkeln betrachten, die manchmal im Einklang miteinander, manchmal im Widerspruch zueinander stehen. Dadurch habe ich gelernt, die Dinge, Tatsachen und Ereignisse auf eine eher objektive Weise zu sehen, ohne den Anspruch des Absoluten. Das verleiht mir die Möglichkeit und geistige Flexibilität, mich in jemanden hineinzuversetzen, der eventuell das genaue Gegenteil von meiner eigenen Meinung vertritt. Zwei Sprachen zur Verfügung zu haben, gibt mir wiederum die Freiheit, mit ihnen zu spielen, Sprichwörter, Redensarten und die Volksweisheiten und Metaphern von einer Sprache in die andere zu übernehmen. Und um, warum auch nicht, um eine Art dritter Sprache zu kreieren, die sich aus beiden unterschiedslos bedient. Ich werde häufig gefragt, ob ich mich mehr als Iraner oder mehr als Italiener fühle. Meine Antwort lautet, dass ich mich mehr als Mensch fühle.

MiG: Sie veröffentlichen bei Einaudi, einem der renommiertesten italienischen Verlage. Wie wird Ihre Literatur in Italien aufgenommen?

Ziarati: Meine Bücher wurden sowohl vom Publikum als auch von der Kritik sehr positiv aufgenommen, was sowohl an meinen Themen als auch an der Neugier lag, ein Buch von jemandem zu lesen, der auf Italienisch schreibt, ohne dass er ein italienischer Muttersprachler ist. Es ist eine Tatsache, dass die italienische Geschichte mehr Auswanderer als Einwanderer kennt und dass das Phänomen der multiethnischen Gesellschaft, die in den Fünfzigern und Sechzigern entstand, als viele Italiener innerhalb des Landes umzogen, immer noch nicht richtig verdaut wurde. Außerdem ist man in Italien noch nicht bereit zu akzeptieren, dass einer mit ausländischem Vor- und Nachnamen sich als vollwertiger Italiener fühlt. Und natürlich schon gar nicht in der Literatur. Man braucht ja nur festzustellen, dass meine Bücher und die von Kollegen, die bereits in zweiter oder dritter Generation hier leben, in Buchläden und Bibliotheken sehr häufig in den Regalen für ausländische Literatur stehen.

MiG: Sie sind mittlerweile italienischer Staatsbürger. Wie nehmen Sie die Situation von Migranten in Italien wahr?

Hamid Ziarati: Fast zwei, 172 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-933847-34-8, 17,90 Euro (D); Verlag auf dem Ruffel, erhältlich ab April 2013

Ziarati: Im Allgemeinen sagt man ja, dass eine Frau auf dem Arbeitsmarkt immer unter Beweis stellen muss, doppelt so gut zu sein wie ein Mann. Ein Migrant muss sich vierfach anstrengen. Es gibt ein Sprichwort, das sagt: „Der Mensch hat Angst vor dem, was er nicht kennt“. Wenn man dem jetzt noch die Wirtschaftskrise und die steigende Arbeitslosigkeit hinzufügt, dazu den Neid, der jedem Menschen angeboren ist, und ein bisschen der negativen politischen Propaganda, die alles Übel der Welt auf den Schultern der Hilflosesten ablädt – dann haben wir den perfekten Mix dessen, was man in einigen italienischen Milieus denkt. Das sind zwar nur Ausnahmen, aber leider sind sie sehr schädlich für die Migranten, die über gültige Papiere verfügen. Wer keine gültigen Papiere hat, zählt sowieso von vorherein zum Bodensatz der Gesellschaft. Es sind die sogenannten Illegalen oder Heimatlosen, die im christlich und jüdisch geprägten Westen nach Schutz oder einem würdevollen Leben suchen und hier zu einem Leben der Sklaverei gezwungen werden. Wegen einer unmenschlichen und hetzerischen Gesetzgebung, die sie mit Verbrechern und sozial gefährlichen Personen gleichstellt, werden sie verfolgt und in Identifikations- und Abschiebungslager gesperrt. Es sind aber nicht die Menschen, sondern die Regierungen, die solche Gesetze machen und häufig spiegelt sich in ihnen nicht der Wille des Volkes. Hierin sind die Italiener ein glänzendes Beispiel.

MiG: Welche Erwartungen setzen Sie in Ihre erste Übersetzung ins Deutsche?

Ziarati: Ich hoffe, dass die deutschen Leser sich meinem Roman „Fast zwei“ ohne sprachliche und thematische Vorurteile nähern. Ich hoffe, dass ich sie verblüffen, dass ich sie überraschen kann.

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