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Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Lehrer wie wir (Teil 1)

Amina: „Der bildungsbürgerliche Habitus ist das Problem“

Als ehemalige Schüler haben viele Lehrer mit Migrationshintergrund selbst Diskriminierung erlebt. In der MiGAZIN-Reihe „Lehrer wie wir“ kommen sie unzensiert zu Wort und sprechen über ihre Erfahrungen an deutschen Schulen.

VONJasamin Ulfat

 Amina: „Der bildungsbürgerliche Habitus ist das Problem“
Jasamin Ulfat, im hessischen Gelnhausen geboren, Kind eines afghanischen Vaters und einer deutschen Mutter. Derzeit Promovierende der Postcolonial Studies an der Universität Duisburg-Essen.

DATUM18. April 2013

KOMMENTARE4

RESSORTGesellschaft, Leitartikel

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Lehrer1 mit Migrationshintergrund sind selten. Dabei können sie durch ihre Doppelperspektive eine wichtige Rolle einnehmen, um Diskriminierung an deutschen Schulen zu minimieren. Als ehemalige Schüler mit Migrationshintergrund haben viele von ihnen selbst Diskriminierung erlebt. In dieser Reihe kommen sie unzensiert zu Wort, und sprechen über ihre Erfahrungen mit Diskriminierung an deutschen Schulen. Sie sprechen anonym, damit es im Gespräch keine Tabus gibt. Dabei fallen weder gute noch schlechte Beispiele für den Umgang mit Diversität unter den Tisch. Über allen Gesprächen steht nicht die Frage, wer Schuld am derzeitigen Zustand hat, sondern die Überlegung, wie man ein Problem lösen kann, das die gesamte Gesellschaft zurückhält.

Amina2, Lehrerin am Gymnasium, seit einem Jahr im Beruf.
Amina ist Lehrerin in NRW. Ihre Schule ist kein Elitegymnasium. Die meisten Schüler kommen aus sogenannten bildungsfernen Haushalten, haben Konzentrationsprobleme und Lernschwierigkeiten. Viele der Schüler haben einen Migrationshintergrund, hängen mit ihren Leistungen hinterher. Sie schauen zu Amina auf, fühlen eine Verbundenheit, die sehr stark auf ihren Migrationshintergrund bezogen ist. Trotzdem erhoffen sie sich keine Vorteile von ihr, sondern lediglich eine faire Benotung.

Mit Lehrern, die selbst keine Zuwanderungsgeschichte haben, machten viele von ihnen bereits schlechte Erfahrungen. In ihrer bisherigen Laufbahn stellte sich für Amina oft die Frage, wie realistisch die Einschätzungen der Schüler, wie repräsentativ ihre Erfahrungen sind. Und zu großen Teilen muss sie ihren Schülern nach eingehender Betrachtung Recht geben: Diskriminierung geschieht an deutschen Schulen jeden Tag. Bei näherem Hinsehen zeigte sich jedoch schnell, dass diese nicht zwingend rassistisch motiviert ist, sondern insbesondere der bildungsbürgerliche Habitus die sprichwörtliche „Spreu vom Weizen“ trennt. Leistung wird oft erst dann erkannt, wenn sie im bildungsbürgerlichen Kleid daherkommt. Das wurde Amina aber erst auf den zweiten Blick klar.

Von außen betrachtet, sah das ganz anders aus. So konnte sie beobachten, wie im Kollegium gerade die türkeistämmigen Schüler wesentlich gnadenloser sanktioniert wurden als ihre Mitschüler. „Türkeistämmige Jungs sind hier oft laut und fallen vielen Lehrern unangenehm auf. Auch wenn sie gute Leistungen bringen, wird ihnen ihr Verhalten zum Verhängnis“, erklärt sie und fügt hinzu: „Bei gleichen Vergehen werden als ‚ursprünglich deutsch’ identifizierte Schüler mit wesentlich mehr Nachsicht behandelt. Da liegt das aufmüpfige Verhalten dann nur an einer ‚schwierigen Phase’ oder an ‚privaten Problemen’, wohingegen bei den türkischen Jungs immer klar ist: der ist so, weil er Türke ist – sein Verhalten ist ein Ergebnis der Machokultur“. Diese Ungleichbehandlung bemerken natürlich auch die betroffenen Schüler, und so wächst der Unmut. Diskriminierung an deutschen Schulen ist real, aber – Amina bleibt dabei – viel eher ein schichtspezifisches Problem als Rassismus.

Sie erinnert sich auch an ihre Referendariatszeit an einem althumanistischen Gymnasium. Dort zeigte sich der Leistungsunterschied zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund sehr deutlich. In den sogenannten Profilklassen, die zum großen Teil einen Musikschwerpunkt hatten, fanden sich viele sehr gute Schüler ohne einschlägigen Migrationshintergrund. Die Klassen ohne Profil setzten sich aus Schülern ohne Musikschwerpunkt, dafür mit deutlich mehr Migrationshintergrund und schlechteren Leistungen zusammen.

„Die Erklärung war immer einfach: Musik fördere die Konzentration, entsprechend wären Schüler mit musischer Erziehung ausgeglichener und lernfähiger“, erzählt sie. Dass diese Schüler gleichzeitig aus bildungsbürgerlichen Haushalten kämen, wo es Geld für Nachhilfe, Förderung, eigene Kinderzimmer, Urlaubsreisen gäbe, fiel dabei völlig unter den Tisch. „Da hatten aber auch deutsche Kinder aus der sprichwörtlichen ‚Unterschicht’ keine Chance“, erklärt Amina. Frühe elterliche Förderung konzentriert sich – bewusst oder unbewusst – auf soziale Marker. Durch Ballettkurse, Theater-AGs oder Musikunterricht zeigt man vor allen Dingen eins: dass man – unabhängig von der tatsächlichen Leistung – zur Bildungselite gehört, dass sich die Eltern kümmern, dass Wille zu – und Wertschätzung von Bildung besteht. Viele Schüler mit Migrationshintergrund bleiben zurück, weil ihre Eltern die bildungsbürgerlichen Normen nicht kennen.

An ihrer jetzigen Schule zeigt sich dieser Mechanismus noch deutlicher. „Am Anfang dachte ich, viele der älteren Kollegen ohne Migrationshintergrund würden die ‚südländischen’ Jungs per se schlechter bewerten – aber das stimmt nicht. Auch die bildungsfernen deutschen Jugendlichen kennen die bildungsbürgerlichen Umgangsformen nicht, und fallen entsprechend negativ auf. Im Gegensatz dazu haben wir jetzt mehrere Schüler mit Migrationshintergrund, die als Diplomaten- und Industriellenkinder nicht unbedingt bessere Leistungen bringen, aber in ihrem Verhalten die Ideale der Lehrer widerspiegeln. Diese Kinder werden ebenfalls nachsichtiger angefasst“, erzählt sie. „Damit zeigt sich für mich sehr deutlich: Es geht oft nicht um den Inhalt, sondern um die Verpackung. Da fällt auch das Sprachproblem hinein.“

„Ich unterrichte einige Schüler, die kein Hochdeutsch sprechen – die eine fehlerhafte Grammatik aufweisen und – auch wenn sie hier geboren sind – gebrochenes Deutsch sprechen.“ Das sei ein Problem, welchem man mit Sprachkursen entgegenwirken müsse. Aber, erklärt Amina, die Sprachbarriere sei nicht unbedingt ein Lern-, sondern viel eher ein Leistungshindernis. „Leider wird an Schulen oft Eloquenz mit Intelligenz verwechselt. Wenn einer meiner Schüler einen klugen Gedanken äußert, da aber grammatikalische Fehler einbaut, dann ist das ja keine schlechtere Leistung, nur schlechter Ausdruck.“ Viele Lehrer könnten diese Übersetzungsleistung aber nicht tätigen, und erwarteten bereits viel weniger von Schülern mit Sprachproblemen. „Und daraus entsteht dann der Trugschluss, dass diese Kinder nicht das Zeug fürs Gymnasium, Abitur und schließlich fürs Studium besäßen.“

Amina ist aber nicht die einzige, der diese Diskrepanzen auffallen. So freut sie sich, dass ihre Referendariatsschule mittlerweile dem unfairen Element im System „Profilklassen“ entgegenwirkt. „Natürlich können nur Kinder mit finanzstarken Eltern teure Instrumente kaufen, das fiel auch im Lehrerkollegium auf. Die Teilnahme am Chor steht aber jedem offen, denn das Instrument Stimme besitzt ja grundsätzlich erst einmal jeder“. Somit wurde der Chor gerade für benachteiligte Schüler zugänglicher gemacht. Erfolge zeigten sich schnell, da nun auch die Schüler aus sogenannten bildungsfernen Schichten in einer Profilklasse säßen und eine Aufwertung erfuhren. Dadurch fühlen sie sich eher wertgeschätzt, trauen sich so selbst mehr zu, und erzielten bessere Leistungen.

  1. Ganz bewusst wird in diesem Artikel oft auch das generische Maskulinum benutzt, da es als grammatikalische Form per Definition alle Geschlechter umfasst. Das Einteilen in die dezidiert weibliche, und dezidiert männliche Form ist m.E. überholt, da diese Einteilung Transgenderidentitäten völlig ignoriert.  []
  2. Name geändert  []
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4 Kommentare
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  1. Zerrin Konyalioglu sagt:

    Lehrer „mit Migrationshintergrund“, die zwischen beiden Sprachen hin und her switschen können, die die kulturellen und historischen Schnittpunkte beider Kulturen kennen, die die Eltern der Schülerschaft in ihrer Sprache zu den Eltern-abenden einladen könnten- ja, das wäre was.
    Die Realität sieht aber anders aus. Mangelnde Sprachkenntnisse in den Herkunftssprachen,mangelnde Kenntnisse über Land und Leute der Herkunftsländer. In einer Schule fragte mich mal eine türkisch aussehende junge Frau- im akzentfreiem Deutsch- nach einem Raum. Ich antworte ihr auf türkisch. Sie erklärte mir, dass sie die neue Türkisch- Lehrerin sei, jedoch erst sei sie noch eine „Ersatzlehrerin“, da die „Klassenlehrerin“ krank sei, würde sie heute „Vertretungsunterricht“ machen.Ich fragte sie, was denn nun „Ersatzlehrerin“, „Klassenlehrerin“ und „Vertretungsunterricht“ auf türkisch heißen würde, denn sie hatte die deutschen Bezeichnungen benutzt. Sie guckte mich groß an. Sie wusste es nicht.
    Wenn Lehrer „mit Migrationshintergrund“ sich als Kulturbrücken verstehen, erwarte ich mehr, als nur ihr türkisches Aussehen und ihre türkisch klingende Namen.

  2. […] Eine Lehrerin (mit Migrationshintergrund) schreibt im MiGAZIN: […]

  3. trauma sagt:

    @Zerrin Konyalioglu
    es gibt aber mehr als zwei kulturen und sprachen in den heutigen klassenzimmern.
    also zwischen 3,4,5 oder 6 sprachen zwitschen.ne ihnen ist nur das türkisch wichtig.
    und eine “ türkisch aussehende junge Frau“ was zum teufel ist das?und was wen sie eine junge frau aus dem iran gewesen währe.
    hätten sie dan weiter türkisch mit ihr gesprochen ?

  4. Talib Nikolai Gilliar sagt:

    Manche Wörter kennt man eben nicht in seiner ‚Zweit’sprache.

    Nicht ganz passendes Beispiel: Als ich vor über 20 Jahren meine Ausbildung abschloss gab es noch relativ wenige Anglizismen in unserem Arbeitsgebiet. Einen Versuch BWL im Fernstudium auf Englisch zu studieren gab ich bald wieder auf weil ich keine Hochschulzulassung hatte, ich traue mir aber trotzdem zu, viele ökonomische „basics“ auf Englisch und Deutsch zu verstehen und bin im englischen eigentlich sehr sicher (von juristischen Texten mal abgesehen).

    Allerdings stelle ich 20 Jahre später fest, dass immer mehr Anglizismen in unser deutsches Arbeitsgebiet eingesickert sind, die von Vorständen wie selbstverständlich benutzt werden, deren Erläuterung bei Wiki über etliche (tlw. unbefriedigende) Sätze geht, die wir aber den deutschen Kunden gegenüber vermeiden, umschreiben, zumindest aber erklären sollen. Begriffe die wir manchmal als „normal gebildete“ Menschen selbst nicht richtig verstehen.

    Ich kenne auch genügend KollegInnen mit Migrationshintergrund meines Alters, die in ihrer nicht-deutschen Muttersprache so kompetent sind wie ich auf deutsch, die aber unseren Kunden auf Griechisch oder Kroatisch eben nicht adäquat antworten können weil das ‚Arbeitsvokabular‘ eben kein Bestandteil der Spracherwerbs zuhause oder in der Schule war.

    Die „Brückenfunktion“ sollte m.E weniger darin bestehen, Dolmetscher zu sein, sondern den Kindern, den Eltern und der Gesellschaft zu zeigen: Seht her, wir sind eine bunt gemischte Gesellschaft und das ist gut so und Du – ja DU – kannst auch Teil davon sein und das erreichen was ich erreicht habe.



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