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Migration und Integration in Deutschland

Der große Wert der Ausländerbeschäftigung liegt darin, dass wir hiermit über ein mobiles Arbeitskräftepotential verfügen. Es wäre gefährlich, diese Mobilität durch eine Ansiedlungspolitik größeren Stils einzuschränken.

Ulrich Freiherr von Gienanth, Der Arbeitgeber, 1966

Arm durch Arbeit

Wenn der Staat mit Bildung droht

Seit Jahren erzählen uns die Politiker, dass Bildung der Schlüssel zum Erfolg sei, und dass jeder, der sich nur ordentlich anstrengt, es auch schaffen könne. „Lerne, leiste, schaffe was, dann bist du, kannst du, hast du was“, so lautete das traditionelle Motto, ähnlich dem amerikanischen Slogan, dass es jedermann „vom Tellerwäscher zum Millionär“ schaffen kann.

VONGeorg Niedermüller

Die „Initiative Bildung Prekär“ (IBP) wurde von Marion Bergmann, Georg Niedermüller und Stephan Pabel im August 2011 begründet. Sie ist geprägt durch gemeinsame Erfahrungen als Lehrkräfte in Integrationskursen im Auftrag des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Die Praxiserfahrung hinter den Kulissen des sogenannten „Erfolgsmodells Integrationskurse“ führte dazu, dass sie sich zusammenfanden, um Denkanstöße zu ihrem Bildungsauftrag durch Schreiben an Politiker, Parteien, Fraktionen und Gremien zu geben. Gewerkschaftliche Unterstützung finden sie bei der GEW und Ver.di. Der Initiative gehören des Weiteren Lehrbeauftragte aus Hochschule und dem Bereich Deutsch als Fremdsprache / Zweiterwerb (DaF/DaZ) an. Aktivitäten der IBP sind auch auf www.mindesthonorar.de, Facebook und Twitter zu finden. Marion Bergmann ist unter anderem Buchautorin, Georg Niedermüller Politiklehrer und Stephan Pabel Übersetzer und Sozialpädagoge.

DATUM12. April 2013

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RESSORTAktuell, Meinung

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Der Soziologe Michael Hartmann schrieb schon 2002 ein Buch über den Mythos der sogenannten „Leistungseliten“. Sämtliche Bildungsstudien belegen heute, dass die Erlangung einer guten beruflichen Position von nichts so sehr abhängt wie vom eigenen Elternhaus. Spitzenpositionen werden nicht nach der Leistung der Bewerber vergeben (die wird sowieso vorausgesetzt), sondern nach der sozialen Herkunft. Der Kandidat muss den richtigen „Stallgeruch“, den richtigen „Habitus“ mitbringen, um in ein Führungsteam zu passen.

Wer sein Kind in solche beruflichen Höhen katapultieren will, der schickt es auf Privatschulen. Panorama machte darüber einen interessanten Beitrag. Das Privatinternat Schloss Salem kostet pro Monat ca. 2690 €. In der integrierten Sprachschule auf Burg Hohenfels leben Kinder aus 18 unterschiedlichen Nationalitäten zusammen. „In kleinen Kursen von maximal 6-8 Schülern erhalten die Kinder in der „Integrierten Sprachschule Hohenfels“ täglich Unterricht in „Deutsch als Fremdsprache“. Sie nehmen an einem Intensivkurs mit wöchentlich 20 Stunden teil, der es ihnen ermöglicht, sich schnell in deutscher Sprache verständlich zu machen.“ Von den 180 ausländischen SchülerInnen im Schuljahr 2012/13 kommen mit 43 die meisten aus der russischen Föderation, gefolgt von 25 aus der Volksrepublik China. Nur einer kommt aus der Türkei. In der Mittelstufe gibt es die „Internationalen Klassen“, in denen auf Englisch unterrichtet wird. Ziel ist die „Vorbereitung unserer Schüler auf ein internationales Leben in einer Zeit der Globalisierung“ und auf ein späteres Studium im Ausland. Die Schüler können entweder das Abitur oder das International Baccalaureate (IB) machen. Ca. 25% der Schüler sind Stipendiaten, die wegen besonders guter Leistungen aufgenommen werden. Das Pädagogen-Schüler-Verhältnis beträgt 1:6.

Ganz anders sieht es an der Wattenscheider Fröbelschule aus, einer Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Als ein wichtiges Erziehungsziel wird der „gewaltfreie und achtsame Umgang miteinander“ genannt. An der Fröbelschule gibt es „Elternseminare“, deren Ziel es ist, „Eltern in der Erziehung ihrer Kinder zu stärken und sie für ihre Ressourcen zu sensibilisieren“. Im Rahmen der Elternseminare werden auch Fachleute eingeladen, die z. B. zur Neuregelung von ALG2 beraten können oder Hilfestellung bei der Suche nach weiterführenden Angeboten, z. B. Beratungsstellen, Krabbelgruppe usw. geben. Um ein gesundes Frühstück anbieten zu können gibt es an der Fröbelschule einen Kiosk. Seine Bezahlbarkeit ergibt sich aus der Kooperation mit der Wattenscheider Tafel, heißt es auf der Webseite.

Die Fröbelschule wurde durch einen Artikel in der WELT bekannt, und als Schule vorgestellt, „Wo Kinder für ein Leben mit wenig Geld lernen“. In dem Artikel heißt es: „Christoph Graffweg, Leiter der Fröbelschule in Wattenscheid, bereitet seine Schüler auf eine Hartz-IV-Laufbahn vor.“ In den ersten beiden Schuljahren wird im Unterricht ohne Zahlen gearbeitet, damit zunächst das nachgeholt werden kann, was in den Elternhäusern versäumt wurde. „In jedem Jahr werden etwa fünf der 130 Kinder der Schule vom Jugendamt in Obhut genommen, müssen etwa acht Prozent der Schüler für mehrere Wochen in die Kinder- und Jugendpsychiatrie.“ Einen Grund sieht der Schulleiter darin, dass viele Eltern nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu erziehen, einen zweiten in der Reizüberflutung, die über das Privatfernsehen auf die Kinder einströmt.

In einer Reportage über die Fröbelschule heißt es: „Im letzten Jahr hat keiner der Schüler einen Ausbildungsplatz bekommen. Mehr als die Hälfte der Eltern hat keine Arbeit.“ Während der Osterferien hat sich bei den Kindern viel ereignet, das zunächst in der Schule besprochen werden muss. Schulleiter Graffweg muss einer Schülerin erklären, dass sie ihre Sozialstunden ableisten muss, weil sie sonst ins Gefängnis muss (ab Minute 9). Er muss sich auch darum kümmern, dass die Schülerin eine Stelle findet, wo sie ihre Sozialstunden machen kann, weil die Schülerin es nicht selbst kann, und ihre Eltern wahrscheinlich auch nicht.

Wenn die Kinder der Fröbelschule ihren Abschluss haben und keinen Job finden, dann wartet schon der Staat mit dem Schlagwort des „Förderns und Forderns“ auf sie. Sinn und Zweck des Förderns und Forderns, wie überhaupt des extrem gering bemessenen Hartz IV-Satzes ist, dass die Menschen einen „Anreiz“ erhalten, eine Arbeit aufzunehmen. Jugendliche unter 25 werden vom Staat besonders hart rangenommen. Report Mainz hat hierüber einen Bericht gemacht. Jungen Eltern wird für drei Monate das Geld zu 100% gestrichen, weil der Vater bis zum Beginn seiner nächsten Beschäftigung nicht noch einen anderen „Job“ einschieben will. Wer dazu nicht bereit ist, dem droht mit Frau und Kindern in Deutschland die Obdachlosigkeit. Die 19jährige Jasmin flog bei einer Weiterbildung raus, weil sie zu undiszipliniert war. Drei Monate Sanktionen führten zur Obdachlosigkeit, heute schnorrt sie und isst, was sie im Müll findet. Von der Weiterbildung direkt in die Obdachlosigkeit, das beschreibt sehr anschaulich, dass Bildung für die unteren Schichten von einem Inklusions- zu einem Exklusionsinstrument geworden ist.

Wenn die Arbeitslosen schon nicht in Jobs vermittelbar sind, so ist Bildung doch die letzte Möglichkeit, wie man aus ihnen Profit schlagen kann. Auf der Webseite von www.gegen-hartz.de heißt es: „Um das Armutssystem Hartz IV hat sich über Jahre hinweg eine regelrechte Armutsindustrie gebildet, bestehend aus sogenannten Bildungsträger oder Weiterbildungsschulen. Die „Versorgung“ von Hartz IV Betroffenen bedeutet für diese Einrichtung nicht selten ein Millionengeschäft. Auch in Mönchengladbach gibt es solche Bildungsträger, die enorme finanzielle Mittel von den Jobcentern für jeden Teilnehmer, der damit aus der Arbeitslosenstatistik fällt, bekommen. Nach Informationen des Kreisverband der örtlichen Linkspartei fangen neuerdings diese Träger an, „Kunden“ mit Zwangsarbeit und Sanktionen zu drohen.“

Nach den Worten von Klaus Norbert hat „Bildung“ heute die Funktion, gezielt eine winzige Bildungselite zu begünstigen und den Rest einer ganzen Generation zu Versagern zu stempeln.

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Ein Kommentar
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  1. Monika Thomas sagt:

    „Du hast keine Chance, aber ergreife sie.“

    Zu Hartz IV und deutscher Europapolitik:

    „Manchmal lobt man die Armen auch für ihre Sparsamkeit. Aber den Armen Sparsamkeit zu empfehlen, ist absurd und beleidigend zugleich. Man könnte genau so gut einem hungernden Menschen empfehlen, weniger zu essen.“
    – Oscar Wilde



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