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Migration und Integration in Deutschland

Die Qualität einer freiheitlichen Gesellschaft bewährt sich nicht zuletzt darin, wie mit Minderheiten umgegangen wird und wie sich Minderheiten in einer Gesellschaft fühlen.

Wolfgang Schäuble, Rede zur Amtseinführung des Beuauftragten für Auslandsdeutsche, Februar 2006

Partiziano

Die Reitz-Figur

Wen juckt es schon, wenn ein Nazi-Aussteiger einpacken kann, weil er auspackt? Es reitzt eher die Axelhaaare dazu, sich aufzustellen – in Reih und Glied – und zum Sound von Ton, Steine, Scherben den Staub aufzuwischen, den eine vermisste Raumsonde im interstellaren Raum aufgewirbelt hat.

VONMarcello Buzzanca

 Die Reitz-Figur
Geb. 1972 in Frankfurt/Main. Studium der Romanistik, Amerikanistik und Germanistik in Frankfurt und Málaga. U.a. tätig als Autor, Texter, Redakteur, Übersetzer, Blogger und Kolumnist bei MiGAZIN. Sein erstes Buch: „Periodischer Patriotismus: Deut(sch)liche Erfahrungen eines provisorischen Italieners“ erscheint Mitte April 2013 im Verlag Sibylla Wegener“

DATUM11. April 2013

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RESSORTAktuell, Meinung

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Eigentlich (und das habe ich ja schon mehrmals betont) sind Rassisten ja Rasisten, weil sie – genauso wie jenes Gras auf den Grünflächen – kurz geschoren und auf Einheit getrimmt sind und meist im Siedlungsgebiet von Menschen vorkommen. Sonst wären sie ja Wiesen. Und die werden seltener gemäht und wachsen freier. Da aber ein doppeltes S besser zu ihrem Erscheinungsbild passt, nennen sie sich also Rassisten oder auch Nationalisten. Im Wort Nationalist versteckt sich übrigens der Begriff List. Ein Täuschungsmanöver, ein Outfitwandel, um sich besser tarnen zu können. Vielleicht aber auch verstecken zu können, weil sie Angst haben. Angst vor Minaretten und Mekka-Ziegen, die sie anblöken, (aus)weiden und ihrer Wurzeln berauben könnten. Schließlich essen Ziegen ja Gras. Und wenn man sie ließe, auch Rasen.

Aber nein, dann lieber doch einen Zaun um die Rasisten bauen, ihre Wurzeln in den Untergrund nutzen, um das Unkraut später in Gänze jäten zu können. Lieber Späher als Rasenmäher. Besser Köpfchen benutzen als Dekapitationen einsetzen, um die Häupter der Radikalen öffentlich einzusacken. Beuteldeutsche helfen keinem. Also schnell den Krampf in den Köpfen beim Kampf um die Köpfe lockern und zu den Wurzeln zurückkehren. Und da findet man sie, die Radikalen, weil sie auf die Wurzeln zurückgehen und sind es denn nicht gerade Wurzeln, die alles zusammenhalten, auch das, was oben längst schon abgestorben, überholt und überkommen ist? Und da findet man sie, die Fundamentalisten, weil sie den sicheren Grund für lange Märsche schaffen oder den Boden unter den Füßen wegziehen und Beben auslösen. Und manche nutzen den von Fundamentalisten gemachten Pfad auch als Fluchtweg, so wie Axel Reitz.

Stöhn, Steine Scherben!
Der selbst ernannte Hitler von Köln, dessen Pamphlete eher nach alten Kamellen schmecken, hat die Tür zum Ausstieg gefunden. Über eine politische und persönliche Sackgasse. Doch glücklicherweise weist diese Sackgasse keinen Schlupfwinkel für ihn, so dass er sich als einer der 26 Angeklagten im Mammutprozess um das Aktionsbüro Mittelrhein verantworten muss, und das auch vor seinen ehemaligen Nazi-Kumpeln. Die wollen ihm schon länger an den hochgestellten Kragen. Und damit wären wir wieder bei Köpfen, die rollen, sich einziehen oder auf der Anklagebank dösen.

Kurz ist der Weg vom Freien Nationalisten zum nationalen Sozialismus und vom Aussteiger zum Verräter. Und steinig, so wie Ton Steine Scherben. Die spielen sie mittlerweile auf Neo-Nazi-Kundgebungen und schon hört man die anderen stöhnen: Blasphemie! Wie können die Rechten die Hymnen der 68er-Linken missbrauchen? Nun, da Rio Reiser sich ja schon im Grab gedreht hat, als Media Markt sein König von Deutschland in den Saustall zog, würde er bei einer erneuten Drehung ja wieder auf der richtigen Seite liegen. Insofern Ohren zu und durch und Augen auf optische Signale.

Heart’s fear
„Ich gehe davon aus, dass Sie keine verbotenen Signale an sich tragen!“ sagt der Polizist, wohl wissend, dass sein nationaler Gegenüber die verbotenen Signale vielmehr in sich und nur dann nach außen trägt, wenn nicht die Gefahr besteht, dass niemand außer Gleichgesinnten sie sehen könnten. Darum geht es nämlich, um Mimekry. Um die äußerliche Anpassung an und innerliche Abwendung von all jenen, die nicht zu den Nationalen Sozialisten gehören, sondern linke Zecken, Kanaken oder schlimmer noch Soldaten und verlängerter Arm dieses verhassten Staates sind. Sich verstecken zwischen Alltagsrassisten. Untertauchen, um zur richtigen Zeit zuschlagen zu können. Und die Zeit ist immer dann richtig, wenn die volle Stunde geschlagen hat. Und voll sind sie immer. Und schlagen tun sie dann auch.

Um aber auch die Schläge jener zu hören, die an den Hintereingang der Gesellschaft klopfen, ist es wichtig, sich alle Türen offen zu halten, egal, ob diese nach Osten oder Westen zeigen. Und ein Tor, welches hilft, die Ängste in den Herzen der Menschen – die hearts‘ fear – zu besänftigen, ist immer noch die Sprache. So fürchtet weder den 8. noch den 19. Buchstaben, auch dann nicht, wenn sie sich paaren. Sehet euch eher vor jenen vor, die das Alphabet der niederen Triebe beherrschen, vor allem, wenn sie Natzis sind und an Häuserwände schreiben, dass sie die anderen krigen werden. Bekommen haben sie ja schon einiges, nur wann erhalten sie die gerechte Strafe?

V’ger weiß es
Hoffentlich bald, denn viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Die Vorboten der Nachkommen sind in unmittelbarer Nähe. So hat nämlich die im Jahr 1977 auf die Reise ins Weltall geschossene Raumsonde Voyager 1 unser Sonnensystem angeblich verlassen und nimmt Kurs auf den interstellaren Raum. Und all jene, die dem Vulkanier unter uns die Hand reichen möchten, weil sie nicht denken, dass das Sternenboot voll ist, wissen, wie das enden wird. Und allen anderen ist Star Trek – Der Film zu empfehlen: Eigentlich hat sich die Crew der Enterprise aufgelöst. Doch als eine riesige Energiewolke mit zerstörerischer Kraft auf die Erde zurast, raufen sich Spock, Kirk und Co. wieder zusammen. Sie entdecken im Zentrum dieser Wolke V’ger und verstehen erst später, dass es sich dabei um Voyager 6 handelt.

Diese am 5. September 1977 ins All geschossene Sonde sendet, sortiert und sondiert- permanent und penetrant. Und zwar das gesamte Wissen. Doch hat man bei der NASA wohl leider vergessen, sie nicht nur innerlich gut zu rüsten, sondern auch äußerlich ordentlich zu bekleben. Denn auf ihrer Reise durchs All verliert die Voyager 6 ein paar ihrer Buchstaben – und wird zu V’ger. V’ger hat bei ihrer Reise Halt bei einer Maschinenzivilisation gemacht. Die wiederum nahm ihr die fehlenden Buchstaben nicht krumm, dafür aber ihren Auftrag sehr genau und stattete V’ger mit unendlich viel Wissen aus.

Mit diesem Wissen bewaffnet, macht sich V’ger wieder auf den Weg zurück zur Erde. Was sie leider nicht lernen konnte, waren Gefühle. Also stellt sie ihre Schöpfer zur Rede und will fernab der Logik Antworten auf den Sinn ihrer Existenz. Am Ende vereint sie sich mit Commander Decker, dem neuen Kapitän der Enterprise. Es entsteht eine Art Mensch-Maschine und die Wolke verschwindet.

Zurück bleibt die Erkenntnis, das Wörter wichtig sind und das Weglassen und Wegfallen von Buchstaben und Bezeichnungen fatale Folge haben: Man erkennt sich und andere nicht wieder, fällt auf Sprachfallen herein, lässt sich mit Stilblüten bezirzen und pflanzt deren Keim gar auf dem eingangs genannten, getrimmten Rasen. Und heraus kommt mein Reim, auf den ich (mir) noch kein Gedicht machen kann, weil irgendetwas noch fehlt:

Never mind toxic
If you talk sick
Disregard lingustic
Keep to chick lit

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