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Migration und Integration in Deutschland

In allen Zielstaaten der Arbeitsmigration weisen die Eltern der als Migranten erfassten Jugendlichen eine kürzere Schulbesuchszeit und einen geringeren ökonomischen, sozialen und kulturellen Status auf als die Eltern von Nichtmigranten. Nirgendwo ist dieser Unterschied … aber so stark wie in Deutschland.

Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

Hessen 2012

Jeder zweite Eingebürgerte mit Doppelpass

Laut Hessens Ministerpräsident stehen Menschen mit Doppelpass „zwischen zwei Staaten“. Jetzt vorliegende Einbürgerungszahlen belegen jedoch, dass in Hessen jeder Zweite einen Doppelpass bekommt; rechnet man die Türken aus der Statistik, steigt diese Quote sogar auf über 60 Prozent.

Im Jahr 2012 erhielten in Hessen knapp 14.600 Personen durch Einbürgerung die deutsche Staatsangehörigkeit. Nach Mitteilung des Hessischen Statistischen Landesamtes waren das rund 1.700 oder knapp 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Allerdings bewegt man sich nach wie vor auf niedrigem Niveau. So ließen sich im Jahr 2000 noch weit über 20.000 Ausländer einbürgern.

Wie das Statistische Landesamt weiter mitteilt, stellen mit gut 4.600 Eingebürgerten die Personen mit türkischer Staatsangehörigkeit die mit Abstand größte Gruppe. Es folgten Personen aus Marokko (knapp 800) und Afghanistan (rund 700) sowie aus Pakistan (gut 500). Aus Ländern der Europäischen Union stammten insgesamt 2.500 eingebürgerte Personen, darunter jeweils rund 500 aus Griechenland und Polen. Danach folgten Italiener und Bulgaren mit jeweils rund 300 Personen.

Doppelpass die Regel
Auffallend ist: Mehr als die Hälfte der Eingebürgerten behielt neben der neu erworbenen deutschen die bisherige Staatsangehörigkeit bei. Nach Berechnungen des MiGAZIN betrug dabei die Doppelpassquote bei EU-Bürgern 97,4 Prozent. Eingebürgerte aus Afrika und Amerika durften zu jeweils 63 Prozent ihren bisherigen Pass beibehalten, bei Menschen aus Asien betrug diese Quote knapp 50 Prozent. Den Gesamtdurchschnitt der Doppelpassquote senken vor allem türkische Staatsangehörige (28 Prozent). Würde man diese Eingebürgerten in der Statistik nicht berücksichtigen, würde die Doppelpassquote bei mehr als 60 Prozent liegen.

Ungeachtet dessen hat der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) nur wenige Tage vor Veröffentlichung der Einbürgerungszahlen in einem Interview mit Welt Online erklärt, dass ein Doppelpass „dokumentiert, dass ein Bürger zwischen zwei Staaten steht“.

Info: Nach dem Staatsangehörigkeitsgesetz haben Personen, die mindestens acht Jahre in Deutschland leben, einen besonderen Anspruch auf Einbürgerung, wenn sie bestimmte, gesetzlich festgelegte Anforderungen erfüllen. Deren Ehegatte und minderjährigen Kinder können mit eingebürgert werden, auch wenn sie sich noch keine acht Jahre im Inland aufhalten. Grundvoraussetzung für eine Einbürgerung ist der rechtmäßige, auf Dauer angelegte Aufenthalt gemäß den einschlägigen ausländerrechtlichen Vorschriften.

Zweierlei Maß
Für die integrationspolitische Sprecherin der Grünen im hessischen Landtag, Mürvet Öztürk, ist die Aussage des Ministerpräsidenten „völlig unsinnig“. Die Grünen-Politikerin verweist auf die Statistik und fragt: „Der größte Anteil der in Hessen eingebürgerten Menschen darf seine ursprüngliche Staatsbürgerschaft bereits heute behalten. Will der Ministerpräsident all jenen wirklich mangelnde Loyalität gegenüber Deutschland und ihrem Herkunftsland unterstellen?“ Wenn Bouffier sich gegen die doppelten Staatsbürgerschaft ausspreche, dann müsse er auch sagen, „warum sie nach seiner Ansicht manchen gewährt werden soll und anderen nicht.“

Laut Statistik sind von dieser Zweiteilung vor allem jüngere Ausländer betroffen. 67 Prozent oder rund 9.800 der Eingebürgerten waren jünger als 35 Jahre, knapp 21 Prozent befanden sich im Alter zwischen 35 und 45 Jahren und gut acht Prozent waren zwischen 45 und 60 Jahre alt. Demgegenüber lag der Anteil der 60-Jährigen und Älteren an allen Einbürgerungen bei lediglich knapp vier Prozent.

3.400 neue Optionspflichtige
64 Prozent der Eingebürgerten (9.300) hielten sich zwischen acht und 20 Jahren in Deutschland auf, 22 Prozent (3.200) lebten bereits 20 Jahre oder länger in Deutschland, und gut 14 Prozent (2.100) erhielten die Einbürgerungsurkunde bereits bei einer Aufenthaltsdauer von weniger als acht Jahren.

Neben den rund 14.600 eingebürgerten Personen haben im Jahr 2012 gut 3.400 Kinder ausländischer Eltern durch Geburt im Inland die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten. (es)

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3 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Andrej Novak sagt:

    Der Ministerpräsident könnte auch mal erklären, wie er den vermeintlichen Loyalitätskonflikt durch Mehrstaatigkeit bei seinem Parteifreund und Ex-Ministerpräsident McAllister bewertet und warum das bei ihm unproblematisch sein soll und bei anderen nicht.

  2. Orka sagt:

    Wird doch billig verscherbelt (((

  3. Non-EU-Alien sagt:

    Tja, da kann man nicht mehr von Ausnahmeregelung reden.

    Realistisch gesehen ist das ja schon (fast) die Regel, wenn mehr als jeder zweite im Durchschnitt die doppelte Staatsbürgerschaft bekommt.



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