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Migration und Integration in Deutschland

Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

FDP Wahlprogramm 2013

Ja, zur doppelten Staatsbürgerschaft und zum Kommunalwahlrecht

Die FDP hat in ihr Wahlprogramm 2013 dem Thema Integration ein eigenes Kapitel gewidmet. Ein klares „Ja“, zur doppelten Staatsbürgerschaft und zum Kommunalwahlrecht sind darin unter anderem zu lesen. Das MiGAZIN dokumentiert das Kapitel im Wortlaut:

Für ein modernes, offenes Deutschland muss gelten: Es kommt nicht darauf an, woher Du kommst. Es kommt darauf an, wohin Du willst. Egal woher ein Mensch kommt, welchen Hintergrund er hat: Er kann unsere Gesellschaft bereichern – in der Wirtschaft, in der Kultur, im Sport, im öffentlichen Leben. Und er hat ein Recht auf Teilhabe an dieser Gesellschaft.

In unserem Land leben Millionen Mitmenschen „mit Migrationshintergrund“. Viele von ihnen sind hier geboren. Die allermeisten von Ihnen sind längst in diesem Land Zuhause. Sie sind unsere Mitbürger, Freunde und Nachbarn. Für diese Menschen machen wir Politik.

Wir sind überzeugt: Wer an dieser Gesellschaft teil haben möchte, wer sich einbringen will, der soll hier auch eine Heimat finden können. Dafür müssen wir in Deutschland Hindernisse abbauen und Türen öffnen. Gleichzeitig ist aber auch die Bereitschaft zur Teilhabe Voraussetzung für das Miteinander in einer offenen Bürgergesellschaft. Dazu gehören insbesondere die Bereitschaft, die deutsche Sprache zu erlernen, sowie die vorbehaltlose Akzeptanz unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung. Mit dem Nationalen Aktionsplan Integration und dem Instrument der Integrationsvereinbarung zeigen wir, wie wir diesen Weg zum Miteinander in unserer Gesellschaft weiter gehen wollen. Gleich zeitig zeigen wir aber auch – zum Beispiel mit der Schaffung eines eigenen Straftatbestandes zur Bekämpfung der Zwangsheirat – deutlich die Grenzen der Toleranz aufgezeigt.

Chancen zur Teilhabe zu bieten bedeutet aber auch, alle Anstrengungen zu unternehmen, Menschen zur Integration zu befähigen. Die Fähigkeit zur Integration hängt in vielen Fällen immer noch von Faktoren ab – Familie, Bildungsweg, soziales Umfeld – die der Einzelne nur schwer beeinflussen kann und die im ungünstigen Fall den Zugang in die Gesellschaft erheblich erschweren. Hier wollen und müssen wir weiterhin stärker Hilfe zur Selbsthilfe geben, damit der Einzelne sich frei machen kann von äußere n Zwängen. Auch darum haben wir beispielsweise die Mittel für Integrationskurse erhöht, die Mittel für den Ausbau der Kinderbetreuung in den Ländern weiter erhöht und Initiativen zur sprachlichen und beruflichen Bildung unterstützt.

Wir wollen für jene, die eintreten möchten, die Tür en zu unserer Gesellschaft öffnen. Das gilt für all diejenigen, die bereits in unserem Land leb en. Und das gilt für diejenigen, die noch kommen wollen. Darum haben wir die Einwanderung nach Deutschland erleichtert und die Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse verbessert, damit kluge Köpfe leichter den Weg nach Deutschland finden.

Aber damit diese Menschen nach Deutschland kommen, müssen diese Menschen uns in Deutschland vor allem willkommen sein, hier mit ihren Familien ein Zuhause und eine Heimat finden können. Toleranz, Offenheit, eine Kultur des Miteinanders – das sind für Liberale Werte an sich. In der modernen Welt sind es aber auch unverzichtbare Standortfaktoren, wenn wir in der Wirtschaft, in der Forschung, bei kreativen Unternehmungen an der Spitze bleiben wollen.

Dafür treten wir ein. Dafür treten wir an.

  • Deutschland ist ein Einwanderungsland. Darüber freu en wir uns. Schon in der Vergangenheit haben Einwanderer das Wirtschaftswunder mit gestaltet und unsere Gesellschaft bereichert. Das Zusammenleben in der offenen Gesellschaft setzt jedoch das Bemühen um Gemeinsamkeiten, um Toleranz und Akzeptanz bei allen Beteiligten voraus. Integration ist unmöglich, ohne gemeinsame Sprache und die Akzeptanz der republikanischen Werte unserer Verfassung. Deshalb wollen wir Integrationskurse als zentrales Element weiter stärken und hier insbesondere auch die frühzeitige Integration von Kindern verstärkt in den Blick nehmen. Die Integrationskurse sollen auch auf Geduldete und Asylbewerber ausgedehnt werden. Sie sind oft jahrelang in Deutschland, und müssen daher die Möglichkeit erhalten, deutsch zu lernen, um am Arbeits- und Sozialleben teilnehmen zu können.
  • Integration braucht auch die Offenheit und Integrationsbereitschaft einer Gesellschaft. Als Liberale werben wir für mehr Offenheit und Toleranz. Wir wollen eine Möglichkeit zur beschleunigten Einbürgerung nach vier Jahren und die grundsätzliche Zulassung der doppelten Staatsbürgerschaft. Partizipationsmöglichkeiten erleichtern die Integration: daher setzen wir uns, bei einem rechtmäßigen Mindestaufenthalt von fünf Jahren, für die Einführung eines kommunalen Ausländerwahlrechts ein.
  • Wir wollen gezielt fachlich geeignetes Personal mit Migrationshintergrund für den öffentlichen Dienst gewinnen. Denn für die Integration und unsere Gesellschaft ist es wichtig, dass im öffentlichen Dienst, in Kitas und Schulen Personen mit interkultureller Kompetenz tätig sind. Diese Vorbilder prägen gerade Kinder und Jugendliche positiv.
  • Sprache ist der Schlüssel zur Bildung, zum Erfolg und zu gesellschaftlicher Integration. Es ist daher ein Gebot der Fürsorgepflicht des Staates, dafür zu sorgen, dass kein Kind abgehängt wird. Sprachstandtests für alle Kinder im Alter von vier Jahren sind Voraussetzung dafür, dass alle die gleichen Chancen haben. Bei Bedarf sind eine gezielte Sprachförderung vor der Schule sowie darüber hinaus gehende unterrichtsbegleitende Sprachprogramme notwendig.
  • Wir müssen Eltern verstärkt aufklären und befähigen, ihre Kinder zu unterstützen. Programme zur kombinierten Sprachförderung von Eltern und Kindern zeigen vorbildliche Erfolge. Auch sind Angebote für Kinder oftmals der beste Anknüpfungspunkt zur nachholenden Integrationsförderung für Eltern.
  • Erst spät hat sich in unserer Gesellschaft die Einsicht durchgesetzt, dass Deutschland ein Einwanderungslang ist. Zu spät wurde den neuen Mitbürgern ein echtes Angebot gemacht und eine offene Integrationspolitik betrieben. Nachholende Integration ist deshalb eine ebenso wichtige wie herausfordernde Aufgabe für die Gesellschaft und die Politik. Hier sind wir besonders gefordert, jene Migranten, die teilweise bereits seit Jahrzehnten im Land sind, beim Integrationsprozess mitzunehmen und nicht verloren zu geben. Dabei setzen wir vor allem auf arbeitsmarktpolitische Instrumente.
  • Wir suchen und fordern den offenen Dialog mit allen Bevölkerungsgruppen und Religionsgemeinschaften. Alle religiösen Verbände und Institute sind aufgefordert, sich grundsätzlich der gesamten deutschsprachigen Bevölkerung gegenüber zu öffnen. Wir setzen uns ein für die vermehrte Einrichtung von Lehrstühlen für islamische Theologie an deutschen Hochschulen, für die Ausbildung von deutschsprachigen Imamen und muslimischen Religionslehrern. Wir wollen eine Akademie für Islamstudien schaffen, die öffentliche Stellen in Deutschland beraten und die Ausbildung von muslimischen Geistlichen und Religionslehrern in Deutschland fördern soll.
  • Muslime sind Teil der deutschen Gesellschaft. Das muss sich auch im Schulunterricht widerspiegeln. Es muss selbstverständlich werden, dass islamischer Religionsunterricht in deutscher Sprache an den Schulen erteilt wird, sofern generell Religionsunterricht an staatlichen Schulen stattfindet und dieser in das Wertesystem des Grundgesetzes eingebettet ist.
  • Wir wollen ein Einwanderungsrecht, das Fachkräften eine Chance am Arbeitsmarkt gibt. Deutschland muss offen sein für Talente aus aller der Welt, eine Willkommenskultur etablieren und um kluge Köpfe konkret und aktiv werben. Die begonnene Liberalisierung bei der Einwanderung von Fachkräften und den Einstieg in ein modernes Einwanderungsrecht wollen wir fortsetzen. Dazu streben wir die Weiterentwicklung des Arbeitssuchvisums zu einem klaren und vollständigem Punktesystem nach dem Vorbild von Kanada und Australien an. Auf dem Weg dorthin wollen wir auch die bestehenden Gehaltsgrenzen für die Einwanderung weiter absenken. Die Arbeitserlaubnispflicht soll zudem bei rechtmäßigem Aufenthalt entfallen. Analog zur Regelung für Studenten, die für ein Studium nach Deutschland kommen, sollen auch Auszubildende aus Drittstaaten, die eine Lehre in Deutschland absolvieren wollen, einen Aufenthaltstitel erhalten.
  • Wir setzen uns dafür ein, dass die Visa-Vergabe großzügiger und flexibler gehandhabt wird. Auch sollten sich dabei Ausländerbehörden und Botschaften nicht als Abwehrbehörden verstehen, sondern vielmehr als Aushängeschilder Deutschlands agieren. Deutschland ist ein weltoffenes Land. Nicht zuletzt für seine gute Wirtschaft ist der flexible Austausch von Mitarbeitern und Geschäftsreisenden unerlässlich.
  • Asylbewerber sollen vom ersten Tag ihres rechtmäßig en Aufenthalts an arbeiten dürfen. Es entspricht dem liberalen Selbstverständnis, dass Menschen nicht dazu gezwungen werden, staatliche Leistungen in Anspruch zu nehmen, sondern sie die Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen.
  • Wir haben ein stichtagsunabhängiges Bleiberecht für Jugendliche und Heranwachsende geschaffen, von dem auch deren Eltern profitieren können. Nun muss in Abstimmung mit den Ländern eine generelle stichtagsunabhängige Lösung für die vielen Tausend Betroffenen gefunden werden, die bereits seit Jahren in Deutschland leben, und hier auch absehbar bleiben werden, da eine Aufhebung ihrer Duldung nicht absehbar ist. Kettenduldungen wollen wir abschaffen.
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4 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Non-EU-Alien sagt:

    Guter Schritt nach vorne… Mal sehen, wenn es für Schwarz-Gelb wieder reichen sollte, glaube ich, dass die davon der Regierungsbildung wegen wieder abtreten… 😉

  2. nwitte sagt:

    Vor einem Jahr äußerte sich FDP MdB Hartfrid Wolff in der Debatte um mehrfach Staatsangehörigkeit noch so:

    „Wer eine Zukunft anstrebt, in der nicht Hautfarbe oder
    Abstammung, sondern allein der Wille und die freiwillige
    Verpflichtung, dazuzugehören, für die Zugehörigkeit
    zur deutschen Nation entscheidend sind, der muss
    verhindern, dass Abstammungsfragen in Deutschland
    wieder salonfähig werden, wie es durch das Instrument
    der mehrfachen Staatsangehörigkeit im Prinzip geschieht.“
    (Plenarprotokoll 17/158)

  3. Grillenkönigin sagt:

    FDP sollte mal die Augen öffnen. In Deutschland gibt’s viele arme deutschstämmige..kümmert euch mal um diese

  4. […] die FDP-Abgeordneten unterm Strich gegen die doppelte Staatsbürgerschaft obwohl sie sich in ihrem Wahlprogramm für die bevorstehende Bundestagswahl klar für die doppelte Staatsbürgerschaft […]



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