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Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

Kısmet

Themen, die die Welt regieren

Geld regiert die Welt. Und leider auch oftmals Babas Themenspektrum. Die Diskussion will ich allerdings vermeiden, da er sie meist sehr monologisch und vor allem viel zu pathetisch führt. Obendrein mit einer Menge Selbstanschuldigungen, was er hätte besser machen können. Das will ich ihm ersparen. Mir ebenso (Anne wird es mir auch danken).

VONFlorian Schrodt

 Themen, die die Welt regieren
Der Autor studierte Politikwissenschaften und arbeitete als freier Journalist. Seitdem er Teil einer türkischen Familie ist, ist sein Leben geprägt von neuen Erfahrungen. Ob im Alltag oder in den Erzählungen seiner Schwiegereltern, diese persönlichen Erlebnisse sind für ihn der Schlüssel zu einer interkulturellen Schatztruhe. Geschichten, die das Leben schreibt, oder das Schicksal. Alles ist Kismet, wie seine Familie sagen würde.

DATUM20. März 2013

KOMMENTARE4

RESSORTAktuell, Meinung

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Mir steht nicht der Kopf danach, weil ich genug Stress damit habe, zu meinen Schwiegereltern zu gelangen. Das Wetter ist schuld. Das Thema Geld auszusparen wird wohl dennoch schwieriger, als mit der Bahn anzureisen. Babas Diskussionsbedarf ist geprägt von der aktuellen Nachrichtenlage. Es bleiben also nur zwei Themen über: zyprische Konten und winterlicher Frühling. Kaum bin ich zur Tür hereingekommen, versuche ich mich auf die Geldalternative zu stürzen. Das winterliche Schneetreiben ist immerhin nicht nur am Bildschirm, sondern auch vor dem Fenster und an mir zu beobachten.

Wenn wir von seinem Krankenhausaufenthalt absehen und den Bewegungsradius seines Wagens von Null als Indikator nehmen, war Baba seit knapp zwei Monaten nicht mehr vor der Haustür. Kein Wunder, dass der Mann Redebedarf hat.

Meine Mission ist indes geglückt. Er hat meinen Themenvorschlag dankbar aufgenommen und fragt mich nach dem Wetter aus. Ich stehe wie ein Schneemann vor ihm und fange an vom desolaten Ablauf des Bahnverkehrs zu erzählen. Zwischendurch wuselt Anne um mich herum und bestückt den Tischabschnitt vor mir mit Tee, Dolma, Gulasch, Brot, nochmal warmen Tee („es muss doch so kalt draußen gewesen sein“) und noch einem restlichen Stück Börek. Hätte ich nicht Stopp gerufen, würde ich wahrscheinlich immer noch dort essend sitzen.

Vor lauter Nahrungsaufnahme komme ich nicht zum erzählen, so dass ich Baba die Wortführerschaft überlasse. Er will wissen, warum ich mich denn nicht vom Bahnhof abholen ließ oder mit dem Taxi gefahren sei. Zur Erläuterung: Mein Handyakku war leer, so dass weder die eine noch die andere Alternative in Frage kam. Bevor ich diesen Umstand äußern kann, widmet er sich nun doch dem unvermeidlichen Thema Finanzen.

Brauchst du Geld, will er wissen. Als ich verneine, stellt er dieselbe Frage meiner Freundin. Als sie ebenso verneint, stellt er in Aussicht, dass er uns doch auch mehr geben könnte, damit wir den Grundstock für ein Haus hätten. Dabei hat er selbst nicht viel. Aber sein Traum ist ein eigenes Heim für seine Familie.

Eigentlich war der Plan gewesen, nach Deutschland zu kommen, Geld für die Familie zu verdienen und nach einiger Zeit wieder in die Heimat auszuwandern. Bei dem eigentlich makellosen Plan wurde glatt vergessen, dass das Land die neue Heimat werden könnte. Also blieb man: der Kinder zuliebe, aber auch wegen Anne. Über die Hälfte ihres Lebens hat sie in Deutschland verbracht. Sie sagt, dass sie Deutschland kenne, die Türkei hingegen sei ein ganz anders als das Land, dass sie vor Jahrzehnten verließ. Die finanzielle Situation wäre dort jedoch leichter gewesen.

Anne scheint Baba und seiner Erinnerung ein Stichwort verpasst zu haben. Genüsslich vor sich hin grinsend greift er mit seinen immer steifer werdenden Fingern nach seiner Tasse Çay, ist um Halt und die richtigen Worte bemüht und will beginnen zu erzählen. Leider fällt ihm das entscheidende Wort nicht ein, so dass wir anhand seiner Gesten wie in geselliger Pantomimerunde zu erraten versuchen, welchen Begriff er sucht. Der Regenschirm.

Für ihn sei es verwunderlich gewesen als er hierher kam, dass die Menschen in Deutschland stets einen … er grübelt. Regenschirm, wirft meine Freundin ein. Für ihn sei es also verwunderlich gewesen, dass die Menschen stets einen Regenschirm dabei hatten. Das erste, was er sich dann jedoch gekauft habe, sei ein Regenschirm gewesen. Nach einigen Tagen ständig durchnässt zur Arbeit zu kommen, das sei ihm dann doch zu viel gewesen.

Anne unterbricht ihn, bevor er weiter sinnieren kann, weil sie wissen will, ob ich bei dem Wetter auch gut zur Arbeit komme. Und ob ich denn noch eine Tasse Tee wolle. Es muss doch fürchterlich kalt gewesen sein. Ich nehme die Tasse dankend an und fange an zu erzählen, wie ich durch den Schnee gestapft bin. Wundersamer Weise hat Baba mich erst auserzählen lassen, bevor er das thematische Ruder erneut übernimmt.

Schnee sei früher sein Geschäft gewesen. Er kramt in alten Erinnerungen, wie er als Junge von nicht einmal zehn Jahren in die Berge geschickt wurde, um Schnee und Eis zu holen. Mit einem Rucksack bepackt machte er sich auf den Tagesmarsch. Kühlschränke habe es eben noch nicht gegeben. Und Eis sei auch selbst gemacht worden. Sein Geld hat er dann in Süßigkeiten investiert – vornehmlich in Maraş Dondurması, eine wirklich köstliche und meist auch sehenswerte Eisspezialität. Wie treffend. Manchmal glaube ich, dass Baba nicht nur aus einer anderen Kultur, sondern vor allem auch aus einer anderen Zeit kommt. Unglaubliche Geschichten.

Als wir dann doch über Arbeit und Geldverdienen plaudern, fällt mir ein, dass ich noch schöne Grüße sagen soll. In der Bahn hatte ich den Besitzer des türkischen Ladens um die Ecke getroffen. Dieser hatte mir ganz unverhofft auf die Schulter getippt und mich einfach mal angequatscht. Das Gesicht kam mir bekannt vor und nach einigem Überlegen konnte ich es zuordnen. Wie sollte es anders sein, begannen wir beim Wetter und landeten letztlich beim Thema Geld. Eine nette Konversation, angereichert mit der entwaffnenden türkischen Offenherzigkeit. „Soll ich dich bei dem Wetter mitnehmen, ich habe mein Auto am Bahnhof (leider dem falschen) geparkt“, war seine erste Frage. Bewundernswert nicht nur für mich, sondern auch für die nähere Umgebung in der Bahn, mit welcher Selbstverständlichkeit er für Deutsche höchst intime Dinge thematisierte.

Nach nicht einmal fünf Minuten – ich habe den Mann zuvor nur drei bis vier Mal gesehen – offenbarte er mir sein Einkommen und wofür er dies ausgibt. Gefolgt von der lautstarken Frage: Und was verdienst du so? Um mich herum wurden die Augen immer größer. Das Ende vom Lied bzw. des Gesprächs war, dass er in das Klagelied auf die D-Mark einstimmte. Ein allseits beliebter Song auch bei meinen Schwiegereltern samt Familie. Das einzig Gute, was mein Schwiegervater der Eurozone abgewinnen kann, ist das Eurolotto. Das exponenziert seine Glücksspielambitionen.

Apropos: Baba will bei diesem Wetter mit mir rausgehen, um seinen Schein abzugeben. Das Auto müsse auch mal wieder gefahren werden, versucht er als schwache Ausrede zu platzieren. Anne insistiert. Ich müsse lieber meinen restlichen Börek aufessen. Damit wir Bereket bekommen und nicht auf Glücksspiele hoffen müssen, ergänze ich amüsiert. So ist es, muss selbst Baba kleinlaut gestehen.

Einige Zeit später widmet er sich dem Fernseher zu. Die Themen dort: Wetter, Eurokrise, Lotto. Bald darauf hat er das Interesse an der Glotze verloren. Er tätschelt meine Hand. In Wirklichkeit ist es so, dass er Geld nur als Mittel zum Zweck sieht. „Weißt du, ich mache mir Sorgen“, flüstert er mir ins Ohr. Er wolle doch nur sichergehen, dass es der Familie gut geht, wenn er „gehen muss“, wie er es nennt. Meiner Meinung nach muss er sich nicht sorgen, seiner Familie hat er stets das Beste gegeben: Liebe und Zuneigung. Und Geld obendrein. Was will er mehr? Ein langes Leben, sagt meine Freundin. Inşallah!

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4 Kommentare
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  1. Feriah F. sagt:

    Hallo Herr Schrodt,
    es stimmt, dass die Türken offener auf einen zugehen. …ich finde es toll 😉 es ist schön zu hören, dass Sie sich in der Umgebung von Türken wohl fühlen, leider tuen es nicht viele. Vielleicht auch, weil viele Berührungsängste haben und die Türken falsch einschätzen. Sie haben eine liebevolle und führsorgliche türkische Familie. Würde gerne mehr über Baba und Anne erfahren und über ihre „unglaublichen Geschichten“ 😉
    freu mich jetzt schon drauf 🙂 LG

  2. Florian Schrodt sagt:

    Hallo Feriah,
    vielen Dank, es freut mich, dass Sie die Kolumne scheinbar regelmäßig verfolgen. Mir geht es vor allem darum, aus den Erfahrungen meiner „neuen Lebenswelt“ heraus Klischees abzubauen und vor allem Lust und Interesse am interkulturellen Austausch zu schaffen und die Menschen in den Vordergrund zu stellen. Ich merke zudem, dass viele Menschen ähnliche Erfahrungen haben, das finde ich klasse. Es gibt doch im Zwischenmenschlichen viel Neues und Interessantes zu entdecken – auch wenn es manchmal etwas Gewöhnung bedarf. Ich gebe zu, mit der türkischen Offenherzigkeit war/bin ich ich nicht von Natur aus ausgestattet.
    Es gibt sicherlich noch viele Geschichten zu erzählen – ich freue mich drauf!
    Viele Grüße
    Florian

  3. Sinem sagt:

    Beim letzten Abschnitt bekam ich wirklich Tränen in den Augen. Wieder einmal sehr gelungen Herr Schrodt.

  4. Florian Schrodt sagt:

    Liebe Sinem, was soll ich sagen (bin etwas sprachlos)? Herzlichen Dank! 🙂
    Viele Grüsse
    Florian



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