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Hatice Akyün

Die Küche meiner Mutter ist ein Hochofen

Hatice Akyün erzählte im Märkischen Museum vom Wunder einer Verwandlung, von Frauenschenkeln und Frauenbauch und von Hans, der zur Teilung der Restaurant-Rechnung tendiert.

Eine „Kopfputz“-Ausstellung im Märkischen Museum (Berlin) legte es den Veranstaltern nahe, Hatice Akyün einzuladen. „Vor fünfzig Jahren trugen auch in Deutschland noch alle was auf dem Kopf“, hieß es in der Einleitung. Der Satz lässt sich leicht variieren bis zur Kenntlichkeit von sehr viel Blödsinn, aber was soll der Geiz an Humor. Die Migrationsdebatte verhält sich zur gesellschaftlichen Realität wie ein feuchter Daumen im Wind zur Böe. Sie verfehlt die Flüchtigkeit aller Erscheinungen … so wie gerade deutsch sein erscheint oder türkisch sein oder etwas von beidem zwischen gestern und morgen verschieden ist wie Tag und Nacht.

Das sagt Hatice Akyün: „Was ich bin (in der Fremdwahrnehmung), ändert sich ständig“. Sie war eine Bergmannstochter des Jahrgangs 1972, ein Kind unter Kindern verschiedener Nationalitäten, daheim in einer Duisburger Zechensiedlung – und im Spiel mit allen, deren Väter unter Tage Staub atmeten. Die Bildung fuhr im Bus der Bücherei vor, sie hörte auf Hanni und Nanni und auf die Hanauer Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Einmal im Jahr, das erzählte die Autorin dem aufmerkenden Auditorium, transferierte sich die Familie in das zentral-anatolische Dorf Akpınar zu den Zurückgeblieben im „Mutterland“. An einer Wasserstelle verwandelte sich das Mädchen wie in einem Märchen. Aus der Duisburger Göre wurde ein fıstık kız – ein Pistazien Girlie.

Hatice Akyün unterhielt das im Verhältnis zum Schauplatz kongenial museale Publikum mit Schilderungen von Aufmärschen, die unter Türken bloß als Familienbesuche durchgehen. In Erwartung solcher Erdbeben hortet Hatice Akyüns Mutter bis auf den heutigen Tag Vorräte in Gefrier- und Kühlschränken in babylonischen Dimensionen. Ihre Vorratskammer ist größer als das Wohnzimmer, dem Vernehmen nach.

„Wünscht man jemand auf türkisch etwas Böses, verflucht man seinen Herd“, verriet Hatice Akyün. Sie steckt voller leibseliger Redensarten: „Der Weg ins Herz, führt über die Kehle.“ Sie schwelgte in kulinarischer Folklore. „Schwer und üppig wie eine anatolische Braut“ sei das Essen der Altvorderen, die für die Scheidungsepidemie in Deutschland einheimische Ernährung verantwortlich machen. Sie fürchten „Diätprodukte“ und tradieren eine erotische Speisekarte. Als Türke isst man „Frauenschenkel“ (Kadinbudu Köfte) und „Frauenbauch“ (Hanım Göbeği).

Der Gast muss platzen, sonst hat es nicht geschmeckt.

Es lief einem das Wasser im Mund zusammen bei diesem Vortrag. Es gab aber nur Wein für die Mühseligen und Beladenen, denen Hatice Akyün eine osmanische Messe las.

Ihr Vater grillt noch im frostigen Freien – konservativ mit Kohle, die Nachbarn lesen seine Rauchzeichen im Einverständnis bestimmt nicht allein aus Gewöhnung. Da grillt Duisburg … und würzt mit Beeren-Pulver (vom Essigbaum).

Vorbei die Zeiten, als glühende Abstiche den Himmel über der Ruhr allenthalben illuminierten. Doch ist es die Romantik der Hochöfen, die Hatice Akyün mit dieser Heimat verbindet. – Als habe ihrer Mutter Amt & Küche wie Schlacke und Roheisen so kolossal der Kindheit eine Kulisse gegeben. Hatice Akyün wurde dann Journalistin, eine Weile mit High Society-Aspirationen. Das ist eine andere Geschichte, sie hat zu Büchern und Preisen geführt und nach New York bis in die City.

Ihre erste Einzelpublikation, „Einmal Hans mit scharfer Soße“, veröffentlichte sie 2005. Man sprach sie im Museum darauf an, inzwischen wird mit dem Titel in Frankreich unterrichtet – so dass zu erfahren war, das blaue Augen ihr das Glück einst verhießen in Phantasien der Mädchenblüte. Doch dann fand Hatice Akyün heraus, dass ein jeder Hans zur Teilung der Restaurant-Rechnung tendiert und spart auch am Kompliment und sein Temperament zügelt, wo er überwältigend wirken sollte. Ich will jetzt nicht sagen, das klingt wie Klischee klingt.

Hatice Akyün zum Thema Kopftuch vulgo „Kopfputz“: „Für viele Mädchen ist das Kopftuch ein wichtiges modisches Accessoire.“ Es gibt dem Gesicht einen Rahmen, „gern von Versace oder Valentino“ … auf dem Catwalk des Lebens zwischen Prä und Post.