Buchtipp: Freiheit, Gleichheit und Intoleranz - Der Islam in der liberalen Gesellschaft Deutschlands und Europas - MiGAZIN

Die Zerteilung der Arbeit in kurze und ständig zu wiederholende, gleichförmige Handgriffe ermöglicht es, Arbeiter ohne Qualifikation und ohne Kenntnis der deutschen Sprache einzusetzen; die Art der Arbeit erfordert es vielleicht sogar. Hans-Günter Kleff Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

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Buchtipp zum Wochenende

Freiheit, Gleichheit und Intoleranz – Der Islam in der liberalen Gesellschaft Deutschlands und Europas

Der Umgang mit dem Islam stellt die fundamentale Bewährungsprobe für die liberale Verfasstheit der westlichen Gesellschaften dar. Kai Hafez nimmt eine umfassende Bestandsaufnahme der Gleichstellung, Integration und Anerkennung des Islams in Deutschland und Europa vor. Ein Auszug aus dem Buch:

 Freiheit, Gleichheit und Intoleranz – Der Islam in der liberalen Gesellschaft Deutschlands und Europas

Freiheit, Gleichheit und Intoleranz - Der Islam in der liberalen Gesellschaft Deutschlands und Europas © Buchcover: Transcript Verlag

Nach dem Ende des Kalten Krieges glaubten viele Zeitgenossen an einen Siegeszug der liberalen Demokratie. Das System, in dem die individuelle Freiheit mit dem demokratischen Prinzip eine historisch einzigartige Verbindung eingegangen war, hatte sich durchgesetzt und galt weltweit als Vorbild für die politische und gesellschaftliche Entwicklung. Sogar über ein »Ende der Geschichte« im besten aller politischen Systeme wurde spekuliert (Fukuyama 1992). [...]

Zugleich allerdings mehren sich die Krisen des liberalen Politik- und Gesellschaftsmodells. Nicht nur, dass die Mutterländer der Demokratie in Nordamerika und Europa mit wirtschaftlichen Rückschlägen und schwindender Weltgeltung zu kämpfen haben, sondern es erwachsen auch Zweifel an der Substanz der liberalen Gesellschaft. Außenpolitisch hat die Demokratie nach den kriegerischen Reaktionen der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten auf die Terrorattentate von 2001 an Glaubwürdigkeit verloren. Hunderttausende Kriegsopfer in Afghanistan und Irak wegen einiger tausender Terroropfer, Vergeltung statt Gerechtigkeit: Das demokratische politische System agierte nach außen martialisch, und die Kriegslügen der Regierung George W. Bush bewiesen, wie manipulierbar und wenig partizipatorisch scheinbar demokratische politische Systeme in Wirklichkeit oft sind (K. Hafez 2009, S. 193ff.).

Weitaus weniger beachtet wurde die Tatsache, dass auch im Inneren der Vereinigten Staaten und Europas Grundwerte der liberalen Verfassungsidee in Gefahr gerieten. »Guantánamo« ist nur das bekannteste Symbol für eine tief in amerikanische Rechtstraditionen eingreifende Infragestellung der liberalen Grundrechte im Zuge der Terrorismusbekämpfung. Mehr noch, nach dem Abtritt des Weltkommunismus wurde ein neuer Feind entdeckt, ein innerer Feind: die Einwanderer und ganz besonders der Islam und die Muslime. Während Migration generell auf die üblichen kulturell und sozial bedingten Abwehrreaktionen trifft, sind die Muslime eine ganz spezifische Gruppe, denn sie gelten nicht nur als sozial schwer zu integrieren, sondern auch als »5. Kolonne« des äußeren Feindes des islamistischen Terrorismus. Die Lage des Islams in Europa ist dabei besonders schwierig. In Europa stellen etwa 50 Millionen Muslime bei einer Gesamtbevölkerung von 700 Millionen Menschen eine immer sichtbarer werdende Minderheit von etwa 7 Prozent der Bevölkerung dar. Die Irritationen zwischen Mehrheit und Minderheit wachsen: die Rushdie-Affäre, Konflikte um Moscheebauten, Kopftuchdebatten, Karikaturenstreit, eine demoskopisch messbare Islamfeindlichkeit bei großen Teilen der Europäer und zunehmende Gewalt gegenüber Muslimen mit den Höhepunkten islamfeindlicher Morde in Deutschland und Norwegen. Rechtspopulistische Parteien, die sich in ganz Europa ausbreiten, haben die Potenziale des »Feindbildes Islam« rasch erkannt.

Paradox, aber wahr: Während das Bekenntnis zu allgemeinen rassistischen Weltbildern und zu spezifischen Formen der Fremdenfeindlichkeit wie dem Antisemitismus in Europa einen historischen Tiefstand erreicht hat, ist Islamophobie salonfähiger denn je geworden. Der Westen mag die besten politischen Systeme überhaupt geschaffen haben – das Problem des gesellschaftlichen Rassismus’ hat er nicht gelöst. Unter dem Firnis von Menschenrechten und rechtlicher Gleichheit toben Kulturkämpfe, Territorialkonflikte und kulturelle wie religiöse Intoleranz. Wird die Angst vor dem Islam zum »Testfall für die abendländische Toleranz«, wie die deutsche linke Zeitschrift »Der Freitag« 2009 titelte? Ist die liberale Gesellschaft wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde: auf den ersten Blick honorig, im Grunde aber barbarisch? […]

Für die Muslime, gleich ob sie religiös, hochreligiös oder atheistisch orientiert sind, stellt sich die Frage, wie sie mit der gegenwärtigen Lage umgehen sollen. Welchen Weg sollen sie wählen: Anpassung, Abschottung oder sollen sie für politische, gesellschaftliche und kulturelle Anerkennung durch die Mehrheitsgesellschaft werben? Assimilation und Segregation, das lehrt die Geschichte, schützen religiöse Minderheiten nicht vor Diskriminierung und gewaltsamen Übergriffen in Krisenzeiten, sie sind also keine probaten Strategien für das 21. Jahrhundert. Was bleibt, ist die Suche nach »Anerkennung«, nach »Verbindung durch Konflikt«. So seltsam es klingen mag, da man sich daran gewöhnt hat, die Rückständigkeit der Muslime Europas zu betonen: Durch eine gelungene Form der gesellschaftlichen Partizipation könnten sie sogar zur Avantgarde einer neuen globalen Emanzipationsbewegung werden […]

Freiheit, Gleichheit und Intoleranz – Der Islam in der liberalen Gesellschaft Deutschlands und Europas, Broschiert: 376 Seiten, Verlag: Transcript, Erschienen am 1. Februar 2013

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13 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Lutheros sagt:

    Es wird gern pauschal behauptet, die liberale westliche Gesellschaft sei islamfeindlich. Sie ist schon gar nicht wie hier ausgeführt in einer Krise – diese Kritiken gab es bereits in der Zeit von Vietnamkrieg, Ölkriese, Natodoppelbeschluss uv.a. Das die liberale Gesellschaft diese Themen durchlebt, ist gerade ihre Stärke!

    und genauso intensiv findet die Auseinandersetzung mit dem Islam statt! Es fehlt an einer verlässlichen Antwort der Muslime auf die Kernelemente der liberalen Gesellschaft.
    - Gleichheit vor dem Gesetz?
    - Akzeptanz von negativer Religionsfreiheit und Abkehr vom Glaube?
    - Anerkenntnis dass Regeln des Staates die Regeln der Religion brechen können?
    - Annahme von Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit mit Kritik an der Religion?
    - Rechtsdurchsetzung allein durch den Staat?

    All das sind Aspekte, die nach mancher Auslegung des Koran nicht funktionieren. Und diese kritische Auseinandersetzung mit diesem Aspekt des Islam ist notwendig, und noch lange keine Islamfeindlichkeit. So wie sich die katholische Kirche der Gesellschaftskritik stellen muss, muss dies auch der Islam!

  2. der gehasste sagt:

    @Lutheros

    - Gleichheit vor dem Gesetz?
    aus islamischer Sicht gibt es damit kein Problem

    - Akzeptanz von negativer Religionsfreiheit und Abkehr vom Glaube?
    auch diese Freiheit gibt es im Islam…vielleichtt sollte man mal ein Buch über all die flaschen Legenden und Mythen über den Islam veröffentlichen…wie ich merke gibt es da noch sehr viel Bedarf

    - Anerkenntnis dass Regeln des Staates die Regeln der Religion brechen können?
    diese Aussage müssten Sie konkretisieren

    - Annahme von Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit mit Kritik an der Religion?
    solange es nicht unter dem Deckmantel der Freiheit zur Beleidigung und Schmähung religiöser Werte wird geht das auch in Ordnung…hier sollte man sich mal an die eigene Nase fassen…der Begriff Meinungsfreiheit sollte nicht beliebig instrumentalisiert werden dürfen

    - Rechtsdurchsetzung allein durch den Staat?
    der Staat hat seine Regeln und das ist auch gut so…sehe als Muslim auch hier keine Probleme

  3. malenki lizard sagt:

    “solange es nicht unter dem Deckmantel der Freiheit zur Beleidigung und Schmähung religiöser Werte wird geht das auch in Ordnung”

    Und hier liegt der Hund begraben. Wer entscheidet denn, was Beleidigung und Schmähung religiöser Werte ist? Brennende Botschaften, Aufstände mit Toten, Fatwas und Todesdrohungen sprechen eine deutliche Sprache. Warum hat sich keiner der hier lebenden, aufgeklärten modernen Muslime hinter Kurt Weestergaard gestellt? Es muss nicht unbedingt gefallen, was dieser gute Mann zeichnet, ich hätte aber erwartet, dass ein Muslim mit Herz und Verstand aufsteht und sagt: “Moment mal, das will ich nicht zulassen, dass hier ein Mensch mit dem Leben bedroht wird!”. Vor allem, weil dieser Mann tatsächlich alles andere als islamfeindlich ist. Aber da das nicht passiert ist, könnte man hier stillschweigende Zustimmung auch der moderaten Muslime vermuten.

    Wie gesagt, wir dürfen hier in Deutschland auf keinen Fall zulassen, dass der Mehrheit egal welche Gruppierung vorschreibt, was sie zu tun und zu denken hat. Meinungsfreiheit, Freiheit der Kunst, Pressefreiheit … wem das nicht passt, na ja, Sie wissen schon… es gibt wunderschöne, islamische Länder auf der ganzen Welt. Die betrifft aber auch alle anderen extremen Gruppierungen wie NPD, Rechtsparteien, Religionen und Sekten aller Art.

  4. Holla sagt:

    @ malenki

    Ich sage Ihnen, wo noch ein Hund begraben liegt: in ihrem Kommentar! Wie kommen Sie überhaupt dazu zu behaupten, kein Muslim hier hätte sich hinter Weestergard gestellt? Meines Wissens haben alle großen islamischen Religionsgemeinschaften die Gewalt verurteilt – mit deutlichen Worten. Nur weil die hiesigen Medien darüber nicht berichten, heißt das nicht, dass man sich hierzulande sehr tolerant verhalten hat. Oder haben Sie auch nur einen Stein fliegen sehen? Ich nicht.

    Was ich sagen will ist: Ihre Vorstellung ist das Produkt der hiesigen Berichterstattung und deshalb ziemlich verzerrt. Ein dicker Hund also.

  5. Luigi sagt:

    @Holla

    Und welche “ach so wichtigen” muslimische Vertreter haben angeblich diese Gewalt verurteilt?
    Die Beispiele die malenki lizard aufgeführt hat sind einfach Fakten!

    Für sie sind die Revolten, Gewalt, Terror… der Muslime gegenüber ungläubige Mehrheitsgesellschaften wie in Myanmar, Thailand, Philippinen, Indien wohl wie in dem obigen Text beschrieben:
    “Teile einer globalen Emanzipationsbewegung”, »Verbindung durch Konflikt«, Suche nach »Anerkennung«.

    Nur weil man keine Lust auf eine solche “muslimische Emanzipationsbewegung” in Deutschland hat und man MultiKulti-Paradiese a la Mälmö, französische Vorstädte, Brüssel jetzt nicht so toll findet ist man als Biodeutscher automatisch ein Nazi!

  6. Soli sagt:

    @Holla – es ist ein Unterscheid die Gewalt zu verurteilen (wohlwissend, dass sie dennoch passieren wird) und sich hinter Kurt Westergaard zu stellen und zu sagen : Finden wir nicht toll – aber natürlich darf er das.

    Übrigens gab es auch hier Ausschreitungen, die rechte PArtei Pro-NRW (und ich meine auch die NPD) haben die Karikaturen gezeigt – zumindest bei der PRoNRW Demo gab es zahlreiche verletzte Polizisten (verletzt von den Muslimen!) die die rechten geschützt hat.

  7. Holla sagt:

    @ Luigi
    So wie Sie argumentieren, ist klar wessen Geistes Kind Sie sind. Von wegen Fakt und so… Nein danke. Mit Ihnen diskutiere ich nicht.

    @ Soli
    Was ist denn das bitte für eine Einstellung. Sie können und dürfen von niemanden erwarten, dass er sich vor, hinter oder neben jemanden stellt. Es ist jedermanns Recht, etwas gut oder schlecht zu finden. Und nur weil Sie es gerne gesehen hätten, muss sich noch lange niemand bewegen.

    Es spricht aber gerade für Sie und ihresgleichen, dass Sie tief kramen, um überhaupt ein Beispiel von Gewalt zu bringen, die als Reaktion – und das auch von einer ganz kleinen Gruppe – auf Provokationen von Rechtsextremisten entstanden ist. Aber wissen Sie was? Auch das wurde von den größten islamischen Religionsgemeinschaften verurteilt.

    Auch hier gilt: Nur weil die meisten Menschen die Bild-Zeitung lesen, heißt das nicht, dass sonst nichts geschrieben wird.

  8. Lionel sagt:

    @ Holla

    So klein waren die gewalttätigen Gruppen bei den Ausschreitungen der Salafisten Anfang Mai letzten Jahres in Solingen und Bonn aber nicht.
    In Solingen attackierten etwa 70 Salafisten die Polizei; es gab 37 vorläufige Festnahmen.
    In Bonn waren es 200 Gewalttätige; hier gab es 109 Festnahmen und 29 Polizisten wurden verletzt.
    2 Polizisten erlitten durch Messerstiche lebensgefährliche Verletzungen.

  9. Holla sagt:

    @ Lionel

    Recht haben Sie, dass jeder einzelne bei diesen Auseinandersetzungen zu viel ist. Nur bleiben Sie bitte nüchtern und sachlich und tun nicht genau das, was kritisiert wird: In Deutschland leben fast fünf Millionen Muslime. Jetzt fangen Sie mal an zu rechnen, wie viel Prozent diese gewaltbereiten 70 oder 200 ausmachen. Viel Spaß dabei!

  10. Kolcek sagt:

    @Holla
    ” Was ist denn das bitte für eine Einstellung. Sie können und dürfen von niemanden erwarten, dass er sich vor, hinter oder neben jemanden stellt. Es ist jedermanns Recht, etwas gut oder schlecht zu finden. Und nur weil Sie es gerne gesehen hätten, muss sich noch lange niemand bewegen.”

    Klar kann man das erwarten! Die türkische Regierung hat uns in den letzten Tagen gezeigt wie unverhohlen man etwas erwarten kann.
    Sie haben natürlich Recht, wenn Sie schreiben, dass jeder selbst entscheiden kann ob er etwas gut oder schlecht findet, aber dann haben andere auch das Recht die muslimischen Vereine schlecht zu finden, wenn diese nicht so handeln wie von den anderen verlangt. Jeder kann machen was er will, das ist Teil unserer harterkämpften Freiheit hier im Westen, aber man muss auch mit den Konsequenzen leben können. Und mit den Konsequenzen, dass man sich in der Mehrheitsgesellschaft unbeliebt macht, damit scheinen Sie sich ein bisschen schwer zu tun. Damit muss man dann wohl leben können.


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