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Gesellschaft im Wandel

Weshalb die mediale Debatte um den Sexismus und den Rassismus ein Zeichen von Transformationsprozessen ist

Existiert ein Zusammenhang zwischen der Sexismus und der Rassismus Debatte? Ja, ist Meltem Kulaçatan überzeugt. Es gebe eine neue Infragestellung des Status quo. Verantwortlich dafür seien neue Stimmen.

VONMeltem Kulaçatan

Dr. Meltem Kulaçatan, geb. 1976, ist Politikwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa an der Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg-Erlangen. Ihre Schwerpunkte sind Poltik und Religion in der Türkei, Geschlechterdiskurse im transnationalen Raum, mediale Öffentlichkeiten in Deutschland und in der Türkei sowie der moderne Islam in Deutschland.

DATUM25. Februar 2013

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RESSORTLeitartikel, Meinung

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Der ursprünglich von Eve Ensler1 initiierte sogenannte Flashmob „One Billion Rising“ fand seinen weltweiten Widerhall am 14. Februar, so auch in knapp 190 Städten in Deutschland. Aufgerufen waren insbesondere Frauen und Mädchen, durch Choreografien ein globales und Medien wirksames Zeichen gegen Gewalt an Frauen zu setzen. Jede dritte Frau weltweit ist von sexueller Gewalt betroffen. Die tänzerischen Flashmobs in diesem Rahmen wurden auch von Männern unterstützt.

OBR – One Billion Rising – reihte sich direkt an die kontrovers und zuweilen hitzig geführte Debatte um den Sexismus zwischen den Geschlechtern in der hiesigen Gesellschaft ein. Die mediale Berichterstattung darüber ist mittlerweile abgekühlt. Auslöser der Debatte waren einerseits die Bemerkungen des FDP-Politikers Rainer Brüderle gegenüber der Journalistin des Stern-Magazins, Laura Himmelreich und andererseits die Berichterstattung über die Erfahrungen der Spiegel-Journalistin Annett Meiritz mit der Piraten-Partei.

Die Reaktionen mündeten in eine heftig geführte Kontroverse. Von der „Einladung“ zum sexistischen Affront2, der Behauptung des kausalen Zusammenhangs zwischen femininer Kleidung und provozierter sexueller Belästigung3 sowie der Forderung, Geschäftstreffen zwischen Männern und Frauen nicht mehr am Abend und in der Nacht – womöglich in einer Bar – abzuhalten4, gab es eine Fülle an polarisierenden aber auch differenzierten Reaktionen.5

Mit Blick auf die Kritik an bewusst gewählter femininer Kleidungsformen würde dies im Umkehrschluss bedeuten, dass eine „züchtigere Hülle“ mit der Abnahme von Sexismen, sexuellen Belästigungen sowie sexueller Gewalt einherginge, was nicht stimmt. Unabhängig davon ist das Männerbild, das dieser Argumentationskette zugrunde liegt, äußerst fragwürdig.6 Ferner sei dieser Gedanke zusätzlich angemerkt: wer kann sich schon die Zeit während des Tagesgeschäfts tatsächlich nehmen, Informationen und Pläne in Ruhe auszutauschen? Der öffentliche Raum wäre nach dem ein oder anderen Einwand folglich dadurch geprägt, dass ausschließlich – ganz bestimmte – Männer aus den dominierenden Gruppen partizipieren und gesellschaftliche, politische sowie wirtschaftliche Strukturen bestimmen und untereinander verhandeln.7 Es wäre ein signifikanter Rückfall innerhalb des Modernisierungsprozesses unserer Gesellschaft, der zum gegenwärtigen Zeitpunkt durch die Infragestellung, Neubewertung und Veränderung bisheriger bestimmender Machtstrukturen und Themenkomplexe geprägt ist. Zudem befindet sich die relevante Einbeziehung von Frauen in den öffentlichen Raum historisch betrachtet noch in den Kinderschuhen.8

Verantwortlich für die Infragestellung des Status quo in den Medien, der Wirtschaft, der Politik, der Wissenschaft und in der Kunst- und Kulturlandschaft sind insgesamt Menschen, deren Stimmen und Funktionen in der Öffentlichkeit noch relativ neu sind. Sie sind die wesentlichen Gesichter des Transformationsprozesses unserer Gesellschaft.9 Infolgedessen existiert ein zentraler Zusammenhang zwischen der Debatte um den Sexismus und den rassistischen Ressentiments im medialen Schlagabtausch. In praxi geht es um die Sicherstellung und Bewahrung bisheriger Machtpositionen und Deutungsmonopole. Ihre Veränderung durch die Teilhabe von Frauen insgesamt und zusätzlich von Männern, die nicht den sogenannten „Stallgeruch“ der etablierten Eliten10 besitzen, wird (noch) abgewehrt. Dazu gehört auch die scharf geführte Debatte um eine Frauenquote. Dabei ist die Quote ein genuin politisches Instrument, welche zumindest die reale Aussicht auf die Option einer heterogenen Zusammensetzung von Institutionen öffnet. Allerdings geht damit noch kein breiter Zugang zu selbigen einher.

In diesen stattfindenden Wandlungsprozess passt auch die gewagte Infragestellung des FDP-Chefs Philipp Rösler als Vizekanzler durch den FDP-Landesvorsitzenden Jörg-Uwe Hahn: er bezweifelt die Akzeptanz der Wählerinnen und Wähler, die Schwierigkeiten mit der nicht-deutschen ethnischen Herkunft Röslers haben könnten. Dazu passt ebenso die Kontroverse um den rassistisch konnotierten Begriff „Neger“ in Kinderbüchern.11 Hier ist festzuhalten, dass gesprochene und geschriebene Sprache „Kollektivsymbole“ erzeugt, die sich sowohl bewusst als auch unbewusst in den Rezipientinnen und Rezipienten verankern. Über diese Verankerungen werden wiederum Menschen definiert und mit entsprechenden Attributen besetzt. Bei einem entsprechenden politischen Echo, bestimmen eben diese „Kollektivsymbole“ die Zugehörigkeit oder den Ausschluss einzelner Individuen und/oder marginalisierter Gruppen in einer Gesellschaft.12

Ein Argument stach deshalb besonders zu Anfang der Sexismus-Debatte heraus: der Chefredakteur des Sterns, Thomas Osterkorn, erklärte in der Talkshow von Günther Jauch, dass es vor allem „unsere Freunde mit Migrationshintergrund“ seien, die Ehre und Respekt für sich einforderten, ihn im Umgang mit Frauen jedoch „vermissen“ ließen.13 In dieser Argumentationsform wird Sexismus bewusst zum Fremden, zum Anderen – im Sinne von othering14- und in den islamischen kulturellen Kontext15 verortet, um sich selbst aufzuwerten und die gesamtgesellschaftliche Situation zu relativieren. Allerdings ist der hierin bestehende Mechanismus auf folgenden Aspekt des Sexismus zurück zu führen: in diesem Fall sind es nicht die Frauen, die eine Herausforderung für die „gesellschaftlich männlich produzierte Macht“ bedeuten, sondern „andere Männer“, von denen angenommen wird, dass sich ihre Männlichkeit aufgrund ethnischer, religiöser und folglich sexueller Merkmale von der Maskulinität der Mehrheit unterscheidet.16

Hier lohnt sich der Blick auf die globale Situation: Der Ethnologe Arjun Appadurai stellt beispielsweise zur Finanzkrise fest, dass „in dieser Welt rücksichtslose Männerbünde, Aggressionen und Konkurrenz zählen. Die Art, wie an der Börse und in Investmentbanken mit jungen Bankern umgegangen wird, ist extrem sexistisch.“17 Er weist auf die hierarchische Organisation der Börsen hin und erklärt, dass hier vor allem jüngere Männer beschimpft und sexuell degradiert würden.18 Auch der US-amerikanische Soziologe Michael Kimmel beleuchtet einen ähnlichen Aspekt, wonach „Männlichkeit“ an der Höhe des Einkommens gemessen werde und Reichtum, Macht und Status spezifische Merkmale von Männlichkeit seien.19

Um nochmals auf den eigentlichen medialen Anlass zurück zu kommen, der diesen Überlegungen zugrunde liegt: eines hat die Debatte um den Sexismus deutlich gemacht. Die Verunsicherung zwischen den Geschlechtern ist gegenwärtig offensichtlich größer als bisweilen vermutet. Die Diskussion berührt einen überaus sensiblen und unmittelbaren Gesichtspunkt im Umgang zwischen Männern und Frauen, was nicht bedeutet, dass darüber geschwiegen werden soll. Im Gegenteil. Dabei, so könnte man meinen, ist es doch simpel, eine sexistische Bemerkung von einem Kompliment zu unterscheiden sowie die sexuelle Belästigung von der einvernehmlich stattfindenden Annäherungsphase zwischen Männern und Frauen zu differenzieren.

Eine rhetorische Frage sei an dieser Stelle hier abschließend erlaubt: Was hat eine auf gegenseitiger Übereinstimmung beruhende Annäherungsphase mit Sexismus zu tun, wenn sich zwei Menschen, wie auch immer, zueinander hingezogen fühlen? In der medialen Debatte schienen die Grenzen hier bisweilen zu verschwimmen oder ineinander überzugehen, was sich vor allem an den Reaktionen in den sozialen Medien deutlicher zeigte als in den Printmedien.

Sichtbar wurde eine Grauzone innerhalb des Geschlechterdiskurses gepaart mit einer Ambiguität, die es tatsächlich abzugrenzen gilt: Sexismus basiert auf der Ausnutzung von hierarchisch festgelegten Strukturen, indem die gegenüberstehende hierarchisch unterlegene Person aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechtsidentität abgewertet wird. Zugleich wird ihr körperliche sexuelle Verfügbarkeit unterstellt. In der Tat können dabei die Aspekte der Machtmotivation als auch des möglichen Lustgewinns verschwimmen. Zu diesem hierarchischen Gefälle gehören überdies Abhängigkeitsverhältnisse, deren Grundlagen materiell, institutionell und beruflich bedingt sind. Folglich ist die Forderung nach einer sofortigen Abwehr – verbal und körperlich – im Falle einer sexuellen Belästigung sowie sexistischen Bemerkung, wie sie vielfach verlautbar wurde und im fehlenden Fall insbesondere am Verhalten von Frauen kritisiert wird, zumeist hinfällig.

In Zeiten befristeter Arbeitsverträge, prekärer Arbeitsverhältnisse oder im Zusammenhang mit der Erlangung einer weiteren Karrierestufe wird sich jede Einzelne und auch jeder Einzelne genauestens überlegen, ob sie oder er sich damit Gehör verschafft. Womit die wesentlichen Grundlagen, die sexistisches Verhalten begünstigen können, auch nach dem Abkühlen der Debatte noch lange nicht gelöst sind.

  1. onebillionrising.org, (Stand: 10.02.2013).  []
  2. Seidl, Claudius: Prüder in Waffen, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.01.2013.  []
  3. Kelle, Birgit: Dann mach doch die Bluse zu!, in: http://www.kath.net/detail.php?id=39885, (Stand: 03.02.2013).  []
  4. Seidl, Claudius: Prüder in Waffen, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.01.2013.  []
  5. Kuzmany, Stefan: Sexismus-Debatte: Vergesst Brüderle!, in: spiegel.de, (Stand: 29.01.2013); Hensel, Jana: Es ist vorbei, in: Der Freitag, 31.01.2013.  []
  6. Kelle, Birgit: Dann mach doch die Bluse zu!, in: kath.net, (Stand: 03.02.2013).  []
  7. Pincus, Fred L.: “A dominant group is a social group that controls the political, economic, and cultural institutions in a society. In contrast, a subordinate group is a social group that lacks control of the political, economic, and cultural institutions in a society.”, in: Understanding Diversity. An Introduction to Class, Race, Gender & Sexual Orientation, Lynne Rienner Publishers, Colorado 2006, S. 11.  []
  8. Vgl. dazu: Vianello, Mino/Caramazza, Elena: Gender, Raum und Macht. Auf dem Weg zu einer postmaskulinen Gesellschaft. Ein Essay, Verlag Barbara Budrich, Opladen & Farmington Hills 2007, S. 19 – 20.   []
  9. Siehe dazu vor allem: Bota, Alice/Khuê, Pham/Topçu, Özlem: Wir neuen Deutschen. Wer wir sind, was wir wollen, Rowohlt, Reinbek 2012; Sezgin, Hilal (Hg.): Deutschland erfindet sich neu. Manifest der Vielen, Blumenbar Verlag, Berlin 2011; Kermani, Navid: Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime, C. H. Beck, München 2010.  []
  10. Vgl. dazu: Yalçın, Alpay: Interview mit Michael Hartmann: „Die Elite hier ist deutsch und männlich“, in: migazin.de, (Stand: 22.01.2013).  []
  11. Mc Grane, Sally: A fight in Germany over racist language, in: newyorker.com, (Stand: 01.02.2013); Vgl. dazu auch: Sow, Noah: Deutschland Schwarz Weiss, Bertelsmann, Gütersloh 2008.  []
  12. Vgl. dazu: Kristeva, Julia: Die Revolution der poetischen Sprache, Suhrkamp, Frankfurt 1978, S. 33.  []
  13. Twickel, Christoph: Die Untoten der Geschlechterdebatte, in: spiegel.de, (Stand: 29.01.2013).  []
  14. Spivak, Gayatri Chakravorty: Subaltern Studies. Deconstructing historiography, in: Landry, Donna/Mc Lean, Gerald (Ed.): The Spivak reader, London 1996, S. 203-236.  []
  15. Scheibelhofer, Paul: Die Lokalisierung des Globalen Patriarchen: Zur diskursiven Produktion des ‚türkisch-muslimischen‘ Mannes in Deutschland, in: Potts, Lydia/Kühnemund, Jan (Hg.): Mann wird man. Geschlechtliche Identitäten im Spannungsfeld von Migration und Islam, Transcript, Bielefeld 2008, S. 47-48.  []
  16. Wedgwood, Nikki: Männlichkeitsforschung: Männer und Männlichkeiten im internationalen Forschungskontext, in: Becker, Ruth/Beate Kortendiek (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung, VS Verlag, Wiesbaden 2010, S. 119: „Segals These ist, dass nicht Frauen die ständige Bedrohung des gesellschaftlich produzierten männlichen Macht- und Überlegenheitsideals darstellen (und nie dargestellt haben), sondern andere Männer – z. B. Schwarze, Schwule und anti-sexistische Männer. Dieser Konflikt, so Segal, beschädige die Männer bis heute und tyrannisiere zugleich die Frauen (…).“, (Segal, Lynne: Slow Motion: Changing Masculinities, Changing Men, London 1997, Anm. M. K.).  []
  17. Breuer, Laura/Berger, Timo: Appadurai, Arjun: „Die Finanzwelt ist eine Mischung aus Kaserne und Dschungelcamp“, Mit dem Kapitalismus breitet sich eine überkommen geglaubte Vorstellung von Männlichkeit aus. Ein Gespräch mit dem Ethnologen Arjun Appadurai, in: Kulturaustausch, Zeitschrift für internationale Perspektiven: Geht doch! Ein Männerheft, Ausgabe I/2012, S. 32-33.  []
  18. Ebd., S. 32.  []
  19. Ebd.: Kimmel, Michael: Eine unendliche Geschichte. Warum Männer sich ein Leben lang vor anderen Männern beweisen müssen, S. 46.  []
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