Kısmet - Richtig so am Valentinstag - MiGAZIN

Es wird selbstverständlich sein, dass jemand Mehmet heißt und nicht Hans – wir halten das aus. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

Kısmet

Richtig so

Ein ganz gewöhnlicher Mittwoch. Abgesehen von meiner Grippe, die mich noch immer zum häuslichen Arrest zwingt. Die erholsame Stille ist mit einem Mal vorbei. Meine Nerven! Wo liegt dieses Telefon schon wieder?

VONFlorian Schrodt

 Richtig so
Der Autor studierte Politikwissenschaften und arbeitete als freier Journalist. Seitdem er Teil einer türkischen Familie ist, ist sein Leben geprägt von neuen Erfahrungen. Ob im Alltag oder in den Erzählungen seiner Schwiegereltern, diese persönlichen Erlebnisse sind für ihn der Schlüssel zu einer interkulturellen Schatztruhe. Geschichten, die das Leben schreibt, oder das Schicksal. Alles ist Kismet, wie seine Familie sagen würde.

DATUM20. Februar 2013

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RESSORTAktuell, Meinung

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Es klingelt und klingelt und klingelt. Ah, da ist es: „Hallo?“ Eine dünne Stimme erwidert räuspernd und ganz dünn, so dass es klingt wie „Aaallooooo“. Es ist Baba. „Wie steht es um Ihr wertes Wohlbefinden?“, will er wissen. „Richtig?“, schiebt er hinterher. Baba ist derzeit wohl großer Profiteur meiner Bettruhe. Er ruft fast jeden Nachmittag an. Was für ihn unüblich ist. Er gilt nicht als eifriger Telefonierer. Eine große Überraschung also. Oder eine Auszeichnung, wie meine Freundin meint. Bei ihr ruft er stets zuvor an, um zu erfragen, ob er mich auch nicht stört. Er scheint unseren Smalltalk zu genießen.

„Richtig“, fragt er erneut. Gewissermaßen schon. Seit wann telefonierst du denn so gerne, will ich von ihm wissen. Er beantwortet meine Frage nur indirekt: „Es ist gewohnheitsbedürftig“. „Richtig so?“, fragt er erneut. Nicht ganz. Vor und nach unseren Telefonaten nutzt Baba gefühlter maßen die restlichen 23,5 Stunden des Tages, um Anne zum Wahnsinn zu treiben, weil er versucht, sein Hochdeutsch zu polieren. Ständig schreibt er wohlklingende Sätze auf, die er dann anwenden und auf Richtigkeit prüfen will. Sie ist diesbezüglich mit wenig Geduld ausgestattet. So packt er die Gelegenheit am Schopfe und präsentiert mir das Gelernte. „Wie steht es um ihr wertes Wohlbefinden“, hakt er nach. Das sage man doch so. Was soll ich ihm sagen? Seine erlernten Fragmente und Vokabeln sind meist etwas „old-fashioned“.

Die eigentliche Überraschung des heutigen Anrufes sollte allerdings erst noch kommen. Was ist mit diesem Valentin, will er wissen. Er meint den Valentinstag. Er erzählt mir die Geschichte eines italienischen Märtyrers. Ich entgegne ihm, dass ich den Tag für überkommerzialisiert halte. Trotzdem wolle er mich um einen Gefallen bitten. Oder wie er es blumig umschreibt: „Ich habe ein hehres Ansinnen (richtig so?)“. Ich solle doch so nett sein, in seinem Namen Blumen für Anne zu bestellen. Als ich davon abends meiner Freundin erzähle, kommt sie abwechselnd aus Lachen und Staunen nicht heraus. Das sei für ihn noch unüblicher als seine Anrufe. Nicht, dass er Anne nie verwöhnt hätte. Aber seine Kavalierskünste hat er nun doch schon einige Zeit ruhen lassen. Auch ich bin während des Telefonats kurz sprachlos. Das nutzt Baba, um auch seine Italienischkenntnisse zu präsentieren. „Voglio comprare…“ „Voglio comprare…“, wiederholt er. Er hält inne. „Was heißt Blumen?“, fragt er mich plötzlich. Tut mir leid, bei Italienisch bin ich vollkommen überfragt. Das ist quasi eine Steilvorlage. Sein ungewöhnlicher Ausflug in romantische Ansinnen hat ein plötzliches Ende.

Weißt du, ich habe Italienisch früher bei meinen Kollegen gelernt. Um sich besser austauschen zu können und seinen Wissensdurst zu stillen. Lernen, insbesondere Sprachen, habe immer etwas Gutes. Es sei wichtig, um die Persönlichkeit zu entwickeln. Das habe er auch versucht seinen Kindern zu vermitteln. Seine Kinder seien nun eben Deutsche und deshalb müssten sie die Sprache sprechen. Türkisch auch, denn das sei die Sprache ihrer kulturellen Herkunft. Aber die Welt wachse immer mehr zusammen, daher sollten sie ebenso Englisch lernen. So viele Sprachen wie möglich. Grenzen würden immer unwichtiger. Deutsche seien mit Amerikanern zusammen. Türken mit Usbeken. Viele weitere Beispiele folgen. „Und Deutsche mit Türken“, ergänze ich. „Richtig“, sagt er. Ich verspreche ihm, dass ich es bald angehen werde, mein miserables Türkisch zu verbessern. „Voglio imparare“, meint er dazu nur. Um das zu verstehen, genügen meine angestaubten Lateinkenntnisse. „Vergiss die Blumen nicht“, erinnert er mich und legt auf. Dass Baba die Freude am telefonieren gefunden hat, heißt nicht, dass er damit seine Eigenwilligkeiten verloren hat. Dazu gehört unverhofft aufzulegen.

Am nächsten Tag klingelt mittags wieder das Telefon. Es ist nicht Baba, sondern Anne. Sie will sich für die Blumen bedanken. Ich betone, dass sie von Baba seien. Das will sie mir nicht glauben. Er sei doch nur ein „alter Couch“. Sie meint Kautz. Aus dem Hintergrund höre ich Baba rufen (sie haben wieder den Lautsprecher an): „Doch! Es ist auf meinen Eifer zurückzuführen“. Er hat wohl wieder gelernt. Gib Baba einen Kuss, fordere ich Anne auf. Nach anfänglicher Verweigerung drückt sie ihm zaghaft einen Kuss auf die Wange. Mehr bekommt er nicht. Anne ist eben Anne und verteilt nicht gerne Zärtlichkeiten im Beisein anderer. Nicht einmal wenn es telefonisch ist. Für die Liebe braucht Anne nicht immer viele Worte und Gesten. „Was auf dem Zettel steht“, fragt sie mich. „Frag deinen Mann. Er hat es doch geschrieben bzw. den Mitarbeitern von Fleurop diktiert“. „Per l’amore della mia vita“, liest mein Schwiegervater vor. „Die schönste Sprache ist doch die der Liebe“, fällt mir dazu spontan ein. „Richtig?“, frage ich ihn. Statt zu antworten übersetzt er für Anne. Sie scheint sprachlos. Als sie ihre Stimme wiederfindet wiederholt sie mit besonders gerührten Klang das Geschriebene:„Per l’amore della mia vita.“ Für sie ist es offensichtlich ein außergewöhnlicher Donnerstag.

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4 Kommentare
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  1. Feriah F. sagt:

    Herr Schrodt es ist wunderbar zu lesen, dass es auch Türken von der alten Generationen gibt, die stets bemüht sind, sich zu assimilieren. Ansonsten hört man immer nur negatives in den Medien. Das Gute wird selten berichtet.
    Einen Lob an ihr Schwiegervater, ein bemerkenswerter Mann.
    Und ein grosses Lob an Sie.
    Viele Grüße

  2. Lothar Schmidt sagt:

    Wie immer! Die beste Kolumne! Habe sehr gelacht, Ihren Baba würde ich ja zu gerne mal kennenlernen!

  3. Sinem sagt:

    Herrlich:) Ich bin immer wieder begeistert von Ihrer Kolumne. Bitte, bitte bleiben Sie Migazin erhalten;)

  4. Florian Schrodt sagt:

    @Feriah Lieben Dank, er ist in der Tat ein wissbegieriger und liebenswürdiger Mensch!

    @Lothar das freut mich zu hören. Ein Kennenlernen wäre ja in der Tat witzig :-) vielleicht kann man ja irgendwann mal zumindest ein Video arrangieren…

    @Sinem sehr, sehr nett, danke, keine Sorge, bislang hat es noch nicht den Eindruck erweckt, dass es das Migazin nicht mehr mit mir aushält :-)

    Viele Grüsse an alle
    Florian Schrodt



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