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Migration und Integration in Deutschland

Niemand lässt sich so gut ausbeuten wie Mitglieder einer Gemeinschaft, die ohne Hilfe der anderen in Deutschland nicht überleben können – illegal und ohne Sprachkenntnisse.

Neske/Heckmann/Rühl, Menschenschmuggel, 2004

Ein Fremdwoerterbuch

Rassistin? Ich?

Vor ein paar Jahren besuchte ich in Wien ein Café und entdeckte dort auf der Karte „Mohr im Hemd“ mit einer leckeren schokoladigen Beschreibung. Ich hatte aber bereits bestellt und schrieb später auf Facebook: „Das nächste Mal in Wien möchte ich Mohr im Hemd essen.“ Es hagelte Kritik. „Mohr“ sei eine rassistische Bezeichnung für Schwarze. Einer schrieb, ich sei eine Rassistin.

VONKübra Gümüşay

 Rassistin? Ich?
Die Autorin ist Kolumnistin bei der taz, schreibt als freie Journalistin für verschiedene Publikationen und betreibt den Blog ein-fremdwoer- terbuch.com. Sie studiert Politikwissenschaften in Hamburg und zuvor an der SOAS in London. Kübra ist Gründungsmitglied von Zahnräder, einem Netzwerk von engagierten und aktiven Muslimen in Deutschland.

DATUM13. Februar 2013

KOMMENTARE7

RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung taz

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Aber, aber, schrieb ich, das hätte ich doch nicht so gemeint. Ich fühlte mich zu Unrecht kritisiert. Ich hatte doch keine böse Absicht.

In den letzten Wochen tobte es in der deutschen Feuilletonlandschaft. Nach der Ankündigung des Verlegers des Kinderbuchs „Die kleine Hexe“, in der neuen Ausgabe unter anderem das N-Wort zu ersetzen, veröffentlichte die Wochenzeitung Zeit eine Titelgeschichte zu dem Thema. Nicht nur dort, sondern auch anderswo verteidigten zahlreiche Feuilletonisten das N-Wort, und so manch einer witterte Zwang, gar Zensur.

Diese neue politische Korrektheit verunsichert. Wenn ein rassistisches, sexistisches, homophobes oder sonst wie diskriminierendes Wort in Zeitungen auftaucht, gibt es Furore in Blogs, Kommentaren und Leserbriefen. Das ist so im Zeitalter des Internets. Kritiker müssen nicht mehr auf die Veröffentlichung ihres Leserbriefs hoffen, sie können in aller Öffentlichkeit für alle einsehbar in Blogs schreiben. Das Machtgefälle hat sich verändert, das verunsichert.

Es geht hier deshalb nicht nur um eine neue politische Korrektheit, sondern auch um eine neue Verunsicherung. Darum, dass Journalisten und Schriftsteller angreifbarer geworden sind. Was darf man denn jetzt noch sagen? Dann folgt der Ärger über diese Unsicherheit und dann die Stellvertreterdebatte darüber, warum das N-Wort in der „Kleinen Hexe“ erhalten bleiben müsse.
Es muss „Schokohupf“ heissen

Aber die Rassismuskritiker könnten auch mal verständnisvoller kritisieren, heißt es dann. Schließlich habe man ja keine bösen Absichten. Ich bin mir sicher, dass Sarrazin keine bösen Absichten mit Deutschland hat. Und Buschkowsky will sicher auch nur das Beste für Neukölln. Aber die Welt endet glücklicherweise nicht dort, wo unser intellektueller Horizont aufhört.

Zugegeben, ich fand’s nicht nett, wie man mir erklärte, dass meine Wortwahl politisch nicht korrekt sei. Aber „Mohr im Hemd“ ist auch kein netter Ausdruck. Er ist rassistisch. Und der Schaden, den diese Wörter verursachen, ist größer und ernster zu nehmen als mein vorübergehend verletzter Stolz. Und wäre die Kritik sanfter gewesen, hätte ich sie dann wahrgenommen? Ich weiß es nicht. Würden sämtliche Zeitungen über die Verwendung des N-Wortes debattieren? Bezweifle ich. Hätte ich mich damals mit der rassistischen Sprache auseinandergesetzt und versucht, aus meinem Fehler zu lernen? Vermutlich nicht.

Unsicherheit ist wichtig, damit wir uns und unsere Sprache reflektieren. Was bewirken wir mit dem, was wir sagen – auch wenn wir es nicht so meinen? Wenn wir ernsthaft gegen Rassismus vorgehen wollen, dann gehört das mit dazu.

„Mohr im Hemd“ muss „Schokohupf“ heißen. Und hätte ich damals mal richtig nachgelesen, wäre mir aufgefallen, dass ich ihn als Muslimin ohnehin nicht hätte essen können. Da ist Rotwein drin.

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7 Kommentare
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  1. Salam sagt:

    Liebe Kübra!
    @ „Und der Schaden, den diese Wörter verursachen, ist größer und ernster zu nehmen als mein vorübergehend verletzter Stolz.“

    An Ihrer Einsicht und vor allem deren Veröffentlichung(!) können sich viele Menschen ein Beispiel nehmen.

    Ich tu es und veröffentliche meine Selbsterkenntnis an sprachlichem Rassimus am Wort „Schwarzarbeit“!!!

  2. Kolcek sagt:

    Hmmm…
    Also bei Gebäck sehe ich auch kein Problem, diese umzubenennen. Aber Bücher umschreiben geht dann doch ein bisschen zu weit. Ist meiner Meinung auch nicht nötig, da es nicht so viele davon gibt.

    Grundsätzlich nervt mich an dieser Debatte, wie auch bei Sarrazin und Buschkowski, dass immer die Menschen sich lautstark zum Thema äußern, die nichts damit zu tun haben? Sarazzin beschwert sich über schwerintegrierbare Muslime. Wer ist beleidigt? Die integrierten Muslime! Der Buschkowsky kritisiert bestimmte Migrantentypen in Neukölln. Wer ist beleidigt? Die integrierten Neuköllner! Jetzt kommt die Diskussion hoch, ob das Wort N… nachträglich zensiert werden sollte. Wer spielt sich als Hauptgeschädigter auf? Alle, außer den Schwarzen!

    Sorry Leute, aber lasst doch einmal diejenigen zur Sprache kommen dessen Meinung wirklich interessiert und vor allem von dem Thema wirklich betroffen sind.

  3. Holla sagt:

    @ Kolcek,

    Woher wollen Sie denn wissen, dass sich nur die „integrierten“ beschweren? Die große Mehrheit der Menschen haben doch gar nicht die Möglichkeit, sich öffentlich zu Wort zu melden.

    Und dass sich nicht große Masse der People of Color nicht in die Debatte einmischen hat wahrscheinlich denselben Grund. Und diejenigen, die sich einmischen konnten, hatte eine klare Meinung dazu – auch hier im Migazin! So oft Sie hier kommentieren, können Sie das unmöglich übersehen haben. War ganz groß.

    Unglaublich, mit was für einer Kurzsichtigkeit Sie Sachverhalte beurteilen und kritisieren. Dabei wäre hier nicht einmal ein Denken um die Ecke nötig gewesen.

    Grüße

  4. Lothar Schmidt sagt:

    Für mich wird es weiterhin der „Mohr im Hemd“ bleiben. Aus, basta. Irgendwo muss auch mal Schluß sein

  5. lZuschauerin sagt:

    …….und ich bestelle mir immer noch einen Mohrenkopf, basta

  6. aloo masala sagt:

    —–
    Grundsätzlich nervt mich [Kolcek] an dieser Debatte, wie auch bei Sarrazin und Buschkowski, dass immer die Menschen sich lautstark zum Thema äußern, die nichts damit zu tun haben
    —–

    Wenn Kolcek ein Problem hat, dass sich laufend Menschen zu Themen äußern, von denen sie nicht betroffen sind, dann frage ich mich, was äußert er sich ständig bei Migazin über Migrantenthemen?

    Und wieso dürfen sich Sarrazin und Buschkowski zu Themen äußern, von denen sie nicht direkt betroffen sind?

    Die Aussage von Kolcek ist recht entlarvend, zeigt sie doch wie demokratiefern er ist. Denn andernfalls müsste er wissen, dass die Debatte zusammen mit der Meinungsfreiheit eines der wichtigsten Grundpfeiler einer Demokratie sind.

  7. Wolfram Obermanns sagt:

    Mir fehlt der „Glaube“ sowohl an einen Einwortrassismus als auch an den Einwortantirassismus.

    Ich frage mich welche Assoziationen die „Mohr im Hemd“-Rassisten oder Antirassisten wohl bei „Wiener“, „Hamburger“, „Jäger“, „Zigeuner“ (ganz schlimm?), oder „Kasseler“ haben?
    Fr. Gümüşay wie halten sie es mit „Kadinbudu“, ist das auch als sexistisch aus ihrem Wortschatz gestrichen?

    Letztlich scheint mir diesem Streit das fundamentale Mißverständnis zugrunde zu liegen, Sprache wäre ein 1:1, ein eineindeutiger Code. Das ist sie aber nicht, wie bereits ein Verkäufer in einer Kommunikationsschulung lernt, wie es mühsam in unserer Rechtsprechung erarbeitet worden ist und auch jeder Kommunikationswissenschaftler als selbstverständlich durchdekliniert.
    Dieser seltsame Rigorismus läßt mich mehr und mehr an ein Textverständnis denken, wie man es auch von Kreationisten und ihrem angeblich wortwörtlichen Bibelverständnis kennt. Eine „Wortwörtlichkeit“ von der wir spätestens sei „Inherit the Wind“ wissen, das sie auch nur eine Interpretation ist.
    Die Pointe ist also: Wieso glaubt man, Worte wie „Mohr“, „Neger“, „Zigeuner“ etc. p. p. auf jeden Fall als negativ konnotiert zu interpretieren, wäre antirassistisch. Hat man sich nicht damit erst die Denke der Rassisten, wenn auch nur in ihrer Negation, selbst angeeignet?



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