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Das Kind braucht einen Namen

Vom Blobfish, den Wahlen und der Hoffnung

Es ist wieder so weit. Draußen nass kalt, Schnupfen und Heiserkeit. Die Stimme versagt, trotzdem Stimme gefragt. Sie stehen wieder an – die Wahlen. Aber, wen wählen?

Das fragen sich längst auch Zuwanderer, die „Dank“ der Optionspflicht und den Einbürgerungskampagnen inzwischen auch eine politische Stimme haben. Wie viele das sind, weiß vermutlich niemand so genau. Längst blickt keiner mehr so richtig durch, wer, was ist.

Je nachdem wie man die Statistiken anlegt und auswertet. Zählt man Neugeborene türkischer Einwanderer zum Beispiel, die vorerst von Geburt an sowohl Deutsche als auch Türken sind, zu den Neugeborenen deutschen Kindern oder zu den neugeborenen der türkischen Community?

Und überhaupt, wie nennen wir zumindest die Einwanderer mit deutscher Staatsbürgerschaft? Noch immer hat man keinen passenden Namen für das Kind. „Mit Migrationshintergrund“ klingt, als kämen sie allesamt aus dem Nichts. „Deutschtürken“, ist überhaupt der Kracher, erinnert er vielmehr an den Blobfisch, der aussieht, als hätte er sich nicht zwischen Qualle und Fisch entscheiden können. „Deutsche mit Migrationshintergrund“ wirkt gekünstelt. Hörte ich doch letztens einen Einheimischen stammeln, er sei Deutscher, aber halt „ohne Migrationshintergrund“.

Auch, wenn angeblich Namen Schall und Rauch sind, jedes Kind und jede Gruppe braucht einen Namen. Und das ist nicht ausgrenzend. Warum spricht man nicht mehr von Einwanderern der ersten, zweiten und dritten Generation? Das macht deutlich, das Deutschland ein Einwanderungsland ist und hier Menschen leben, die aus unterschiedlichen Kulturräumen eingewandert sind.

Und die Mehrzahl dieser Menschen will nichts Böses, nur ihre Wurzeln nicht vergessen, ihr Essen weiter mit Stäbchen essen, ihre Sprache sprechen dürfen – und dies nicht nur heimlich unter der Bettdecke – und gleichwertig leben dürfen, einfach als Mensch.

Wir brauchen keine Integrationspreise, mit denen man uns auszeichnet, wie auf einer Katzenschau, getreu dem Motto, sieht her, unser „Best integrierter Türke. Kaum wieder zu erkennen!“ Und auch keine Talentshows, die zeigen, was in uns steckt oder auch nicht. Und schon gar nicht brauchen wir eine Integrationsdebatte, die längst das Niveau einer lustigen multi-kulti Eventveranstaltung unterschritten hat.

Nein, wir brauchen auch keine peinlichen „Sanctum praeputium-Diskussionen“. Und wer immer noch die Frage stellt, ob Islam und Demokratie vereinbar sind, hat nichts von dem freiheitlichen Gedanken und dem hohen Gut der Rechtsauffassung im Islam verstanden.

Wahrlich, in der Integrationspolitik hat sich keine Partei mit Ruhm bekleckert. Und leise kommen bei Einwanderern Zweifel auf, ob Integration wirklich gelingen soll, denn längst lebt ein ganzer Dienstleitungssektor von der nicht gelungenen Integration und das gar nicht mal so schlecht. Noch immer hat man anscheinend nicht begriffen, dass allein ausländisch klingende Namen und dieser Migrationshintergrund von Parteimitgliedern in deutschen Parteienlandschaften per se kein Garant für gute Integrationspolitik sind und man Einwanderer damit nicht mehr beeindrucken kann.

Wir brauchen fundierte Inhalte, keine Büttenreder und Festzeltstimmung und schon gar nicht Politiker, die für Deutschpflicht auf Pausenhöfen sind, nur, weil sie keinen Plan B haben, und nicht wissen, wie sie uns die deutsche Sprache vermitteln können. Auch brauchen wir keine Politiker, die uns bescheinigen, dass wir antisemitisch seien, nur weil wir die israelische Außenpolitik kritisieren. Und von Politikern, die uns in ihrer Hilflosigkeit als „Arschlöcher und Fanatiker“ bezeichnen oder die sich gegen Zuwanderung „bis zur letzten Patrone“ wehren wollen, wollen wir erst gar nicht sprechen. Wir brauchen Politiker mit Vision. Politiker, die es verstehen, das vorerst „Fremde“ zu einem gesamtgesellschaftlichen Gewinn zu gestalten. Genau dies jedoch hat bislang keine Partei umsetzen können, nicht wirklich. Es fehlt offensichtlich an entsprechenden Politikern.

Und nun stehen wieder ein mal Wahlen an und langsam wird es eng mit der richtigen Partei – auch für die Einwanderer. Zwar werben jetzt alle Parteien gezielt um die Stimme der Einwanderer und haben das Thema „Doppelte Staatsbürgerschaft“ für sich entdeckt, aber wir wissen auch, dass Wahlversprechen nicht immer eingehalten werden. So bleibt zu hoffen, dass die doppelte Staatsbürgerschaft nicht zu einem Wahlkampfversprechen mit doppeltem Boden wird, die nächsten Wahlen kommen bestimmt und dann gilt, „quid pro quo.“