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Migration und Integration in Deutschland

Bei dem Lebensalter der ausländischen Arbeitnehmer wirkt sich das z. Z. vor allem für die deutsche Rentenversicherung sehr günstig aus, weil sie weit höhere Beiträge von den ausländischen Arbeitnehmern einnimmt, als sie gegenwärtig an Rentenleistungen für diesen Personenkreis aufzubringen hat.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände, 1966

Das Kind braucht einen Namen

Vom Blobfish, den Wahlen und der Hoffnung

Es ist wieder so weit. Draußen nass kalt, Schnupfen und Heiserkeit. Die Stimme versagt, trotzdem Stimme gefragt. Sie stehen wieder an – die Wahlen. Aber, wen wählen?

VONZerrin Konyalıoğlu

 Vom Blobfish, den Wahlen und der Hoffnung
Die Autorin ist in Istanbul geboren, Turkologin, Schwerpunkt interkulturelle Deutschförderung im bilingualen Kontext - Türkisch zu Deutsch. Ihr Buch "Deutsch als Zweitsprache - Türkische Schüler systematisch fördern" erschien im Persen-Verlag.

DATUM12. Februar 2013

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RESSORTAktuell, Meinung

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Das fragen sich längst auch Zuwanderer, die „Dank“ der Optionspflicht und den Einbürgerungskampagnen inzwischen auch eine politische Stimme haben. Wie viele das sind, weiß vermutlich niemand so genau. Längst blickt keiner mehr so richtig durch, wer, was ist.

Je nachdem wie man die Statistiken anlegt und auswertet. Zählt man Neugeborene türkischer Einwanderer zum Beispiel, die vorerst von Geburt an sowohl Deutsche als auch Türken sind, zu den Neugeborenen deutschen Kindern oder zu den neugeborenen der türkischen Community?

Und überhaupt, wie nennen wir zumindest die Einwanderer mit deutscher Staatsbürgerschaft? Noch immer hat man keinen passenden Namen für das Kind. „Mit Migrationshintergrund“ klingt, als kämen sie allesamt aus dem Nichts. „Deutschtürken“, ist überhaupt der Kracher, erinnert er vielmehr an den Blobfisch, der aussieht, als hätte er sich nicht zwischen Qualle und Fisch entscheiden können. „Deutsche mit Migrationshintergrund“ wirkt gekünstelt. Hörte ich doch letztens einen Einheimischen stammeln, er sei Deutscher, aber halt „ohne Migrationshintergrund“.

Auch, wenn angeblich Namen Schall und Rauch sind, jedes Kind und jede Gruppe braucht einen Namen. Und das ist nicht ausgrenzend. Warum spricht man nicht mehr von Einwanderern der ersten, zweiten und dritten Generation? Das macht deutlich, das Deutschland ein Einwanderungsland ist und hier Menschen leben, die aus unterschiedlichen Kulturräumen eingewandert sind.

Und die Mehrzahl dieser Menschen will nichts Böses, nur ihre Wurzeln nicht vergessen, ihr Essen weiter mit Stäbchen essen, ihre Sprache sprechen dürfen – und dies nicht nur heimlich unter der Bettdecke – und gleichwertig leben dürfen, einfach als Mensch.

Wir brauchen keine Integrationspreise, mit denen man uns auszeichnet, wie auf einer Katzenschau, getreu dem Motto, sieht her, unser „Best integrierter Türke. Kaum wieder zu erkennen!“ Und auch keine Talentshows, die zeigen, was in uns steckt oder auch nicht. Und schon gar nicht brauchen wir eine Integrationsdebatte, die längst das Niveau einer lustigen multi-kulti Eventveranstaltung unterschritten hat.

Nein, wir brauchen auch keine peinlichen „Sanctum praeputium-Diskussionen“. Und wer immer noch die Frage stellt, ob Islam und Demokratie vereinbar sind, hat nichts von dem freiheitlichen Gedanken und dem hohen Gut der Rechtsauffassung im Islam verstanden.

Wahrlich, in der Integrationspolitik hat sich keine Partei mit Ruhm bekleckert. Und leise kommen bei Einwanderern Zweifel auf, ob Integration wirklich gelingen soll, denn längst lebt ein ganzer Dienstleitungssektor von der nicht gelungenen Integration und das gar nicht mal so schlecht. Noch immer hat man anscheinend nicht begriffen, dass allein ausländisch klingende Namen und dieser Migrationshintergrund von Parteimitgliedern in deutschen Parteienlandschaften per se kein Garant für gute Integrationspolitik sind und man Einwanderer damit nicht mehr beeindrucken kann.

Wir brauchen fundierte Inhalte, keine Büttenreder und Festzeltstimmung und schon gar nicht Politiker, die für Deutschpflicht auf Pausenhöfen sind, nur, weil sie keinen Plan B haben, und nicht wissen, wie sie uns die deutsche Sprache vermitteln können. Auch brauchen wir keine Politiker, die uns bescheinigen, dass wir antisemitisch seien, nur weil wir die israelische Außenpolitik kritisieren. Und von Politikern, die uns in ihrer Hilflosigkeit als „Arschlöcher und Fanatiker“ bezeichnen oder die sich gegen Zuwanderung „bis zur letzten Patrone“ wehren wollen, wollen wir erst gar nicht sprechen. Wir brauchen Politiker mit Vision. Politiker, die es verstehen, das vorerst „Fremde“ zu einem gesamtgesellschaftlichen Gewinn zu gestalten. Genau dies jedoch hat bislang keine Partei umsetzen können, nicht wirklich. Es fehlt offensichtlich an entsprechenden Politikern.

Und nun stehen wieder ein mal Wahlen an und langsam wird es eng mit der richtigen Partei – auch für die Einwanderer. Zwar werben jetzt alle Parteien gezielt um die Stimme der Einwanderer und haben das Thema „Doppelte Staatsbürgerschaft“ für sich entdeckt, aber wir wissen auch, dass Wahlversprechen nicht immer eingehalten werden. So bleibt zu hoffen, dass die doppelte Staatsbürgerschaft nicht zu einem Wahlkampfversprechen mit doppeltem Boden wird, die nächsten Wahlen kommen bestimmt und dann gilt, „quid pro quo.“

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8 Kommentare
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  1. Kolcek sagt:

    Ich kann nur jedem empfehlen seine Stimme nicht nur nach einem Thema, wie bspw. der Migrationspolitik, auszurichten.

    Wie sieht es mit der Wirtschaftspolitik aus? Europapolitik? Familienpolitik? Umweltpolitik? Verteidigungspolitik? Es gibt überall Baustellen und Probleme.

    Wie eine Partei jetzt speziell zum Thema Migration steht wird auf Migazin doch total überbewertet. Außerdem weiß doch jeder, dass das Migazin den Linken sehr nahe steht.

  2. Karl-Bolko Lesser sagt:

    Alle Mitglieder meiner Familie sind Menschen und alle haben einen mehr oder weniger „entfernten“ Migrationshintergrund. Wenn ich alleine meine drei Töchter ansehe, dann haben die zusammen schon 4 Staatsangehörigkeiten – die bayerische Staatsbürgerschaft garnicht mitgerechnet.
    Ich kenne „Deutsche“, deren Vorfahren schon vor weit mehr als 100 Jahren als „Gastarbeiter / Fremdarbeiter“ nach Deutschland kamen und garnicht mehr wissen wann genau!
    Ich selbst bin in Deutschland schon so oft migriert – von Niedersachsen über Oberbayern und Unterfranken dieses Jahr nach Bremerhaven. Bin ich jetzt Migrant oder Vielfach-Migrant?
    Ich fühle mich als Mensch und Weltbürger!

  3. saliha balkan sagt:

    sehr schöner Artikel!

    vor alle eine sehr berechtigte Frage:“Warum spricht man nicht mehr von Einwanderern der ersten, zweiten und dritten Generation?“

    und den Schlussatz könnte ich erweitern mit manus manum lavat und do ut des 🙂

    Fragt sich nur, wer bei den bevorstehenden Wahlen wieviel ernten wird und warum.

  4. Jan Jonas Kaufmann sagt:

    Grandios! Wunderbar auf den Punkt gebracht!

  5. Schwurbeln sagt:

    „Wir brauchen fundierte Inhalte, keine Büttenreder und Festzeltstimmung und schon gar nicht Politiker, die für Deutschpflicht auf Pausenhöfen sind, nur, weil sie keinen Plan B haben, und nicht wissen, wie sie uns die deutsche Sprache vermitteln können.“

    Warum muss man ihnen eigentlich alles „vermitteln“? Es sollte selbstverständlich sein, die Sprache des gastlandes bestmöglich zu lernen.

    Ihre Anspruchshaltung ohne Gegenleistung wird in jedem Ihrer Sätze deutlich: Die Deutschen sollen sich schön selbst verleugnen, um es den Einwanderern möglichst gemütlich zu machen.

  6. Johann Hartmann sagt:

    „Und wer immer noch die Frage stellt, ob Islam und Demokratie vereinbar sind, hat nichts von dem freiheitlichen Gedanken und dem hohen Gut der Rechtsauffassung im Islam verstanden.“
    Würden Sie bitte den freiheitlichen Gedanken im Islam nachweisen, der dem in einer westlichen Demokratie nur im entferntesten gleicht? Und bitte erklären, wie die Rechtsauffassung heißt, die im Islam ein hohes Gut ist.

  7. Harald sagt:

    In einer Demokratie fängt Politik da an, wo der einzelne Bürger seine ureigenen Interessen formuliert und sich mit Gleichgesinnten zusammentut, um sie durchzusetzen.

    Aber unter den „Migrationshintergrundmitbürgern“ der ersten, zweiten, dritten oder noch höheren Generation scheint es doch wohl einige zu geben, die allein schon mit der klaren Formulierung ihrer eigenen Interessen grosse Probleme haben. Was genau konkret wollen die eigentlich? Etwa MultiKulti, Parallelgesellschaften, Ghettos, Multilingualität? Wer zwischen allen Stühlen sitzt und nicht mal weiss, ob er nun Deutscher ist oder ein „Migrationshintergrundmitbürger“, der wird so schnell auch keine Partei finden, die die Förderung seiner persönlichen Identitätskrise als politisches Programm auf die Fahnen geschrieben hat.

    Die seinerzeit ins Ruhrgebiet eingewanderten Polen haben es doch beispielhaft vorgemacht, wie sich Migranten integrieren und assimilieren können und trotzdem ihre „Wurzeln nicht vergessen“ oder ihr „Essen weiter mit Stäbchen“ essen können. Die heissen heute noch „Schimanski“, sind aber Deutsche. Oder die in die USA eingewanderten Deutschen, die haben allenfalls noch ihren deutschen Namen und pflegen ihre deutsche Folklore, aber sie sehen sich selbst definitiv als Amerikaner, und sie sind es auch, und sie sprechen allesamt Englisch.

    Warum sollten einige nach Deutschland zugewanderte Türken oder andere Migranten nicht eine vergleichbare kulturelle Leistung erbringen. Und die, die dazu nicht bereit sind, können doch ihre eigene Partei der Integrationsverweigerer gründen. Und absehbar ganz demokratisch damit untergehen.

  8. Zerrin Konyalioglu sagt:

    @all ,herzlichen Dank an alle Diskutanten.

    @saliha balkan, @Jan Jonas Kaufmann, über das pos. feedback freue ich mich natürlich sehr. @Karl-Bolko Lesser, Migrant und Weltbürger, sehr schön.
    Ich hätte mich auch über Kritik gefreut, wenn sie denn einen Themenbezug gehabt hätte.@Harald, @Schwurbeln Sie haben den Artikel nicht verstanden, es ging nicht um Deutsche oder Einwanderer, in meiner Kritik stehen die Inhalte einer Integrationspolitik, die den Erfordernissen, die diese Thematik mit sich bringt, nicht gerecht wird. @Johann Hartmann, Antworten finden Sie zu Ihrer Frage in zahlreicher Literatur.



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