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So, wie wir mit den Minderheiten umgehen, die bei uns leben, so erwarten wir auch, dass Titularnationen mit den deutschen Minderheiten umgehen.

Angela Merkel, Aussiedler- und Minderheitenpolitik in Deutschland, 2008

Critical und Incorrect

Rassismuskritik unerwünscht

Es passt wohl in den Zeitgeist der sarrazinesk verhetzten Gesellschaft, dass Rassismus nicht mehr Rassismus, sondern freie Meinungsäußerung ist.

VONSabine Schiffer

 Rassismuskritik unerwünscht
Die Autorin arbeitet seit Anfang der 1990er Jahre als Medienpädagogin und promovierte zur Islamdarstellung in den Medien. 2005 gründete sie das freie Institut für Medienverantwortung (IMV) und leitet es seither. Das IMV fordert mehr Verantwortung von Produzenten- und Nutzerseite.

DATUM5. Februar 2013

KOMMENTARE17

RESSORTAktuell, Meinung

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Unter dem Label der Presse- und Meinungsfreiheit wird gerade wieder vehement verteidigt, was Historiker, Pädagogen und Linguisten seit Jahrzehnten als Problem anprangern: Das Weitergeben rassistischer Stereotype und Vorurteile mittels Text an die nächste Generation. Auch die Minderbewertung von Frauen in Märchen und Kinderbüchern hat eine lange Tradition, worüber auch Ronjas und Pippis als Ausnahmefiguren, die ja die Regel bestätigen, nicht hinwegtäuschen können. Ja, und ausgerechnet Pippi ist nun rassistisch. Warum aber sollte Astrid Lindgren eine Ausnahme bilden? Steht doch auch sie – wie wir alle – in einer Tradition des Redens und Schreibens über „die Anderen“.

Und die Anderen sind nicht immer unbedingt schwarz, weshalb die Reduktion der Debatte auf das N-Wort und überhaupt die Reduktion auf einzelne Wortklaubereien zu kurz greift. Man kann auch politisch korrekt unter Verwendung der Bezeichnung „Schwarzer“ rassistische Stereotype verbreiten, wenn man nämlich Schwarze verallgemeinert und „ihnen“ irgendwelche spezifischen Eigenschaften andichtet. Es hat auch unseren Asylbewerbern nicht geholfen, dass sie nicht mehr „Asylanten“ heißen sollen, wenn man sie weiterhin systematisch strukturell und sprachlich ausgrenzt und „ihnen“ ganz allgemein „Einwanderung in die Sozialsysteme“ unterstellt.

Nun machen sich die Feuilletons und Meinungsspalten der sog. Qualitätsmedien ebenso über derlei Ausführungen her, wie der breite Boulevard. Welch ein einheitlicher Konsens, wenn es darum geht, sich in Sachen Rassismus bloß nicht den Mund verbieten zu lassen. Angeblich fürchtet man um den Humor, die Sprache an sich, die man sich offensichtlich nicht ohne Rassismen vorstellen mag, und um die Klassiker der Kinderliteratur, an deren Text auf keinen Fall gemäkelt werden dürfe. Ja, man unkt und warnt davor, zum Kulturgut gewordene Texte zu kritisieren, weil das einer Aufforderung gleich käme, diese gar umzuschreiben. Wie schrecklich! Das geht doch nicht, dass man Liebgewonnenes bemängelt. Und was, wenn jemand auf die Idee käme, der schäumende Kolumnist kämpfe gerade darum, nicht selbst als Rassist entlarvt zu werden, weil ihm die Stereotype bis dato einfach nicht auffallen wollten? Die kollektive Zuweisung von Eigenschaften kann man sprachlich und auch bildlich auf so viele Weise erreichen, dass nicht wenige der Komplexität der Aufgabenstellung ausweichen möchten.

In die Tonne kloppen soll man also hingegen Klassiker wie die Habilitationsschrift von Jörg Becker unter dem Titel „Alltäglicher Rassismus“, welche bereits 1977 vorlegt, wie es um die deutsche Literaturerziehung der nächsten Generation steht. Auch das Fazit der Autoren um Wolfgang Benz vom Zentrum für Antisemitismusforschung in ihrem Band von 2010, „Vorurteile in der Kinder- und Jugendliteratur“, soll nun nicht mehr zum Nachdenken anregen? Macht ja nichts, dass es nachweist, dass auch in so mancher hochgelobter Schullektüre die Kolportierung rassistischer und antisemitischer Stereotype gang und gäbe ist. Bewusstseinsprozesse unerwünscht? Soll alles so bleiben, wie es ist? Weil es ja Rassismus nur in der Phantasie einiger Wissenschaftler und „Ausländer“ gibt, die damit die Gesellschaft belästigen?

Die Verteidiger des Rassismus werden sich fragen lassen müssen, was sie als Alternative vorschlagen, wenn sie hier so vehement für den Erhalt und damit die unreflektierte Weitergabe von jahrhundertealter Menschenverachtung eintreten. Zukunftsorientiert ist das nicht – und das ausgerechnet von Leuten, die so gerne anderen Kulturen empfehlen, sich der Aufklärung und der Moderne zuzuwenden. Vielleicht allerhöchste Zeit, die Verteidigung des Mittelalters zwischen Buchdeckeln oder weit darüber hinaus zu überdenken!

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17 Kommentare
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  1. Kritikkritiker sagt:

    Vor einiger Zeit las ich irgendwo, dass die „Enid Blyton Gesellschaft“ (oder so ähnlich) eine moderne Adaption der berühmten „Fünf Freunde“ dafür kritisiert hatte, dass dort das Motiv des „Multikulturalismus“ eingeführt wurde…wir scheinen seit 2001 einen immer extremeren erzkonservativ-xenophoben Rollback zu erleben…und wie der dieser Zeiten vielbeschworene Frosch im Kochtopf scheint die „Mehrheitsgesellschaft“ es nicht zu kapieren.

    In meiner Jugend „auf dem Lande“ (das war’n die Neunziger) war es übrigens so, dass die Schwarzen (also die Kohl-rabenschwarzen, nicht die Afrikaschwarzen) wenig Probleme mit „den Ausländern“ hatten, sondern dass vielmehr die deutlich unter 10% Nicht-Schwarzen (vulgo: das „linke Gesocks“, lies: jeder der links von Roland Koch stand) ein „Integrationsproblem“ hatten…vermutlich, weil wir noch wenigere waren, als „die Ausländer“ und damit ein noch leichteres Ziel.

    Es gab diesen Terror der Masse schon immer, in der Demokratie fand er sein Mittel, im Abbau derer grundlegendster Prinzipien, zu Gunsten von „Wachstum“, „Leistungsgerechtigkeit“ und natürlich „Sicherheit“ bahnte er sich den Weg, der Kapitalismus ist sein teuflisches Werkzeug. Mit dem Wegfall der Konkurrenz brachen alle Dämme: Wenn das Schaf nunmal fressen muss, kann man ihm unbekümmert in den Trog kacken.

    PS: Der letzte Abschnitt der „Kritik“ geht ultimativ am Thema vorbei. Die Verteidigung des Rassismus in den Büchern und der Chauvinismus gegen die, die sich noch zum westlichen Vorbild „entwickeln“ müssen (i.e. „Entwicklungsländer“) entspringen derselben Wurzel. Sie münden in demjenigen chauvinistischen Nationalismus, der das Deutsche Reich in gleich zwei Weltkriege trieb.

  2. Gero sagt:

    @ Rassismuskritik unerwünscht

    Es passt wohl in den Zeitgeist der sarrazinesk verhetzten Gesellschaft, dass Rassismus nicht mehr Rassismus, sondern freie Meinungsäußerung ist.
    ____________________

    Frau Schiffer – vielleicht passt es auch in unsere Zeit, dass einzelne Autoren (wie Sie) hergehen und der breiten, unwissenden Masse unbedingt beibringen müssen, dass alles um sie herum rassistisch durchtränkt ist….

    Es wird deutlich, dass gewisse Kreise in der Gesellschaft sich eine Beschränkung der Meinungsfreiheit geradezu herbeisehnen.

    Sie, Frau Schiffer, verteilen Ihre Etiketten „rassistisch“, „sarrazinesk“, „verhetzt“, usw. – auseinandersetzen mit den Inhalten brauchen Sie sich dann nicht mehr – wie einfach..!

  3. Lionel sagt:

    Fr. Schiffer muss sich fragen lassen, was sie damit erreichen möchte, wenn sie die Gegner einer Sprachpurifikation pauschal als Verteidiger des Rassismus tituliert.
    Konstruktive Werbung für den eigenen Standpunkt sieht anders aus.

  4. Holla sagt:

    Ich würde hier gerne mittdiskutieren, wenn die Kritiker mal auf den gelungenen Beitrag von Frau Schiffer inhaltlich eingehen und Argumente liefern würden.

  5. aber hallo sagt:

    Letzlich verstecken sich die Kommentatoren, nicht nur in diesem Block, hinter Vorwürfen und einer angeblichen Unwissenheit. Empathie scheint ein Fremdwort geworden zu sein oder war es vielleicht für diese Thematik schon immer??

  6. Karnevalhasser sagt:

    Lıebe Frau Schiffer, eine Parteinahme die richtig und notwendig ist. Wie beim Stromanbieter ist es natürlich schwer sich vom Althergebrachten zu trennen. Ich wünsche mir mehr Menschen wie Sie, die auf diese Wunde hinweisen.
    @Kritikkritiker: völlig d’accord mit Ihrem Kommentar. Nur eins: zwei Weltkriege und Deutsches Reich würde ich doch eher herunterbiegen auf „Wir Deutschen haben es irgendwie geschafft für zwei Weltkriege und den bestialischen Mord an Millionen von Menschen die einer bestimmten Religion angehören verantwortlich zu sein. WAS an uns müssen wir ändern?“

  7. Lionel sagt:

    @ Holla

    Fr. Schiffer meint, dass das Lesen von Pippi Langstrumpf oder Jim Knopf im Original Ausdruck von Rassismus einer sarrazinesk verhetzten Gesellschaft sei.
    Was könnte dazu angemerkt werden?

  8. Salam sagt:

    Frau Schiffer sagt, wie es ist. Danke!
    Denn: wer nicht erkennen will, das Rassismus strukturell in den über Kolonialismus hochgezüchteten industrialisierten Wohlstandsgesellschaften angelegt ist, wird immer Ausflüchte und Rechtfertigungen für Rassismus suchen. Tatsächlich verlangt die Tatsache des strukturellen Rassismus (der uns auch über Kinder und Jugendliteratur eingeschrieben wird) das Eingeständnis ab, dass wir alle Rassimen in uns tragen. Ist es so unmöglich, das einzusehen, so unerträglich das einzugestehen? Sind wir derartig übezeugt vom „Besten aller Systeme“ in dem wir leben? Schaffen wir es nicht, uns vorzustellen, dass auch eine andere Welt möglich ist? Bringen wir weder Kraft noch Mut auf, um uns dafür einzusetzen?
    Das ist meiner Meinung nach der Weg, auf den wir – als wir, dem gemeinsam ist, dass es in Westeuropa aufgewachsen ist und lebt- Rassismus bekämpfen können.
    Zur Diskussion selbst noch ein lesenswerter Beitrag aus m-media hier:
    http://www.m-media.or.at/meinung/das-n-wort-raus-aus-den-kinderbuchern-raus-aus-dem-wortschatz20130128/2013/01/28/#respond

  9. pepe sagt:

    Wer mal in nicht-europäischen Ländern gelebt hat weiß mit SIcherheit, dass der Rassismus in z.B. Deutschland keine bedeutenden Ausmaße erreicht hat.

  10. Hyper On Experience sagt:

    Interessant ist, dass Frau Dr. Schiffer einerseits anprangert, mit dem Begriff „Schwarzer“ rassistische Stereotype zu verbreiten, wenn man „Schwarze verallgemeinert“ und ihnen irgendwelche spezifischen Eigenschaften andichtet, sich andererseits aber der gleichen Konstruktion bedient: pauschal erklärt sie diejenigen, die sich gegen eine übertriebene Sprachbereinigung wenden, zu „Verteidigern des Rassismus“, die für „die unreflektierte Weitergabe von jahrhundertealter Menschenverachtung eintreten“. Ohne Differenzierung wird hier also einer Gruppe von Menschen das Stigma des „Rassisten“ angeheftet. Stereotyper geht es kaum noch; die Grenzen der Seriosität sind bei Weitem überschritten.


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