Fachkräfte aus Südeuropa: Die Sprache ist das größte Problem - MiGAZIN

Die Qualität einer freiheitlichen Gesellschaft bewährt sich nicht zuletzt darin, wie mit Minderheiten umgegangen wird und wie sich Minderheiten in einer Gesellschaft fühlen. Wolfgang Schäuble Rede zur Amtseinführung des Beuauftragten für Auslandsdeutsche, Februar 2006

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Fachkräfte aus Südeuropa

Die Sprache ist das größte Problem

In Deutschland werden qualifizierte Fachkräfte gesucht, in Südeuropa herrscht Massenarbeitslosigkeit. Entsprechend ist die Zahl der Einwanderer aus den Euro-Krisenländern gewachsen, viele von ihnen sprechen aber kein Deutsch.

 Die Sprache ist das größte Problem

Sprache © MiG

Die Zahl der Einwanderer aus Südeuropa ist im ersten Halbjahr 2012 um rund 6,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Die Gesamtzahl der Erwerbstätigen ist im selben Zeitraum nur um 1,6 Prozent gewachsen. Anfang Juni gab es gemäß der Beschäftigten- und Arbeitslosenstatistik der Bundesagentur 452 000 Beschäftigte aus Italien, Portugal, Spanien und Griechenland in Deutschland. „Die gute Beschäftigungslage hier hat sich natürlich herum gesprochen“, so Dr. Beate Raabe von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit. „Da Deutsch als erste oder zweite Fremdsprache kaum im Ausland gelehrt wird, entwickeln sich gute Sprachkenntnisse zu einem ganz wichtigen Kriterium.“ Viele der Einwanderer führt einer ihrer ersten Wege daher in eine Sprachschule.

Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte. Die Freunde der 27-jährigen Athanasia aus Griechenland waren sehr traurig, als sie sich vor sieben Monaten entschloss nach Deutschland zu gehen. „Meine Familie hat mir aber dazu geraten, es gibt einfach keine Arbeit mehr in Griechenland.“ Athanasia ist eine der wenigen, die schon ein bisschen Deutsch konnten, als sie ihre Heimat verließen. Sie ist deshalb schnell in dem Land mit der „vielen Ordnung und der vielen Bürokratie“ angekommen. „Ich kann mir vorstellen, für immer in Deutschland zu bleiben.“ Die Grundschullehrerin Monika Perez aus Spanien, die aktuell einen inlingua Sprachkurs besucht, fand ebenfalls keine Stelle in ihrer Heimat und kam gemeinsam mit ihrem Freund, der in Stuttgart ein Jobangebot bekommen hatte. „Zwei meiner Freunde aus Spanien sind mittlerweile auch hier und andere haben es noch vor“, erzählt Monika.

Der Ingenieurmangel kostet Milliarden
Viele der Migranten bringen Qualifikationen mit, die hierzulande Mangelware sind. Beispiel: Ingenieure. Der Ingenieurmangel hat der Volkswirtschaft gemäß einer Studie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) 2011 acht Milliarden Euro an Wertschöpfung gekostet. Betroffen sind von der Ingenieurlücke vor allem der Süden Deutschlands und Nordrhein-Westfalen. Die Aussichten sind trübe. Durch den demographischen Wandel wird der regionale Mangel an Ingenieuren einiger Fachrichtungen künftig noch größer werden. „Und genau diesen Gedanken gilt es in der deutschen Gesellschaft zu verankern“, so Dr. Ina Kayser, Expertin für Beruf und Arbeitsmarkt beim VDI. „Unser Land ist hier in vielem noch sehr vorurteilsbehaftet. Es muss allen klar werden, dass wir diese Menschen brauchen.“

In Sachen Willkommenskultur hat sich nach Einschätzung der Expertin 2012 zwar schon einiges getan, aber es gibt auch noch viel Raum nach oben. Viele große Konzerne seien zwar sehr fortschrittlich und stellten zum Beispiel einer Führungskraft für die Anfangszeit einen Mentor zur Seite, die den Alltag in dem fremdem Land erleichtert. Aber gerade viele mittelständische Unternehmen täten sich dabei noch schwer. Das deckt sich mit den Ergebnisses des IHK-Unternehmensbarometers 2012: Je größer der Betrieb, umso eher ergreift er gezielt Maßnahmen zur Förderung der Integration ausländischer Mitarbeiter. Insgesamt (15 Prozent) der befragten Unternehmen unterstützten 2011 die Integration ihrer ausländischen Mitarbeiter mit berufsbezogener Sprachförderung. Tendenz steigend. Die Sprache sieht Dr. Ina Kayser als eine der größten Integrations-Hindernisse. „Ich bekomme von ausländischen Ingenieuren oft zu hören, dass sie nach x-Bewerbungen abgelehnt wurden, weil sie kein Deutsch können. Ich denke, die Anfangszeit lässt sich irgendwie überbrücken. Die Investition in eine sprachliche Weiterbildung sollten Unternehmen als Investition in die Zukunft sehen.“

Gezielte Rekrutierung in Südeuropa
Genau dieser Gedanke ist bei dem Unternehmen TZM aus Göppingen bei Stuttgart, das Engineering-Dienstleistungen für Elektronik, Software und Mess- und Prüftechnik bietet, bereits angekommen. Der Mittelständler sucht aktuell Ingenieure der Informatik und Elektrotechnik, der Bewerbermarkt aber ist wie leergefegt. Das Unternehmen hat sich daher wie viele andere dazu entschlossen, gezielt in Südeuropa Ingenieure zu rekrutieren. „Wir haben über Stellenanzeigen und Hochschulkontakte Fachkräfte gesucht“, erzählt Sandra Welter, Personalleiterin bei TZM.

Die bisherigen Erfahrungen beschreibt sie als sehr positiv. Es sind fast ausschließlich fachlich hoch qualifizierte und zudem überaus motivierte Leute, Absolventen genauso wie Ingenieure mit Berufserfahrung, dabei. Vergeblich haben sie in Spanien nach einer Stelle gesucht und schließlich die dramatische Lage erkannt: In ihrer Heimat gibt es für sie aktuell keine Zukunft. „Es sind so tolle Lebensläufe dabei, die treiben einem schon die Tränen in die Augen.“ Die meisten der Spanier allerdings können kein Deutsch. Da sie später mal mit direktem Kundenkontakt arbeiten sollen, hat TZM sich entschlossen, die neuen Mitarbeiter beim Deutschlernen zu unterstützen. „Wir beginnen jetzt im Herbst mit einem Pilotprojekt. Ein Sprachlehrer von inlingua wird zu uns ins Unternehmen kommen und mit den spanischen Ingenieuren vormittags Deutsch lernen. Ihre ersten fachlichen Aufgaben sollen sie dann nachmittags erledigen.“ Zudem will das Unternehmen mit gemeinsamen Ausflügen und ähnlichem den neuen Mitarbeitern das Ankommen in Deutschland erleichtern.

„Ich kann alles schaffen!“
Die erste Zeit fernab der Heimat war auch für Marko Sarlija die schwerste. Der Kroate ist bereits 2009 im Zuge der Weltwirtschaftskrise nach Deutschland gekommen. Obwohl er schon bei seiner Ankunft eine Stelle an der Universität Stuttgart hatte und schon ein bisschen Deutsch konnte, war die erste Zeit für den Ingenieur der Elektrotechnik schwierig – Wohnungssuche, Behördengänge, Einkaufen. Mit 1 000 Euro Startkapital kam Marko nach Deutschland, als er sein erstes Gehalt bekam, waren noch 20 Euro zum Leben übrig…

Sein Eifer machte sich bezahlt: Sechs Monate nach seiner Ankunft konnte er sich einen Computer leisten, nach eineinhalb Jahren ein Auto. „Am Anfang hilft Dir niemand“, erzählt Marko. Für die wissenschaftliche Arbeit im Labor reichten seine Deutschkenntnisse aus. Aber als er über eine Leasingfirma eine Stelle bei der Firma Bosch in Reutlingen als Produktbetreuer erhielt, war ihm klar: „Jetzt muss ich was tun, sonst komme ich nicht weiter und spreche in zehn Jahren noch nicht richtig Deutsch.“ Seit einigen Monaten besucht er zweimal in der Woche einen Abend-Sprachkurs, der von seinem Arbeitgeber bezahlt wird. Seitdem hat sein Deutsch große Sprünge gemacht. Mit anderen Sprachschülern und Arbeitskollegen geht er manchmal abends in die Stadt. Freundschaften entstehen, allerdings kaum zu Deutschen. Marko empfindet sie als eher verschlossen gegenüber anderen Kulturen. Trotzdem ist er angekommen in Deutschland und kann sich vorstellen für immer hier zu bleiben. „Heute weiß ich, ich kann alles schaffen.“

Allerdings müsse man für den erfolgreichen Start in einem neuen Land bereit zu sein, personelle Bindungen nicht in den Mittelpunkt zu stellen. Viele seiner Bekannten in Kroatien finden keine Arbeit, aber sie schrecken davor zurück, Familie und Freunde zurückzulassen.

Die Heimat verlassen – eine schwere, bedeutsame Lebensentscheidung, die wohl niemand leichtfertig fällt. Umso wichtiger ist es, dass sich die Migranten in Deutschland willkommen fühlen. „Der Arbeitgeber kann dabei seinen Beitrag leisten zur Integration und Brückenbauer werden. Es geht darum, eine Wohlfühlkultur und langfristige Perspektiven zu schaffen. Es ist wichtig, dass die Menschen aus dem Ausland, die zum Arbeiten herkommen, auch gern hier leben.“, so Dr. Beate Raabe von der ZAV.

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