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Hassmails im Abonnement

Seit nun einem Jahr gibt es die Hate-Poetry. Initiiert wurde das Ganze von Ebru Taşdemir, selber Journalistin und Medienmacherin. “Am Gesamtwerk sind aber alle ideell beteiligt”, erzählt Taşdemir. Alle paar Monate versammeln sich die Publizistin Mely Kıyak, taz-Redakteur Deniz Yücel, Zeit-Redakteur Yassin Musharbash und Politikredakteurin Özlem Topcu und teilen die Crème de la Crème ihrer täglichen Zuschriften mit dem Publikum.

Dieses darf dann den schlimmsten, schrägsten und gemeinsten Leserbrief wählen. Was da ans Tageslicht kommt, amüsiert und schockiert zugleich. Mit Humor Negatives ins Positive umwandeln, das wäre der Grundgedanke dahinter, so die Initiatorin.

Man ist verwundert über den Eifer, die Zeit und die Innbrunst, die so manche LeserInnen in Form von Kommentaren, Briefen oder E-Mails auslassen. Und das sind wahrscheinlich noch die harmloseren Briefe, die, die es an die Oberfläche und durch die „Netiquette“ geschafft haben.

Ein Stückchen Ruhm für den Wüterich der Republik
„Armes Deutschland“ ist der Tenor. Viele der LeserInnnen sehen ihre geliebtes Abendland dem Untergang nahe. Obwohk Mely Kıyak gerade das von einem Leser neu erfundene Verb „verfatzen“einwandfrei konjugiert hat. Selbst der Duden könnte es direkt übernehmen. Wenn es denn existieren würde.

Im Land der Dichter und Denker rettet also eine „Eselshirtin“ – wie ein krasser Kommenter Kıyak tituliert – die Grammatik-Ehre. Mely Kıyak soll sich „verfatzen“, Deniz Yücel ist der „hässlichste Nazi der Welt“ und gegen Yassin Musharbash wird gleich eine Fatwa, ein religiöses Rechtsgutachten, ausgesprochen und mit zunehmender Leserzahl steigt natürlich auch das Strafmaß. Mal sind sie „anatolische Eselshirten“, „Fotzen“, „Hurensöhne“, „Drecksmohammedaner“ mal „Hizbollah-Schergen“ oder kommen aus „Fickdeppenarschland“. So manch Leser lässt also seine geballte Ladung Wut in die Internet-Galaxie hinaus, manch andere indes haben ganz andere Fantasien, nämlich wilde Sex-Orgien oder zarte Schmuseeinheiten inklusive getrockneten Blumen.

Das Publikum lacht, brüllt, will mehr, manchmal ist man sich jedoch nicht so sicher, ist das jetzt lustig, dass die „NSU nette Dönerladenbesitzer erschießt, aber den Deniz Yücel am Leben lässt“?

Yassin Musharbash aber beruhigt, es geht nicht um einen „Betroffenheitsmarathon“, sondern statt schlechte Laune zu bekommen, darüber zu lachen. „Wir nehmen die Scheiße und schicken sie zurück in die Umlaufbahn“, so Musharbash. Auch Taşdemir betont, dass es nicht um das Suhlen in der Opferrolle geht. „Als Mensch mit bestimmtem Hintergrund ist man eh schon abgehärtet.“

Leider waren noch keine Verfasser dieser Leserbriefe an einer Hate-Poetry dabei, oder vielleicht doch still und heimlich? Die meisten geben jedenfalls selten ihren richtigen Namen an. Anonym pöbeln macht wahrscheinlich mehr Spaß. Sicher ist jedoch, dass das „schreckliche Pack mit Ypsilon“ an diesem Abend die Lacher, aber auch die Unterstützung auf seiner Seite hatte.