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Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände, 1966

Glosse

„Sokrates“ – mein rosa Oleander

„Ich weiß, dass ich nichts weiß!“, sagte bekanntlich Sokrates. Ein Satz, der nicht nur von Selbsterkenntnis, sondern auch von Mut zeugt. Warum? Sehr einfach!

VONAnja Hilscher

Nach dem Studium des Lehramtes an Grund- und Hauptschulen und einer Erziehungspause absolvierte die Autorin eine Ausbildung zur „Beraterin für interkulturelle Fragen“ und arbeitet nun als Leiterin von Integrationskursen. Anjas Hobbys sind planlose Aktionen aller Art (z.B. Reisen), „alles rund ums Wort“ und Horizonterweiterung. .

DATUM30. Januar 2013

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Die Zeiten, als Leute in Tonnen saßen, außer philosophischem Zeug nichts produzierten und dafür noch hoch geachtet wurden, sind vorbei. Längst vorbei. Jeder, der so einen Satz wie den eben sagt, ohne ein altgriechischer Philosoph von Rang und Namen zu sein, macht sich heute zum Horst. Gepflegtes englisches Understatement kommt zwar auch heute manchmal noch gut – im Zeitalter des Materialismus und der gnadenlosen Selbstvermarktung. Man kann’s aber leicht übertreiben.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß!“ ist ein bisschen heavy. Ob man derartige Sätze öffentlich zum Besten geben will, will reiflich überlegt sein. Offen gesagt, habe ich überhaupt nie gehört, dass – nach Sokrates – jemand je wieder so etwas Ähnliches gesagt hätte. Selbst total weltabgewandte Gurutypen, so Kategorie Eugen Drewermann… also, mir ist nichts dergleichen zu Ohren gekommen. Falls jemand einen Guru kennt, der seinen Anhängern jemals gesagt hätte: „Kinder, ihr könnt nach Hause gehen! Die Wahrheit ist: Ich habe auch keine Antworten. Dafür täglich mehr unbeantwortete, frei flottierende Fragen, die mit Vorliebe in meinem Schlafzimmer unter der Decke hängen und mir nachts den Schlaf rauben. Der Ashram ist wegen Inkompetenz geschlossen!“ … also, falls jemand je von so einem Guru gehört hätte, möge er mir Bescheid geben.

Nichtreligiöse Menschen sind ja in der Regel unter anderem deshalb nichtreligiös, weil ihnen die schwer von sich überzeugte, selbstherrliche Art der Religiösen mächtig auf die Ketten geht. Das ist nachvollziehbar. Allerdings sind nicht alle Religiösen so. Tatsache ist, dass es auch religiöse Menschen gibt, die sich persönlich und spirituell weiterentwickeln. Zugegebenermaßen muss man die mit der Lupe suchen, und diejenigen, die das auch noch öffentlich zugeben, sind geradezu wie eine Nadel im Heuhaufen.

Ganz ehrlich gesagt: Ich salbadere hier so ein bisschen um den heißen Brei herum, weil ich auch nicht gerade heiß darauf bin, mich hier zu outen und dann blöd angeguckt zu werden. Wann immer man sagt: „Ich weiß, dass ich nichts weiß!“ und hofft, dass das Gegenüber einem einen respektvollen Schlag ins Kreuz versetzen und einen in Gedanken auf eine Stufe mit Sokrates stellen wird, muss man sich nämlich auf eine herbe Enttäuschung gefasst machen. Demut steht momentan erstens nicht sehr hoch im Kurs, und zweitens weiß eh keiner, was das ist.

„Was meinst’n du damit?“ fragen einen selbst Menschen, von denen man das nie erwartet hätte. „Wie jetzt? Du bist dir deiner Motive nicht sicher? Ja, wenn du selbst nicht, wer denn sonst?“ Oder: „Du und Zweifel? Warum predigst du dann? Willst du deine Umwelt verarschen?“ Gott sei Dank ist letztere Frage in der Regel rhetorisch gemeint. Der Gesprächspartner verlangt nicht ernsthaft eine Antwort darauf. Alhamdulillah, ehrlich! Sonst wäre der brutal aufrichtige Wahrheitsfetischist womöglich gezwungen, zu antworten: „Kann sein. Nimm’s mir nicht übel, aber das ist durchaus möglich!“ Und da auch Aufrichtigkeit nicht hoch im Kurs steht, wird der Gesprächspartner nach einer solchen Antwort nur umso ungehaltener sein, weil er sich jetzt doppelt verarscht fühlt.

Wie kann man also ein gläubiger, ja sogar religiöser Mensch und zugleich ein Zweifler, Suchender, Sich-weiter-Entwickelnder sein? Die Antwort liegt in dem Koranvers: „Ich bin euch näher als eure Halsschlagader!“ (Ich möchte, angesichts meines durch die eben erwähnten befremdeten Kommentare lädierten Selbstwertgefühls den geneigten Leser an dieser Stelle auf etwas hinweisen. Nämlich darauf, dass folgende Gedanken auf meinem eigenen Mist gewachsen sind! Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Kommentar zu diesem Vers gelesen zu haben ) Man muss nämlich gar kein neurotischer, verkopfter Typ sein, der zehn Jahre Soziologie studiert und 20 Jahre in der Psychoanalyse gewesen ist, um sich zuweilen seiner Motive, seines Glaubens, seines Weltbildes, nicht ganz sicher zu sein. Moslem sein ist völlig ausreichend. Eigentlich überhaupt religiös sein. Oder einfach nachdenklich. Dieser Vers ist der Freibrief zum freihändigen Nachdenken und Zweifeln – und zwar an allem, einschließlich seiner selbst.

Warum heißt es sonst, Gott sei uns „näher“ als die Halsschlagader? Warum heißt es nicht: „genauso nah wie“? Was ist denn das wieder für ein abgedrehter Wahnsinn! Noch näher? Geht doch gar nicht! – Natürlich geht das! Man kann sich nämlich gar nicht selbst wirklich bis in die tiefsten Abgründe der Seele hinein kennen – nur Gott kann das. So ist es, denke ich, durchaus möglich, dass man sich selbst für einen Atheisten (oder auch Gläubigen) hält, Gott aber anderer Meinung ist. Oft heißt es zwar im Koran auch, man solle keiner der „Zweifler“ sein. Schlichte Geister interpretieren das oft so, dass jegliches ergebnisoffene Denken strengstens verboten sei – andernfalls würde einen umgehend der Blitz beim XXX treffen. Diese Haltung mündet in einen starren, rechthaberischen Glauben, der seine nie beantworteten Fragen und Zweifel auf andere, nämlich Missionsobjekte, projiziert. Wenn die sich leicht in Aggression umwandelnde Panik vor dem strafenden Gott besonders groß ist, können noch viel schlimmere Dinge passieren … Besonders, wenn die Missionsobjekte nicht sofort spuren. Deshalb werden Minderheiten mit Vorliebe in Zeiten von Wirtschaftskrisen, Missernten und allgemeiner Desorientierung verfolgt.

Selbstverständlich, so lese ich diesen Vers, darf der Mensch nicht nur „zweifeln“ – vielmehr ist es sogar das Normalste von der Welt. Er soll zweifeln, er darf zweifeln. In Wirklichkeit kann er gar nicht anders als zweifeln und unsicher sein – es sei denn, er lügt sich etwas in die eigene Tasche. Allerdings stellt sich die Frage, wie man „Zweifeln“ definiert. Jede menschliche Weiterentwicklung ist mit einem inneren Umbruch, einer Phase des „Zweifelns“ verbunden. Altes und nicht mehr Passendes wird rausgeschmissen, stattdessen wächst etwas Neues. (Vorausgesetzt natürlich, man betoniert es nicht mit Dogmen zu.) Dieses Neue hat nur dummerweise die unangenehme Eigenschaft, ziemlich verletzlich und unscheinbar zu sein. Manchmal sieht man es kaum. In solchen Phasen fühlt man sich erfahrungsgemäß ziemlich nackt, hässlich und dämlich. Vermutlich befand Sokrates in solch einer, als er obgenannten Satz von seinem Sklaven in irgendeine Steintafel meißeln ließ.

Dem Koran zufolge gelten die Phänomene der Natur bekanntlich als „Ayats“, also göttliche Zeichen, aus denen wir Schlüsse ziehen sollen. Das tue ich gerne und regelmäßig. Ich hoffe dabei inständig, dass solcherart himmlische Zeichen sich auch anhand von genmanipulierten, in Monokulturen gezogenen Supermarktpflanzen manifestieren…! Kennen Sie zum Beispiel Oleander? Ich habe einen. Er heißt „Sokrates“. Ich bin inzwischen ganz sicher, dass es tatsächlich ein Oleander ist. Ich muss leider zugeben, Oleander nur dem Namen nach gekannt zu haben, bevor er letztes Jahr im Angebot war. Bei Lidl. Ich habe diesen Oleander damals gekauft und er hat auch brav seines Amtes gewaltet. Viele Monate lang blühte er in schönstem Rosa. Obwohl ich mir Mühe gegeben hatte, ihn ganz nach Anweisung zu behandeln, hat Sokrates den Winter aber nicht so gut überstanden. Er wurde immer armseliger und bräunlicher. Ich habe ihm in dieser Zeit das Gnadenbrot gegeben. Aber ehrlich gesagt wohl hauptsächlich deshalb, weil ich noch Hoffnung hatte, dass er sich wieder erholt und im Sommer wieder so schön rosa blüht. Er wurde aber immer hässlicher und toter. Irgendwann befand er sich in der „Ich-weiß-dass-ich-nichts-weiß-Phase“, in der Lebensgeister und Selbstwertgefühl am absoluten Nullpunkt angekommen sind. Wohl keinen Tag länger hätte ich den Anblick dieses erbarmungswürdigen, drei viertel toten Pflanzenrelikts ertragen. Deshalb habe ich eine Zeit lang einfach weggeguckt. Ich war nämlich zu faul, das Teil sofort in der Biotonne zu entsorgen. Leider bin ich nämlich noch lange nicht auf der spirituellen Stufe angelangt, in der ich jedem noch so popligen Mehrzeller allezeit grenzenlose Barmherzigkeit angedeihen lasse.

Er war also, der äußeren Erscheinung nach, praktisch hinüber. Aber siehe da! Ein Wunder geschah! Ein Wunder in Form der islamischen Version von „Auferstehung“! Ein, zwei Tage später sprossen überall – wirklich überall – die entzückendsten kleinen grünen Blätter. Ich wette, Sokrates blüht dieses Jahr noch viel rosaner als im Letzten. Und weil das nun mal so ist, in der Natur, und auch in der Natur „in uns“, wie es im Koran heißt, kann man das trotzdem ganz gut: Zweifeln und predigen. Manchmal sogar fast gleichzeitig.

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4 Kommentare
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  1. Thomas Weber sagt:

    Der Wortlaut von „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ geht nicht direkt auf Sokrates zurück. In dieser zum Zitat gewordenen Form wird freilich das Nichtwissen des Sokrates und damit Sokrates selbst ins Paradoxe geschoben, bagatellisiert und enggeistig vereinnahmt.

    Dabei ist das Nichtwissen des Sokrates weder paradox noch eine Bagatelle, es ist die Voraussetzung für Selbsterkenntnis und Mündigkeit.

    In Bezug auf Sokrates ist der Satz schlichtweg falsch. Sokrates weiß dafür einfach zu viel. Sokrates weiß nicht, dass er nichts weiß, sondern er weiß, was er nicht weiß (bzw. wissen kann). Das ist ein gewaltiger Unterschied.

    Sokrates weiß, dass es für menschliches Wissen Grenzen gibt, dass es ein Wissen gibt, das ein Mensch aus prinzipiellen Gründen nicht haben kann.

    Es ist dies zum Beispiel das Wissen, dass der Tod ein Übel sei. Es ist dies auch das Wissen der Erfahrungen des anderen. Ein Mensch kann nicht in das Innere eines anderen Menschen schauen und wissen, was in diesem vorgeht.

    http://thomasweber.blog.de/2011/08/29/aussage-weiss-weiss-bagatellisiert-sokrates-11746362/

  2. Chris Pyak sagt:

    Vielen Dank für diesen nachdenklichen Beitrag zu Philosophie, Religion und Pflanzenkunde. Und auch für das schöne Bild: der „frei flottierende Fragen, die mit Vorliebe in meinem Schlafzimmer unter der Decke hängen“

    Eine Antwort auf Ihre Frage: Gurus werden selten zugeben, dass sie nichts wissen – im Business Coaching ist das dagegen sogar das Geschäftsprinzip.

    Im Gegensatz zum „Berater“ gibt ein (guter) Coach keine Antworten vor, sondern hilft dem Klienten selbst „zusätzliche Handlungsoptionen“ zu gewinnen.

    Nicht der Coach sagt was der Klient tun soll, sondern der Klient findet selbst eine Lösung. Die ist selbstgewählt, passt ganz individuell – und wird darum auch umgesetzt.

    Darum liebe ich meinen Beruf (bin selbst Coach) sehr: Den jeden Tag sehe ich wie kreativ und stark Menschen sind – wenn man ihre Freiheit respektiert und ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärkt.

  3. Lothar Schmidt sagt:

    „Ich weiß, dass ich nichts weiß!“

    ist eine falsche Übersetzung aus dem Griechischen und müsste eigentlich in etwa „Ich weiß, dass ich nicht weiß“ heissen. Sokrates wusste, dass er viel weiß, das hat mit Demut nichts zu tun. Er wusste aber auch, dass das Wissen, dass er über die Welt hat, nicht beweisbar ist. Er also ein Nicht-Wissender ist.

  4. AI sagt:

    Herrlich! Philosophische Praxis. Hic gülecegim yoktu!!! Vielleicht darf ich empfehlen: Adolf Holl: Wie gründe ich eine Religion.



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