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Migration und Integration in Deutschland

Es wird selbstverständlich sein, dass jemand Mehmet heißt und nicht Hans – wir halten das aus.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

Ein offener Brief

Gegen Rassismus in Medien und in Kinder- und Jugendbüchern

Die Debatte über die Benutzung des N-Wortes wird in Deutschland seit einigen Wochen von verschiedenen so genannten Qualitätszeitungen geführt, u.a. da sich einige Verlage bereit erklärt haben, ihre Kinderbücher zu überarbeiten. Ein offener Brief über die anhaltende Diskussion.

Wie können in Kinderbüchern und anderen Büchern nicht verletzende Wörter und nicht- rassistische Gruppenkonstruktionen, sondern egalitäre, nicht-koloniale Beziehungsverhältnisse dargestellt werden, die nicht von indirekt konstruierter weißer, zivilisierter Dominanz und nicht von einer kolonial-rassistischen Konstruktion Schwarzer Menschen gekennzeichnet ist?

Die Debatte über die Benutzung des N-Wortes, alternative Bezeichnungen und koloniale Gruppenkonstruktionen wird in Deutschland seit einigen Wochen von verschiedenen so genannten Qualitätszeitungen geführt, u.a. da sich einige Verlage bereit erklärt haben, ihre Kinderbücher in diskriminierungsreflexiver Weise zu überarbeiten, was in einigen Medien sowie in Internetforen und den Kommentarfunktionen von Zeitungen mit einem medialen Sturm der Entrüstung beantwortet wurde.

Der Thienemann-Verlag, der einige seiner Bücher überarbeiten will, hat fachlich inhaltlich auf seiner Homepage Stellung bezogen, u.a. indem aufgezeigt wird, dass keinesfalls von „Zensur“ die Rede sein kann und dass Kinder unterschiedlicher Altersstufen etwas vorgelesen bekommen und auch alleine lesen. Dass keine Zensur vorliegt, wird u.a. durch die zigfache Verwendung des N-Wortes in den Zeit-Artikeln vom 17.01.2013 und in der Kolumne von Mely Kiyak in der Frankfurter Rundschau: „Liebe N.“ belegt. Mely Kiyak hat den interessanten Gedanken, nicht ausschließlich rassistische Wörter zu verändern, sondern die kolonialrassistischen Konstruktionen offenzulegen und solche Bücher nicht zu verwenden. Leider benutzt sie rassistische Begriffe in ihrer Argumentation und erweist rassismuskritischen Ambitionen, entgegen ihren sonstigen Artikeln, damit keinen guten Dienst, eher das Gegenteil.

Ein lesenswerter und rassismuskritischer Artikel trägt den Titel „Koloniale Altlasten. Rassismus in Kinderbüchern: Wörter sind Waffen“ von Simone Dede Ayivi im Tagesspiegel/Berlin. In diesem wird auch thematisiert, um was es in der aktuell stattfindenden Debatte wirklich geht: dass die Mehrheit der deutschen Medien und Theaterbühnen in ihrem Sprachgebrauch immer noch nicht die Tatsache mitdenken, dass in Bezug auf das deutsche Lese- oder Zuschauerpublikum ein „wir“ und ein „uns“ auch Schwarze Menschen miteinschließt bzw. miteinschließen sollte.

Dass der Thienemann-Verlag versteht, dass seine Medien den heutigen Realitäten – das deutsche Leser_Innenpublik besteht nicht nur aus weißen Personen – angepasst werden müssen, ist anerkennenswert und angemessen. Damit stellt er eine Innovationsfähigkeit unter Beweis, die die Autorin Simone Dede Ayivi zu Recht bei jenen vermisst, die sich scheinbar verzweifelt an die Bestimmungsmacht in Bezug auf medial zu verwendende Begrifflichkeiten klammern, unabhängig davon wie unzeitgemäß diese sind. Die Autorin Sabine Mohamed hat auf diesen gesellschaftlichen Missstand bereits letztes Jahr in einem Artikel und vor der aktuellen Debatte aufmerksam gemacht.

Zur historischen Kontextualisierung der Gegenwarts-Debatte: Die vorrangig in Black Community-internen Zirkeln geführte Begriffsdiskussion erreichte 2003 erstmalig publikumswirksam die „öffentliche“ Diskussion. Nachdem die Volksbühne eines ihrer Stücke aggressiv mit dem N-Wort beworben hatte, erschien in der Berliner Zeitung der Artikel von der Afro-Deutschen Albini Zöllner unter dem Motto „Ein Wort hat seine Unschuld verloren“. AFROTAK TV cyberNomads1 haben die damalige Diskussion durch den Artikel von Grada Kilomba „Don´t Call me N….“ in TheBlackBook aufgegriffen2. Und als Redaktion für ein Online-Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung (Afrikanische Diaspora in Deutschland) der Nachwelt allgemein zugänglich gemacht. Auch historisch betrachtet war der Begriff zu keiner Zeit neutral. Im Gegenteil: Das mit dem N-Wort verbundene koloniale Konzept „Untermensch“ war Teil einer moralischen Rechtfertigungsstrategie weisser, deutscher Menschen der Weimarer Republik, die Schwarzen Menschen das Menschsein absprach. Und 1904-1908 im Vernichtungskrieg/Völkermord fast 100 000 Menschen in der deutschen Kolonie (heute Namibia) umbrachten, noch bevor die Nationalsozialisten dies nach Deutschland importierten3.

Auch gegenwärtig können in der BRD weisse koloniale und rassistische Strategien und Kontinuitäten gegen Schwarz nachgewiesen werden. Wie z.B.: Institutionalisiertes „Racial Profiling“, Ausgrenzungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt, sowie tendenziöse bis rassistische Berichterstatung in den vorwiegend weiss geprägten Mainstream-Medien.

Adetoun Küppers-Adebisi, Präsident_in von AFROTAK TV cyberNomads und Bündnispreisträger_in der Stiftung Demokratie und Toleranz, berichtet: „Vor 30 Jahren habe ich als Reaktion zu der Beleidigung mit dem N-Wort durch andere Kinder den Yoruba-Begriff KOORA als Erwiderung eingeführt. (Und Ihr, – seid dann eben alle KOORA). Die damalige Reaktion im Ferienlager waren weinende Kinder. Daraufhin baten die Sozialarbeiter_innen mich, damit aufzuhören, die Kinder `fremdzubezeichnen´. Und, – ich solle sagen, was das bedeute. Das war vor 30 Jahren und als verbale Selbst-Empowernment-Strategie eines Schwarzen Kindes war das für weisse Kinder und Erwachsene genauso belastend.“4

Eine weitere kluge und engagierte Kommentierung der Schriftstellerin, Bloggerin, Aktivistin und Edutainerin Noah Sow findet sich hier. Noah Sow thematisiet die Debatte u.a. als Streiten von weißen Mehrheitsangehörigen, um ihr angebliches Recht, Menschen auch auf verletzende Weise zu benennen und so zu diskriminieren, wie sie wollen. Und sie schreibt vom verlorengegangenen Gewohnheitsrecht, keinen Widerspruch gegen Rassismus von der Dominanzgesellschaft zu erhalten, da sich wenige Prozent Mehrheitsangehörige gegen die Selbstverständlichkeit des Rassismus wenden. Ebenso wie Simone Dede Ayivi kommt sie zu dem Schluss, dass Sprache zu Recht ein Spiegel der Gesellschaft sein muss und schlussfolgert, dass es die Aufgabe der weißen Mehrheitsgesellschaft ist, sich daran zu gewöhnen, Schwarzen Menschen in der aktuellen Debatte auf Augenhöhe zu begegnen. Denn letztendlich geht es um sie.

Maisha Eggers schreibt im Sammelband „Afrika und Europa. Koloniale und postkoloniale Begegnungen“ aus dem Jahre 2006 in einem Artikel zu rassisfizierten Figurationen und Identitäten darüber, wie schon dreijährige Kinder Geschlecht, erlernte Hautfarbenkonstruktionen und Arbeitsmarktpositionen/Einkommensverhältnisse gelernt haben, wahrnehmen UND zusammen denken in hierarchisierender Weise, wie es auch segregierten, gegenderten Arbeitsmarktverhältnissen entspricht. Kinder wissen, wer den Müll weg macht, als Kinderbetreuerin in Haushalten arbeitet usw.

In einem anderen Artikel mit dem Titel „Pippi Langstrumpf – Emanzipation nur für weiße Kinder? Rassismus und an (weiße) Kinder adressierte Hierarchiebotschaften“ weist Maisha Eggers darauf hin, wie die Geschichte „schwarze Kinder als stumme, handlungsabhängige Figuren konstruiert“ und so das koloniale Bild vom unterwürfigen „Eingeborenen“ bis heute am Leben erhält. Diese Botschaft verstehen alle Kinder – weiße wie schwarze. Ersteren wird dabei beigebracht, wer N* sind und dass man sie damit beleidigen kann und Letzteren wird vermittelt, dass sie die N* sind. Beide fühlen das Machtverhältnis subtil, das mit dem Wort und der Botschaft verbunden ist.“

Ein weiterer wichtiger Artikel ist der von Grada Kilomba zum Thema Trauma und Rassismus, in dem sie Rassismus als sich stets wiederholdende traumatisierende Reinszenierung kolonialer Figurationen beschreibt. Und Eske Wollrad schreibt in einem Artikel zu Rassismus in Kinderbüchern, dass Schwarze Kinder in der Regel als geschichtslose, nicht in Familien- und Freundschaftsnetzwerke eingebundene Personen gesehen werden, die „eigentlich nicht“ in das als weiß imaginierte Territorium der so genannten normalen Einheimischen, der Weißen, gehören. Beide Artikel finden sich im Buch Rassismuskritik Band I aus dem Jahr 2009.

Die oben genannten Artikel stehen in der Tradition einer lang existierenden Forderung zahlreicher Menschen in diesem Land, Schwarzen und weißen, die durch die aktuell stattfindende Debatte hoffentlich in dem lang erwarteteten Ergebnis mündet: der Abschaffung von Begriffen in der deutschen Sprache, die durch eine koloniale und von Rassismus geprägte Vergangenheit gekennzeichnet sind5. Schwarze Menschen in Deutschland, die auf eine jahrhundertelange Geschichte in diesem Land zurückblicken, versuchen seit langem diesen Missstand, der von der Problematik des Alltagsrassismus, den sie erfahren, nicht getrennt werden kann, öffentlich zu machen. Nun ist sie da, die Debatte, und es bleibt zu hoffen, dass sie jetzt endgültig geführt wird und in konstruktiver Weise dazu beiträgt, dass die deutsche Medienlandschaft ihre Sprache endlich an die deutsche Realität anpasst.

Dass wir heute leider davon noch entfernt sind, zeigen die Artikel der Wochenzeitschrift die „Zeit“ von Ulrich Greiner und Axel Hack vom 17.01.2013. Sie sind entgegen den oben genannten kritisch reflektierenden Artikeln gekennzeichnet durch

– fehlende Genauigkeit im Sprechen über Rassismus

– und eine fehlenden Beschreibung dessen, was unter Rassismus verstanden wird. Um eine Definition vorzuschlagen: Als ein Herrschaftsverhältnis kann Rassismus definiert werden als „als ein System von Diskursen und Praxen, die historisch entwickelte und aktuelle Machtverhältnisse legitimieren und reproduzieren. Rassismus im modernen westlichen Sinn basiert auf der „Theorie“ der Unterschiedlichkeit menschlicher „Rassen“ aufgrund biologischer Merkmale. Dabei werden soziale und kulturelle Differenzen naturalisiert und somit soziale Beziehungen zwischen Menschen als unveränderliche und vererbbare verstanden (Naturalisierung). Die Menschen werden dafür in jeweils homogenen Gruppen zusammengefasst und vereinheitlicht (Homogenisierung) und den anderen als grundsätzlich verschieden und unvereinbar gegenübergestellt (Polarisierung) und damit zugleich in eine Rangordnung gebracht (Hierarchisierung). Beim Rassismus handelt es sich also nicht einfach um individuelle Vorurteile, sondern um die Legitimation von gesellschaftlichen Hierarchien, die auf der Diskriminierung der so konstruierten Gruppen basieren. In diesem Sinn ist Rassismus immer ein gesellschaftliches Verhältnis.“6. Es geht also um Gesellschaftsstrukturen, Macht, Zuschreibungen und ideologische Rechtfertigungsmuster, die sich auch in Begriffen und Gruppenkonstruktionen niederschlagen. Wie wer einen Ausdruck intendiert ist dabei oftmals unerheblich hinsichtlich der verletzenden und abwertenden Wirkung, wie Berichte von Schwarzen deutschen Kindern eindrücklich zeigen, wie der von Dialika Neufeld.

– In den Texten von Greiner und Hack wird nicht ausführlich auf die Verbrechen des Kolonialismus eingegangen. Insbesondere der Völkermord an den Herero und Nama 1904 und auch die rassistischen Benennungs- und Abwertungspraxen gegenüber afrikanischen Menschen seitens Philosophen wie Kant und Hegel, der den Kolonialismus offensiv befürwortete, sowie die Verbrechen im Zeitalter des Nationalsozialismus sind ja in Deutschland die historische Folie, in der das N-Wort gesprochen und geschrieben wurde sowie in diskriminierender gewaltvoller Intention und Wirkung angewandt wurde und wird, teils auch nicht beabsichtigt, jedoch trotzdem potentiell abwertend.

– In den zwei Artikeln in der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ vom 17.01.2013 von Greiner und Hack wird das angeblich unangemessene Benanntwerden als „Rassist“ beklagt. Hilfreich ist hier das Gerichtsurteil vom 15. Juni 2000 am Amtsgereicht Schwäbisch-Hall, in diesem wurde entschieden, dass, wer das N-Wort öffentlich benutzt, „Rassist“ genannt werden darf.

– Allerdings geschieht es häufig, dass die Aussage „diese Bezeichnung kann als rassistisch eingeordnet werden“ umgedeutet wird in, „ich werde als Rassist benannt“. Es wird nicht getrennt zwischen der Kritik an Handlungen und an der ganzen Person. Diese Behauptung (und vielleicht auch das eigene Erleben) als ganze Person angegriffen, ist real ein Abwehrmechanismus, um sich nicht differenziert mit dem Vorwurf bzw. der beschriebenen Fragestellung auseinanderzusetzen.

– Es wird im Zeit-Haupartikel von Greiner geschrieben, dass in Kinderbüchern, die damals von Ottfried Preussler und Astrid Lindgren geschrieben wurden, die Verwendung des N-Wortes eine übliche neutrale und nicht abwertend rassistische Bezeichnungspraxis war. Doch auch damals haben diese Begriffe Menschen gekränkt, verletzt und abgewertet. Diese Einsicht ist übrigens keine Neue. Bereits 2002 wurde auf Initiative der Anti-Diskriminierungsstelle der Stadt Hannover durchgesetzt, dass Agatha Christies Krimi „Zehn kleine N*lein“ in Deutschland einen neuen Titel erhalten wird. In Anlehnung an den englischen Originaltitel „And Then There Were None“ wurde beschlossen, dass das Buch in zukünftigen Auflagen den Titel „Und dann gab’s keines mehr“ tragen wird (SPEX March 2002).

– Die KRITIK an der Verwendung des N-Wortes wird in den genannten Artikeln der „Zeit“ vom 17.01.2013 als unangemessen, unwissenschaftlich und als ein Angriff auf Literatur und Menschen („Kleine Hexenjagd“, so die Überschrift über den Leitartikel, als gegen eine Gruppe gerichtete Verfolgungs- und Mordpraxis gegen Frauen) gedeutet. Hier ist zu entgegnen, dass die Kritik am N-Wort sehr wohl wissenschaftlich fundiert und belegt ist7. Dass Kinder in Deutschland sehr früh mit rassistisch geprägten Begriffen in Kinderbüchern konfrontiert werden und dass dies mit schmerzhaften Folgen für Schwarze Kinder einhergeht, beschreibt die Autorin ManuEla Ritz in ihrer Autobiographie. Darin erläutert sie anschaulich, wie Eltern Schwarzer Kinder in Deutschland oftmals ihren Kinder helfen müssen, frühzeitig Erlebnisse zu verarbeiten, in denen sie aufgrund ihrer Hautfarbe negative Zuschreibungen oder Ungleichbehandlung erfuhren8.

Gegenüber den genannten „Zeit“-Texten positiv hervorhebenswert ist der letzte Artikel von Ijoma Mangold, in dem geschrieben wird, dass das Bedürfnis, im Wissen um die Problematik des N-Wortes auf deren Nutzung zu bestehen, ein bewusstes Abwerten-Wollen seitens der so Sprechenden ist und eine Diskriminierungsabsicht enthält. Wünschenswert wäre gewesen, wenn auch in diesem Text nicht ständig das N.-Wort wiederholt worden wäre und auch ohne Anführungszeichen (was es allerdings auch nicht wesentlich besser gemacht hätte). Eine weitere Begründung gegen die Nutzung des N-Wortes ist, dass es – egal ob beabsichtigt oder nicht – vielfach verletzend, kränkend und beleidigend wirkt. Angemessen ist Ijomas Mangolds Auseinandersetzung mit dem Leser_innenbrief eines 9-jährigen Mädchens, das nicht N. genannt werden will. Hier noch in der Süddeutschen ein Leserbrief des Mädchens.

Uns erscheint entgegen den tendenziell Rassismus verharmlosenden und koloniale Denkmuster bestärkenden und gleichzeitig Kolonialismus nicht thematisierenden Artikeln von Greiner und Hack ein ernsthaftes und behutsames Ringen um rassismuskritische Kinderbücher notwendig, die egalitäre Beziehungen schildern und die Normalität Schwarzer Deutscher und migrantischer Deutscher, kurzum von Vielfalt (z.B. auch in Bezug auf Menschen, die behindert werden), als selbstverständlich ansehen und danach streben, nicht diskriminierend, nicht verletzend, zu sein. Verbunden sein sollte dies sowohl mit einer Diskussion über gegenwärtigen körperlich gewalttätigen, institutionellen und eben auch verbal-diskursiven Rassismus, der auch das Verhältnis zu Kolonialismus und Nationalsozialismus in Deutschland thematisiert sowie den Umgang damit.

Sinnvoll erscheint somit eine Debatte über Rassismus als Gesellschaftsverhältnis, das sowohl in machtvollen Ausgrenzungs- und Benachteilungspraxen, physischer und diskursiver sowie institutioneller Gewalt und Diskriminierung ausgedrückt wird und mit ideologischen Legitimierungsbestrebungen arbeitet als auch die rechtliche Diskriminierung von Flüchtlingen und Personen mit Migrationsgeschichte ohne deutsche Staatsbürger_innenschaft beinhaltet.

Wir haben die Erwartung und den Anspruch an Journalist_innen und die Presse sowie an Literatur- und Theaterschaffende ihr Publikum mit ihren Texten und Begriffen auf nicht diskriminierende Weise zu informieren und keine rassistischen Begriffe und Gruppenkonstruktionen zu verwenden. Die Verantwortung der Presse und der Medien ist es, Rassismus zu thematisieren und ihm entgegen zu treten. Es ist nicht Aufgabe der Medien, durch Artikel und andere Beiträge die Verwendung von rassistisch geprägter Sprache zu rechtfertigen.

Medienvertreter_innen müssen (!) nach unserer Auffassung aufgrund der eigenen ethischen Richtlinien auf nicht-diskriminierende, nicht verletzende Sprache achten, Begriffe herrschaftskritisch und historisch kontextualisieren und damit beitragen, Rassismus zu hinterfragen anstatt ihn zu (re-)produzieren!!

Tina Bach, Josephine Jackson, Adetoun Küppers-Adebisi, Michael Küppers-Adebisi, Claus Melter, Farah Melter

  1. Das Schwarze Deutsche Datenbank Archiv  []
  2. AFROTAK TV cyberNomads mit ADB Koeln (Hrsg.) (2004): The Black Book, Köln und Berlin, Schwarze Präsens in Deutschland Mittelalter bis Gegenwart. IKO–Verlag  []
  3. siehe Adetoun und Michael Küppers-Adebisi, New Pan-African Images out of Germany  []
  4. siehe auch: Adetoun Küppers-Adebisi, Schwarze Globale Befreiungsbewegungen des 20. Und 21. Jahrhunderts in: Nduka-Agwu, Adibeli; Lann Hornscheidt, Antje (2010): Rassismus auf gut Deutsch, Frankfurt, Brandes & Apsel  []
  5. siehe u.a. Nduka-Agwu, Adibeli; Lann Hornscheidt, Antje (2010): Rassismus auf gut Deutsch, Frankfurt, Brandes & Apsel, S.
    32; Oguntoye, Katharina; Opitz, May; Schultz, Dagmar, Hrsg. (1986): Farbe bekennen. Afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte, Berlin, Orlanda Verlag, S. 127; Bärbel Kampmann: Schwarze Deutsche. Lebensrealität und Probleme einer wenig beachteten Minderheit in Mecheril, Paul; Theo, Thomas, Hrsg. (1994): Andere Deutsche, Berlin, Dietz Verlag  []
  6. Rommelspacher 2009, in Melter/Mecheril: Rassismuskritik Band I  []
  7. vgl. die Artikel von Grada Kilomba 2009, und Eske Wollrad 2009 sowie die Belege im Blog von Noah Sow und dem Internetauftritt von der braune mob. sowie das Buch von Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus (2008), Mark Terkessidis: Die Banalität des Rassismus (2004).

    – Kindern wird schon sehr früh BEIGEBRACHT nach Kriterien wie „Gender“, konstruierten „Hautfarbengruppen“, Alter usw. zu unterscheiden und z.B. typische Berufsgruppen entsprechend gegebener Arbeitsmarktstrukturen einzuteilen ((siehe Artikel von Maisha Eggers in „Afrika und Europa. Koloniale und Postkoloniale Begegnungen“, Bechhaus- Gerst/Gieseke 2006  []

  8. ManuEla Ritz: Die Farbe meiner Haut (2009  []
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8 Kommentare
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  1. glamorama sagt:

    Die ganze Debatte erweckt den Anschein, dass ausgerechnet das empörte Bildungsbürgertum seinen Kindern die Fähigkeit zum (kritischen) Denken abspricht. Wenn beispielsweise in Mark Twains großartigen Kinderbüchern der tägliche Rassismus in der Sprache der Zeit beschrieben wird und der weiße Protagonist (Huck Finn) diesen Rassismus durch sein menschliches Handeln überwindet, dann bekommt ein Kind doch selbst mit, dass die Sprache und die Umgangsformen von damals falsch waren. Wer Twains „Niggerboy“ hingegen durch einen „dunkelhäufigen Jungen afrikanischer Herkunft“ ersetzen möchte, könnte gleich auch die beschriebenen Formen von Lynchjustiz (Teeren und Federn) gegen „15 Stunden gemeinnützige Arbeit“ austauschen.

    Und wie verhält es sich mit Astrid Lindgrens „Negerkönig“? Der wurde vor ein paar Jahren zur Freude der selbsternannten Rassismus-Wächter zum „Südseekönig“ gemacht. In den Augen dieser Leute sind schwarze Afrikaner („Neger“) und Polynesier („Südseebewohner“) offenbar das Selbe. Ist das nicht rassistisch?

    Wer glaubt, die Verantwortung für die moralische Entwicklung kommender Generationen sei eine Angelegenheit von Verlagen, Sprachwissenschaftlern oder dem Staat, sollte sich fragen, ob wir bereits in Huxleys „Schöner Neuer Welt“ angekommen sind. Wenn die Empörungsmaschine aber erstmal auf Hochtouren läuft, sind Kinderbücher eben die Quelle für Rassismus. Und Computerspiele die Quelle für Amokläufe. Türken und Araber die Quelle für den Untergang unsers ach-so-sauberen deutschen Landes. Oder zumindest für das Ende Neuköllns.

  2. Pedersoli sagt:

    Auf die Frage, was schlimmer ist, a) Rassismus oder b) Rassenvermischung habe ich in den letzten Monaten eine eindeutige Antwort gefunden.
    Denn a) ist die natürliche und hirnphysiologisch angelegte Folge von b).

    Man kann alle Wörter austauschen, so viel und so oft man möchte, die Tatsachen dahinter werden sich nicht ändern, selbst die Wahrnehmung nicht.

    Die Realität ist „rassistisch“ und „sexistisch“. Die Welt ist (in etwa) eine Kugel. Und wenn Ihr hundert Jahre lang schreibt, daß sie eine Scheibe sei und das Wort „Kugel“ sogar bei Todesstrafe verbietet.

    Die Balkanisierung Mitteleuropas wird auch die balkanischen Konflikte nach sich ziehen. Ausgerechnet diejenigen, die die ärmsten Opfer eines solchen Konfliktes sein werden, sind am stärksten bestrebt, diese Zustände herbeizuführen.

    Das ist urkomisch!

  3. Rasti sagt:

    @glamorama:
    Es geht hier um _Kinder_bücher.
    Die „Kleine Hexe“ ist für Kinder ab 8 Jahren gedacht, wird aber oft auch kleineren Kindern vorgelesen. Da ist es mit der „Fähigkeit zum kritischen Denken“ noch nicht so weit her.
    Aus guten Gründen kommen Eltern normalerweise nicht auf die Idee, ihren Kindern Bücher vorzulesen, in denen immer wieder das Wort „Scheiße“ vorkommt, obwohl das – Ihrer Argumentation zufolge – doch kein Problem sein dürfte. Man muss den Kindern nur erklären, dass das Wort zwar aus künstlerischen Gründen in dem Buch steht, man es aber trotzdem nicht in der Öffentlichkeit sagen darf . Viel Spass damit….

    Übrigens meinen Sie wahrscheinlich „Fahrenheit 451“, nicht die „Schöne Neue Welt“…

  4. ila sagt:

    Vielen Dank für diesen Text, kann ich nur sagen, ich bin überwältigt! Es ist alles gesagt worden, was gesagt werden musste.

    @ glamorama
    Kolonial-hierarchische Denkmuster SIND Überbleibsel und damit Quelle von Rassismus, das wurde im Text doch ausführlich erläutert und belegt.
    Ansonsten: Herzlichen Glückwunsch! Sie haben beim Derailing-Racism-Bingo einige Punkte abgeräumt. Bitte googeln Sie, um sich ihren Preis abzuholen.

  5. pepe sagt:

    Eine etwas OT-Frage: warum beharren schwarzhäutige so intensiv darauf, als „Afro-Deutsche“ bezeichnet zu werden? Solange Migranten ihre Wurzel ständig betonen, werden sie niemals Teil des Ganzen werden.

  6. Wolfram Obermanns sagt:

    Des Wort „Neger“ („He-Who-Must-Not-Be-Named“ Mätzchen halte ich für unsouverän) wird von vielen Afro-Deutschen als beleidigend empfunden. Dies ist zu akzeptieren.

    Es gibt aber m. E. einen schwerwiegenden Einwand.
    Der Begriff war in seinen Konnotationen indifferent. Als Hitler von „Negermusik“ und vom „verjudeten und vernegerten Amerika“ sprach, war das bestimmt nicht positiv gemeint. Umgekehrt ist der Negerkuss wie das Negerbaby Jim in „Jim Knopf“ definitiv positv konnotiert. Auch Martin Luther King nutzte das Wort „negro“ in seiner „I have a dream“ rede bestimmt nicht über ein dutzendmal abwertend.

    Die heutige Lesart scheint mir ein Import der beleidigenden Intentionen im US-amerikanischen Sprachgebrauch seit den 70’ern zu sein. Diesen Beleidigungen wich man dort erst mit „Black“ und dann „afro“ aus.
    Im Gefolge der political correctness wird auch in Deutschland das Wort Neger problematisiert.

    Der Haken an der Sache ist: mit der Flucht vor der Beleidigung lassen wir uns vom braunen Bodensatz die Sprache diktieren! Wollen wir das?
    Oder wäre es nicht klüger und souveränder den Rassisten die Sprache zu stehlen?

    PS: In Pippi Langstrumpf das Wort „Neger“ zu streichen ist übrigens genau solange völlig zwecklos, solang in „Pippi in Taka-Tuka-Land“ die ganze Handlung vom Setting her eigentlich chauvinistisch ist.

  7. Martin sagt:

    Schwierige Geschichte.

    @Wolfram Obermanns: Ihre Argumente kann ich verstehen (insbesondere den Widerwillen, sich von den Beleidigungen von Rassisten die Sprache verbiegen zu lassen) – Tatsache ist aber: Die Worte werden heute – und es geht um heute – von den Menschen als beleidigend empfunden wird.

    Es ist doch so: Auch Kinderbücher sind Literatur. Ich halte es prinzipiell für falsch, Literatur überhaupt zu verändern. Die Autoren haben sich – entweder als Kind ihrer Zeit oder (später) ganz bewusst für die entsprechende Sprache entschieden. Ich kann gut verstehen, dass dieses Argument besorgte Eltern vielleicht nicht überzeugen wird, diese sollten aber, wenn sie ihre Kinder für noch nicht reif genug halten, eben diese Geschichten auch nicht vorlesen.

    Seine Geschlechter- und Hautfarben usw. Konstruktionen nimmt man zum Glück ja nun auch nicht nur durch Kinderbücher auf – das wäre auch schlecht, wenn ich mal an Grimms Märchen erinnern darf. Meine Eltern erinnern mich (’81 geboren) oft daran, dass ich bereits im Kindergartenalter zu meinem Opa gesagt hab: „Nein, Neger darfst Du nicht sagen.“

  8. AI sagt:

    Lindgren schrieb sich aus einer chauvinistischen Epoche, Janosch verarbeitete die Erfahrung als Vertriebener, etc.. Wäre doch schön wenn wir alle was draus lernen und zukünftige Kinderbücher frei von solchen eingeschränkten Sichtweisen sind. Aber viel wichtiger wäre es: Es wäre schön, wenn sich Emanzipation nicht wieder auf dem Rücken von irgend jemand geschieht, sondern auf der Fähigkeit zur Einsicht, dass wir eine Menschheit sind.

    apropos Namibia: Die „Weissen“ (Deutschen) benehmen sich heute nicht anders wie damals. Vor allem sollte man sich mal anschauen wie in dortigen Waldorfschulen unterrichtet wird. Tun wir nicht so, als wäre weisser Rassismus etwas aus der Vergangenheit. Das Überlegenheitsgefühl ist jeden Tag zu spüren. Und alle daran Beteiligten reichen es immer eins weiter. Schöne Welt für Kinder.



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