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Die Zerteilung der Arbeit in kurze und ständig zu wiederholende, gleichförmige Handgriffe ermöglicht es, Arbeiter ohne Qualifikation und ohne Kenntnis der deutschen Sprache einzusetzen; die Art der Arbeit erfordert es vielleicht sogar.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Internationale Vergleichsstudie

Deutschlands Bildungssystem verhindert Chancengleichheit

Einkommenssituation und Bildungserfolg sind in Deutschland gekoppelt – das trifft auch Migranten. Andere Länder zeigen, dass das nicht so sein muss. Maßgeblich sind institutionelle Gründe wie die Ausgestaltung des Bildungssystems.

Das Elternhaus hat in Deutschland einen erheblichen Einfluss auf den beruflichen Erfolg der Menschen. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) auf Grundlage von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). „Der Traum, vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden, ist nicht nur in den USA eine Legende, sondern auch in Deutschland“, sagt Daniel Schnitzlein, Autor der Studie. Eine Hauptursache für diese Entwicklung sei vermutlich die Ausgestaltung des Bildungssystems.

Die SOEP-Daten zeigen: Etwa 40 Prozent der Ungleichheit beim individuellen Arbeitseinkommen lassen sich durch den Familienhintergrund erklären, beim Bildungserfolg sind es sogar über 50 Prozent. Damit ist der berufliche Erfolg des Einzelnen in hohem Maße durch das Elternhaus vorgeprägt. „Das bedeutet, dass in Deutschland kaum Chancengleichheit besteht“, so Schnitzlein. Im internationalen Vergleich stehe Deutschland auf einer Stufe mit den USA, die sich am unteren Ende der Skala für Chancengleichheit befinde.

Bildungserfolg stark von Familie abhängig
Besonders groß ist der Einfluss des familiären Hintergrunds bei Männern: Beim individuellen Arbeitseinkommen erklärt er 43 Prozent der Ungleichheit, beim Familieneinkommen 47 Prozent und bei den Stundenlöhnen knapp 46 Prozent. Bei den Frauen liegen die Werte mit 39 Prozent beim individuellen Arbeitseinkommen und 32 Prozent beim Familieneinkommen etwas niedriger, bei den Stundenlöhnen ist die Ungleichheit zu einem ebenso hohen Anteil wie bei Männern durch den Familienhintergrund zu erklären.

Für den Bildungserfolg ist dieser sogar noch höher: 66 Prozent der Ungleichheit gehen bei den Männern auf familiäre Hintergründe zurück, bei den Frauen sind es 56 Prozent. Wie hoch diese Zahlen sind, verdeutlicht ein Vergleich: Der DIW-Studie zufolge hängt der Bildungserfolg in Deutschland sogar stärker mit dem Familienhintergrund zusammen als die größtenteils genetisch bedingte Körpergröße.

Schlechte Noten für Deutschland
International zählt Deutschland zu den Ländern mit einer wenig ausgeprägten Chancengleichheit. Die Bundesrepublik liegt in etwa auf einer Stufe mit den USA, einem Land am unteren Ende auf einer Skala der sozialen Mobilität. Demgegenüber ist die Gesellschaft in Dänemark von einer hohen Durchlässigkeit gekennzeichnet: Maximal 20 Prozent der Ungleichheit des individuellen Arbeitseinkommens gehen hier auf den Einfluss familiärer Hintergründe zurück.

Info: Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist die größte und am längsten laufende multidisziplinäre Langzeitstudie in Deutschland. Das SOEP ist am DIW Berlin angesiedelt und wird als Teil der Forschungsinfrastruktur in Deutschland unter dem Dach der Leibniz-Gemeinschaft (WGL) von Bund und Ländern gefördert. Für das SOEP werden jedes Jahr mehr als 20 000 Menschen in rund 11 000 Haushalten vom Umfrageinstitut TNS Infratest Sozialforschung befragt. Näheres zur Studie gibt es im DIW Wochenbericht.

Die Ursachen für die starken internationalen Unterschiede lassen sich mit den aktuellen Analysemethoden nicht zweifelsfrei benennen. In einer jüngst veröffentlichten Studie wurde auf Grundlage der dänischen Daten der Frage nachgegangen, wie sich die Chancengleichheit für unterschiedliche Migrantengruppen zweiter Generation in Dänemark darstellt. Die Ergebnisse ähneln in allen Gruppen, unabhängig von Ihrem kulturellen Hintergrund, den Ergebnissen von Dänen ohne Migrationshintergrund. Dies kann als Evidenz dafür interpretiert werden, dass Chancengleichheit weniger durch den kulturellen Hintergrund bestimmt wird, sondern vor allem institutionellen Rahmenbedingungen geschuldet bleibt.

Andere Länder machen es vor
Die Ergebnisse einer Studie aus Schweden bestätigen dieses Resultat. Die Autoren untersuchten die Veränderung des Einflusses des Familienhintergrundes auf die Arbeitseinkommen von schwedischen Männern im Verlauf des Ausbaus des schwedischen Wohlfahrtstaates. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass die Veränderungen der institutionellen Rahmenbedingungen, insbesondere im Bildungssystem, zu einer deutlichen Abnahme des Einflusses des Familienhintergrundes geführt haben.

Interview zum Thema: Lesen Sie dazu auch das Interview mit Dr. Daniel Schnitzlein: „In Deutschland ist die Chancengleichheit deutlich geringer als in Dänemark

„In der Literatur gibt es insgesamt Hinweise, die darauf hindeuten, dass das Bildungssystem ein treibender Faktor ist“, erklärt DIW-Ökonom Schnitzlein. „Entscheidende Faktoren können aber auch die Ressourcen und Möglichkeiten des Elternhaushalts oder Netzwerke der Eltern sein.“ Unterm Strich zeichnet sich Dänemark durch „ein hohes Maß an Chancengleichheit“ aus.

Die Ergebnisse der DIW-Studie wurden mit einem neuen methodischen Verfahren ermittelt, das Geschwister, die unter ähnlichen Bedingungen groß geworden sind, mit anderen gleichaltrigen Personen vergleicht. (diw/hs)

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Ein Kommentar
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  1. […] Bildungsungerechtigkeit, und zwar in stärkerem Maße als in vielen anderen europäischen Ländern: „International zählt Deutschland zu den Ländern mit einer wenig ausgeprägten Chancengleichheit.…. Kinder, deren Eltern einen niedrigen Bildungsgrad aufweisen und/oder die aus einkommensschwachen […]



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